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Die Box




Juni 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

My Summer of Love
GB 2004

My Summer of Love (R: Pawel Pawlikowski)

Regie:
Pawel Pawlikowski

Buch:
Pawel Pawlikowski, Michael Wynne

Lit. Vorlage:
Helen Cross

Kamera:
Ryszard Lenczewski, David Scott

Schnitt:
David Charap

Musik:
Will Gregory, Alison Goldfrapp

Darsteller:
Natalie Press (Mona), Emily Blunt (Tamsin), Paddy Considine (Phil), Dean Andrews (Ricky), Michelle Byrne (Rickys Frau), Paul-Anthony Barber (Tamsins Vater), Lynette Edwards (Tamsins Mutter), Kathryn Sumner (Sadie)

86 Min.

Kinostart:
30. Juni 2005

My Summer of Love

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Mona (eigentlich Lisa) wohnt mit ihrem Bruder Phil (Paddy Considine, der Vater aus In America) über dem ehemaligen Pub der an Krebs verstorbenen Mutter (Vater ist unbekannt), aus dem Phil, der nach einem Knastaufenthalt zu Gott gefunden hat, eine Art Tempel, ein spiritual center machen will. Durch Phils plötzliche Religiösität verliert Mona die früher starke Bindung zu ihrem Bruder, und ist während der heißen Sommerferien meistens mit ihrer Honda (für den Motor hat es noch nicht gereicht) unterwegs, langweilt sich und hat höchstens mal ab und zu Sex mit dem sehr viel älteren (und verheirateten) Ricky (was aber auch nicht unbedingt prickelnd ist).

Da trifft sie auf die gleichaltrige Tamsin, eine Internatsschülerin beim Ausritt, die offensichtlich aus sehr viel vermögenderen Verhältnissen stammt. Die beiden Mädchen könnten kaum verschiedener sein, nicht nur vom Umfeld her, auch vom Typ. Während Mona in ihrer unterkühlten Art an die junge Sissy Spacek, Amanda Plummer oder Tilda Swinton erinnert, entspricht die schon etwas zu sinnliche Tamsin gängigen Schönheitsidealen á la Catherine Zeta-Jones oder Penelope Cruz. Doch natürlich verbindet die beiden Mädchen auch viel, und da Tamsins Eltern fast nie im Ferienhaus weilen, verbringen die beiden Mädchen dort ihren "Summer of Love". Wobei der Film trotz einem Hauch von Bilitis-Erotik vordergründig kein lesbisches Coming-Out zeigt, sondern eher eine Mädchenfreundschaft, die ein bißchen weitergeht. Unsere beiden zunächst sehr unterschiedlichen Girls nähern sich dabei nicht nur Edith Piaf-Songs, sondern auch visuell an, Mona trägt etwa dieselben Ohrringe oder die farbenfrohen Kleider von Tamsins verstorbener Schwester Sadie.

Während die Mädchen den Schritt zum Erwachsensein ausloten, werden sie auch immer wieder mit den "anderen" konfrontiert, bzw. stellen sich diesen selbst entgegen. Tamsins Vater wird beim Fremdgehen ein Streich gespielt, und die Frau von Monas Ex-Lover Ricky bekommt auch Besuch. Gleichzeitig scheint Monas Bruder Phil nicht nur spirituell an Tamsin interessiert ("The Lord wants to come inside you") und wird dabei mitunter auch gewalttätig - seine Knastvergangenheit kommt wieder durch.

Ein weiteres ansatzweise bedrohliches Element ist die tote Schwester Sadie, deren Zimmer wie ein Schrein von den Eltern unberührt bleibt, und deren Rolle Mona teilweise übernimmt - bis hin zu einer Session mit dem Ouija-Board oder gespielten Exorzismus-Szenen.

My Summer of Love erzählt aber eigentlich eine unspektakuläre Geschichte, die aber dennoch fesselnd ist und bis zuletzt mit Überraschungen aufwartet. Und die neben den Schauspielerleistungen auch filmsprachlich voll zu überzeugen weiß.

Ein wiederkehrendes Stilmittel ist etwa die verwackelte Nahaufnahme aus der Handkamera, die im ansonsten von ausgefeilten farbintensiven Bildkompositionen bestimmten Film auffällt. Zunächst werden damit emotionale Momente der Nähe markiert wie das gemeinsame Fahren auf dem Moped oder Tanzen, doch in den letzten Einstellungen, die an Filme der Brüder Dardenne erinnern, drängt sich eine weitergehende Analyse auf, die aber hier zuviel vorwegnehmen würde …