Anzeige:
Die Box




März 2006
 

Cinemania 27:
Berlinale für alle

minibärWie in jedem Jahr wird auch diesmal wieder die Berlinale von cleveren Verleihfirmen dazu missbraucht, ihre manchmal nur wenige Tage nach der Festivalaufführung deutschlandweit startenden Filme preiswert und medienwirksam zu umwerben. Wenn Roberto Benigni, Der Räuber Hotzenplotz oder gar George Clooney durch die Hauptstadt stromern, ist das schon mal eine Schlagzeile wert, für die ein bloßer Film schon "Gruppensex auf der Berlinale" (Die B.Z. über Elementarteilchen) bieten müsste …



Cinemania-Logo
Cinemania 27:
Berlinale für alle

[Alle Rezensionen außer Der Räuber Hotzenplotz von Thomas Vorwerk]

Berlinale 2006

Requiem
(Hans-Christian Schmid,
Wettbewerb)

Deutschland 2006, Buch: Bernd Lange, Kamera: Bogumil Godfrejow, Schnitt: Hansjörg Weißbrich, Bernd Schlegel, mit Sandra Hüller, (Michaela Klingler), Burghard Klaußner (Karl Klingler), Imogen Kogge (Marianne Klingler), Friederike Adolph (Helga Klingler), Anna Blomeier (Hanna Imhof), Nicholas Reinke (Stefan Weiser), Jens Harzer (Martin Borchert), Walter Schmidinger (Gerhard Landauer), Irene Kugler (Heimleiterin), Johann Adam Oest (Prof. Schneider), Eva Löbau (Krankenschwester), 93 Min., Kinostart: 2. März 2006

Als vor ca. einem halben Jahr Der Exorzismus der Emily Rose im Kino lief, hat mich das nicht im geringsten interessiert, und daß ich auf diese deutsche Bearbeitung desselben Mitte der 1970er in Unterfranken Falls einer Tötung durch Exorzismus schon gespannt war, lag vor allem am Regisseur Hans-Christian Schmid (23, Crazy, Lichter), der mich bisher nie völlig enttäuscht hat. Anneliese Michel aka Emily Rose heißt hier Michaela Klingler (Newcomerin Sandra Hüller wurde mit recht mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet) und ist zunächst vor allem eine junge Frau, die sich vom Elternhaus abnabeln will und studieren möchte. Während der liebevolle Vater (Burghard Klaußner, das Kidnappingopfer aus Die fetten Jahre sind vorbei) dies unterstützt, äußert die Mutter sofort Bedenken, daß die Tochter das mit ihrer „Sache“ nicht schaffen könne. Erst später stellt sich heraus, daß Michaela mal wegen Epilepsie für ein Jahr von der Schule genommen wurde, mittlerweile aber durch tägliche Medikation keinen Rückfall mehr hatte.
Am Studienort fällt die kreuzbrave Katholikin erstmal auf, eine ehemalige Schulfreundin namens Hanna reagiert zuerst genervt bis verletzend, weiß es aber dann doch zu schätzen, daß sie von Michaela bei einer Prüfung die entscheidende Unterstützung erfährt. An manchem Wochenende fährt Michaela wieder zurück zum Elternhaus und wie ganz selbstverständlich nimmt sie auch an Wallfahrten teil oder betet zur heiligen Katharina. Verstörender als die Religiösität der Protagonisten bleibt aber die Mutter, die ein Studium offenbar für etwas Niederträchtiges hält (“Hanna Imhof studiert auch“ --- „Bei dem Vater …“) und ihre Tochter ganz nach eigenem Gutdünken führen möchte (“Du bist eine Klingler!“). Die Mutter erinnerte mich schon früh an die von Piper Laurie gespielte Margaret White in De Palmas Carrie, und wenn Michaela dann erstmals davon berichtet, daß sie „Fratzen“ sieht, hatte ich dabei das Antlitz der Mutter vor dem geistigen Auge. Bis zu einem gewissen Punkt des Films lässt sich auch ein Großteil der Handlung als psychologisch nachvollziehbare Trotzhaltung gegen die Mutter deuten, denn jener Rosenkranz, den Michaela plötzlich nicht mehr anzufassen vermag und den sie später zerreißt, war ja ein Geschenk der Mutter.
Während die Eingriffe der Mutter in die Privatsphäre der Tochter vor allem wie eine Erniedrigung erscheinen (der schöne Pullover, der einfach weggeschmissen wird), entwickelt sich der Film im vorletzten Teil vor allem zu einem fast augenzwinkernden Abgesang an die Konventionen des Genres „Exorzisten-Film“. Höhepunkte sind hier ein Disco-Besuch, bei dem Michaela zu „Teufelsmusik“ (Deep Purple) so ekstatisch tanzt, daß selbst ihr Freund sie nicht mehr wiederzuerkennen vermag. Und die köstliche Szene im Elternhaus, wenn Michael in ihren Suppenteller pustet, die für mich ein klarer Verweis auf die von Linda Blair erbrochene „Erbsensuppe“ war.
Was Requiem auszeichnet, ist die Erzählweise, die sich Zeit nimmt, die zurückhaltende Perspektive, die keine Standarterklärungen bereithält, und die subtile Inszenierung. Statt den kompletten Exorzismus durchzuspielen, endet der Film deshalb auch kurz nach einem Punkt, an dem sich aus einer Vielzahl von Deutungen der Geschichte die ersten zu verabschieden beginnen, mit einer nüchternen Texttafel, die entgegen aller Effekthascherei des Exorzismus von Emily Rose nur kurz das weitere Schicksal der jungen Frau zusammenfasst (die echte Anneliese soll zum Zeitpunkt ihres Todes übrigens nur noch 31 Kilo gewogen haben - daß man da keine übernatürliche Erklärung für den Tod benötigt, ist offensichtlich). Schmids Film entspricht ganz seinem Titel, Requiem ist eine atmosphärisch dichte Totenmesse für seine Hauptfigur, die einen auch dann berührt, wenn man sich weder für Religion noch für Horrorfilme interessiert.

