Vaterland
(Paweł Pawlikowski)
Intern. Titel: Fatherland, Polen / Deutschland 2026, Buch: Paweł Pawlikowski, Henk Handloegten, Kamera: Łukasz Zal, Schnitt: Caitlin Spiller, Kostüme: Liberty Bramall, Production Design: Pat Campbell, Supervising Art Director: Kevin Woodhouse, Musik: Zachary Dawes, Este Haim, mit Sandra Hüller (Erika Mann), Hanns Zischler (Thomas Mann), August Diehl (Klaus Mann), Devid Striesow (Johannes R. Becher), Anna Madeley (Betty Knox), David Menkin (Arthur Quint), Joachim Meyerhoff (Gustaf Gründgens), Enno Trebs (Wieland Wagner), Theo Trebs (Wolfgang Wagner), Waldemar Kobus (Bürgermeister von Frankfurt), Daniel Wagner (Siergiej Iwanowicz Tiulpanow), Fritzi Haberlandt (Kellnerin), Milan Peschel (Armin Schaufelberger), Joanna Kulig (Sängerin in der Jazzband), 82 Min., Kinostart: 3. September 2026
Hmm. Ich verfolge die Karriere von Paweł Pawlikowski, seit er Spielfilme dreht (die Dokuphase in den 90ern habe ich nicht mitbekommen). Schon seine ersten beiden Spielfilme Last Resort und My Summer of Love haben mich aufmerken lassen. Die Nuller-Jahre könnte man seine englische Phase nennen.
Den nächsten Film (mit Ethan Hawke und Kristin Scott-Thomas prominent besetzt) habe ich dann verpasst, das war (2011) eine Ko-Produktion von Frankreich, Polen und dem Vereinigten Königreich. Seitdem dreht in Polen, dem Land, aus dem er stammt. Und das mit einiger Furore. Ida gewann den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film (und vergleichbare Auszeichnungen in Argentinien, Dänemark, England und Kanada), sein Heimatland Polen hat ihn ausgiebig abgefeiert, und beim Europäischen Filmpreis gab's die Statuetten für Regie und Drehbuch. Der Nachfolger Zimna wojna (direkte Übersetzung: Cold War kam ähnlich gut an, zwar nur oscarnominiert, aber dennoch genug Auszeichnungen für anderthalb Kaminsimse. Darunter fünf Europäische Filmpreise (wieder Buch und Regie, aber auch Bester Film und eine Auszeichnung für die Hauptdarstellerin Joanna Kulig) sowie den Preis für die Beste Regie beim Filmfestival in Cannes.Vaterland, sein neuester Film, lief bisher nur auf Festivals, aber in Cannes reichte es abermals für die Beste Regie.
Ida, Cold War und Vaterland verbindet der Umstand, dass die Filme alle im Nachkriegseuropa spielen, Ida 1962 in Polen, Cold War 1949-62 in Polen, und Vaterland 1949 in Deutschland. In meiner Kritik zu Cold War (den ich "langatmig" fand) schrieb ich, dass Pawlikowski sich nicht visuell wiederholen wollte, aber letztlich sind jetzt alle drei Film in Schwarzweiß und einem fast quadratischen Filmformat gedreht. Und - auch aufgrund einer gezielt elliptischen Erzählweise - jeweils unter 90 Min. lang.
Die Jury in Cannes fährt offenbar drauf ab, und beim Verlassen des Kinos hatte ich auch noch ein vorwiegend positives Gefühl, aber in der Erinnerung bleiben eher die Sachen zurück, die mich ein wenig gestört haben.

© Agata Grzybowska
Als ich so im Presseheft blätterte und einiges über die Manns erfuhr, was mir zuvor entgangen war, las ich auch, was Pawlikowski als visuelle Kernidee eigentlich angetrieben hat, den Film zu drehen:
"Ich fand es ein großartiges Bild, wie Mann in dieser amerikanischen Luxuslimousine durch die Trümmer der Nachkriegslandschaft fährt.
Auch Hanns Zischler (Summer in the City, Berlin Chamissoplatz, Im Schatten, Clouds of Sils Maria und 273 weitere Credits inklusive einer Doktor Faustus-Variation 1982), der Darsteller des gerade aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrten Thomas Mann, ist verzaubert von diesem Bild:
"Du steigst in dieses Auto ein und in einen Traum. Ich denke, dass Paweł das Auto als Traummaschine benutzt. Das Auto selbst sorgt für einen Fluss. Es führt dich aus dir selbst heraus. Genau das geschieht mit diesen Figuren und in gewisser Weise hilft ihnen das Auto dabei, über sich hinauszuwachsen."
