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Die Box




19. März 2009
Ronald Klein
für satt.org

 Station B07

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  Joris J:
Fabrikation von Konsens

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Joris J: Fabrikation von Konsens

Ein unheilvolles Flirren erfüllt den Raum, bald begleitet von einem bedrohlichen Knarzen. Die ersten Minuten dominiert eine nervöse, aufgeladene Stille. Es sind diese Momente, die das Herz pulsieren lassen, in denen der kalte Schweiß auf die Stirn tritt und die Blicke unruhig hin und her wandern. Noch scheint unklar: Existiert eine reale Bedrohung? Im Auftakt-Track der neuen Joris-J-EP entlädt sich das Gefühl der Gehetztheit im Klang einer Schreibmaschine, die gleichzeitig wie der Tritt von marschierenden Stiefeln wirkt. „Profit Direction“ heißt bezeichnenderweise das Stück. Angst, entfremdete Arbeit, Profit und Krieg liegen assoziativ in diesen ersten Minuten. Daran schließt „Advertisement“ an. Eine Werbeunterbrechung? Somit alles nur ein schlechter Film? Liegt der Grusel nur in der medial inszenierten Realität? Danach fragt „News Sources“. Die Antwort liegt mit den abschließenden Stücken „Flak“ und „Ideology“ auf der Hand: Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer. Denn Ideologie, die Richtung des Profits und letztlich auch der Einsatz von Waffen stehen in unmittelbarer Verbindung. „Fabrikation von Konsens“ ist ein von Noam Chomsky geprägter Terminus, der die Ausbreitung neoliberaler Strategien beschreibt. Obwohl niemand mit der Entwicklung einverstanden scheint, wirkt die Globalisierung alternativlos, was schließlich die (schweigende) Affirmation legitimiert. Der Berliner Joris J erzeugt auf seinem reifsten Werk rein instrumental eine dichte Beschreibung aktueller Diskurse. Er kreiert mit den im Frühjahr 2008 entstandenen Stücken den beklemmenden Soundtrack zur Finanzkrise und hinterfragt gleichzeitig das große Ganze. Neben Chomskys Theorie schwebt ebenso Adornos Formel mit: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Auch musikalisch hätte Joris J den Altmeister der Frankfurter Schule, dem bereits Mozart und Jazz als zu gefällig erschienen, fasziniert: ursprünglich aus dem Industrial kommend, findet der Berliner eine Nische irgendwo zwischen der Ästhetik der Musique Concrete und der klanglichen Innovation Coils: beeindruckend!


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  Subraum Katzen: Träume in dunklen Farben
Subraum Katzen:
Träume in dunklen Farben

Timezone/Rough Trade
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Subraum Katzen: Träume in dunklen Farben

Aus Basel stammt die junge Band mit dem ungewöhnlichen Namen. Doch um anschmiegsame Haustiger, die schnurrend um die Beine des Gastes scharwenzeln, handelt es sich mitnichten. Die Subraum Katzen zerkratzen einfach dein Gesicht! Sängerin Helena gibt sofort die Richtung vor: Mit feenhafter Stimme singt sie über den essenziellen Schmerz, der sich im Cutting entlädt. Das autoaggressive Zufügen von Wunden und Schmerzen als Ausdruck einer ewigwährenden Verzweiflung. Stimmungsmäßig im Keller, aber musikalisch up to date: zwischen reduziertem EBM, bei dem DAF als Referenzgröße mitschwingt, und modernem Rock begeistert die Band mit einer spannungsreichen Dissonanz zwischen Text und Musik. Anders als vergleichbare Berliner Bands, die mit Electroclash operieren, verzichtet die Schweizer Format auf aufgesetzt ironische Elemente: Man hat keine Freude an der Welt und singt unverblümt davon. Das offene Zuschaustellen der eigenen Fragilität verschwand nach dem Grunge aus der populären Musik und wurde ersetzt durch den Anschein der coolen Unverletzlichkeit. Die Subraum Katzen konterkarieren diese Ästhetik und fabrizieren außerdem lässig entrückte Musik, der sie düstere Filmsamples beifügen. Spannend und ungewöhnlich!


