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24. April 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ein letzter Job (James Marsh)


Ein letzter Job
(James Marsh)

Originaltitel: King of Thieves, UK 2018, Buch: Joe Penhall, Vorlage (Magazin-Artikel): Mark Seal, Kamera: Danny Cohen, Schnitt: Jinx Godfrey, Nick Moore, Musik: Benjamin Wallfisch, mit Michael Caine (Brian Reader), Tom Courtenay (John Kenny Collins), Jim Broadbent (Terry Perkins), Ray Winstone (Danny Jones), Charlie Cox (Basil), Michael Gambon (Billy »The Fish« Lincoln), Francesca Annis (Lynne Reader), 107 Min., Kinostart: 25. April 2019

In England hat man Respekt vor den Altehrwürdigen der nationalen Schauspielkunst. Gleich zwei Filme kommen diese Woche in die deutschen Kinos, in denen man die relativ junggebliebenen Performance-Rentner noch mal bestaunen kann. Hier erzählt James Marsh (The Theory of Everything) eine (wahre!) Geschichte vom spektakulären Einbruch in einen Tresor-Raum voller Schließfächer im Londoner Juwelen-Bezirk Hatton Garden, bei dem die Beteiligten etwa im Alter von Michael Caine, Tom Courtenay, Jim Broadbent, Michael Gambon, Paul Whitehouse und Ray Winstone waren. [Der andere Film ist Tea with the Dames.]

Regisseur James Marsh ist für mich einer der aktuell verlässlichen Qualitätsgaranten. Seine oscarprämierte Doku Man on a Wire habe ich verpasst (er drehte zuvor und danach weitere Dokus, die ich aber leider alle nicht kenne), doch seit seinem Spielfilmdebüt Shadow Dancer verfolge ich seine Karriere aufmerksam. Zu Shadow Dancer las ich sogar das Buch im Anschluss, The Theory of Everything ist eine der besten Biopics, die ich kenne (der Oscar für Eddie Redmayne in der Rolle des Stephen Hawking täuscht fast darüber hinweg, dass es sich hier nicht einfach um einer weitere Behinderten-Biographie handelt, sondern eine auch vom physikalischen Geniestatus losgelöst hochinteressante Geschichte erzählt wird), und auch The Mercy mit Colin Firth wirkt auf den ersten Blick wie ein gediegenes Starvehikel, bricht aber erzählerisch mit den Konventionen vergleichbarer Filme.

Ein letzter Job (James Marsh)

© 2019 Studiocanal GmbH.

James Marsh erzählt offenbar gerne wirklich gute Geschichten, die man nicht schon dutzendfach in ähnlichen Variationen gesehen hat. Nun hat man bei King of Thieves ein wenig das Gefühl, dass Michael Caine hier eine ähnliche Rolle ausfüllt wie Robert Redford vor vier Wochen in The Old Man & the Gun, aber selbst wenn auch Caine als gewitzter Gentleman mit dauerhaften Hang zur Kriminalität auftritt und man hüben wie drüben ausnutzt, dass die Darsteller der britische Rentner-Räuber schon in früheren Filmen vergleichbare Rollen spielten, die man geschickt für Flashbacks ausschlachten kann: King of Thieves ist keine so hollywood-typische Selbstbeweihräucherung, so eine rückwärtsgerichtete Nostalgienummer, bei der Caine abgefeiert wird.

Im Grunde geht es hier neben vielen selbstironisch betonten Gebrechen alter Männer (Diabetes, Blasenschwäche, Sessellifte) keineswegs um die oft beschworene honour among thieves, denn diese alten Säcke sind noch so geldgeil und vertrauensunwürdig wie mit 19 Jahren. Der Erkenntnisgewinn langer Jahre des Umgangs mit Kriminellen hat wenig zu tun mit Howard Hawks' professionals oder Richard Starks Parker: »If you enjoy this fucking job, you're not doing it properly.«

Ein letzter Job (James Marsh)

© 2019 Studiocanal GmbH.

Wie einst bei den Ladykillers ist hier kaum jemand abgeneigt, sich etwas auf die Seite zu schaffen oder seine Kollegen zu behumsen. Dass Michael Caine und seinem jungen Neurotikerfreund Basil (Charlie Cox, bekannt aus Stardust und als Daredevil) im direkten Vergleich eine Spur besser wegkommen, liegt eher daran, dass sie subtiler vorgehen. Tom Courtenay als Kenny ist etwa den halben Film damit beschäftigt, hinter dem Rücken seiner Kollegen diese mit Adjektiven wie »manipulativ« oder »doppelzüngig« zu versehen - ist dabei aber der Schlimmste von allen. Und Ray »Sexy Beast« Winstone und Jim Broadbent (auf Hogwarts Prof. Slughorn, ansonsten u.a. der Papa von Bridget Jones) sind dabei besonders niederträchtig, wodurch der Film über den eigentlichen Bruch hinaus (und der birgt auch einige echte Überraschungen) seine Spannung bewahrt.