Der Tiger und der Schnee
(Roberto Benigni,
Berlinale Special)

Originaltitel: La tigre e la neve, Italien 2005, Buch: Vincenzo Cerami, Roberto Benigni, Kamera: Alessandro Calosci, Schnitt: Massimo Fiocchi, Musik: Nicola Piovani, Song "You can never hold back": Tom Waits & Kathleen Brennan, mit Roberto Benigni (Attilio), Nicoletta Braschi (Vittoria), Jean Reno (Fuad), Tom Waits (Himself), Chiara Pirri (Emilia), Anna Pirri (Rosa), Emilia Fox (Nancy), Gianfranco Varetto (Scuotilancia, Rechtsanwalt), Guiseppe Battiston (Ermanno), Abdelhafid Metalsi (Dr. Salman), Amid Farid (Al Giumeili), Lucia Poli (Signora Serao vom Roten Kreuz), 114 Min., Kinostart: 30. März 2006

Der italienische Komiker Roberto Benigni ist hierzulande vor allem durch seine Auftritte in Filmen von Jim Jarmusch (Down by Law, Night on Earth, Coffee and Cigarettes) und natürlich seine zwei Regiearbeiten La vita è bella (Das Leben ist schön, 1997) und Pinocchio (2002) bekannt, daß er aber bereits seit 1983 auch als Regisseur fungiert und La tigre e la neve bereits sein achter Kinofilm ist, ist nicht so verbreitet.
Nachdem der aufwendig produzierte Pinocchio weltweit nicht den erwarteten Erfolg mit sich brachte, scheint La tigre e la neve ein wenig wie eine Variation des Themas des oscarprämierten La vita è bella: Abermals nimmt sich Benigni mit einer Komödie untragbaren Kriegszuständen an, nur spielt der Film diesmal nicht in einem deutschen KZ, sondern in den Wirren des beginnenden Irak-Kriegs.
Der Dichter Attilio (Benigni) hat vor kurzem eine Sammlung seiner Verse (La tigre e la neve) unters Volk gebracht, schert sich wenig um Tagespolitik und träumt des Nachts immer wieder einen geringfügig varierten Traum, in dem er die Frau seiner Träume (Nicoletta Braschi) ehelicht. Diese Frau existiert auch in der Wirklichkeit, nur will sie nichts mit ihm zu tun haben, und je mehr er ihr seine unsterbliche Liebe schwört, umso entschiedener wehrt sie ihn ab. Als sie sich aber eines tages tatsächlich in seine Wohnung locken lässt, wo eine Verehrerin Attilios bereits Essen gekocht und den Sekt kaltgestellt hat, sieht es für einen Moment so aus, als könne er ihr Herz doch noch erweichen. Doch die magischen Momente, die der Zufall (und das Drehbuch) den beiden bescheren, reichen nicht aus, ihren unerklärten Widerwillen zu brechen, und sie verlässt das Land, um an einer Biographie des irakischen Dichters Fuad (Jean Leon) zu arbeiten. Die Welt der Literaten ist klein, und so ruft Fuad einige Tage später aus Baghdad bei Attilio an, weil Vittoria bei einem der ersten Bombenangriffe schwer verletzt wurde und nun im Koma liegt. Attilio, der für die Liebe zu dieser frau alles tun würde, macht sich sofort auf und ist völlig perplex, daß man am römischen Flughafen seinen Wunsch, einen Flug nach Baghdad zu buchen, nur mit Unverständnis begegnet. Einer der Flughafenangestellten berichtet am Abend seiner Frau von dem naiven Kindskopf, nur um ihn im nächsten Moment in einer Nachrichtensendung wiederzuerkennen. Attilio hat sich einfach als Arzt ausgegeben und ist mit dem Roten Kreuz bereits im Irak gelandet.
Im weiteren Verlauf des Films gelangt Attilio zu seiner Traumfrau, deren Zustand immer schwerwiegender wird, und die in irgendeinem überfüllten Krankenhaus im Keller abgestellt ist. Attilio versucht nun einerseits, Vittoria zu unterhalten, und andererseits, die nötigen Medikamente zu organisieren, was sich zu einer regelrechten Odyssee entwickelt.
Wie auch Benignis letzte zwei Filme ist La tigre e la neve ein Märchen, daß sich um den Erhalt der Unschuld und die reine Liebe dreht. Und so wie er den Schrecken der Konzentrationslager in La vita è bella beispielsweise mit einem gezeichneten Leichenberg umzusetzen suchte, so ist auch hier der Irak-Krieg keinesfalls realistisch dargestellt, sondern teilweise sehr verharmlost, was man dem Film zum Vorwurf machen kann. Die nächtlichen Gefechte werden wie ein Himmelsschauspiel dargestellt, es gibt keine Täter und auch fast keine Opfer, einzig das Chaos und die Versorgungsnotlage bieten einen relativ realistischen Hintergund, den man aber immer wieder vergisst, wenn Attilio beispielsweise um einen Taucheranzug feilscht oder ein Kamel in die richtige Richtung dirigieren will - Benigni ist in solchen Momenten als Komiker ganz in seinem Element. Natürlich wird es auch mal ernst, wenn amerikanische Soldaten Attilio für einen Attentäter halten, der sich eine Bombe um den Bauch gewickelt hat (es handelt sich um Mullbinden und Medikamente), doch der Film endet, und da verrate ich jetzt nicht zuviel, wie ein Märchen - mit einem Happy End.
Wer Benignis Art und seine letzten zwei Filme mochte, wird auch an La tigre e la neve seinen Spaß haben, wer political correctness und Realismus bevorzugt, sollte den Film meiden.