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  Magenta: Art and Accidents
Magenta: Art and Accidents
Plastic Head / Soulfood
» myspace


Magenta: Art and Accidents

Knapp nach der Jahrtausendwende veröffentlichte die norwegische Formation ihr letztes reguläres Album auf konventionellem Wege, bevor sie zuletzt einen Schritt ging, den bereits auch Radiohead tätigten: die rein digitale Vermarktung des Albums als Download in Verbindung mit einem frei zu bestimmenden Obolus durch den Fan. Nun liegt mit „Art and Accidents“ nicht nur ein physischer Tonträger, sondern ein kleines Meisterwerk auf CD vor. Denn was unter dem Begriff „Gothic Rock“ firmiert, entlädt ein Feuerwerk an eingängigen Melodien, die rockige und elektronische Elemente enthalten. Mastermind Andreas Odden spielt in der Live-Formation der innovativen Metal-Legende Celtic Frost, bei den Black-Metallern Satyricon und den Future-Poppern Apoptygma Bezerk. Diese faszinierende Vielfalt spiegelt sich durchaus auf der Platte wider, die musikalisch beileibe in keine Schublade passt. Das einzig Verbindende stellt der Ohrwurmcharakter jedes einzelnen Tracks dar. Mit modernen Gothicbands haben Magenta wenig gemein, die schnelleren Passagen erinnern eher an die Post-Punk-Phase des frühen Goths. Durch die Kollaboration mit den Punk-Kollegen von Gluecifer und den Apoptygma-Bezerk-Kumpels, die die Elektronik veredeln, bleibt der Sound modern und eingängig. Dabei umschiffen Magenta geschickt die Untiefen, in denen sich Pop mit Gefälligkeit vermischt. Trotzdem zaubern sie auf diesem Album mit leichter Hand eine ganze Armada an Pophymnen, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Elegant!


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  Neil Diamond: Home Before Dark
VINYL-SPECIAL:
Neil Diamond:
Home Before Dark

SonyBMG


Neil Diamond: Home Before Dark

Bereits 2008 erschien Neil Diamonds zweite Zusammenarbeit mit dem Produzenten Rick Rubin: “Home Before Dark”. Immer wieder verschoben, liegt nun endlich die um zwei Songs erweiterte Ausgabe im schweren 180-Gramm-Doppel-Vinyl-Format vor. Rubin, der in den 80er Jahren HipHop-Größen wie die Beastie Boys, LL Cool J oder RUN DMC produzierte und in den 90ern sein Repertoire um Slayer erweiterte, schuf mit den „American Recordings“ eine kleines Meisterwerk in Serie, das Johnny Cash eine sagenhafte Alterskarriere verschaffte. Dabei entschlackte er den Sound des „Man in Black“ radikal und reduzierte ihn auf das Wesentliche: Cashs eindringliche Stimme und seine Gitarre. Eigenkompositionen wie auch eigenwillige Interpretation Fremdmaterials (u.a. Depeche Mode, Nine Inch Nails und eben Neil Diamond) dringen in einer unvergleichlichen Intensität aus den Boxen. Ein ähnliches Resultat realisierte mit Neil Diamond 2006 („12 Songs“). Diamond arbeitete in den frühen 60er Jahren vorwiegend als Songschreiber. Seine Kompositionen fanden sich u.a. im Repertoire der Monkees, später interpretierten ihn auch Roy Orbison, Elvis Presley, Frank Sinatra oder Daliah Lavi. Seinen größten Hit landete der New Yorker bezeichnenderweise mit einer Coverversion („He Ain’t Heavy, He’s My Brother“, 1970). „Home Before Dark“ bescherte Neil Diamond sein erstes Nummer-Eins-Album. Die Faszination von Neil Diamonds neuen Songs liegt nicht nur darin begründet, dass Diamond noch immer ein begnadeter Songschreiber ist, sondern ist auch der Tatsache geschuldet, dass Rubin es vermag, seinem Schützling Autorität zu verleihen. Die Songs, die sich um Abschied, persönlichem Unvermögen zum Zwischenmenschlichen, überhaupt das Unperfekte handeln, kommen in einer – man sucht lange nach einem starken Wort wie – Wahrhaftigkeit daher, das einen Schwindeln lässt. Keine Sperenzchen, kein Drumherumreden – all die Spielchen sind vorbei. Eine außergewöhnliche Platte, deren Hörgenuss am Besten von einem guten Scotch begleitet wird. Neben den zwei Coverversionen enthält die Vinylausgabe außerdem einen Gutschein zum kostenlosen MP3-Download des Albums.


