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Die Box




23. März 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


Cinemania-Logo 147:
Wilde Tiere und zahme Familien



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  Wild (Nicolette Krebitz)


Wild
(Nicolette Krebitz)

Deutschland 2015, Buch: Nicolette Krebitz, Kamera: Reinhold Vorschneider, Schnitt: Bettina Böhler, Musik: Terranova, James Blake, Tiertrainer: Zoltan Horkai, Peter Ivanyi, mit Lilith Stangenberg (Ania), Georg Friedrich (Boris), Nelson und Cossa (Wölfe), Silke Bodenbender (Kim), Saskia Rosendahl (Jenny), Kotti Yun (Myong), Laurie Young (Tanpi), Pit Bukowski (Tom), Anne-Kathrin Gummich (Hauswartin), 97 Min., Kinostart: 14. April 2016

Nicolette Krebitz spricht nicht nur bekanntermaßen Italienisch und ist eine prominente deutsche Schauspielerin (Unter dir die Stadt), sie ist auch Regisseurin, und das nicht nur als Beschäftigungsmaßnahme, sondern mit Herzblut. Sie hat etwas zu sagen (vor allem über das Leben als Frau) und sie weiß auch, wie man das Medium Film nutzen kann. Und damit ist sie gut drei Vierteln aller Schauspieler, die sich auch mal an der Regie versuchen, einiges voraus.

Ihr dritter Spielfilm Wild lief Anfang des Jahres sogar in Sundance und kam dort erstaunlich gut an. Vermutlich, weil man Indiekino mit leichtem Genre-Einschlag und interessanten Aussagen zu schätzen weiß.

Ania (Lilith Stangenberg) ist eine beruflich unterforderte junge Frau mit geringer sozialer Anbindung. Als Zuschauer durchschaut man die castingpolitische Wahrscheinlichkeit, dass es zwischen ihr und ihrem eher groben Boss Boris (Georg Friedrich aus Aloys, der mir mit jedem Film besser gefällt) irgendwie »funken« wird, aber zunächst nimmt sich der Film alle Zeit der Welt, um letztendlich fast gar nichts zu erzählen.

Eine Zukunftsbegegnung mit einem freilaufenden Wolf ist zunächst ein Märchenmotiv, doch Anias große Sehnsucht nach der »Wildheit« lässt sie Energien entwickelt, die man von der Figur gar nicht erwartet hätte. Hierbei arbeitet der Film mit komischen Momenten, die auch dann funktionieren, falls man als Zuschauer in das weibliche Selbstfindungs-Thema nicht einsteigen mag. Ania fragt im Supermarkt den Fleischer, was ein Wo - äh, Hund denn so esse und hängt zur »Kontaktaufnahme« ein Steak an einen Ast des kleinen Stadtwalds.

Am nächsten Tag waren nur die Maden, nicht aber der Wolf an diesem Köder, man erkennt bereits die Veränderungen an Anias Erscheinungsbild, und ich persönlich fand es sehr erfrischen, wie der Film plötzlich ein geradezu rasantes Erzähltempo entwickelt. Eine zufällig entdeckte Abhandlung über die »Lappenjagd« in einem russischen Buch, Anias Hobby in der Schießsportanlage, einige vietnamesische Fabrikarbeiterinnen und eine günstige Gelegenheit bei einem Krankenhausbesuch - und ratzdifatz entführt Ania den betäubten Wolf in das Obergeschoss ihrer Mietwohnung - und dann wird der Film wirklich wild ...

In ihren früheren Filmrollen in Die Lügen der Sieger und Der Staat gegen Fritz Bauer offenbarte Lilith Stangenberg schon eine gewisse exhibitionistische Ader und eine ziemliche Furchtlosigkeit. Aber auf das, was sie hier zeigt, waren wir nicht vorbereitet. Dass sie aus einer ziemlich widerlich aussehenden Pfütze schlürft, ist hier noch die harmloseste einiger Szenen, die in früheren Zeiten (und bei einer größeren Bekanntheit der Schauspielerin) vermutlich zu handfesten »Skandalen« geführt hätten. Dabei steht die Sexualität, die der Film wie einen Moschusduft ausdünstet, gar nicht im Zentrum der Geschichte, sondern die Begierde, eben nicht mehr langweilig und »zahm« zu sein, sondern ein riskantes, aber erfüllteres Leben zumindest einmal auszuprobieren.

Was an Wild fasziniert, ist auch das Filmemachen. Meistens sollte man sich ja auf die Geschichte einlassen und nicht über die Probleme oder Chancen beim Drehen nachdenken. Doch hier gewinnt der Film fast noch, wenn man die (oft durchstoßene) Realität zur Seite schiebt und zwischen Dreh und Leinwand eine dritte Welt entdeckt. Ich würde sogar so weit gehen, noch eine vierte Welt zu propagieren. Zumindest, wenn man sich während des Kinobesuchs nebenbei mit seinen Sitznachbarn unterhält.

So gibt es Szenen im Zusammenleben zwischen Ania und ihrem Wolf, wo es offensichtlich ist, dass manche Gegenschüsse an verschiedenen Tagen entstanden. Und dann wieder Szenen, wo man quasi um das Wohlergehen der Darstellerin besorgt ist. Vieles im Film ist auch absichtlich überzogen, um die reine Story zu sabotieren und sich lieber auf eine symbolische Ebene zu begeben. Wenn man etwa den Dreck an den Wänden des Zimmers betrachtet, das Ania ihrem geliebten Wolf als »Untermieter« zur Verfügung stellt, so ist sonnenklar, dass diese die Arbeit von Ausstattern oder Malern darstellt, die ganz gezielt den Logikaspekt beiseite schoben. Wenn der Wolf sich irgendwann aus diesem Zimmer befreit, ist dies wieder ein Märchenmoment, und wenn ein Hoppelhäschen als weiterer Untermieter eine erstaunliche Taffness zeigt, tragen alle diese Facetten, die in einem anderen Fall dazu führen könnten, dass der Film nicht funktioniert, im Gegenteil dazu bei, ein ganz besonderes Erlebnis zu schaffen.

