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Die Box




12. September 2009
Ronald Klein
für satt.org

 Station B09

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  Sieben: As They Should Sound
Sieben:
As They Should Sound

» matthowden.com
» myspace


Sieben: As They Should Sound

Erscheinen etliche der Songtitel von älteren Sieben-Alben bekannt, so handelt es sich doch mitnichten um ein Best-Of-Album, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Matt Howden pickte seine Favoriten der Performances aus den letzten zehn Jahren heraus und nahm sie eben in jenem Livegewand neu auf. Die Reduktion auf Stimme und Violine machen jedes Sieben-Konzert zu einem einzigartigen Erlebnis, dessen Atmosphäre sich tatsächlich auf CD bannen ließ. Die Faszination in Howdens Violinspiel entsteht durch die komplexe Verwendung des Instruments, das nicht nur gestrichen, sondern auch gezupft und ebenso als Percussion eingesetzt wird. Die zwölf Songs strahlen ebenso Intimität, wie auch Kraft aus. Der Titeltrack „As They Should Sound“ stellt eine der neuen Kompositionen dar und nimmt den Hörer sofort gefangen. Hypnotisch und gleichzeitig wärmend wie der Sonnenaufgang in südlichen Gefilden, gibt Howden damit die Richtung vor. Auch die Neuinterpretationen besitzen eine bisweilen tänzelnde Leichtigkeit, die den Songs gut zu Gesicht steht. Obwohl Howden seine Favoriten aus einer Dekade auswählte, klingt dieses Album organisch und wie aus einem Guss. Ein großes Geschenk für alle, die Siebens Liveperformances schätzen und ebenso faszinierend für jene, die noch nie etwas von dem außergewöhnlichen Engländer hörten.


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  Sunset Rubdown: Dragonslayer
Sunset Rubdown:
Dragonslayer

Jagjaguwar/Cargo


Sunset Rubdown: Dragonslayer

Ursprünglich diente das Projekt als Solo-Output Spencer Krugs, unter dem der Mastermind der kanadischen Bands Swan Lake und Wolf Parade seine Lo-Fi-Kreationen präsentierte. Mit der dritten Veröffentlichung „Random Spirit Lover“ wuchs Sunset Rubdown zu einer richtigen Band, jedoch fanden die Aufnahmen in unterschiedlichen Sessions statt. Das sollte diesmal komplett anders sein. Die Platte besitzt Livecharakter. Bereits der Opener „Silver Moon“ mit Keyboardklängen und einem eindringlichen Schlagwerk-Einsatz schraubt sich rasch in die Ohren. Erster Höhepunkt ist das ebenso dramatische wie furiose „Apollo and the Buffalo and Anna Anna Anna Oh!“. Auch das hypnotische „Swan Lake“ besitzt nicht nur klangliche Faszination, sondern offenbart das sympomatische und absolute gelungene Wechselspiel zwischen mitreißenden Arrangements und sehr eigenwilligen Lyrics: “There was a rumor of a ghost in the bedroom - hanging in and around the bed - but by the time the moon rose, you has taken off your clothes and had the pillow under your head. You got mascara all of the bed sheets! You got mascara all over your clothes! You got mascara making broken-hearted shapes on your face, and you have yet to see the ghost.” Die Platte braucht einige Durchläufe bis sich die gesamte Komplexität entfaltet. Aber wer dem eine Chance gibt, entdeckt eine der vielleicht spannendsten Veröffentlichungen dieses Sommers. Spencer Krug beschrieb „Dragonslayer“ als einen Freund, der beim Kennenlernen sehr bescheiden und nett wirkt. Je länger aber die Freundschaft dauert, umso durchgeknallter wirkt der Kumpan.


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  Son of the Velvet Rat: Animals
Son of the Velvet Rat: Animals
Monkey/Broken Silence
» myspace


Son of the Velvet Rat: Animals

Der Grazer Singer / Songwriter Georg Altziebler erweiterte sein musikalisches Konzept nach den letzten Alben “Playground” (2006) und „Loss & Love“ (2007). Die Melange aus alternativem Country und Folk durchsetzen mittlerweile Einflüsse aus Pop und progressivem Blues. Natürlich schlagen sich die neuen Facetten auch in der Instrumentierung nieder, konkret in Form von spanischen Bläsern, analogen Keyboards und zahlreichen Saiteninstrumenten. Altziebler betont, dass er sich nicht ausschließlich in der Tradition der klassischen amerikanischen Songwriter verorte. Vielmehr sieht er seine künstlerische Heimat ebenso im europäischen Chanson. So klingt „Animals“ auch weniger rau als sein direkter Vorgänger. Oftmals verspielt, sehr verträumt schweben die vierzehn samtigen Songs aus den Boxen. Ein perfekter Soundtrack für einen ausklingenden Sommer. „It’s the end of another / lazy summer day / airplane high in the sky / i know i can’t fly away“ singt Altziebler in „Fall with me“, das die Platte beschließt und den Hörer auf einen kurzen, aber sehr intimen Gleitflug mitnimmt.