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  EZ3kiel: Battlefield
EZ3kiel: Battlefield
Jarring Effects / Alive
» ez3kiel.com


EZ3kiel: Battlefield

Die französische Formation EZ3kiel feiert in diesem Jahr bereits ihr 15-jähriges Bestehen. Seit mehr als zehn Jahren veröffentlicht das Trio aus Tours in regelmäßigen Abständen Alben, doch in der deutschen Musikpresse kamen sie bisher kaum vor. Der Grund dafür mag weniger in der fehlenden Virtuosität oder Originalität liegen, denn von beidem besitzen EZ3kiel beeindruckend viel. Aber die Einordnung ihrer Musik gestaltet sich mehr als schwierig. Sämtliche Etiketten wirken absolut unpassend. So stiftet auch das der Promo-CD beiliegende Presseinfo lediglich Verwirrung: „Babylon“ und eine „biblische Entwicklung“ kommen darin vor. Nanu, Missionarsmusik? Mitnichten. Denn während normalerweise findige PR-Alleskönner die Pressetexte bereits so geschickt formulieren, dass der faule Rezensent die schönsten Beschreibungen einfach nur noch übernehmen muss, fehlt hier jegliche Information zum Charakter der Musik. Nach einer derart langen Einleitung, die den außergewöhnlichen Charakter EZ3kiels beschreibt, soll es an musikalischen Eindrücken nicht mangeln. Die Franzosen agieren fast ausschließlich instrumental, einige wenige Sprachsamples verirren sich auf die CD. Zwar besteht das Album aus elf einzelnen Tracks, aber sinnvoller ist es, das übergreifende Element zu begreifen. Fast sinfonisch schraubt sich eine beeindruckende Melange aus Postrock, Dub, experimenteller Elektronik, jazzartigen Versatzstücken in die Gehörgänge. Bis zum siebten Stück bleibt das Schlachtfeld eine grobe Idee. Erst mit „Alignment“, dem einzigen Track mit wirklichem Songcharakter, transformieren sich die bisherigen Motive in einen Songtext, der mittels Sprechgesang dargeboten wird und im weitesten an den trippigen Sound der Bristol-Bands wie Massive Attack erinnert. Aus dem Clubsound erwächst wieder das verträumte Gitarrenspiel mit Glockenklang, um kurz vor Schluss in einem brutalen Speed-Core-Inferno unterzugehen. Was darauf folgt, ist Musette-Musik, unterlegt mit dem Rascheln und Knistern von Papier. Doch damit hat die musikalische Reise noch lange keinen Abschluss gefunden. EZ3kiels aktuelles Album in Worte zu fassen, schmälert das von den Franzosen Geleistete ungemein. Diese Platte muss gehört, muss erlebt werden!


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  Dan Auerbach: Keep It Hid
Dan Auerbach: Keep It Hid
Nonesuch Records / V2 / Universal
» myspace