Ich kann hier nur für mich reden, aber wenn bei einem Gegenschuss der Hase zum grimmigen Wolf blickt und sich (auf der Handlungsebene) entscheidet, lieber um die Ecke zu hüpfen, dann kann ich gleichzeitig das inszenatorische Manko ankreiden, und die Entscheidung, auf solchen Kleinkram zu pfeifen, lobpreisen. Ich kann zur Sitznachbarin in Häschenstimme raunen »Ich verpiss' mich lieber«, über diverse Interpretationsansätze nachdenken und gleichzeitig weiter »in« der Geschichte bleiben. Und das ist etwas besonderes, denn oft läuft es ja eher so, dass jedes unangebrachte oder störende Detail zu Ungunsten des Films ausgelegt wird. Doch hier war ich wirklich auch »gefangen« in der Geschichte. Selbst wenn es hier und da holpert, manches unlogisch oder unzureichend erklärt wirkt usw. Der Film selbst ist wie ein Wolf, dem man sich zögernd nähert, in dessen Bann man geschlagen wird, obwohl man gleichzeitig merkt, wie primitiv er doch manchmal vorgeht. Und das ist eben der Zauber des Kinos.

Wild ist ganz sicher kein Film, den ich zu meinen absoluten Lieblingen zählen würde. Aber er ist ein Film, über den ich sagen würde, dass man ihn gesehen haben muss - selbst auf die Gefahr, dass er vielen Leuten nicht gefallen könnte. Die Vergleichsfilme, die noch am ehesten funktionieren, sind vielleicht solche Werke wie Eraserhead oder Un chien andalou. Und wer in solch einer Liga spielt, hat es ganz klar geschafft!


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  Im Himmel trägt man hohe Schuhe (Catherine Hardwicke)


Im Himmel trägt man hohe Schuhe
(Catherine Hardwicke)

Originaltitel: Missing You, UK 2015, Buch: Morwenna Banks, Kamera: Elliot Davis, Schnitt: Philip J. Bartell, Musik: Harry Gregson-Williams, mit Toni Collette (Milly), Drew Barrymore (Jess), Paddy Considine (Jago), Dominic Cooper (Kit), Jacqueline Bisset (Miranda), Frances de la Tour (Perückenmacherin Jill), Tyson Ritter (Ace), Charlotte Hope (Junge Jess), Mem Ferda (Ahmed), Eileen Davies (Oma), 112 Min., Kinostart: 31. März 2016

Was mich bei Presseheften immer wieder immens nervt: alles wird nur nach dem Maßstab des Erfolgs eingestuft. Das bedeutet: bei Catherine Hardwicke wird zwar erwähnt, dass sie mal Szenenbildnerin von Three Kings und Vanilla Sky war, aber das scheinbar wichtigste Detail in der Karriere der Regisseurin ist, das Twilight als der Film im Guinness-Buch der Rekorde landete, der als erster die höchsten Umsatzzahlen am Startwochenende hatte (Luft holen, die Pointe kommt noch ...) - und von einer »weiblichen Regisseurin« stammt. Wenn sich kein Superlativ anbietet, muss man ihn sich halt irgendwie konstruieren. Dass ihre frühen Filme wie Thirteen und Lords of Dogtown viel interessanter sind als die späteren Auftragsarbeiten und offensichtlich irgendwelchen Trends hinterherlaufenden Projekten: solche Details zählen nicht bei der Vermarktungsstrategie. Zumindest nicht, wenn der aktuelle Film auch nur mehr oder weniger den etablierten Erfolgsmustern nachempfunden ist.

Miss you already gehört zum problematischen Genre der »Krebsfilme«. Im Gegensatz zu Filmen, die wenigstens unbekannte und dadurch interessante Krankheitsbilder abbilden (Autismus, ALS, Psychosen), boomen die Krebsfilme vor allem deshalb seit einigen Jahren, weil fast jeder Zuschauer früher oder später Erfahrungen mit dieser Krankheit macht, ob in der Familie, beim Job oder in der Nachbarschaft. Und dann wird ein hartes Filmschicksal fast immer mit einer uplifting story kombiniert, in der es um Freundschaft, Liebe oder Familie geht. Hier und da gelingt es sogar mal, dem Ganzen einen interessanten Twist abzuringen. Aber das sind dann eher die Ausnahmefilme.

Auch Miss you already entspricht voll und ganz dem Schema dieser Filme: Diagnose, Verleugnung / Geheimhaltung, Rückhalt durch das soziale Netz mit ein paar Abspringern und Konflikten, gefolgt von (im günstigen Fall) dem zentralen Konflikt des Films und schließlich irgendeiner Auflösung, die leider meistens in einer Beerdigungsszene besteht. Und mit feuchtem Auge erinnert sich der Zuschauer jener Menschen, die man verloren hat und denkt vielleicht für eine kleine Zeitspanne darüber nach, wie man Fehler, die man im Film beobachtet hat, selbst vermeiden kann.