Syriana
(Stephen Gaghan,
Wettbewerb außer Konkurrenz)

USA 2005, Buch: Stephen Gaghan, Vorlage: Robert Baer, Kamera: Robert Elswit, Schnitt: Tim Squyres, Musik: Alexandre Desplat, mit George Clooney (Bob Barnes), Matt Damon (Bryan Woodman), Jeffrey Wright (Bennett Holiday), Chris Cooper (Jimmy Pope), Alexander Siddig (Prince Nasir Al-Subaai), Christopher Plummer (Dean Whiting), Amanda Peet (Julie Woodman), William Hurt (Stan), Tim Blake Nelson (Danny Dalton), Mazhar Munir (Wasim Ahmed Khan), Shahid Ahmed (Saleem Ahmed Khan), Sonnell Dadral (Farooq), Max Minghella (Robby Barnes), Tom McCarthy (Fred Franks), William C. Mitchell (Bennett Holiday sr.), Akbar Kurtha (Prinz Meshal Al-Subaai), Nadim Sawalha (Emir Hamed Al-Subaai), Robert Foxworth (Tommy Barton), Jon Lee Anderson (Himself), 126 Min., Kinostart: 23. Februar 2006

"Von den Oscar-prämierten Machern von Traffic" - bei solch einer vollmundigen Anpreisung auf dem Filmplakat zu Syriana denkt man natürlich an Steven Soderbergh, der damals im selben Jahr, als er auch Erin Brockovich ins Rennen schickte, für Traffic mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde. Und Soderbergh, George Clooney und ihre Section Eight fungieren auch immerhin als Produzenten, doch "bester Film" war damals die einzige von fünf Kategorien, in denen Traffic nominiert war - und nicht gewann! Auch der damalige Cutter Stephen Mirrione oder der Nebendarsteller Benicio del Toro haben mit Syriana rein gar nichts zu tun, einzig der für Traffic mit dem Oscar ausgezeichnete Drehbuchautor Stephen Gaghan schrieb und inszenierte auch Syriana - da "von den Oscar-prämierten Machern" aber eindeutig von "Oscar-prämierten Machern" in der Mehrzahl spricht, haben wir es hier mal wieder mit einer geschickten Deeeeehnung der Wahrheit zu tun - ähnlich, wie wenn in einem Film mal wieder Oscar-Gewinner Ben Affleck mitspielt - aber gar nicht das Drehbuch geschrieben hat, wofür er in einem schwachen Moment der Academy mal ein Goldkerlchen bekam.
Doch auch wenn zwar Nutella draufsteht, obwohl strenggenommen eine andere Nußnougat-Creme drin ist, schmeckt es doch lange Zeit genauso. Syriana merkt man klar an, daß der Film vom selben Drehbuchautoren wie Traffic stammt. Die episodische Konstruktion, die sich auf diversen unterschiedlichen Ebenen mit dem selben Problem beschäftigt, bevor nach und nach die einzelnen Protagonisten und Geschehnisse zusammengeführt werden, wurde 1:1 übernommen. Wenn man sich im Presseheft anschaut, was Gaghan, angeblich einer der "angesehensten Drehbuchautoren Hollywoods" sonst noch so geschrieben hat, findet man neben diversen (teilweise immerhin mit dem Emmy ausgezeichneten) Fernseharbeiten (NYPD Blue, American Gothic, New York Undercover) und einem mal in einer Liste der "besten zehn nicht produzierten Drehbücher" aufgeführten Werk namens $20 Billion auch einige Filme namens Havoc, Rules of Engagement und Abandon (hier führte Gaghan auch Regie), die mir aber allesamt nichts sagen - der Etikettenschwindel geht also weiter, denn wenn es schon reicht, mal einen Oscar für sein Drehbuch bekommen zu haben, könnte man auch Ben Affleck als einen der "angesehensten drehbuchautoren Hollywoods" anpreisen - und verglichen mit Affleck sind selbst Käptn Nougat und die Nuss-Kati noch Qualitätsklassiker, mit denen dieser Herr nicht einmal im selben Satz genannt werden dürfte. Doch zurück zu Syriana, der ja glücklicherweise eigentlich auch gar nichts mit Ben Affleck zu tun hat (außer vielleicht, daß seine Oscar-Kollege Matt Damon mitspielt).
