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27. März 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ein Gauner & Gentleman (David Lowery)


Ein Gauner & Gentleman
(David Lowery)

Originaltitel: The Old Man & the Gun, Buch: David Lowery, Vorlage: David Gran (Artikel im New Yorker), Kamera: Joe Anderson, Schnitt: Lisa Zeno Churgin, Musik: Daniel Hart, Kostüme: Annell Brodeur, Production Design: Scott Kuzio, mit Robert Redford (Forrest Tucker), Sissy Spacek (Jewel), Casey Affleck (John Hunt), Tika Sumpter (Maureen Hunt), Danny Glover (Teddy), Tom Waits (Waller), Keith Carradine, Isiah Whitlock jr., John David Washington, 93 Min., Kinostart: 28. März 2019

Statt der üblichen Formal »based on a true story« heißt es hier zu Beginn »This story, also, is mostly true«. Der von Robert Redford gespielte Gentleman-Bankräuber Forrest Tucker existierte wirklich, was bei der Umsetzung für den Film am lockersten gehandhabt wurde, war das Alter. Im Jahr 1981, als die Story beginnt, war Tucker etwa 60, im Film wird behauptet, er sei 70 - und Darsteller Robert Redford wird in diesem August 82 (er wird sogar mal im Film auf »50-60« geschätzt, aber so sind die Augenzeugen halt ...). Ich mag mich irren, aber der seltsame Alters-Schmu scheint sogar vom Verleih / der Presseagentur unterstützt, denn im Presseheft spricht man von der »40jährigen Filmkarriere Redfords«, obwohl dieser bereits 1962 seinen ersten Filmauftritt hatte und mit Filmen wie The Chase (1966), This Property is Condemned (1966) oder Barefoot in the Park (1967) bereits vor gut 50 Jahren kein »Unbekannter« mehr war, ehe er 1969 als Sundance Kid zum Superstar-Status aufstieg.

Da die Filmkarriere Redfords für seinen neuen Film durchaus eine Rolle spielt (man verwendet u.a. Material aus The Chase und verweist dauernd auf seine anderen Rollen wie in The Sting), wirkt es umso seltsamer, wenn man diese »Spuren« zu verwischen sucht. Aus meiner Sicht (Jahrgang 1967, das Kino der Siebziger prägte mich stark) ist es gerade die Verwebung des Filmstoffs mit der Filmgeschichte, die The Old Man & The Gun zu etwas Besonderem macht.

Ein Gauner & Gentleman (David Lowery)

© 2018 Eric Zachanowich DCM

Hierbei geht es sogar nicht nur um Redford als Hauptdarsteller, auch die Karrieren seiner Co-Stars färben die Filmhandlung. So trifft Forrest gleich zu Beginn auf eine etwa gleichaltrige Frau namens »Jewel« (Sissy Spacek), die ihm, als er von der Polizei verfolgt wird, mit ihrer Autopanne ganz zupasskommt. Mit der Liebesgeschichte mit einem Outlaw begann immerhin Spaceks Filmkarriere in Terrence Malicks Badlands, die gegenseitige Faszination, die chemistry ist ähnlich wie damals mit Martin Sheen, nur verfügt Jewel über die notwendige Altersweisheit, um sich nicht zu Narreteien verleiten zu lassen, stattdessen übt sie leichten Druck auf Forrest aus und versucht ihn, der sich ihr mit einem falschen Namen vorstellte, von seiner Bankräuber-Karriere wegzuführen.

The Old Man & the Gun ist durchzogen von Nostalgie. Damals in den Achtzigern funktionierten Krimis noch nach anderen Regeln (DNA, Internet und Smartphones spielten noch keine Rolle), und Regisseur Lowery zeigte ja auch in A Ghost Story, wie sehr er die Vergangenheit schätzt. Sein damals größtenteils unter einem Bettlaken verborgener Hauptdarsteller Casey Affleck bekommt hier eine Rolle, in der er öfters mal sein Gesicht zeigen darf - und er wird auch wie eine modernere Version Redfords / Tuckers eingesetzt, als ein anderer »Gentleman«, der von der Gegenwart (bzw. der Bundespolizei) überrannt wird. Obwohl sein etwas plakativ benannter John »Hunt« als Antagonist auf der Jagd nach Tucker ist, werden die beiden Figuren immer wieder parallelisiert, was in der heruntergefahrenen Weise womöglich ein Problem für manche Zuschauer sein könnte - aber mir gefiel dieses Gentleman-Gehabe, das mich auch an die »honor among thieves« erinnerte (obwohl Hunt ja kein Krimineller ist).

Ein Gauner & Gentleman (David Lowery)

© 2018 Eric Zachanowich DCM

Mittlerweile so etwas wie ein Hollywood-Standard ist die starke schwarze Frau an Hunts Seite (Tika Sumpter), mit der ich mir auch mehrere längere Szenen mit Sissy Spacek und Gespräche über deren Partner hätte vorstellen können. Und dann gibt es noch Tuckers zwei Kumpane, gespielt von Tom Waits und Danny Glover (»Ich bin zu alt für dieses Scheiße!«). Für mich ist schon die Besetzung dieses Films so großartig, dass ich mir auch kleine Ungereimtheiten oder die mal wieder sehr entspannte Erzählgeschwindigkeit sehr gefallen ließ. Ich will mein Wohlgefallen nicht überreizen, aber dieser Film hätte auch gern eine halbe Stunde länger gehen können.

Forrest Tucker ist ein professional mit einem hohen Ehrenkodex, passend zu anderen Filmrollen Redfords bekleidet er seine Bankräuber mit einem hohen Grad an courtesy, was die Zeugen seiner Verbrechen nicht in Panik ausbrechen lässt, sondern ihnen das Gefühl gibt, sie müssen diesen netten Mann unterstützen. Natürlich ist das eine reine Filmwirklichkeit, aber solange es Spaß macht, ist das doch okay, oder?

Ein Gauner & Gentleman (David Lowery)

© 2018 Eric Zachanowich DCM

Und mir hat der Film viel Spaß gemacht. Hinweise auf Redfords Filmographie ziehen sich durch den ganzen Film. Mal ist es »all downhill from here«, dann werden die Raub-Rentner die »over the hill gang« genannt (oder bin ich da der Einzige, der an die »hole in the wall gang« denkt?).

Sissy Spacek ist auch kein Backfisch mehr, aber sie tritt hier so classy und naturverbunden auf, dass sie die Riege der großen Filmpartnerinnen Redfords (Jane Fonda, Katherine Ross, Barbra Streisand u.v.m.) wirklich noch mal bereichert. Und sie gibt dem ehemaligen Westernstar und Electric Horseman noch mal die Chance zu reiten, sogar mit einem Poncho, der von Clint Eastwood geliehen sein könnte.

Ein Gauner & Gentleman (David Lowery)

© 2018 Eric Zachanowich DCM

Was in diesem Text fast unterschlagen wird, ist der Umstand, dass der Film auch funktionieren dürfte, wenn der Kinobesucher womöglich keinen Schimmer hat, wer Robert Redford ist und was er so für Filme gedreht hat. Die reine Handlung gibt auch einiges her, aber ich verrenne mich ungern in Inhaltsangaben, wenn es nicht notwendig ist.

Ein Film, wie sie heutzutage viel zu selten gedreht werden.