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24. April 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Tea with the Dames - Ein unvergesslicher Nachmittag (Roger Michell)


Tea with the
Dames -
Ein unvergesslicher
Nachmittag
(Roger Michell)

Originaltitel: Tea with the Dames, Ursprünglicher Titel: Nothing like a Dame, Kamera: Eben Bolter, Schnitt: Joanna Crickmay, mit Eileen Atkins, Judi Dench, Joan Plowright, Maggie Smith, 84 Min., Kinostart: 25. April 2019

In England hat man Respekt vor den Altehrwürdigen der nationalen Schauspielkunst. Gleich zwei Filme kommen diese Woche in die deutschen Kinos, in denen man die relativ junggebliebenen Performance-Rentner noch mal bestaunen kann. Hier dokumentiert Roger Michell (Notting Hill, Enduring Love, My Cousin Rachel) einen Nachmittag mit vier von der Queen für ihre Künste ausgezeichneten "Dames": Judi Dench, Maggie Smith, Joan Plowright und Eileen Atkins. [Der andere Film ist King of Thieves.]

»I met Mags in 1958.« Beim regelmäßigen Treffen der »Dames« gibt es viel zu beschnacken, die alten Damen (jeweils im siebten Jahrzehnt ihrer Karrieren!) sind »such stuff that dreams are made of« und damit hinreichend Existenzberechtigung für dieses Doku-Projekt, das sich wie von selbst dreht und verkäuft.

Tea with the Dames - Ein unvergesslicher Nachmittag (Roger Michell)

Foto © Mark Johnson

Dass die Protagonistinnen sich den veränderten Rahmenbedingungen ihres Treffens anpassen müssen, ist klar. Ich gehe davon aus, dass man eher zwei oder drei Tage drehte und beim Vogelgezwitscher in ruhigeren Momenten hat man vermutlich auch etwas nachgeholfen. Rein dokumentarisch ist das Ganze nicht, sondern eher so authentisch, dass es noch unterhaltsam ist.

Hin und wieder hört man die Stimme des Regisseurs Michell aus dem Off: »Talk a bit more about fright.«, aber seine Hauptfiguren haben auch genug Selbstbewusstsein, sich nicht vollständig einspannen zu lassen, Judi Dench scheut sich nicht, auch mal ein »Fuck off, Roger!« zwischenzuschieben.

Tea with the Dames - Ein unvergesslicher Nachmittag (Roger Michell)

Foto © Mark Johnson

Im Presseheft erklärt der Regisseur: »Der Film sollte so wirken, als ob wir sie ganz zufällig belauschen, als ob nichts geprobt wäre, als ob sie gar nicht wüssten, dass eine Kamera im Raum ist.« Seine Worte sagen nichts über die tatsächlichen Dreharbeiten, aber den erwünschten Eindruck hat man (zumindest für geschulte Zuschauer) nicht erreichen können.

Die eigentlichen Dreharbeiten hätte man fast noch deutlicher mit dokumentieren können: wenn sich die »Dames« in hübsche Sessel fläzen, während das Filmteam mal auf Holzkisten hockend zu sehen ist, ergeben sich oberflächliche Gegensätze, die aber mit dem Lebensalltag als Filmschauspielerinnen nicht immer übereinstimmen. Natürlich hat jemand wie Judi Dench persönliche Assistenten oder Fahrer, aber ich gestehe ihr die Professionalität zu, durchaus zu begreifen, dass jeder Beleuchter oder Kabelträger eigentlich mit ihr am selben Strang zieht (nur, dass man nach seiner Entlassung nicht den halben Film noch mal drehen muss). Aber dieses Thema, das Filmemachen einer Doku mit Filmstars, für die ein Dreh eben noch deutlicher zur langjährigen Routine gehört als für ein durchschnittliches Crewmitglied.

Tea with the Dames - Ein unvergesslicher Nachmittag (Roger Michell)

Foto © Mark Johnson

Aus meiner Sicht am interessantesten waren die zahlreichen Ausschnitte aus den frühen Karrierejahren der »Dames«. Ich bin ja auch kein spring chicken mehr, aber diese vier Damen habe ich jeweils erst so Ende der 1980er / Anfang der 90er wahrgenommen, und sie mal in jungen Jahren zu sehen, war schon was Besonderes (und ich meine nicht die Aufnahmen von Eileen Atkins, die als kleines Mädchen getanzt hat - was aus heutiger Sicht wie pure Pädophilie wirkt).

Selbst Laurence Olivier habe ich bei Filmen wie The Marathon Man oder The Boys from Brazil (natürlich auf VHS oder in der Glotze) kennengelernt, das ganze Shakespeare-Gedöns habe ich erst entdeckt, als er schon tot war. Die »Dames« indes können Anekdoten über ihn erzählen, Joan Plowright war sogar von 1961 bis zu seinem Tod 1989 mit ihm verheiratet. Während Dame Plowright mittlerweile halbblind ist und mit einem Krückstock unterwegs ist (The Spiderwick Chronicles von 2008 war ihre vorletzte Filmrolle), sind die anderen alle noch sehr rüstig und fast auf dem Zenit ihrer Karrieren. Maggie Smith, die sich endlich mal die Zeit nehmen will, Downton Abbey zu bingewatchen, spricht über den zu früh verstorbenen Kollegen Rickman und die Harry-Potter-Dreharbeiten: »Alan and I ran out of reaction shots.« Und wird gefragt »What would your advice be to your younger self?«

»Oh, Christ! When in doubt, don't.«

Tea with the Dames - Ein unvergesslicher Nachmittag (Roger Michell)

Foto © Mark Johnson

Im Film werden die Filmographien eher chronologisch abgearbeitet, deshalb will ich noch nachliefern, dass erste Rollen als Königinnen (gerne auch mal Cleopatra) im Rückblick Meilensteine waren. Judi Dench, in Sachen Anekdoten die Klassenbeste, kramt auch mal Erinnerungen an Anthony Hopkins hervor, der einst zu ihr sagte: »Ich leg' mich hier hin, während du Akt 5 machst.«

Dramaturgisch nicht sehr geschickt, aber als Schlusssatz belasse ich es mal hiermit. Kein prägendes Meisterwerk des dokumentarischen Formats, aber kurzweilig und unterhaltsam.