Leider merkt man dem Film an, daß ihm ein Regisseur vom Schlage eines Soderbergh fehlt, um das durchaus durchaus gelungene Drehbuch "zusammenzuhalten". Der Film wirkt fahrig, selbst seine teilweise hervorragenden Momente und die letztendlich doch einsetzende closure können nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Streifen selbst mit seinen heutzutage nicht unüblichen 126 Minuten etwa eine halbe Stunde zu lang wirkt. Und während beispielsweise die beiden interessantesten Figuren des Films auf eine Weise sterben, die Hitchcocks "Suspense done wrong" in Sabotage entspricht, gibt es für eine andere Filmfigur (ausgerechnet gespielt von Matt Damon, dessen Namen ich seit Team America immer auf eine ganz bestimmte Weise ausspreche) ein Happy End, das insbesondere im Kontext der Berlinale den Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Filmen vor Augen führt. Damon und Amanda Peet spielen in Syriana das Bilderbuchehepaar Woodman mit zwei kleinen Söhnen, von denen der ältere in einer der besten Sequenzen des Films auf ebenso tragische wie unnötige Weise in einem Swimming Pool stirbt. Nachdem der Vater ausgerechnet durch den Tod des Sohnes einen wichtigen und lukrativen Geschäftsabschluß tätigt, ist eigentlich für jeden Zuschauer klar, daß diese junge Ehe am gemeinsam erlebten, aber getrennt durchlittenen Trauma scheitern wird. Noch dazu wird Wasser im weiteren Verlauf des Films immer wieder als Unglücksbote eingesetzt, wenn beispielsweise vor dem Mordanschlag auf den von Alexander Siddig gespielten Ölprinzen der von George Clooney gespielte CIA-Auftraggeber vom Hochhaus gegenüber erst zum Fenster seines Opfers, dann zum Swimming Pool schaut, überrascht es niemanden, daß nach dem nächsten Schnitt die üblen Häscher ins Hotelzimmer eindringen. Auch wenn der jüngere Sohn der Woodmans später mal an einem Springbrunnen steht, ist die Gefahr des Wassers allgegenwärtig. Doch anders als in Filmen wie Unter dem Eis, Montag kommen die Fenster oder Milchwald schließen sich Damon und Peet am Ende des Films ohne die geringste Erklärung wieder in die Arme, und diese Verlogenheit, die auch die Intelligenz des Zuschauers beleidigt, ist hauptschuldig, daß man die guten Momente und die closure von Syriana fast wieder vergisst und sich vor allem an die Fahrigkeit und Unentschlossenheit erinnert. Soderbergh wäre das nicht passiert.

The New World
(Terrence Malick,
Wettbewerb außer Konkurrenz)

USA 2005, Buch: Terrence Malick, Kamera: Emmanuel Lubezki, Schnitt: Richard Chew, Hank Corwin, Saar Klein, Mark Yoshikawa, Musik: James Horner, Production Design: Jack Fisk, Art Direction: David Crank, Native American Casting: René Haines, mit Colin Farrell (John Smith), Q’Orianka Kilcher (Pocahontas), Christopher Plummer (Captain Newport), Christian Bale (John Rolfe), August Schellenberg (Powhatan), Wes Studi (Opechancanough), David Thewlis (Wingfield), Yorick van Wageningen (Captain Argoll), Noah Taylor (Selway), Ben Chaplin (Robinson), John Savage (Savage), 150 Min., Kinostart: 2. März 2006

