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Die Box




27. September 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Es (Andy Muschietti)


Es
(Andy Muschietti)

Originaltitel: It, USA 2017, Buch: Chase Palmer, Cary Fukunaga, Gary Dauberman, Lit. Vorlage: Stephen King, Kamera: Chung Chung-hoon, Schnitt: Jason Ballantine, Musik: Benjamin Wallfisch, Kostüme: Janie Bryant, Production Design: Claude Paré, Art Direction: Peter Grundy, Set Decoration: Rosalie Board, mit Jaeden Lieberher (Bill Denbrough), Sophia Lillis (Beverly Marsh), Jeremy Ray Taylor (Ben Hanscom), Finn Wolfhard (Richie Tozier), Chosen Jacobs (Mike Hanlon), Jack Dylan Grazer (Eddie Kaspbrak), Wyatt Oleff (Stanley Uris), Bill Skarsgård (Pennywise), Nicholas Hamilton (Henry Bowers), Jake Sim (Belch Huggins), Logan Thompson (Victor Criss), Owen Teague (Patrick Hockstetter), Jackson Robert Scott (Georgie Denbrough), Stephen Bogaert (Mr. Marsh), Stuart Hughes (Officer Bowers), Geoffrey Pounsett (Zach Denbrough), Pip Dwyer (Sharon Denbrough), Molly Jane Atkinson (Sonia Kasprak), Steven Williams (Leroy Hanlon), Cyndy Day (Pharmacy Cashier), Megan Charpentier (Gretta), Joe Bostick (Mr. Keene), Ari Cohen (Rabbi Uris), Anthony Ulc (Joe the Butcher), Javier Botet (Hobo), Katie Lunman (Betty Ripsom), Janet Porter (Stanley's Mother), Memo Díaz Capt. (Fourth of July Clown), 135 Min., Kinostart: 28. September 2017

Youtube-Rekord zur Trailerpremiere (197 Millionen Aufrufe in 24 Stunden), bereits jetzt der erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten, schwelgerische Kritiken - bei jemandem wie mir, der seit gut 30 Jahren jedes Buch von Stephen King verschlingt, müsste It eigentlich Verzückung auslösen - doch davon ist meine Reaktion weit entfernt.

Zwei drastische Veränderungen zum Buch wurden unternommen. Zum einen wurde die Handlung 31 Jahre nach hinten verlegt. In der (auf Marketingstrategien beruhenden) Berichterstattung zum Film wird ein anderer Jahresunterschied betont: Der Film startet 27 Jahre nach der ersten, zweiteiligen Fernsehverfilmung von It, damals mit Richard Thomas, dem Darsteller des Serien-Schriftstellers John-Boy Walton in der Rolle eines anderen Schriftstellers. Der 27-Jahre-Abstand spielt eine große Rolle in der Handlung, deshalb stellt man es so hin, als hätten die Filmemacher es darauf angelegt, diese signifikante (und vermeintlich gruselige) Zeitspanne zu wiederholen. So wie man einst zum 500sten Jahrestag von Columbus' Entdeckung von Amerika den entsprechenden Film rausgeknallt hat oder die zweite Verfilmung von George Orwells 1984 pünktlich zum Orwelljahr fertig sein musste - aber letztlich ist das Produktionsjahr eines Films natürlich ohne wirklichen Belang, sondern nur ein hübsches Detail.

Es (Andy Muschietti)

© 2017 Warner Bros. Entertainment Iic. and Ratpac-Dune Entertainment LLC. All rights reserved

Bill Denbrough (Jaeden Lieberher) ist im Roman 1957 zehn Jahre alt, das erfährt man gleich auf der ersten Seite des Buches. Somit exakt so alt, wie Stephen King (Jahrgang 1947) damals war. Im Kampf gegen »It«, eine unheimliche Macht, die bevorzugt in der Gestalt des Clowns Pennywise auftritt, werden die Opfer des mörderischen Bösen, das man irgendwo als »gestaltwandlerischen Dämon« umschrieben hat (was nicht korrekt ist, einem aber einen gewissen Überblick verschafft), jeweils mit ganz persönlichen Ängsten konfrontiert. Für jemanden wie King, der das Mantra »write what you know« Zeit seines Lebens zum Kernsatz seines Werkes machte und erstaunlich oft über Lehrer, junge Familienväter, angehende Schriftsteller, Hilfsarbeiter in einer Wäscherei oder später erfolgreiche Horrorautoren, die unter Pseudonym agieren, (sowie auch Alkoholkranke und andere Drogenabhängige) schrieb, bis er in einem seiner Hautwerke sogar selbst als wichtige Nebenfigur auftauchte, bedeutet dies, dass diese Ängste zumindest zum Teil daraus bestehen, was einen Zehn- bzw. Elfjährigen Ende der 1950er in Angst und Schrecken versetzen kann - u.a. die klassischen Universal Monster wie die Boris-Karloff-Versionen von Frankensteins Monster oder der Mumie, Jack Arnolds Creature from the Black Lagoon, aber auch Dracula oder ein Werwolf.