In diesem Fall kombiniert man das ganze mit einer Frauenfreundschaft, die aus einer Mädchenfreundschaft herauswuchs. Um das zu etablieren, reicht eigentlich schon, dass eine US-Amerikanerin namens Jess (später: Drew Barrymore) nach England zieht, und dort von der gleichaltrigen Einheimischen Milly (Tony Collette muss Krankheit und Akzent mimen) in die Grundpfeiler der englischen Sprache eingewiesen wird: nach nur wenigen Wochen kann auch Jess schimpfen wie ein Rohrspatz.

Vermutlich stand das alles schon so im Drehbuch, aber für Catherine Hardwicke war wohl neben einer persönlichen Verbindung (im Presseheft eher vage umrissen: »die Diagnose Brustkrebs berührte sowohl mein Leben als auch das einiger anderer Menschen um mich herum«) das englische Element sehr interessant. So gibt es zum Höhepunkt des Films nicht nur einen Abstecher in die Moorlandschaft von Wuthering Heights, der Film gibt sich auch einen deutlichen literarischen Anstrich bei der Namensvergabe der Figuren: die Männer an der Seite der beiden Frauen heißen Jago und Kit, außerdem gibt es noch eine Oma namens Miranda (ging komplett an mir vorbei, dass das Jacqueline Bisset war). Und alle Nase lang geht es um Mr. Darcy, die Balkonszene aus Romeo & Juliet oder Charles Dickens. Leider wird diese Liebe zur Literatur nur äußerst selten in die eigentliche Geschichte eingebaut (»Frankentits«) und wirkt dadurch eher dekorativ und etwas überflüssig.

Die Rahmenhandlung, die das Ganze in Schwung bringen soll, wirkt auch eher vorhersehbar: Jess vermisst bei ihrer ersten Geburt die beste Freundin, und man ist sich von der ersten Minute sicher, dass es zu einer Staffelweitergabe zwischen den Generationen kommen wird. Da kann sich der Film noch so viel Mühe machen, Schuld auf Jess zu laden, weil sie ihrer Freundin unterschlägt, dass sie irgendwann zwischendurch endlich schwanger geworden ist und das aber nicht wirklich genießen kann (»You don't say no to someone with cancer«). Der Film unterstreicht das teilweise durch Parallelen (Jess kauft sich eine Milchpumpe, Milly einen postoperativen BH, was den Widerspruch zwischen Leben und Tod noch betont), aber abgesehen von Millys Eheproblemen (der Gatte weiß nicht mehr, wie er sie lieben soll), mit einem so unerwarteten wie provokativen Lösungsversuch gibt es keine wirkliche Neuerung für das Krebsfilm-Genre. Und auch die Intensität oder Emotionalität bietet nichts Weltbewegendes.

Miss you already ist ungeachtet vieler guter Absichten leider eher routinierte Pflicht als inspirierte Kür. Mich persönlich hat der Film übrigens (vermutlich durch den nicht sehr überzeugenden deutschen Titel) an In her shoes erinnert, der (bis auf den Krebs und das Detail, dass die beiden Frauen dort Schwestern sind) eine sehr ähnliche Geschichte erzählt, mit Toni Collette in der fast selben Rolle und an ihrer Seite durch ein anderes Mitglied der »Drei Engel für Charlie« verstärkt. Und der hat besser funktioniert und mich sogar mehr berührt, denn selbst noch der Schlussgag von Miss you already (»It's impossible to replace her ...«) wirkt einfach wie von langer Hand am Reißbrett konstruiert. Das kann in einem emotionalen Film durchaus klappen (vgl. Spielberg), aber dann muss man es entweder besser kaschieren oder das Publikum besser einbinden in die Geschichte.


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  Criminal Activity (Jackie Earle Haley)


Criminal Activities
(Jackie Earle Haley)

USA 2015, Buch: Robert Lowell, Kamera: Seamus Tierney, Schnitt: Alex Marquez, Musik: Keefus Ciancia, mit Michael Pitt (Zach), Dan Stevens (Noah), Christopher Abbott (Warren), Rob Brown (Bryce), John Travolta (Eddie Lovato), Edi Gathegi (Marques), Jackie Earle Haley (Gerry), Christopher Jay Gresham (Little Mike), Tyrone Jenkins (Demetrius), Morgan Wolk (Janie), Travis Aaron Wade (Agent Santos), Alan B. Jones (Agent Reichert), Don Cass (Pastor), Chris Hailey (Matthew), 94 Min., Kinostart: 31. März 2016

»If opportunity presents itself, don't hesitate.« Von Anfang an stimmt etwas nicht bei Criminal Activities. Der Film beginnt mit einer längeren Voice-Over-Passage, die man anfänglich einem wohl lebensmüden Herren zuordnet, ehe man dann sieht, dass dies die Rede eines Geistlichen bei der Beerdigung des vor einen Bus getretenen Matthew ist. Man erfährt nicht viel über Matthew, aber es bleibt fraglich, ob die Abschiedsrede über ergriffene Chancen à la »carpe diem« einen angemessenen Tonfall trifft, wenn das Gerücht, dass Matthew Selbstmord verübt hat, bereits die Runde macht.