Terrence Malick ist inzwischen so etwas wie der Nachfolger von Stanley Kubrick geworden: ein exzentrischer Regisseur, um den sich Gerüchte und Legenden bilden, der extrem öffentlichkeitsscheu ist und sich für seine Projekte mehr Zeit lässt, als "normal" erscheint. Sein letzter Film The Thin Red Line wurde in Berlin ausgezeichnet, im letzten Jahr tauchte er sogar unangekündigt bei einigen der Vorführungen seiner Frühwerke auf, und so war das Interesse an The New World immens, auch wenn der Film wie die meisten US-Produktionen nur "außer Konkurrenz" läuft.
In den Staaten soll ja für einige Wochen eine längere Fassung des Films in den Kinos gelaufen sein, ehe Malick sich aus eigenem Antrieb entschied, diese nochmal um 17 Minuten zu kürzen, da Malick in allen seinen Filmen einen sehr bedächtigen und um Naturdarstellungen bemühten Erzählstil kultiviert, bekommt man eine ungefähre Ahnung, was hier entfernt worden sein muß. Anders als bei seinen anderen Filmen hat sich Malick in the New World hier einer in den Staaten zur Genüge bekannten Geschichte angenommen, dem Gründungsmythos um die Liebesgeschichte zwischen dem Soldaten John Smith und die Häuptlingstochter Pocahontas, die hier von der während der Dreharbeiten 14jährigen Newcomerin Q’Orianka Kilcher gespielt wird, deren Gesichtszüge mich übrigens sehr an die Disney-Heldin erinnerten. Wie immer bei Malick geht es um den Verlust der Unschuld, die Magie der Natur und die Verderbtheit der Zivilisation, und auch der Einsatz verschiedener Off-Kommentare entspricht ganz den Gepflogenheiten des Regisseurs. Dummerweise will sich aber die Poesie seiner früheren Filme nicht einstellen, selbst die geniale Idee, Pocahontas unter dem Namen Rebecca später in England zu zivilisieren (eine Art Tarzan-Variante), wirkt wie angehängt und schadet dem Eindruck des Films. Die aufdingliche symphonische Musik setzt zwar die Euphorie der Filmfiguren gut um, kann aber den Zuschauer mitunter ganz schön nerven, und eklatante Logikfehler wie das nur noch mit 38 Mann besetzte Fort (Platzhalter des rasend einsetzenden Siechtums der Zivilisation), von dessen Besetzung bei diversen Gefechten ca. 38 Personen sterben, wonach im Fort nur noch ca. 38 Personen zugegen sind, machen aus The New World klar den schwächsten Film dieses Regisseurs, auch wenn einige Momente und Ideen des Films (die symbolträchtigen Hände zu Beginn, die von den Einheimischen wie Ungeziefer umschriebenen Engländern, der Ehering als knechtende Kette, das Versteckspiel im englischen Park) viele weniger bemühte Regisseure (also nahezu alle) noch beschämen dürften.

Stay
(Marc Forster,
Panorama Special)

USA 2005, Buch: david Benioff, Kamera: Roberto Schaefer, Schnitt: Matt Chessé, Musik: Asche & Spencer, Szenenbild: Kevin Thompson, mit Ewan McGregor (Sam Foster), Ryan Gosling (Henry Letham), Naomi Watts (Lila Culpepper), Bob Hoskins (Dr. Leon Patterson), Janeane Garofalo (Dr. Beth Levy), Elizabeth Reaser (Athena), Kate Burton (Maureen Letham), B. D. Wong (Dr. Ren), Amy Sedaris (Ton), 99 Min., Kinostart: 23. Februar 2006

