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Die Box




1. Juli 2009
Ronald Klein
für satt.org

 Station B08

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  Alva Noto & Ryuichi Sakamoto & Ensemble Modern: Utp
Alva Noto & Ryuichi Sakamoto & Ensemble Modern: Utp
Raster Noton
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Alva Noto & Ryuichi Sakamoto & Ensemble Modern: Utp

Die bisherigen Kollaborationen des bildenden Künstlers und Elektronikmusikers Carsten Nicolai aka Alva Noto mit dem japanischen Pianisten und Komponisten Ryiuchi Sakamoto führte die digitale Laptop-Ästhetik mit verträumten Flügelklängen zusammen. Die für Alva Noto sehr eingängigen Alben "Vrioon", "Insen" und "Revep" stehen bei der aktuellen Veröffentlichung nur insofern Pate, dass auch "Utp" auf faszinierende Weise Neue Musik und Elektronik zusammenführt. Auf Einladung Mannheims setzen sich die Musiker anlässlich des 400. Stadtjubiläums mit den kompositorischen Innovationen der sogenannten Mannheimer Schule auseinander. Dieser Musikerkreis, der sich aus der Hofkapelle Karl Theodors zusammensetzte, gilt als Wegbereiter für die spätere Wiener Klassik. Dabei wandten sich die Komponisten vom Pathos ebenso ab und ließen die Harmonik dem Melodieverlauf folgen. An dieser Stelle knüpfen Alva Noto, Sakamoto und das Frankfurter Ensemble modern an. Heraus kam ein beeindruckendes Werk: "Utp" stellt ein stilles, sehr reduziertes Album dar, dessen beeindruckende Schönheit sich langsam erschließt und sich klangästhetisch deutlich von den Vorgängerwerken unterscheidet.


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  Großraumdichten: An Grauzonen vorbei
Großraumdichten: An Grauzonen vorbei
CD + Buch, Sprechstation Verlag
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Großraumdichten: An Grauzonen vorbei

„Immer auf der Suche nach einem Satz, der mehr sagt als du weißt...“ beschrieb Jörg Fauser in seiner Erzählung „Alles wird gut“ die Disposition des Schriftstellers. Fauser, wie auch sein größter Bewunderer Charles Bukowski, verachtete die verquast-verkopfte etablierte Literatur seiner Zeitgenossen. Das Beschreiten des Weges fernab der hegemonialen Ästhetik des Kulturbetriebs beschert Missachtung durch die Medien und Verachtung seitens der Kritikerpäpste. Aber eben auch eine Handvoll Anhänger, die es schätzen, nicht die Wiederholung des Ewiggleichen, Vorhersehbaren zu erleben. Genau diese Eigenschaft zeichnet das Projekt Großraumdichten aus, denen gekonnt eine Schnittstelle zwischen Spoken Word Literatur und elektronischer Musik gelingt. Seit fünf Jahren touren Pauline Fueg, Tobias Heyel und der Musiker Ludwig Berger durch die Lande und schlagen bei den mittlerweile sehr gut besuchten Poetry Slams auf. Während die meisten dieser Veranstaltungen inzwischen eher an Stand-Up-Comedy-Events erinnern, vermeiden die Drei harmlos-kurzweilige Lustigkeit und legen den Schwerpunkt glücklicherweise nicht auf „Slam“, sondern auf die Poesie. Somit handelt es sich nicht um die Wiedergabe erlebter oder ausgedachter Geschichten, die letztlich nur auf eine Pointe hinauslaufen. Alltagsgeschichten eröffnen Räume, in denen die Worte, die Gedanken abdriften, schließlich Traumwelten betreten, um dann über Konsumkritik sogar akustische Roadmoviesequenzen zu erzeugen. Aus der Slamszene heben sich Großraumdichten deutlich heraus, mit dieser Form der, nennen wir es: konkreten Poesie. Auch die Gleichbehandlung von Wort und Klang gelang bisher nur wenigen Künstlern wie beispielsweise Kai Grehn und Alva Noto in gemeinsamen Kollaborationen. Ludwig Berger kreiert Soundlandschaften, die mal leicht knarzige Dissonanzen, dann wieder richtige Beats beherbergen, sich aber auch oft zurücknehmen, in den Hintergrund treten. Als klanglichen Körper integriert sich Fuegs Stimme, insbesondere wenn sie angeekelt die noch immer vorherrschende verstaubte Zufriedenheit beschreibt. „Ich bin kein netter Mensch, ich bin Schriftsteller“, schätzte sich Jörg Fauser ein. Als künstlerisch kompromissloser Autor hätte er an diesem Projekt seine helle Freude gehabt.


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  Peter Broderick: Falling from Trees
Peter Broderick:
Falling from Trees

Erased Tapes
» myspace


Peter Broderick: Falling from Trees

Aus Portland / Oregon stammt der gerade mal 21-jährige Peter Broderick, der die Gäste seiner MySpace-Seite mit dem Satz “My Name is Peter and I like to play music” begrüßt. Wer annimmt, dass sich die Jugendlichkeit und das bewusst Profane des Begrüßungssatzes in der Musik widerspiegeln, sieht sich getäuscht. Broderick erschafft sehr reife, pianobasierte Kompositionen. Sein zweites Album bildet den Soundtrack zum gleichnamigen Film, in dem die Regisseurin Adrienne Hart mit vier Tänzern die Einlieferung und Behandlung eines Mannes in einer psychiatrischen Einrichtung darstellt. Die sieben instrumentalen Stücke funktionieren auch unabhängig von der Choreographie. Dezente Violinklänge ergänzen Brodericks Pianospiel, das selbst in seinen leisen, melancholischen Stellen mit einer kraftvollen Intensität aufwartet, die die außergewöhnliche Begabung des Amerikaners offenbart. Ein fesselndes, bewegendes und zugleich wirklich schönes Album!