Was mir im Film weniger gefallen hat, ist dieses Schielen zum (jungen?) Mainstream-Publikum. Montagesequenzen, die à la Ocean's Eleven den Wert der zu erbeutenden Schmuckstücke betonen, braucht kein Mensch, und wenn man sich bei der Musikauswahl mehr an alten Filmen der Ealing Studios (der Lavender Hill Mob wird natürlich erwähnt) oder Tschaikowskis Tanz der Zuckerfee orientiert hätte, wäre dies auch Hand in Hand mit den handelnden Figuren / Darsteller gegangen, die eben nicht zwanzig Jahre nach Trainspotting reaktiviert wurden (so wirkt der Soundtrack teilweise), sondern u.a. gut 30 Jahre nach The Singing Detective (Gambon), fast 40 Jahre nach Quadrophenia (Winstone), und deutlich über 50 Jahre nach The Loneliness of the Long Distance Runner (Courtenay) oder den Len-Deighton-Verfilmungen, die mit The Ipcress File begannen (Caine).

Ein letzter Job (James Marsh)

© 2019 Studiocanal GmbH.

Die Elemente, die mir am besten im Film gefielen, bringen oft eine gewisse Spoilergefahr mit sich, weshalb ich mich in Zurückhaltung übe. Vom Darstellerischen und den Rollen her haben mir die beiden Fieslingen Winstone und Broadbent und besonders der schüchterne Jungspund Charlie Cox gefallen. Michael Caine ist deutlicher als Robert Redford etwas zu alt für seine Rolle und man hat das Gefühl, dass er »gefährlicher« wirken soll als er rüberkommt. Eventuell interpretiere ich das aber auch falsch, ich kenne die Original-Verbrecher nicht gut genug, vielleicht gelingt es Caine auch, seinem »Vorbild« in unvergleichlicher Weise nahezukommen, während jemand anders deutlich fiktivisiert wurde.

Beim direkten Vergleich kommt The Old Man & the Gun zwar besser weg als King of Thieves, aber als für sich stehender Film, der auch ohne den ganzen Rattenschwanz von Filmgeschichte, für den die Darsteller stehen, funktioniert, kann James Marsh erneut überzeugen. Als nächstes soll James Marsh übrigens einen CIA-Thriller mit Michelle Williams und Chris Pine umsetzen (längst noch nicht in trockenen Tüchern). Klingt jetzt auf Anhieb eher nicht so toll, aber das ist eben das Sagenhafte an Marsh, dass er aus solchen Projekten immer deutlich mehr herauskitzelt, als man gemeinhin erwartet.

Ein letzter Job (James Marsh)

© 2019 Studiocanal GmbH.


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Nach Abfassen der Kritik habe ich mir mal den Trailer zu The Lavender Hill Mob angeschaut (beinhaltet übrigens einen der frühesten Kinoauftritte von Audrey Hepburn und fand vor allem die rasanten Kommentare eines Sprechers amüsant, die durch die dazu gezeigten Ausschnitte stark ironisch gebrochen wurden: »These men will stop at nothing, will show no mercy.« Mal wieder ein tolles mögliches Double Feature!


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Es gibt Leute, die wissen einfach nicht, wann ihre Arbeit getan ist. Jetzt habe ich mir auch noch auf youtube den Soundtrack zum Film von Benjamin Wallfisch (It, Blade Runner 2049) angehört, der nur eingeschränkt zu meinem Eindruck im Kino passt. Vieles hat so einen fingerschnippenden 60er-Charme (Danny Ocean lässt grüßen), aber dann gibt es auch einen Track, der eher an Shaft erinnert (»Night at Hatton Garden«, inkl. einige Takte Tschaikowski). Und schließlich fand ich die »Trainspotting«-Momente: die zweite Hälfte von »Train Escape« und die letzten 20 Sekunden von »The Morning after the Night before« (und im Ansatz der Anfang von »Police Sting«, der dann aber in Swing und Jazz abdriftet). Rein statistisch sind das natürlich nur kleine Teile des Soundtracks, aber mein Eindruck war eben ein anderer. Im Film findet man ja auch nicht immer den kompletten Score, und etwaige verwendete Songs finden sich halt nicht auf dem Wallfisch-Silberling. Ach ja, für Spoiler-Vermeider: einige der Titel der Wallfisch-Kompositionen nehmen gewisse Handlungsentwicklungen voraus... Vielleicht Track 11 und 15 lieber nicht anklicken.