Stay beginnt fulminant mit einem Autounfall, mit dem man so überrumpelt wird, daß man anschließend nicht mal genau weiß, aus welcher Perspektive man die Kollision sah (Radnarbe? Kotflügel?). Nachdem man dann den 20jährigen Henry vor einem brennenden Auto sah, wird der Rest der Geschichte aus der Sicht des Psychologen Sam Foster (Ewan McGregor) erzählt, der den offenbar hellseherisch begabten Patienten von einer Kollegin übernimmt, dessen Gesundheitszustand offensichtlich sehr beeinträchtigt ist, und man ahnt, daß es mit ihrem Patienten zusammenhängen könnte. Henry erzählt seinem neuen Psychiater geradeheraus, daß er an seinem in einigen Tagen bevorstehenden 21. Geburtstag Selbstmord begehen wolle, exakt um Mitternacht, im weiteren Verlauf des Films wird man dann erfahren, daß ein berühmter Künstler namens Tristan Reveau dieses auch bereits mit 18 ankündigte und auch in die Tat umsetzte. Dadurch wurde Reveau, das Vorbild des Kunststudenten Henry, zu einem (zumindest drei Jahre) lebenden Kunstwerk, absurderweise wurde keines seiner Werke für die Nachwelt bewahrt, der Suizid wird hier zur höheren Kunstform erhoben.
Während Sam versucht, mehr über seinen Patienten zu erfahren, der beispielsweise die Tapete seiner Wohnung mit hunderttausenden winzig geschriebenen "Forgive Me"s verziert hat (der Gegenentwurf zu Candy), bemerkt man als aufmerksamer Zuschauer diverse Kleinigkeiten, die ja bei dem seit The Crying Game und The Sixth Sense immer populäreren Genre der "Pointenfilme" oft schon die "Lösung" andeuten (aber nur selten verraten).
Auffällig ist das Stilmittel des gemorphten Match-Cuts, daß die Geschichte zunächst bei einem Übergang von Henrys zu Sams Gesicht, später an unzähligen Stellen einsetzt. Dann ist es auffällig, daß die Therapiesitzungen immer an unterschiedlichen Orten stattfinden, man mutmasst schon mal, das Foster vielleicht irgendeine hidden agenda hat. Am seltsamsten aber dürften wohl die diversen Drillinge sein, die bei einer gemeinsamen Szene von Henry und Sam plötzlich recht unauffällig durchs Bild huschen. Mir fiel dann auch irgendwann auf, daß sich Henry und Sam relativ ähnlich sehen (das Alter ist der auffälligste Unterschied) und oft inszeniert werden, als seien sie Reflektionen voneinander. Dieser Beginn einer Deutung des Films wurde dann noch dadurch unterstützt, daß es bei einer späteren Szene, bei der man nur einen von ihnen sieht, nicht Drillinge, sondern Zwillinge sind, die im Hintergrund zu sehen sind. Daß Henry gerne ein Aquarium mit Walrössern besucht, an die man sich bei einigen Bildern der ebenfalls selbstmordgefährdeten Freundin Sams (Naomi Watts) erinnert fühlt, ist auch noch bemerkenswert, aber ich werde jetzt nicht die Auflösung ausquatschen, die für mich übrigens ähnlich enttäuschend wie in Vanilla Sky war, denn auch, wenn sie nicht ganz so rabiat ist im Glätten aller vorherigen narrativen Wogen des Chaos, macht es sich der Film letztendlich auch einfach zu leicht, die agnze Artifizialität der Inszenierung ist zwar narrativ verankert, doch im Grunde genommen steht der Film für mich nicht als gelungenes Kunstwerk, sondern als Zuschauerverschauklung, die sich zum Selbstzweck erklärt, wie es leider in ähnlichen Filmen immer häufiger der Fall ist. Gerade, wenn es in einem Film durchweg um Künstler, Psychologen und Wahrnehmung geht, will man doch die narrativen Scherben selbst zusammensetzen und nicht gegen Ende die zusammengekleisterte Tonvase sehen, die dann gleich wieder zerdeppert wird.

