Anzeige:
Die Box




16. Juni 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Die Lügen der Sieger (Christoph Hochhäusler)
Die Lügen der Sieger (Christoph Hochhäusler)
Bildmaterial © Martin Menke
Die Lügen der Sieger (Christoph Hochhäusler)
Die Lügen der Sieger (Christoph Hochhäusler)


Die Lügen der Sieger
(Christoph Hochhäusler)

Deutschland / Frankreich 2014, Buch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer, Kamera: Reinhold Vorschneider, Schnitt: Stefan Stabenow, Musik: Benedict Schiefer, Szenenbild: Renate Schmaderer, Casting: Ulrike Müller, mit Florian David Fitz (Fabian Groys), Lilith Stangenberg (Nadja Koltes), Horst Kotterba (Hannes Hubach), Ursina Lardi (Karina von May), Avred Birnbaum (Carlo Bühler), Jakob Diehl (Schütte), Cornelius Schwalm (Günther), Tilo Werner (Joker), Gottfried Breitfuß (Nailly), Volker Ranisch (Gassen), Irina Potapenko (Fr. Kodolski), Christiane Paul (Heike), 108 Min., Kinostart: 18. Juni 2015

Fabian Groys (Florian David Fitz), der investigative Reporter eines Nachrichtenmagazins namens »Die Woche« (das uns auch dann seltsam vertraut vorgekommen wäre, wenn Regisseur Hochhäusler nicht im Nachspann der Hauptstadtredaktion des Spiegels gedankt hätte) ist einer heißen Story auf der Spur, als ihm sein Chef die Voluntärin Nadja (Lilith Stangenberg) anvertraut – mit einer Titelstory der »Bild«, die ihm »sehr interessant« erscheint, schickt Fabian sie nach Gelsenkirchen, um einen Todesfall im Löwengehege des Zoos zu recherchieren. Doch während bei seinem Fall der Informant wegbleibt, wird die Sache mit der Zwischenmahlzeit von »Kimba« zunehmend interessanter – besonders dadurch, dass auch diese Geschichte mit der Bundeswehr in Zusammenhang zu stehen scheint.

Der beinahe mainstreamtaugliche Polit-Thriller im Gefolge der Paranoia-Filme der 1970er (insbesondere an die Watergate-Geschichte in All the President's Men – dt.: Die Unbestechlichen – fühlt man sich mehrfach durch Motive und Handlungselemente erinnert) zeichnet sich dadurch aus, das Hochhäusler einerseits mit den obligatorisch wirkenden Elementen solcher Filme spielt, gleichzeitig aber auch eine ganz eigene hochmoderne gesellschaftspolitische Geschichte erzählt und dem ganzen seinen ganz persönlichen Stempel aufdrückt.

So könnte etwa das unfreiwillige Recherchepaar ein lupenreines Liebespaar abgeben, aber auch, wenn es mal eine Parallelmontage in zwei Hotelzimmern gibt, bei der man auf eine Split-Screen à la Pillow Talk oder When Harry met Sally lauert, interessiert den Regisseur die Chemie zwischen seinen Hauptdarstellern scheinbar kein Stück. Statt einer herkömmlichen Sexszene sieht man sie lieber beim gemeinsamen Abfassen der großen Titelstory (ganz wie damals Redford und Hoffman als Woodward und Bernstein), wobei die Kamera (ein wiederkehrendes Bild) immer wieder hin und her fährt und mit Unterstützung der Montage quasi ein intellektuelles »Rein-Raus« inszeniert.

Und selbst, wenn sich Hochhäusler hier und da mal den Konzessionen beugt, hat er immer noch einen Hintergedanken dabei. Dieses bis zuletzt durchdachte Konzept habe ich bei Unter dir die Stadt etwas vermisst – auch wenn die beiden Filme sich im Nachhinein eigentlich gut ergänzen und man stark damit rechnet, dass im nächsten Film dann eine echte Überraschung folgen könnte.

Mindestens so interessant wie die beiden Hauptfiguren sind aber die Figuren, die – größtenteils ohne direkten Kontakt zu den »Helden« – im Hintergrund agieren. Drahtzieher, deren Namen man meistens höchstens aus dem Nachspann erfährt, die über schwarzweiße Überwachungsbilder und Computer mit Eigenleben oft unbewusst »dabei« sind und genau aufpassen, was die beiden Reporter so herausbekommen. Um ihnen einenSchritt voraus zu sein.

Dies sind die Momente, wo der Film die Intelligenz seines Publikums fordert, wobei hier vieles ungesagt bleibt, während anderswo vieles überdeutlich betont wird. Etwa die Blutzuckermessungen Fabians – seine Diabetes gesellt sich zu den anderen Gefahren wie den Hintermännern, seinem Porsche oder seinen Spielschulden.

Mindestens so spannend wie die Geschichte sind hier Kamera und Schnitt. Reinhold Vorschneider (Der Räuber, Im Schatten, Nachmittag, Madonnen) arbeitet mit unterkühlten Bildern in einem technisch wirkenden Blau (inklusive jeder Menge Flares) und lässt die Kamera in seltsam ziellos wirkenden Schwenks und Fahrten fast ein Eigenleben entwickeln, während Cutter Stefan Stabenow (Schläfer, Der Preis) mal mit Jump-Cuts für zusätzliche Anspannung sorgt, dann durch eingeschnittene Schnipsel das Innenleben der Figuren offenbart oder auch einfach mal in längeren Montagestrecken Berlin-Impressionen zeigt und dabei ganz offensichtlich mit voller Absicht keiner nachvollziehbaren Topographie der Stadt folgt, sondern ebenfalls hin- und herspringt und das Umfeld dadurch undurchdringlich erscheinen lässt wie die Bemühungen der Lobbyisten hinter den Kulissen der Recherche.

Um von einem hochinteressanten, aber für die Masse komplett indiskutablen Kino zu einem qualitativ nicht beschränkten, aber zugänglicheren Film zu springen, brauchte Hochhäusler nur einen Film – und der Unterschied ist gar nicht mal so auffällig. Interessant wird es, wenn man diese Verlaufskurve mit den letzten fünf oder so Filmen von Christian Petzold vergleicht, der nahezu unmerklich ebenfalls sein Publikum vergrößerte, sich dabei aber weitaus mehr Zeit ließ. Welcher Weg der bessere war oder ist, wird sich aber erst nach den nächsten paar Filmen zeigen. Werden beide die Tendenz beibehalten? Wie schnell überschreiten sie den Zenit? Es gibt nur wenige deutsche Regisseure, deren Karriere aktuell interessanter ist bei diesen beiden gar nicht unähnlichen Stilisten, die sowohl Technik als auch Emotion meistern.