Dan Auerbach: Keep It Hid

Zusammen mit Schlagzeuger Patrick Carney performt Auerbach unter dem Bandnamen “The Black Keys” LoFi-Bluesrock, der gern mit den White Stripes verglichen wird, die ebenfalls als Duo agieren. Nach fünf Alben legt der aus dem Mittleren Westen stammende Dan Auerbach ein fulminantes Solodebüt hin. Drums, Keyboards, Gitarren und Percussion spielte das Multitalent im eigenen Studio in Akron/Ohio selber ein. Für weitere musikalische Akzente lud Auerbach Freunde und die Familie ein. So entstanden vierzehn bluesgetränkte Songs, die textlich wie musikalisch eine Neuinterpretation des Muttergenres des Pop enthalten. Blues galt zwar nie als unmodisch, jedoch zuletzt als sehr altbacken und hervorsehbar. Auerbach singt über Kriegsheimkehrer und die Armada der Obdachlosen, die längst aus dem Fokus der Öffentlichkeit rutschten. Das musikalisch Vorhersehbare, das dem Blues innewohnt, reichert Auerbach mit Countryanleihen, viel authentischem Soul und psychedelischen Elementen an. Im Gegensatz zum klassischen Blues besitzt die Platte Momente, in denen der Groove dominiert. Der Groove funktioniert als Allegorie für den Antrieb, der erklärt, dass es doch noch nicht an der Zeit ist, aufzustecken. Unheimlich facettenreiche Platte, die ebenso Auerbachs Songschreibertalent, wie auch seine Fähigkeit zur eigenwilligen, stets spannungsreichen Umsetzung demonstriert.


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  Pajaro Sunrise: Done / Undone
Pajaro Sunrise: Done / Undone
Lovemonk / Nova Media
» pajarosunrise.com


Pajaro Sunrise: Done / Undone

Das Debütalbum des spanischen Duos Pajaro Sunrise feierte die Presse vor zwei Jahren mit stehenden Ovationen. Schnell erspielten sich die beiden Musiker auch den Ruf, eine der besten Liveformationen der iberischen Halbinsel zu sein. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an das Zweitwerk, das als Doppelalbum erscheint. Die erste CD („Done“) reflektiert die Vergangenheit und bietet einen perfekten Auftakt. Die ersten drei, vier Songs erscheinen wie aus einem Guss. Der leise, melancholische Auftakt in Form von Folkpop par excellence steigert sich im dritten Song zu einem treibenden Beat und dem Einsatz elektrisch verstärkter Gitarren, um anschließend wieder in verträumte Harmonien zu verfallen, die sofort ins Ohr gehen und synästhetisch Bilder kreieren. Doch nach dem ersten Drittel kippt dieser Eindruck. Den Songs fehlt Abwechslung und auch ein roter Faden ist nicht zu erkennen. Warum beispielsweise die Coverversion des Springsteen-Klassikers „Hungry Heart“ in den Zyklus „Undone“ (das Kommende) gehört, erschließt sich nicht. Ohnehin strahlt „Undone“ etwas Unfertiges aus. Nicht in dem Sinne, dass die Musik über Ecken und Kanten verfügt: genau das hätte ihr gut getan. Statt dessen plätschert es perfekt produziert vor sich hin. Schleppender Rhythmus, eine bedächtig gespielte Gitarre und flehender Gesang, der schnell die Geduld strapaziert. Hier fehlt eindeutig ein Spannungsfeld, das die Aufnahme von 22 Songs rechtfertigt.


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  Hjaltalin: Sleepdrunk Seasons
Hjaltalin: Sleepdrunk Seasons
Haldern Pop Recordings / Cargo Records
» myspace


Hjaltalin: Sleepdrunk Seasons

Kaum kam die Finanzkrise ins Rollen, riss sie als erstes Island mit sich. Der Bankrott der hiesigen Banken mag an der Liquidität des Inselstaates Zweifeln lassen. Ohne Frage jedoch besitzt das kleine Land ein riesiges Kreativpotential an begnadeten Musikern. Hjaltalin legen dieser Tage ein furioses Debüt hin. Geküsst von den Elfen-Musen integrieren sie in die klassischen Rockarrangements aus Bass, Gitarre und Schlagzeug auch Fagott und Streicher. Klingt das Konzept des Septetts anfangs gewöhnungsbedürftig, so geht es bereits beim ersten Durchlauf spielerisch auf. Verspielte Melodien, eingängige Harmonien und das ungewöhnliche Arrangement verschmelzen zu einer organischen Einheit. An manchen Stellen überwiegt der folkige Charakter, während in manchen Liedern Kammermusik-Passagen erklingen. Da macht sich die klassische Ausbildung der einzelnen Protagonisten bezahlt. Denn eines entsteht nie: Langeweile. Ein fulminantes Erstlingswerk!


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