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  Klaus Schulze feat. Lisa Gerrard: Dziekuje Bardzo (Live in Warszaw)
Klaus Schulze feat. Lisa Gerrard: Dziekuje Bardzo (Live in Warszaw)
DVD/SPV
» klaus-schulze.com
» lisagerrardmusic.com


Klaus Schulze feat. Lisa Gerrard: Dziekuje Bardzo

Die Ankündigung der Zusammenarbeit zweier Legenden löste 2007 hohe Erwartungen aus, die 2008 in der CD „Farscape“ und dem Konzertmitschnitt „Rheingold“ mündeten. Der Berliner Elektronikpionier Klaus Schulze veröffentlichte in den letzten knapp vierzig Jahren weit mehr als hundert Alben, während Lisa Gerrard erst mit Dead Can Dance und ab 1996 als Solokünstlerin Geschichte schrieb. Das Warschauer Konzert offenbart die Qualität beider Ausnahme-Musiker. Schulze fabriziert in seinem Klang-Laboratorium, bestehend aus mehreren Synthesizern, scheinbar spielerisch Klangflächen, die Gerrard mit sakral anmutender Stimmakrobatik und einer inzwischen perfektionierten Phantasiesprache begleitet. Die drei bisher unveröffentlichten Tracks verfügen über eine Spiellänge von mehr als hundert (!) Minuten. Beeindruckend, wie beide Künstler mittlerweile aufeinander eingespielt wirken, so dass auch die improvisierten Passagen auf DVD fesselnd wirken. Besonders die sperrigen Songs „Bazylika NSJ“ und „Godspell“ brauchen eine Weile, bis sich ihre Facetten in ihrer Komplexität entfalten. Als Zugabe enthält die DVD die Doku „In the Moog of Love“. Darin erläutern Gerrard und Schulze ihre musikalische Verbindung. Die ebenfalls erhältliche 3-CD-Box kommt noch mit einem zusätzlichen Konzert-Mitschnitt aus Berlin.


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  PCP: Lache und die Welt weint mit dir
PCP: Lache und die
Welt weint mit dir

Flavamatic/Rough Trade


PCP: Lache und die Welt weint mit dir

Der Engel auf dem Cover hebt seine Hand, um das darin befindliche Pulver in die Welt zu pusten. Klar, PCP stellt die Abkürzung für „Angel Dust“ dar. PCP-Mastermind Jaw bezeichnet im Mzee.com-Interview die Abkürzung zwar als Synonym für eine „leckere Droge“. Jedoch steht das Kürzel für „Projekt Chaos Punks“. Zwar scheint eine punkige Attitüde in den zwanzig Tracks durch, doch handelt es sich bei PCP um eine HipHop-Kollaboration aus Freiburg im Breisgau. Das Album hat jedoch nichts mit dem Flair der sonnigen Studentenstadt und glücklicherweise auch nichts mit der harmlosen Attitüde des unweit entfernten Stuttgarts zu tun. Lyrisch verzichtet das Album auf die bisweilen überstrapazierte Selbstreflexivität vieler HipHop-Kollegen. Stattdessen drückt die Platte Fassungslosigkeit gegenüber Lebensentwürfen zwischen Bausparvertrag und verstaubter Zufriedenheit in bürgerlichen Biographien aus. Doch im Gegensatz zu Rappern, die in ironiefreier Gesellschaftskritik in die Peinlichkeitsfalle tappen, besitzen die Freiburger ein sympathisches Augenzwinkern, das sich textlich im ausgestreckten Mittelfinger äußert und damit den perfekten Anti-Lemming-Soundtrack entwickelt. Natürlich liefert PCP keine Antworten, sondern formulieren im Sinne Nietzsches die Umwertung aller Werte, um daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Damit entwickelt das Projekt gekoppelt mit einer gehörigen Portion Misanthropie eine Eigenständigkeit, die auch nichts mit der Testosteron-Aggressivität des Berliner Gangsta-Raps zu tun hat. Die Vielfalt der Beats, begleitet von rockigen und souligen Elementen machen die Platte auch für Nicht-Hip-Hopper spannend.


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  Orcrist: We Come In War
Orcrist:
We Come In War

» myspace


Orcrist: We Come In War

Es gibt Momente, die fühlen sich an, als sei die Zeit stehen geblieben. „We Come In War“ versetzt den Hörer zurück in die Zeit Mitte der 90er, als Black Metal vor allem eins zu sein hatte: norwegisch. Jedoch stammen Orcrist aus Mailand und gründeten sich erst im Jahr 2000. Dennoch erinnern die schleppenden Rhythmen, der verzerrte Gesang und die klagende Gitarre vor allem an die kompositorische Hoch-Zeit Burzums. Dass Orcrist sehr Troll-affin scheinen, beweisen die zahlreichen Kollaborationen mit norwegischen Bands (u.a. Isvind, Beastcraft). Puristen mögen in „We Come In War“ die archaische Kompromisslosigkeit der Frühzeit des Genres erblicken. Jedoch fehlt die wirklich eigene Note, denn ästhetische Kristallinität lässt sich nicht allein damit legitimieren, „Underground“ oder „true“ zu sein.


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