Unter den Trauernden sind auch einige frühere Highschool-Kumpane Matthews, die etwas später zu viert in einem Diner sitzen und sich wie bei einem Klassentreffen übereinander informieren. Hierbei erwähnt Bryce (Rob Brown), dass er todsichere Insider-Infos über einen Pharmakonzern hat, ihm aber das Kleingeld fehlt, um sich mit den bald steigenden Aktien einzudecken. Die anderen sind trotz typisch angeberischem Gehabe bei so einer Bestandsaufnahme auch gerade nicht flüssig, nur der zuvor noch belächelte Noah (Dan Stevens) meint, er hätte das Geld. An der Stelle habe ich irgendwas nicht verstanden, denn es klang für mich so, als wenn Noah das Geld für alle vorstreckt, aber der Gewinn dann brüderlich geteilt wird. Später stellt sich aber heraus, dass er das Geld nur im Namen der anderen geliehen hat, noch dazu von dem Gangsterboss Eddie Lovato (John Travolta), was wegen der Verhaftung des Firmenchefs des Pharmakonzerns und somit schlechter Karten für den erwarteten Gewinn, gewisse Probleme mit sich bringt. Da es unwahrscheinlich ist, dass die vier ihre jeweils 100.000 Dollar (die Wucherzinsen haben den Betrag bereits verdoppelt) in absehbarer Zeit zurückzahlen können, schlägt der Gangster den Vieren eine Alternative vor: sie sollen für ihn einen anderen Gangster entführen und für 24 Stunden überwachen, ehe Lovato ihn für eine Art Geiseltausch (seine Nichte wurde als Garantie für Koksschulden ihres nicht sehr intelligenten Gatten entführt) verwenden kann.

Nach einigem Hin und Her willigen auch Zach (Michael Pitt) und Warren (Christopher Abbott) in diesen Plan ein - und etwas später dringen drei maskierte Männer in eine Kneipentoilette ein und überfallen den gerade sein Geschäft verrichtenden Marques (Edi Gathegi), was einigermaßen glimpflich ausgeht, wenn man bedenkt, dass nicht nur dessen bewaffnete Kumpane nicht weit weg an einem Tisch sitzen, sondern auch irgendeine Taskforce der FBI den Ort beschattet. Nachdem die FBI-Leute in ihrem Tarntransporter mit Abhörstation eine enge Kurve in Höchstgeschwindigkeit nicht so ganz erwischt haben, meint einer von ihnen: »Whoever it was, they were professionals!«

Damit könnten sie kaum falscher liegen, denn in einem geheimen Unterschlupf mit dem Entführungsopfer liegen die Nerven schnell blank. Marques ist nicht nur gefährlich und ziemlich intelligent, die Kidnapper sind das Gegenteil davon - u.a. lassen sie viel zu viele Informationen durchsickern. Und während der Onkel von Marques (ein weiteres Oberhaupt des organisierten Verbrechens) bereits ein Kopf-geld von 2 Millionen auf die Entführer des Neffen auslobt, nutzt dieser jede Chance zu entkommen oder das schwache Glied in Quartett von Aushilfsgangstern zu finden.

Es benötigt keinen mit pompöser Musik eingeführten John Travolta, um zu erkennen, dass dies mal wieder ein Tarantino-Aufguss ist. Ein Kammerspiel à la Reservoir Dogs in einem an Pulp Fiction erinnernden Umfeld. Es würde einen nicht einmal wundern, wenn Marques' Onkel statt Demetrius Flemming Marcellus Wallace hieße.

Wenn die vier ziemlich panisch agierenden Herren mit geringer Lebenserwartung sich stattdessen über den möglichen Saitensprung von Zachs Verlobter austauschen oder demokratisch entscheiden, dass Noah für alle Speiseeis besorgen soll (Planung ist wirklich nicht ihre Stärke), ist das Ganze noch recht amüsant. John Travolta spielt zwar nur eine kleine Rolle, aber sein seit Pulp Fiction festgefahrenes Gangster-Bild ergänzt er diesmal durch einen jovialen Gesundheits-fanatiker, der sich giftgrüne Smoothies einverleibt und Lauftraining macht, während ihm seine Bodyguards auf kleinen Fahrrädern folgen. Als ausführende Kraft steht ihm ein Paar von fiesen Schlägertypen zur Seite, wovon Jackie Earle Haley (bekannt als der Remake-Freddy Krüger und Rorschach in Watchmen) einen genüsslich zelebriert. Man gönnt sich ja sonst nicht in seinem Regiedebüt.

Doch mit der Zeit kommt man immer stärker ab vom erwünschten Tonfall. Als deutliche Reminiszenz an einen Unfall wegen eines Schlaglochs in Pulp Fiction versuchen hier die »Feds« per Angstfolter einen Zeugen zum Sprechen zu bringen. Sie halten über die Böschung einer Fahrspirale in einem Parkhaus - doch einer seiner Schuhe war wohl nicht fest zugezurrt und sie stürzt er herab und gerade sein Auftreffen auf dem Zement (mit dem Kopf zuerst) wird vorsichtshalber in Großauf-nahme eingefangen. Wohlgemerkt: weder das Opfer dieser offiziellen Unfähigkeit spielt im Film eine große Rolle noch wachsen die FBI-Dödel jemals über den Status besserer Statisten heraus. Es geht hier nur darum, die Gefährlichkeit der Situation zu verdeutlichen und zwischenzeitig mal wieder für etwas Action zu sorgen.

Auch Marques, der in meinen Augen fast zu einer Art Held aufsteigt (weil immerhin intelligent), wird irgendwann vom unkontrollierten Zach zusammengeschlagen und man darf dann beobachten, wie sein in Mitleidenschaft gezogenes Auge langsam zuschwillt. Die Chancen für einen glimpflichen Ausgang werden geringer und es wird immer schwerer, in diesem abstrusen Haufen Identifikationsfiguren zu finden (das war in Pulp Fiction ganz anders, man litt und fieberte mit Travolta oder Bruce Willis und hatte auch eine starke Frauenfigur oder Samuel L. Jackson).