Der schwarze Buick hat es auch auf die meisten Plakatmotive geschafft, und ich erinnere mich gut an die Fahrt durch Trümmerdeutschland (Kameraperspektive durch die Windschutzscheibe), aber während mir der Pomp, mit dem Thomas Mann in Frankfurt (am Main) oder Weimar (somit die beiden Teile des noch ungeteilten Deutschlands) nicht entgangen ist, so war mir das Missverhältnis zwischen demr Topografie des Kriegsverlierers und der Prunk der Luxuslimousine vielleicht bewusst, aber ich war weit davon entfernt, das als Dreh- und Angelpunkt des Films wahrzunehmen.
Ich sah die Reise des Nobelpreisträgers und seiner Tochter Erika (schon durch ihre Starpower ist Sandra Hüller die eigentliche Hauptdarstellerin) eher als emotionale Fahrt einer trotz vieler Optionen bröckelnden Familie.

© Agata Grzybowska
Pawlikowski wollte kein Biopic drehen, sondern eine Momentaufnahme, noch dazu fiktionalisiert. In der (aus seiner Sicht) bewährten elliptischen Erzählweise geht es um Begegnungen, die wie eine Perlenkette für das eigentliche, nur zu erahnende "road movie" stehen. Dabei stoß mir sauer auf, wie alles hübsch säuberlich zusammengefügt war, als wäre es kuratiert von einem Germanistik-Professor. Gustaf Gründgens, die Wagner-Zwillinge (Enkelsöhne von Richard), der Bürgermeister von Frankfurt, und die Promi-Mischpoke endet nicht bei den Filmfiguren, auch die Darsteller sind offenbar für einen Aha-Effekt zusammengesucht, so etwa Devid Striesow oder Milan Peschel. Ein bisschen ähnelt das schon einem Gang durch einen Spalier von Stichwortgebern. Was nicht die überzeugendste Idee ist, um irgendeine Dramaturgie oder Handlung aufzubauen.
Am Rande des Weges spielt in einem deutschen Kino "Das Flüstern des Schicksals". Weil das so ein seltsamer Titel ist, habe ich nachgeschaut, und so einen Film gab es nie. Naja, eben fiktionalisiert. Aber so prickelnd oder poetisch vielsagend ist der erdachte Filmtitel jetzt auch nicht.
Die mit Abstand beste Szene des Films war für mich eine Pressekonferenz, in der Erika für ihren Vater dolmetscht. Sie macht das sehr professionell, mit sorgsam gewählten Worten. Man könnte glauben, sie agiere als Schutz für ihren Vater. Bis der ihr bei einem Vokabel-Detail hilft, und mal eben fix klarmacht, dass er sowohl auf Deutsch wie auch auf Englisch sehr eloquent ist, aber aus anderen Gründen seine Tochter als "Pressesprecherin" erwählte. In dieser kleinen Szene erfährt man so ungemein viel über die beiden Hauptfiguren, aber auch über die gegenwärtige Situation.

© Agata Grzybowska
Ein auffälliger Aspekt des Films, der mich aber nicht so richtig ansprach, ist natürlich die dräuende Teilung Deutschlands. Als ein Kind des Jahrgangs 1967 habe ich ca. das erste Drittel meines bisherigen Lebens in einem geteilten Deutschland (als Wessi) verbracht, danach folgten bisher 36 Jahre des langsamen Wieder-Zusammenwachsens dieses Landes. Paweł Pawlikowski und Henk Handloegten, die zusammen das Drehbuch schrieben, sind Jahrgang 1957 bzw. 1968, also mehr oder weniger meine Generation. Offenbar sind sie stärker daran interessiert, konkrete Punkte der Geschichte filmisch wiederzubeleben, als mich das interessiert. Ich schaue mir lieber alte Filme an (Weimarer Republik, Nachkriegs-DEFA), als mich z.B. durch eine Staffel Babylon Berlin zu bingen. Filme übers Dritte Reich meide ich sogar ganz gezielt, und schon den mehrfach erwähnten Cold War fand ich halt mehr so semi-interessant. Bei Ida und in den besseren Momenten von Vaterland spielt die Menschlichkeit eine Rolle, das finde ich spannend. Auf fünf bis sieben Arten West- und Ostdeutschland 1949 zu vergleichen (Empfänge, Musikdarbietungen, "Stalin oder Micky Maus") erinnert mich zu sehr an den Geschichtsunterricht (da hatte ich leider keine Lehrer, die mich faszinieren konnten). Außerdem wuchs ich halt mit zwei älteren Generationen auf, die sich zum Teil (im krassen Gegensatz zu mir) von der dunklen Vergangenheit Deutschlands nicht recht distanzieren konnten. Wenn man in der nordwestdeutschen Provinz aufwächst, und in der Gastronomie immer wieder auf ältere Männer trifft, die gemeinsam im Chor grenzwertiges Liedgut wie "In einem Polenstädtchen" komplett unreflektiert grölen, wozu man als Wirtssohn quasi auch noch gute Miene machen soll, dann freut man sich, wenn man so was irgendwann hinter sich gelassen hat*.