In Kings fünf Jahre vor It erschienenen Sachbuch Danse Macabre schreibt der Horror-Experte über den mittlerweile nahezu vergessenen Streifen I was a Teenage Werewolf:

For a 1957 high school or junior high school kid watching the transformation for the first time, this was baaad shit.

Für ein zeitgenössisches Kinopublikum des 21. Jahrhunderts sind Werwölfe (oder Vampire) aber fast nur noch dann interessant, wenn man ein 13- oder 14jähriges Mädchen ist und dringend wen zum Knutschen sucht, der eine gewisse bad boy-Mentalität mit sich bringt.

Entsprechend verlegte Regisseur Andy (aka Andrès) Muschietti die Handlung einfach ein paar Jahrzehnte näher zur Jetztzeit:

In the '50s, kids were afraid of very different things, like the classic monsters they saw in the movies of that time, and those are some of the forms Pennywise takes in the original story. The reimagining of fears in this movie is very layered and deep and even fans of the book might be surprised where we go in the film.

Es (Andy Muschietti)

© 2017 Warner Bros. Entertainment Iic. and Ratpac-Dune Entertainment LLC. All rights reserved

»Überraschung« ist die Kernthese des Films. Pennywise (Bill Skarsgård in einer spektakulären Post-Heath-Ledger-Aufmachung) agiert hier mehrfach als wortwörtlicher Springteufel, wie er aus einem kleinen, harmlos wirkenden Kasten hervorschießt und bevorzugt kleine Kinder, aber durchaus auch mal Erwachsene erschreckt. In einer der gelungensten Schockszenen des Films erscheint er etwa überlebensgroß aus einer improvisierten Leinwand eines Diaprojektors, so dass er - trotz 2D-Film - auch für den Kinozuschauer nahezu dreidimensional wirkt.

Das Problem bei diesen Überraschungsmomenten (und ich verzichte an dieser Stelle auf den ausgedehnten Hitchcock-Monolog, wenn er surprise und suspense unterscheidet und dabei erklärt, warum das eine besser als das andere ist) ist, dass sie zumindest mich nicht gut zwei Stunden bei Stange halten konnten. Die erste Überraschung des Films (übrigens bis auf Details wie im Buch) ist noch ein Schock, der funktioniert (selbst, wenn man genau weiß, was zu erwarten ist). Unter anderem auch, weil Muschietti halt nicht wie 'ne pussy (sorry, auf das Wortspiel konnte ich nicht verzichten) hinterm Berg halten muss und man in der Fernsehfassung von It ganz sicher nicht damit eröffnen wollte, dass ein kleiner Junge mal eben einen Arm verliert, wie ein neugieriges Kind einer Fliege den Flügel ausreißen würde (noch dazu mit einem effektmäßigen Update).

Doch der gesamte Film ist nur auf diese punches aufgebaut, und es geht unaufhörlich punch punch punch, jeweils mit einem bombastisch lauten Sounddesign und ohrenbetäubender Filmmusik unterstützt. Was bei mir nicht nur die Ohren betäubte, sondern auch meine Empfindung als Zuschauer. I just didn't care anymore.

Was an dieser Stelle unbedingt betont werden muss: It hat die »worst Tonspur ever«. Zur Schockbetonung nutzt man das Sounddesign wie eine Wasserstoffbombe (ca. 4 Mio. Dezibel), aber wenn die Kids sich mal unterhalten, habe ich hier und da ganze Sätze nicht verstanden. In der Synchronfassung wird man das, in deutscher Tradition, vermutlich ändern, da fährt man die Dialoge immer hoch, aber für mich war das schlimmer als in Dunkirk oder Interstellar. Ein Kritikerkollege meinte, das könne am Vorführkino gelegen haben, aber dort habe ich auch unzählige Filme gesehen, mit denen ich kein Problem hatte. Vielleicht war es eine ungünstige Verkettung von kumulativen Fehlleistungen, aber das hat mir den Film ziemlich vergrätzt, weil das Zusammenspiel zwischen den Kids etwas war, was größtenteils funktionierte (und eben noch besser funktioniert, wenn man die Dialoge auch versteht).

Es (Andy Muschietti)

© 2017 Warner Bros. Entertainment Iic. and Ratpac-Dune Entertainment LLC. All rights reserved

Während die zwei Gruppen von Kindern im Roman übrigens ca. elf bzw. zwölf Jahre alt sind (Henry Bowers ist mal sitzengeblieben, also von mir aus 13), wird über einige Kinder im Film behauptet, sie seien 13 (implizit, wenn ein Kind überschlägt, dass es in 27 Jahren 40 ist) oder 15 (Patrick Hockstetter), wobei die Darsteller (und der Altersunterschied zwischen den beiden Gruppen) im Film noch höher anzusetzen sind. Wodurch manches eher an Stand by me erinnert (Kiefer Sutherland etc.), nur hier mit The Cure im Soundtrack statt Ben E. King.