Aus meiner Sicht am misslungensten ist aber der Schluss des Films, der einem quasi als Happy-End verkauft wird und einen im Nachhinein das Gefühl geben soll, dass bestimmte Figuren etwas mehr Glück verdient haben als andere. Was aber leider so gar nicht funktioniert. Ich will das Ende nicht kaputtspoilern, aber denkt ruhig mal darüber nach, wer hier am Schluss überlebt und sogar noch ein wenig Geld zur Seite schaffen kann. Diese Figuren haben jeweils irgendwie einen positiven Charakterzug ins Drehbuch geschrieben bekommen (so wie Bruce Willis und Marcellus Wallace sich ja durch das gemeinsam durchstandene Abenteuer wieder »vertragen«), aber es funktioniert einfach nicht. Alles wirkt unverhältnismäßig und teilweise sogar ärgerlich. Und auch, wenn zwischendurch mal Macbeth zitiert wird statt nur Madonna-Videos: Criminal Activities ist nur eine Nachahmerleistung (und in dieser Hinsicht auch mehr so mittelschwach), kein für sich überzeugender Film.

Eben »a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing.«


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  Silent Heart (Bille August)


Silent Heart - Mein Leben gehört mir
(Bille August)

Originaltitel: Stille hjerte, Dänemark 2014, Buch: Christian Torpe, Kamera: Dirk Brüel, Schnitt: Anne Østerud, Janus Billeskov Jansen, Musik: Annette Focks, mit Ghita Nørby (Esther), Morten Grunwald (Poul), Paprika Steen (Heidi), Danica Surcic (Sanne), Jens Albinus (Michael), Pilou Asbæk (Dennis), Vigga Bro (Lisbeth), Oskar Sælan Halskov (Jonathan), 98 Min., Kinostart: 24. März 2016

Jedes Geräusch ist superdeutlich zu hören - und es gibt eine Menge Uhren im Haus von Esther (Ghita Nørby) und Poul (Morten Grunwald). Selbst, wenn man nichts über die Geschichte des Films weiß, wenn die ersten Besucher zur Familienfeier kommen, erkennt man die dräuende Atmosphäre. Ein harmloses Mitbringsel, zwei sich umarmende Salz- und Pfefferstreuer, werden beinahe augenblicklich zu einem Politikum. Was hatte man sich nur gedacht? Wo sie doch jetzt keine Verwendung mehr dafür hat ...

Denn Esther hat ALS im fortgeschrittenen Status, will selbst entscheiden, wann für sie Schluss ist, und hat die Familie noch für ein letztes gemeinsames Wochenende zusammengebracht. Den unterschiedlichen Umgang mit dieser Entscheidung und die teilweise verhärteten Fronten zwischen den beiden Töchtern Esthers und dem jeweiligen Anhang erlebt man am besten selbst im Kino, gerade die Informationsvergabe ist anfänglich durchaus gelungen.

Mein größtes Problem mit dem Film war die Prämisse, die ich nicht sonderlich kreativ finde, sondern eher ein auf ähnliche Weise schon mehrfach verwendete Blaupause. Freud und Leid, Lügen und Geheimnisse, Zusammenhalt und Trennung. An dieser Stelle würde ich in anderen Kritiken eine schnelle Aufzählung vergleichbarer Filme bringen und vielleicht entscheiden, welches die gelungensten Vorbilder sind. Doch irgendwie haben solche Filme keinen langzeitigen Eindruck auf mich gemacht und ich habe auch keine Lust, den Segen meiner Vergesslichkeit durch komplizierte Recherchen zu sabotieren. In The Big Chill ist der Todesfall bereits eingetreten, in Peter's Friends stand nur (so nahm man damals an) das Todesurteil fest, der Zeitpunkt war unbestimmt.

Für die Filmemacher liefert dieses Handlungsgerüst jede Menge Ansatzstellen, die man für eine emotionale Achterbahn verwenden kann. Manche Figuren ändern sich, andere nicht, man erfährt viel übereinander - und quasi standardmäßig berauscht man sich.

In dem Moment, in dem der Film offenbart, was genau seine Story ist (ich hoffe mal, ich habe hier keinem potentiellen Kinobesucher dies versaut), ist irgendwie auch schon etwas die Luft raus. Die Beziehungsprobleme der Töchter sind nicht sooo spannend, die vermeintliche Schlusspointe ist eher antiklimaktisch, und ich für meinen Teil war vor allem damit beschäftigt, darauf zu achten, wie misslungen die Chronologie einer Nacht geriet: da man der meinung war, unzählige Uhren seien eine durchdachte Symbolik für das nahende Ende, kann man ganz exakt darauf achten, wie absurd die Helligkeitsstufen einer dänischen Nacht kurz vor Weihnachten verlaufen. Sicher, so ein Nachtdreh bringt gewisse Probleme mit sich - aber ein bisschen mehr Professionalität habe ich mir von Bille August (Pelle erobreren, Smillas Sense of Snow) schon erwartet ...

Die durch die Bank guten Darsteller (Favoriten: Paprika Steen und Pilou Asbæk) lassen einen immer mal wieder vergessen, wie unsäglich etwa die Musik ist, aber im Grunde wird hier der größte Fehler begangen, den man in so einem Film machen kann: Als Zuschauer sehnt man sich das Ende (des Films) heran. Aber die 98 Min. fühlen sich eher wie zwei Stunden an.