*Ja gut, in Zeiten anhaltender wirtschaftlicher Flaute wuchert das braune Geschwür auch wieder arg, aber die AfD ist ja kein 1:1-Remake vom Dritten Reich, sondern mehr so ein vermurkster Reboot von minderwertigem Originalmaterial. Wenn es die AfD nur im Kino gäbe (das wär schön!), wäre das, als wenn man eine neue Universal Soldier-Filmreihe mit Scott Eastwood in der Hauptrolle launcht.
Und die Leute für den Mist Schlange stehen.
Dann könnte ich einfach einen großen Bogen um diese Kinos machen...
"In einem Polenstädtchen" kommt auch in Vaterland vor, und Erika Mann reagiert darauf aus heutiger Sicht mehr oder weniger "angemessen" ("Haltet euer Maul, ihr Mörder!"), es fällt mir nur schwer, ihre Reaktion als historisch überzeugend anzunehmen. Ich bin ja kein Geschichtsexperte, aber hier und da haben mich Kleinigkeiten gestört. Pawlikowski gibt etwa seiner Lieblingsschauspielerin Joanna Kulig eine kleine Rolle als Sängerin, aber trotz Vocal Coach fällt sie ein bisschen auf. Ein anderes Detail, für das der Film nichts kann, ist die Schreibweise von "Göhring" bei einem Untertitel (Toi toi toi, dass man das bis zum Kinostart korrigiert hat!). Das kann auch schon eine Generationssache sein, aber wenn ich halt Eigennamen in einem Text habe, die mir nicht vertraut sind, dann kann man die ja nachschlagen...

© Agata Grzybowska
So, ich habe nichts Spannendes mehr zu sagen, nur eine Sache ist mir noch aufgefallen, die ich interessant fand. August Diehl (hier als Klaus Mann) hatte sein Filmdebüt in 23 - Nichts ist so wie es scheint (Hanns Zischler hat darin auch eine kleine Rolle). Sandra Hüllers Kinodebüt war in Requiem. Und Devid Striesow hatte vor Lichter zwar schon drei Jahre Filmkarriere hinter sich, aber auch er hat hiermit einen früheren gemeinsamen Film mit August Diehl. Ich will das nicht aufbauschen, aber Regisseur Hans-Christian Schmid hat durch seine Vorarbeit die Besetzung der Geschwister Klaus und Erika mindestens mal unterstützt. Huldigt den Anfängen!
Special Interest
In einem Polenstädtchen
In einem Polenstädtchen
Da lebte einst ein Mädchen
Das war so schön
Sie war das allerschönste Kind
Das man in Polen findt
Aber nein, aber nein, sprach sie
Ich küsse nie
Sie war das allerschönste Kind
Das man in Polen findt
Aber nein, aber nein, sprach sie
Ich küsse nie
Ich führte sie zum Tanze
Da fiel aus ihrem Kranze
Ein Röslein rot
Ich hob es auf von ihrem Fuß
Und bat um einen Kuß
Aber nein, aber nein, sprach sie
Ich küsse nie
Ich hob es auf von ihrem Fuß
Und bat um einen Kuß
Aber nein, aber nein, sprach sie
Ich küsse nie
In einem kleinen Teiche
Da fischt man eine Leiche
Die war so schön
Sie trag 'ein Zettel in der Hand
Vorauf geschrieben stand
Ich hab einmal geküßt
Und schwer gebüßt
[Die Prä-Rechtschreibreform-Schreibweise des so im Netz gefundenen Songtextes habe ich einfach mal übernommen. Die Unterscheidung zwischen ss und ß komplett am Ton festzumachen, ist IMHO die beste Idee der Reform, davor hatte ich damit immer Probleme. Hier sieht man auch, dass man heutzutage sofort erkennen würde, dass "Fuß" und "Kuss" sich genausowenig reimen wie "küssen" und "büßen".]
Warum "vorauf" nicht mit w geschrieben wird, und den anderen vermurksten Reim mit "findt" kann ich auch nicht erklären.