Elementarteilchen
(Oskar Roehler,
Wettbewerb)

Deutschland 2006, Buch: Oskar Roehler, Lit. Vorlage: Michel Houellebecq, Kamera: Carl-Friedrich Koschnick, Schnitt: Peter R. Adam, Musik: Martin Todsharow, mit: Moritz Bleibtreu (Bruno), Christian Ulmen (Michael), Martina Gedeck (Christiane), Franka Potente (Annabelle), Nina Hoss (Jane), Uwe Ochsenknecht (Brunos Vater), Corinna Harfouch (Dr. Schäfer), Ulrike Kriener (Annabelles Mutter), Jasmin Tabatabai (Yogini), Michael Gwisdek (Prof. Fleißer), Herbert Knaup (Sollers), Jennifer Ulrich (Johanna), Tom Schilling (Michael, jung), Thomas Drechsel (Bruno, jung), Nina Kronjäger (Katja), Simon Böer (Janes Lover), Thorsten Mertens (Typ im Swinger-Club), 105 Min., Kinostart: 23. Februar 2006

Abgesehen von Tom Tykwers Verfilmung von Das Parfüm war wohl die Meldung, daß Oskar Roehler bei der von Bernd Eichinger produzierten Verfilmung von Michel Houellebecqs Les Particules élémentaires Regie führen soll, die deutsche Filmproduktionen betreffende Schlagzeile der letzten Jahre. Für mich persönlich war aber die Frage, welcher der drei Namen Eichinger, Houellebecq und Roehler mich am ehesten argwöhnisch machen sollte. Auf dem Filmplakat sind die Namen der drei Herren in eher zurückhaltend kleinen Lettern gehalten, stattdessen widmet man sich ganz der Starbesetzung des Film. BLEIBTREU, ULMEN, GEDECK, POTENTE, HOSS schreit einem das Plakat entgegen (die jeweiligen Vornamen stehen sehr viel kleiner jeweils daneben), aber auch OCHSENKNECHT, SCHILLING, TABATABAI, GWISDEK, KNAUP und HARFOUCH. Fast so, wie in den Achtzigern auf Filmplakaten oft SCHWARZENEGGER oder STALLONE stand und damit bereits alles gesagt war. Das offenkundige Problem besteht aber zum einen darin, daß es sehr fraglich ist, ob Nachnamen wie Gwisdek, Knaup oder Schilling nur annäherungsweise den selben Stellenwert wie Arnie und Sly haben, und zum anderen hat Elementarteilchen eigentlich nur zwei Hauptdarsteller (Bleibtreu und Ulmen), zwei dazu passende Nebendarstellerinnen (Potente und Gedeck) und jede Menge Gastauftritte, die sich teilweise (etwa bei Uwe Ochsenknecht) in zwei Minuten erledigt haben. Und bei für die Dramaturgie von Filmen sehr viel wichtigeren Quasi-Cameos von Darstellern wie CONNERY, DE NIRO oder NICHOLSON hat man niemals so ein Trara gemacht wie beispielsweise hier sogar auf dem Plakat abgebildete Nina Hoss, die hier nur die unverhältnismäßig früh vergreiste Mutter der sehr unterschiedlichen Halbbrüder Bruno und Michael spielt. Oskar Roehler mag ein umstrittener Regisseur sein, Bernd Eichinger ein oftmals eher peinlicher Produzent, bei der Vermarktung ihres Films und dem Entstehen eines ungeahnten Hypes haben sie zumindest ein Talent gezeigt.
Wer glaubt, Elementarteilchen sei mit seinen Tabubrüchen ähnlich skandalträchtig wie Der alte Affe Angst, Roehlers letztem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag, mag es (wie ich) sogar als positiv empfinden, daß Roehler sich eher an seinem letzten Film Agnes und seine Brüder orientiert und bis auf wenige Szenen eher eine leichte Komödie auftischt. Der mit dem silbernen Bären prämierte Moritz Bleibtreu spielt hier im Wesentlichen nur eine Variation seiner damaligen Rolle, weshalb diese Auszeichnung auch ein wenig befremdend wirkt, so als hätte STALLONE einen Oscar für Rocky 2 bekommen. Die Sexsucht des Oberlehrers Bruno entlädt sich diesmal nicht auf sommerliche Bibliotheksbesucherinnen, sondern auf ebenfalls nur leicht gekleidete Schülerinnen (der Aufsatz als Masturbationsvorlage), weshalb Bruno (BLEIBTREU) nach einem misslungenen Anmachversuch bei der kleinen Johanna (Jennifer ULRICH) immerhin freiwillig eine Psychologin (HARFOUCH) aufsucht, der er dann in einer fast filmumspannenden Rückblende sein Leben erzählen kann: Es war einaml eine sexuell befreite Frau namens Jane (HOSS), die zu Hippiezeiten ihre zwei Söhne von unterschiedlichen Sexpartnern an unterschiedliche Großeltern verteilte, wobei der eine (SCHILLING, später ULMEN) zu einem verklemmten Molekularbiologen wird, der nach dem Vorbild von Aldous Huxleys Brave New World nach einer asexuellen Fortpflanzung strebt, und dabei völlig übersieht, daß ihm die Frau seines Lebens, Annabelle (später POTENTE) eindeutige Avancen macht.
Bis hingegen Bruno seine Chance auf eine "Frau seines Lebens" hat (GEDECK, die er in einem Nudistencamp kennenlernt und später in Swinger-Clubs ausführt, was heutzutage nur noch die Boulevardpresse aufregen kann), erzählt er brav seine Geschichte zuende, die nicht nur in der Beziheung unterschiedlicher Brüder, sondern auch im Ableben des gemeinsamen Elternteils wie ein nicht annähernd so interessanter Aufguß von Agnes und seine Brüder wirkt. Wie schon bei Suck my Dick, bei dem die Vorlage (Robert Louis Stevensons The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde) auch kaum mehr wiederzuerkennen war, hat sich Roehler auch bei Houllebecq frei und ungeniert bedient, und das Resultat ist ein sehr seltsamer Fall - keineswegs aber ein Film, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt - allerhöchstens im Portemonnaie von Eichinger, Roehler und auch Houellebecq.

Der Räuber Hotzenplotz
(Gernot Roll,
Kinderfilmfest)

Deutschland 2006, Buch: Ulrich Limmer, Claus P. Hant, literar. Vorlage: Otfried Preußler, Kamera: Gernot Roll, Schnitt: Horst Reiter, Kostümbild: Ursula Welter, Musik: Nikola Piovani, mit Asrmin Rohde (Räuber Hotzenplotz), Martin Stührk (Kasperl), Manuel Steitz (Seppel), Rufus Beck (Zauberer Zwackelmann), Katharina Thalbach (Frau Schlotterbeck), Piet Klocke (Wachtmeister Dimpfelmoser), Barbara Schöneberger (Fee Amaryllis), Christiane Hörbiger (Großmutter), Computeranimation (Wasti), 94 Minuten, Kinostart: 30. März 2006
[Rezension von Friederike Kapp]