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  Rock the Kasbah (Barry Levinson)


Rock the Kasbah
(Barry Levinson)

USA 2015, Buch: Mitch Glazer, Kamera: Sean Bobbitt, Schnitt: Aaron Yanes, Musik: Marcelo Zarvos, mit Bill Murray (Richie Lanz), Kate Hudson (Merci), Bruce Willis (Bombay Brian), Leem Lubany (Salima Khan), Zooey Deschanel (Ronnie), Danny McBride (Nick), Scott Caan (Jake), Taylor Kinney (Private Barnes), Arian Moayed (Riza), Beejan Land (Daoud Sididi), 106 Min., Kinostart: 24. März 2016

Barry Levinson, das ist der Regisseur hinter Filmen wie Diner (1982), Rain Man (1988) oder Liberty Heights (1999). Seit Mitte der 1990er ist aber leider ein wenig die Luft raus. Die Abstände zwischen den Filmen werden größer, die Abstände zwischen den Erfolgen noch deutlicher. Nach dem Rezept von Wag the Dog (1997) und What just happened (2008, "deutscher" Titel: Inside Hollywood) hat Levinson jetzt mal wieder einen satire-ähnlichen Film mit vielen bekannten Darstellern gedreht. Die ziehen zumindest etwas an der Kinokasse und die paar Drehtage mit wechselnden Profidarstellern sind vermutlich ganz unterhaltsam.

Getragen wird der Film vom Hauptdarsteller Bill Murray, der es immerhin schafft, selbst einige weniger gelungene Szenen durch sein lakonisches Comedy-Timing zu retten.

Die Story wirkt wie eine (geringfügig modernisierte) Mischung aus Ishtar und American Dreamz, angereichert mit ein wenig Politik. Der reichlich abgehalfterte Rock-Manager Richie Lanz (Murray) lebt von der Talent- und Ahnungslosigkeit seiner Klienten, die sich den Karrierestart einiges kosten lassen. Um US-Truppen in Afghanistan zu unterhalten, bricht er mit seiner ängstlichen Assistentin Ronnie (Zooey Deschanel), die auch ein bisschen singt (Richie steht dabei im Auditorium und "lenkt" sie wie eine Marionette), in gänzlich unbekannte Gefilde auf.

Das reicht erst mal für einige ganz amüsante Episödchen, während Richie die Gepflogenheiten des Landes kennen lernt. Dummerweise strandet er aber ohne Geld und Papiere und sieht als fernen Hoffnungsschimmer nur den spektakulären Auftritt einer unverschleierten Frau bei der TV-Show »Afghan Star«. Mit Salima Khan (Leem Lubany), der Tochter eines nicht eben zimperlichen "Geschäftskollegen" (mittlerweile verschachert Richie auch Waffen), hat er sogar eine tatsächlich talentierte Künstlerin, nur stochert Richie ein wenig zu euphorisch zwischen den unterschiedlichen militärischen und religiösen Fraktionen und es sieht bald so aus, als ob er eher eine Steinigung oder ein kleines Massaker in Gang bringen wird als sein Rückreiseticket aufzutreiben.

Die mal wieder von »wahren Begebnissen« inspirierte Geschichte für sich genommen ist ja noch ganz interessant, aber nachdem man im Anfangsteil unzählige Feuergefechte miterlebt hat, bei denen aber höchsten mal eine Ziege zu Schaden kam (selbst bei einem explodierenden Auto ist einzig Richies Frise ramponiert - und die war vorher auch nicht eben berühmt), fällt es einem schwer, die vermeintlich dramatische Handlung auch nur ansatzweise ernst zu nehmen. Es plätschert einfach alles so harmlos vor sich hin: ein knallharter Söldner (Bruce Willis), zwei durchgedrehte Aushilfskriminelle (Danny McBride und Scott Caan) und eine Hure mit goldenem Herzen (Kate Hudson) unterstützen Richie oder bringen ihn in die nächste Bredouille, und wenn dann irgendwann tatsächlich mal jemand von einer Kugel getroffen wird, wirkt das nur wie der zweitblödeste Ausweg aus einer nicht sehr cleveren Drehbuch-Sackgasse.

Bei Wag the Dog versuchten einem noch viele Kritikerkollegen einzureden, wie clever dieses oder jenes an dem reichlich unübersichtlichem Filmgemurkse sei. Spätestens bei Rock the Kasbah funktioniert das nicht mal mehr im Ansatz. Wer auf Bill Murray steht, mag zu Beginn noch einiges übersehen, doch wenn es dann angeblich ernst oder gefährlich sein soll und man dem Zuschauer weismachen will, dass aus den eher schwachen Witzfiguren plötzlich emotionsgeladene Figuren geworden sein sollen, wird es fast unerträglich.

Bill Murray hatte ja mal so eine Phase, in der er sich dadurch hervortat, dass er nur noch Filmangebote annahm, die ihn wirklich überzeugten. Wenn man so an The Monuments Men, Hyde Park on Hudson oder Aloha denkt, muss sich da etwas Grundlegendes geändert haben. Wo ist Wes Anderson, wenn man ihn braucht?


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  Hardcore (Ilya Naishuller)


Hardcore
(Ilya Naishuller)

Originaltitel: Hardcore Henry, Russland / USA 2015, Buch: Ilya Naishuller, Will Stewart, Kamera: Pasha Kapinos, Vsevolod Kaptur, Fedor Lyass, Schnitt: Steve Mirkovich, Musik: Darya Charusha, mit Sharlto Copley (Jimmy), Haley Bennett (Estelle), Danila Kozlovsky (Akan), Andrei Dementiev (Slick Dmitry), Ilya Naishuller (Tim), Will Stewart (Robbie), Darya Charusha (Dominatrix), Tim Roth (Henry's Father), 96 Min., Kinostart: 14. April 2016

»Ich bin wild entschlossen, mich zu amüsieren!« meinte Kritikerkollege Lars-Olav Beyer kurz vorm Film. Hörte sich nach 'nem okayen Plan an.

