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Die Box




14. Dezember 2009
Ronald Klein
für satt.org

 Station B11

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  Me Raabenstein: Esk
Me Raabenstein: Esk
» myspace


Me Raabenstein: Esk

Eben noch veröffentlichte der Berliner „nonine-records“-Label-Betreiber die Scheibe „XVI Reflections On Classical Music“. Auf dem Sampler offerieren befreundete Musiker ihre persönliche Sicht auf die Fusion von Klassik und elektronischer Musik. Im weitesten Sinn setzt hier auch Raabenstein selbst an. Wenn auch deutlich subtiler. Zwar verheißt das Presse-Sheet einen Klang wie eine Jamsession von Pharoah Sanders mit George Duke, arrangiert von Steve Reich...Klappern gehört zum Geschäft. Namedropping auch. Allerdings besteht dabei die Gefahr, dass der Fokus von der eigentlichen Scheibe entschwindet. Das wäre bedauerlich, denn Me Raabenstein beschert dem Hörer etwas wirklich Eigenes, wenn auch nicht gerade leicht verdauliches. Auch wenn Schönberg dereinst überzeugt war, dass seine Musik wenige Jahrzehnte später von Leuten auf der Straße gepfiffen würde, erwies sich die 12-Ton-Musik als zu komplex für tradierte Hörgewohnheiten. Genauso wenig wird Raabensteins Kammermusik-Dub die Tanzflächen füllen. Aber darauf ist er auch nicht ausgelegt. Selbst wenn der Rhythmus etwas hektischer, nervöser wird, strahlt die Platte aufgrund ihres intelligent eingesetzten Minimalismus in den Arrangements eine überlegene Ruhe aus. Um so stärker erfolgt die Konzentration auf die Lyrics, gesprochen von Mark Gisbourne. Dessen warme Stimme funktioniert dann auch als Türöffner für all jene, die zu den eigenwilligen Dub-Rhythmen Raabensteins nicht sofort einen Zugang finden. Faszinierende Scheibe mit großem Entdeckungspotential.


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  The Antlers: Hospice
The Antlers: Hospice
French Kiss/ALive


The Antlers: Hospice

Hieß die letzte Platte noch „New York Hospital“, verschlägt es die Band um das Brooklyner Mastermind Peter Silbermann nun ins Hospiz. Das klingt nach letzter Begleitung, dem Weg ohne Wiederkehr. In der Tat formuliert Silbermann, dass die Entstehung der Platte dem Gefühl der Pflege eines Todkranken gliche: „Du hast nicht das Recht mit ihm zu diskutieren, denn er ist derjenige, der stirbt und leidet“. Selbst wenn der Sterbende ausfallend werde, schlucke man dies stillschweigend. Analog geht es beim Hören. Die ersten Songs klingen nach dem typisch weinerlich Falsett-Indie-Rock, wie es ihn in der Vergangenheit viel zu oft gab. Man möchte Silbermann in den Arm nehmen oder ihn einfach mal zu einer Party einladen. All die Dinge, die bisher offensichtlich zu kurz kamen. Doch im Laufe des Albums stilisiert sich heraus, dass „Hospice“ mehr als nur tränendrüsenaffin ist. Spätestens mit der (für Antlers-Verhältnisse) beschwingten Abgehnummer „Bear“ tritt so etwas wie Wohlfühlen ein. Man zieht die vergilbten Vorhänge beiseite und helle Sonnenstrahlen fallen über den Hudson River ins Hospiz. Auch das flächige, verträumte „Thirteen“ hebt sich ebenso angenehm vom tristen Anfangseindruck ab. Den wahren Höhepunkt bildet das knapp zehnminütige „Wake“, das mit einem stillen, regelrecht dahin getupften Rhythmus am Anfang den Hörer auf eine Reise in das Hospiz, quasi im Hospiz nimmt. Die Songs folgen einer echten Dramaturgie. Darauf sollte man sich einlassen.


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  Bodycode: Immune
Bodycode: Immune
Spectral sound/Rough Trade


Bodycode: Immune

Das amerikanische Label Spectral Sound steht für den Detroiter House-Sound. Dieser klingt beim Wahlberliner Alan Abraham dann auch des öfteren an. Geboren in Südafrika und aufgewachsen in Portugal, besaß sein letztes Album „The Conservation of Electric Charge“ (2006) deutlich mehr Tribal-Einschlag. So schlug sich der Einfluss Berlins, der Minimal-Hauptstadt, auch auf Bodycode nieder. Trotzdem versteht der Klangingenieur Berlin, Detroit, Old-School-House und moderne Einflüsse zu einer eigenwilligen Melange zu vermengen, die besonders in den Tracks mit Vocals („What Did You Say“ und „Imitation Lover“) ihre Stärken entfaltet. „Immune“ erfindet das Rad nicht neu, aber zählt zu den stärkeren Veröffentlichungen im Bereich der elektronischen Tanzmusik.


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  Mark Knopfler: Get Lucky
Mark Knopfler: Get Lucky
Mercury/Universal


Mark Knopfler: Get Lucky

Sich selbst lebendiger Stereotype zu überführen scheint einfacher als gedacht. Kaum die neue Knopfler-Scheibe in den CD-Player gelegt, schweift der Blick Richtung Bar. Steht dort noch ein Single Malt? Vielleicht ein 18-jähriger Talisker, dessen Abgang eine pfeffrige Note besitzt? Seufz, schlimmer geht‘s nimmer! – Zwar stammt Mark Knopfler aus Schottland, doch auch „Get Lucky“, seine mittlerweile sechste Soloscheibe, verweigert sich den typischen Klischees. Bereits das Eröffnungsstück „Border Reiver“ beschreibt die komplizierte soziale Lage eines LKW-Fahrers Ende der 60er Jahre. Knopfler lebte zu der Zeit unweit der Albion-Lastwagenfabrik in Glasgow. Der Song schlägt inhaltlich eine Brücke zum Titelstück „Get Lucky“, das aus der Ich-Perspektive eines Schaustellers erzählt, der sich im Sommer als Erntehelfer durchschlägt. Nordengland und Schottland besitzen nicht nur ein raues Klima, das gern in kitschigen Mitschunkelliedern besungen wird, sondern eben auch eine kontinuierlich schlechte wirtschaftliche Lage, die sich kaum zum Romantisieren eignet. Umgekehrt verzichtet Knopfler darauf, seine Protagonisten vorzuführen oder zu instrumentalisieren. Schließlich lernte er, bevor er mit den Dire Straits Weltkarriere machte, den Journalismus von der Pike auf. Nach einer mehrjährigen Tätigkeit bei verschiedenen Tageszeitungen wurde er schließlich Journalismusdozent am College. Analog dazu taugt er jetzt als Blaupause für Lyrics, die wie eine kleine Reportagen funktionieren. Lebendig, mit Blick fürs Detail. Begleitet von Arrangements, die Knopflers ganz eigenes Verständnis von Blues und Folk freilegen: an Traditionen anknüpfend, ohne diesen auf den Pfad (vergangener) Geschichte zu folgen. So finden sich zwar die Fiedel, ebenso wie Akkordeon in den Songs. Aber es dominiert klar Knopflers Gitarrenspiel, das er nach wie vor ohne Plektrum absolviert. Die elf Songs atmen Authentizität, die sich in den Linernotes widerfindet: Knopfler erklärt die Entstehungsgeschichten der einzelnen Tracks, die zusammen ein fesselndes Album ergeben. Ein schöneres Geschenk als diese Platte hätte sich der Maestro zum 60. Geburtstag nicht machen können.


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