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  Louderbach: Autumn
Louderbach: Autumn
Minus/Alive
» myspace


Louderbach: Autumn

Der Modedesigner Troy Pierce begann 1994 seine Karriere als DJ, Musiker und gefragter Remixer für Künstler wie Ellen Allien. Im Gegensatz zum letzten Album „Enemy Love“ (2006) zogen Veränderungen ins Klangkonzept ein: weniger Kompatibilität mit dem Dancefloor, dafür stärkerer Fokus auf die Vocals, für die sich Gibby Miller verantwortlich zeigt. Miller agierte früher in der Bostoner Hardcoreszene. Als Konstanz bei Louderbach erweist sich die beklemmende Grundstimmung, die Pierce durch den Einfluss dunkler Wintertage in Berlin erklärt. Als Kontrapunkt zu dem Urbanen, die die Beats implizieren, zeigt das Cover einen nächtlichen Waldboden, auf dem ein in Weiß gekleideter weiblicher Körper liegt. Techno scheint in die Jahre gekommen. Das Hedonistische der 90er weicht einer skeptischen Melancholie. Zum Glück überschreitet nur die optische Gestaltung die Grenze zum Kitsch – das Cover wirkt in der Tat wie die Rezeption romantischer Motive (Nacht! Natur! Vergänglichkeit!) durch die Brille des Mainstream-Gothics. Das leichte Naserümpfen macht jedoch die Musik komplett wett. Ein intelligenter Ausweg aus der Gasse, in die Minimal zuletzt gekommen schien. „Autumn“ überschreitet nicht nur Stilgrenzen, sondern ignoriert sie einfach. Somit entstand ein Album, das weit über die Genregrenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgen wird.


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  Brett Dennen: Hope for the Hopeless
Brett Dennen:
Hope for the Hopeless

Dualtone/Cooperative/ Universal
» brettdennen.net
» myspace


Brett Dennen: Hope for the Hopeless

Viel zu lange bestand der Singer-/ Songwriter-Nachwuchs aus unsäglichen Heulbojen mit Texten, die sich für das Poesiealbum eignen, aber beim Anhören die Schamesröte ins Gesicht treiben. Zuletzt erschien jedoch eine Vielzahl durchgängig spannender Veröffentlichungen, in die sich „Hope for the Hopeless“ anstandslos einreiht. Der Albumtitel ist Programm. Bereits der Opener „San Francisco“ versprüht nicht nur positive Energie, sondern besitzt regelrechten Groove, der sich konsequent durch alle elf Songs zieht, die nicht nur exzellente Kompositionen darstellen, sondern mit Soul- und Rockanleihen viele Zugangsmöglichkeiten eröffnen, die aber nicht in Gefällig- oder Beliebigkeit abgleiten. Dennens Talent fiel auch TV-Produzenten auf, die seine Songs für Fernsehserien wie „Dr. House“ oder „Grey’s Anatomy“ verwendeten. Nichtsdestotrotz handelt es sich um authentische Musik, die dazu beiträgt, den Folk aus der Nerd-Ecke herauszukatapultieren.


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  Janosch Moldau: Motel Songs
Janosch Moldau:
Motel Songs

Janosch Moldau Records Ltd.
» myspace


Janosch Moldau: Motel Songs

Der höchste Kirchturm der Welt steht in Ulm. Das ist den wenigsten bekannt. Überhaupt zaubert man nicht so ohne Weiteres massig Assoziationen mit der 120.000-Einwohner-Stadt an der Donau aus dem Hut. Vielleicht inspiriert die Abgeschiedenheit und Normalität fernab der hiesigen Musikmetropolen, denn mittlerweile hat sich Janosch Moldau dort niedergelassen und sein zweites Album eingespielt. Die süddeutsche Gemütlichkeit fand jedoch keinen Niederschlag in den elf Songs. „This is a mournful journey“ verspricht die Rückseite des Covers. In der Tat klingt das Album nach einem einsamen Trip, der ebenso im Auto wie auch in einem leeren Regionalzug stattfinden kann, während aus dem schwarzen Nachthimmel Regentropfen an die Scheiben peitschen. Die Reise kann aber auch im Innenraum, in geschlossenen Wänden vollzogen werden. Als roter Faden zieht sich das musikalische Motiv des Verlorenseins durch. Die Melancholie weicht nur bisweilen einer gewissen Larmoyanz. Spannend jedoch die Arrangements, die irgendwo zwischen Elektropop und Rock pendeln und sich bewusst weder für das eine noch das andere entscheiden. Dieses komplementäre Konzept spiegelt sich auch in den Fotos wider, in denen die männliche und weibliche Seite des Musikers zum tragen kommt. „Motel Songs“ gibt sich bewusst gefühlsbetont. Trotzdem bleibt ein unfertiger Eindruck. Während die Arrangements Spannungsräume eröffnen, wirken die Texte, denen das Poetische fehlt, dem Verlangen das Album durchzuhören, entgegen.


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