Der Vorspann zeigt größtenteils in rotem Licht und Zeitlupe, wie Fäuste auf Nasen, Waffen auf Körper treffen. Das Programm ist klar: fette Action, von der ultrabrutalen Art. Horrorshow!

»Die erste actiongeladene First-Person-Experience der Filmgeschichte« (Pressetext) beginnt wie Robocop, nachdem sein Computer gerate wieder hochgefahren wurde. Aus der Sicht der fast den kompletten Film gesichtslos bleibenden Hauptfigur Henry stellt sich dessen Frau Estelle (Haley Bennett) vor. Sein Gedächtnis ist hinüber, cybernetische Gliedmaßen werden ergänzt und die schöne Gattin führt Henry (und vor allem den Zuschauer) in die Geschichte ein. Etwas später trifft man auf zwei Technikexperten, die ihm ein Sprachprogramm installieren wollen (er darf selbst wählen, wie seine Stimme klingen soll), doch Henry wird auch stumm bleiben, denn einige Terroristen, angeführt vom gemeingefährlichen und mit telekinetischen Fähigkeiten ausgestatteten Akan (Danila Kozlovsky), bringen bereits die Action mit sich, bevor das sehr einem Computerspiel ähnelnde Abenteuer (beim Ego-Shooter bleibt der Protagonist ja auch eine Blankoheld, auf den der Spieler seine Features projiziert) überhaupt richtig anfangen kann. Aktuell kann Henry nur die Option zur Flucht ergreifen, doch auch, wenn er anfänglich nur Estelle folgt wie das Kind der Mutter, zeigt er schon schnell einen Hang zum Heldenhaften, indem er ihr Angebot, die letzte Rettungskapsel aus einem wohl fliegenden Labor allein zu nutzen, uneigennützig ablehnt. Im freien Fall stürzt Henry mit seiner fragil wirkenden Frau Richtung Erde, was eine beinahe kompromisslose Umsetzung des Erzählprinzips in medias res ist.

Einen gewissen Respekt muss man dem Film schon zollen dafür, dass er anderthalb Stunden die Spannung und das Tempo aufrecht erhält. Aber mir ist die allzu abgewichste Arroganz dabei ziemlich schnell ein Dorn im Auge. Wie ein Christopher-Nolan-Film ist man immer darauf bedacht, die euphorie-affinen Filmnerds immer zu fordern. Man muss mental quasi mitlaufen, und die Informationsvergabe ist eine Spur zu clever ausgedengelt. Nebenbei versucht man, den Publikum den Bauch zu pinseln, wenn man etwa beim schnellen Durchqueren eines Zimmers mal kurz einige Filmplakate sieht, von denen Lady in the Lake (1947) am stärksten ins Auge fällt. Das war bekanntermaßen der früheste Langfilm, der versuchte, seine Geschichte über eine subjektive Kamera zu erzählen. Damals ein ziemlicher Flachköpper, weil man die Regeln erst noch während der Dreharbeiten erforschen musste (Hauptdarsteller Robert Montgomery hatte sich für seine erste offizielle Regiearbeit einiges vorgenommen) und die technischen Möglichkeiten (Winzkameras, CGI etc.) nicht einmal im Ansatz gegeben waren. Hardcore hat indes den Vorteil, fast siebzig Jahre Mediengeschichte plündern zu können. Regisseur Ilya Naishuller, hauptberuflich eigentlich der Frontmann der russischen Band Biting Elbows, hat schon bei Promovideos für die Band das First-Person-Prinzip in den Vordergrund gestellt. Beim mittlerweile mehrteiligen Insane Office Escape bietet er ebenfalls eine Art Mini-Actionfilm, bei dem man aber schon teilweise das Gefühl bekommt, die Welt aus den Augen eines Amokläufers zu sehen, der ohne klar erkennbare Motivation etwa Büroangestellte über den Haufen schießt (Bad Superheroes). Man hat dabei das Gefühl, das Ganze soll irgendwie witzig sein, nur geht der Jocus ziemlich weit an mir vorbei.

Bei Hardcore Henry hat man dasselbe Problem, und weil bei der Pressevorführung auch die Gewinner einer Facebook-Verlosung zu den Zuschauern gehörten, konnte ich miterleben, wie das Zielpublikum auf einige Szenen reagiert. Was aber manchmal die Skepsis des Kritikers noch erhöht. In solchen Momenten erinnere ich mich oft (nicht unbedingt gerne) an meine Sichtung von Paul Verhoevens Starship Trooper, den mir immer wieder Leute als kleines Meisterwerk verkaufen wollen. Da ich damals (bei einer regulären Vorführung) aber das Gefühl hatte, der einzige im Kinosaal zu sein, der nicht als Arbeitgeber die Bundeswehr angeben kann (alles johlende Jungmänner), stehe ich zu meiner ursprünglichen Einschätzung, dass der Film eher einem faschistoiden Machwerk entspricht als einem Musterbeispiel für perfide Ironie.