Aber wo man der Fernsehverfilmung oft angekreidet hat, dass insbesondere die erwachsenen Hauptfiguren nicht überzeugten, hat man diese hier ja komplett ausgespart, und damit komme ich zur zweiten großen Veränderung zum Buch.

Im Roman It spielt King, abgesehen von etwas breiten Klischees durchaus gekonnt, mit einer zweigleisigen Erzählung. Eine Hälfte (bzw. etwas mehr) des Buchs spielt 1957/58, die andere Hälfte 1984/85, und man springt dabei immer mal wieder hin und her. Da sich die Erwachsenen erst nach und nach an ihre Erfahrungen als Kinder erinnern, ist das ein wichtiges handlungstragendes Element.

Im Muschi-Film fehlt die in It, Chapter 2 nachzuliefernde »Gegenwarts-Hälfte« komplett. Was produktionstechnisch zwar den Vorteil hat, dass man mit dem Erfolgs-Backing im Rücken dieser Tage größere Stars casten kann (u.a. hofft Muschietti auf Jessica Chastain, mit der schon mal zusammenarbeitete), aber in meinen Augen die Dramaturgie komplett verändert (was ich wirklich erst im Kinosessel erfuhr, weil ich mir nicht im Vorfeld immer alles durchlese, was an Internetgerüchten so herumspukt).

Es (Andy Muschietti)

© 2017 Warner Bros. Entertainment Iic. and Ratpac-Dune Entertainment LLC. All rights reserved

Die Entscheidung hat natürlich den Vorteil, dass man sich so mehr Zeit lassen kann, die Welt der Kinder zu etablieren (der Film hat einige wirklich hübsche Straßenansichten der Stadt Derry in den Achtzigern), aber dadurch wird daraus natürlich etwas komplett anderes, und für mich funktionierte insbesondere die riesige Kluft zwischen dem Kinderabenteuer (Bill hat das Plakat von Gremlins in seinem Kinderzimmer hängen) und den teilweise garstigen Effekten nicht. Im Film werden die Kids generell etwas härter rangenommen - zum Beispiel auch, was das Elternhaus angeht. Ben Hanscomb (Jeremy Ray Taylor, eine der Kinderstar-Entdeckungen des Films) bekommt beispielsweise erst vom Schulhof-Terror Henry Bowers (Nicholas Hamilton aus Captain Fantastic) ein H wie Henry in den Wanst geritzt (nein, eher geschlitzt - im Roman wirkt die Verletzung verhältnismäßig harmlos), und etwas später schlitzen auch noch die Krallen von Pennywise (der übrigens im Roman Handschuhe wie Micky Maus trägt) seinen Bauch auf, als wäre Freddy Krueger unterwegs (an anderer Stelle als Kinoprogramm zu erhaschen). Einem anderen Kind haut ein Monster riesige Zähne ins Gesicht, aber mit einer halben Mullbinde sieht man das kaum mehr. Und beim Vater von Beverly Marsh suggeriert der Film, dass sexueller Missbrauch vielleicht noch nicht geschah, aber zumindest im Raum steht.

Ich will jetzt nichts spoilern, aber im Roman entsteht der wirkliche Horror dadurch, dass die Erwachsenen immer noch in ihren verdrängten Kindheitsängsten stecken, und wenn man weiß, dass eines der Ex-Kinder statt einer Reunion lieber zur Rasierklinge in der Badewanne greift und als »Abschiedsbrief« noch schnell mit dem eigenen Blut »It« an die Fliesen schreibt, dann baut das eben eine schreckliche Erwartungshaltung auf (jawohl, Suspense!) statt einer ziemlich blutigen Kindergeschichte, die am Ende des Films ein Happy-End erhält, das so im Roman allenfalls 27 Jahre später (und nach stärkeren Verlusten) stattfindet.

Der Film It wirkt auf mich wie eine seltsame Mischung aus Vorlagentreue und Reboot, die für mich ungefähr so misslungen war wie vor sieben Wochen The Dark Tower. Tolle Kinderdarsteller, hübsches Creature Design, aber auch eine Menge CGI-Luftballons, die erst mit dem SPD-Aufdruck in der Böhmermann-Version ESPD wirklich gruselig werden.

Zum Abschluss noch eine Beobachtung, die ich nicht unterschlagen will: die widerlichste Szene des Films entstand für mich nicht direkt durch den Film, sondern durch eine Zuschauerreaktion (Grüße an die Kritikerkollegen): Als Beverly (Sophia Lillis) in einer Apotheke überfordert (ihre Mutter taucht im Film nie auf) vor einer Wand voller Binden steht, hörte man irgendwo hinten aus dem Kino dreckiges, feistes Altmännerlachen (mindestens zwei Personen). Die Szene baut durchaus auf das Humorpotential auf, aber diese Reaktion war dennoch unangemessen und frauenfeindlich. Als Beverly dann später einen - ich sage mal: »feministischen Sieg« vollbringt, hörte ich indes nur ein einzelnes Klatschen (»klatsch!«).