Ganz ähnlich lief es auch bei Hardcore Henry. Aus dem Kontext bekam man zwar das Gefühl, dass Henry der Gute ist und alle, die sich ihm in den Weg stellen, böse verdammenswerte Schurken, die zumindest dabei mithelfen wollen, die Erde zu unterjochen. Aber das ändert nichts daran, wie der Film des umsetzt. Aus Spoilergründen möchte ich nicht auf die allerletzte Szene des Films eingehen, die nachdringlich meinen Zorn evozierte, weil es halt doch einen Unterschied gibt zwischen »schwarzem Humor« und menschenverachtendem Zynismus gepaart mit politisch sehr fragwürdigen Aussagen. Aber es gab noch eine weitere, für die Handlung eher unbedeutende Szene, die für mich den Film ins Abseits rückte. Wenn auch im Zusammenspiel mit der Zuschauerreaktion.

Henry läuft mal wieder schießend durch ein Hochhaus und muss alle Nase lang Widersacher killen (wichtig dabei: zwischendurch das Mordwerkzeug wechseln, damit es »unterhaltsam« bleibt. Die Videokill-Junkies in meinem Internet-Caf√© geben auch gerne zwischendurch die Order durch »jetzt eine Runde Messern«). Hinten im Bild erkennt man ein Treppenhaus und offenbar nähern sich gerade wieder Gegenspieler von unten. Also greift Henry nach einer Granate und schmeißt sie von weitem über die Treppenbrüstung. Dann hört und sieht man die Explosion, dann einen »weibischen« Schrei (dieses Wort gehört nicht zu meinem Vokabular, ich habe mich versucht, in die Denke anderer einzufühlen), und der vermutlich nicht mehr ganz funktionstüchtige Körper eines Granatenopfers fliegt so in die Höhe, dass man ihn für einen Moment sehen kann, ehe ihn die Schwerkraft wieder ergreift. Mindestens zwei oder drei Kinozuschauer haben an dieser Stelle laut und herzhaft gelacht, aber ich kann einfach nicht nachvollziehen, was daran witzig sein soll. Wenn es sich jetzt um ein pixeliges Computerspiel handeln würde, könnte man ja noch behaupten, dass hier gerade kein Mensch getötet wurde (ich bin mehr so der Computerspieler, der Lemminge anklickt und sie dann »Oh, no!« rufen hört, bevor sie explodieren). Aber in einem Film, der eben (trotz diverser Effekte) nicht computeranimiert ist, bleiben Menschen irgendwie doch Menschen. Und wer dann darüber lacht, ist für mich kein Mensch, mit dem ich mich anfreunden möchte.

Mein Urteil steht, und dass der Film durchaus ein paar nette Ideen hat, die aus seiner Prämisse so viel wie möglich machen, ändert die Einstufung »ärgerlich« nicht. Wenn Sharlto Copley seine abgedrehte Gesangseinlage als Musikvideo präsentiert hätte, würde mich dies sicher stärker amüsieren als im Umfeld eines überhype-ten langgezogenen Egoshooters, bei dem die Form weit über dem Inhalt angesiedelt ist. Das Schlimmste an dem Film ist ja, dass es bei (wahrscheinlichem) Erfolg etliche Nachahmer geben wird, und viele dumme, rohe Menschen werden dadurch noch stärker verdummen und verrohen. Und das sind dann genau die Typen, die später vielleicht Passanten in der U-Bahn zu Tode treten, weil sie eben einfach den Wert eines Menschenlebens nicht begreifen. Ich weiß, es werden jetzt wieder irgendwelche Zensurgegner von »mündigen Bürgern« faseln, aber ich will ja gar nicht, dass man diesen Film zensiert - ich will, dass man so einen Scheiß gar nicht erst dreht. Oder dass die Leute begreifen, warum man solche Filme nicht unterstützen sollte. Dass dies ein Wunsch ist, der mir nicht erfüllt werden wird, ist eine ganz andere Sache.

Vage unterstützt wird meine Dummheits-Theorie übrigens auch durch das Detail, dass man in Hardcore Henry unglaublich häufig die Hände und Füße der Hauptfigur zu sehen bekommt. Wenn er (ziemlich unglaubwürdig) wie ein Parkour-Künstler Wände erklimmt, ist das noch okay, aber man schaut doch nicht dauernd auf seine Füße, wenn man läuft... Ich hatte so den Eindruck, als wenn diese inszenatorische Entscheidung zum einen den Angeberaspekt unterstreichen sollte (»Wir schieben nicht nur eine Kamera durch die Gegend, das ist echt eine Person!«). Und zum anderen befürchte ich, dass die Filmemacher die Notwendigkeit sahen, dem Zuschauer die First-Person-Prämisse immer wieder vor Augen zu führen. Weil das Zielpublikum womöglich eine geringe Aufmerksamkeitsspanne hat oder man davon ausgeht, dass der Film irgendwo in Häppchen rezipiert wird. Oder schielt man gar schon auf die Fernsehauswertung und will sicherstellen, dass auch der unbescholtene Zapper, der irgendwo oder -wann mittendrin reinstolpert, spätestens nach 20-30 Sekunden begriffen hat, wie der Film funktioniert. So oder so ist das auch irgendwie traurig und hat eben mehr mit nicht sehr intelligenten Unterhaltungskonzepten zu tun - und eher wenig mit dem Medium Film.

Lady in the Lake war jedenfalls selbst im Prozess des kläglichen Scheiterns irgendwie noch viel spannender.



Mitte April in Cinemania 148:
A Bigger Splash (Luca Guadagnino), Chevalier (Athina Rachel Tsangari), Ein Hologramm für den König (Tom Tykwer), Die Poesie des Unendlichen (Matthew Brown) und Triple 9 (John Hillcoat)