Otfried Preußlers Räuber Hotzenplotz ist so bekannt wie ein Volksmärchen und erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Für einen Kinderfilm bietet der bewährte Stoff eine sichere Bank. In den Siebzigern bereits von Horst Ehmcke aufgegriffen (Der Räuber Hotzenplotz (1974) mit Gerd Fröbe als Räuber Hotzenplotz und Lina Carstens als Großmutter, Neues vom Räuber Hotzenplotz (1979)), ist mit der beide Bände der Vorlage umfassenden Neuverfilmung von Gernot Roll (Rossini (1997), Der bewegte Mann (1994)) eine handwerklich saubere, überzeugende Inszenierung gelungen. Ein Vorspann auf der Marionettenbühne identifiziert die angekündigte Geschichte als die bereits aus dem Puppentheater bekannte Geschichte um Kasperl, Seppl und den Räuber Hotzenplotz. Die so skizzierte Richtung Volkstheater wird beibehalten. Bekannte Schauspieler, satte, fast knallige Farben, vorlagengetreue Kostüme, eine bayerisch-ländliche Idylle verschaffen der Handlung eine solide Grundlage. Musik und musikalische Effekte sind simpel und eingängig wie Zirkusmusik.
Der Räuber Hotzenplotz (Armin Rohde) hat also der Großmutter (Christiane Hörbiger) die Kaffeemühle geklaut. Ein Kapitalverbechen! Wachtmeister Dimpfelmoser (Piet Klocke) tut, was er kann. Das ist nicht eben viel, und so sucht er auf seinem Dienstfahrrad in schmucker Uniform die staatlich anerkannte Hellseherin Schlotterbeck (Katharina Thalbach) auf, für die er eine heimliche Leidenschaft hegt. Großmutters Enkel, der Kasper (Martin Stührk), und sein Freund Seppel (Manuel Steitz) beschließen denn auch, die Sache lieber selbst in die Hand zu nehmen. Die Verbrecherjagd führt sie nicht nur in die Höhle des Räubers, sondern sie werden nacheinander auch Gefangene des bösen Zauberers Zwackelmann (Rufus Beck), der Hotzenplotz an Bosheit wie an Intellekt weit überlegen ist, und befreien die liebreiche Fee Amaryllis (Barbara Schöneberger), die der böse Zauberer in eine Kröte verwandelt hat.
Kasper und Seppel denken sich einen Trick aus, um den Räuber in seinen Unterschlupf verfolgen zu können: Auf eine mit Sand gefüllte Kiste schreiben sie "Gold", machen ein Loch in die Kiste, damit allmählich der Sand herausrieselt, und schleppen sie ("Ach, ist das Gold schwer!") auf eine Wiese, um sich von Hotzenplotz überfallen und berauben zu lassen. Der Plan gelingt. Anschließend folgen sie der Sandspur. Für den Fall ihrer Entdeckung verkleiden sie sich: Kasper als Seppel und Seppel als Kasper. Zu diesem Zweck tauschen sie ihre Mützen. Natürlich werden sie prompt entdeckt. Da der Zauberer Zwackelmann Menschen über Kleidungsstücke in seine Gewalt bringen kann, führt der Tausch im Folgenden zu einiger Verwirrung, bevor schließlich alles ein gutes Ende findet.
Der Film strotzt, wie seine jungen Helden, vor guten Einfällen, visuellen und akustischen. Bedeutsame Ereignisse werden musikalisch unterstrichen. Exemplarisch: Als Kasper und Seppel angestrengt darüber nachdenken, wie sie sich wohl verkleiden könnten, ertönt das Tick-tack einer Uhr. Als Kasper die Idee mit dem Mützentausch hat, schlägt die Uhr. – Im Schloss des Zauberers hat Kasper sich der Zaubermütze bemächtigt. Als er sie abnimmt, kommt seine rote Zipfelmütze darunter zum Vorschein. Der überforderte Hotzenplotz beschimpft den gefangenen Seppel als "Lotzröffel". Kinder werden diese Effekte lieben. Manche Bonmots richten sich auch nur an die Erwachsenen. So befiehlt der verliebte Wachtmeister der ihn begleitenden Frau Schlotterbeck: "Gehen Sie ganz dicht neben mir!" und die Umworbene erwidert: "Wenn’s den Ermittlungen dient." (Nette Reverenz an Fritz Teufels "Wenn's der Wahrheitsfindung dient!" Mit dieser Replik folgte er 1967 der Aufforderung eines Berliner Richters, sich zu erheben.)
Es gibt sehr wenig, was an Der Räuber Hotzenplotz auszusetzen wäre. Auf Dauer etwas nervig ist das langgezogene "uuii", mit dem Kasper und Seppel jedes bemerkenswerte Detail markieren. Hier wäre jedoch ergänzend die Meinung eines Kindes hinzuzuziehen. Frau Schlotterbecks aufgrund eines missglückten Zauberversuchs verunstalteter Hund Wasti, halb Krokodil, halb Dackel, wird durch eine Computeranimation verkörpert, die sich nicht so recht in die übrige Ausstattung einfügt. Die Kapriolen dieses Hologramms lassen den Charme der natürlichen Mitspieler vermissen und scheinen Selbstzweck. ("Toll, was man heutzutage am Computer alles machen kann!") Ein gut kostümierter Dackel hätte die Rolle besser ausgefüllt. Zwei der Protagonisten waren etwas alt für ihre Rolle: der Kasper und die Fee Amaryllis. Nicht, dass es neben junger Fee und alter Hexe nicht auch mittelalte Feen geben dürfte, aber Barbara Schöneberger spielt keine 40-jährige Fee, sondern eine jugendliche Fee. Das stört nicht weiter, aber es ist nicht ganz stimmig. Martin Stührk spielt den Kasper gut, aber man nimmt ihm den kleinen Jungen (irgendwas zwischen sechs und zehn) doch nicht so recht ab. Aus diesem Alter ist er einfach raus, wie seinerzeit altersbedingt Judy Garland als Dorothy in The Wizard of Oz (1939, R: Victor Fleming) zwar schauspielerisch zu überzeugen vermochte, jedoch nicht in ihrer Erscheinung als kleines Mädchen. Andererseits macht der offensichtliche Altersunterschied zwischen Seppel und Kasper ihre Rollenverteilung plausibel: Kasper, der Anführer, immer der Schlauere, Seppel als willig folgender Bewunderer.
Mögen diese Mängel bestreitbar sein, der folgende didaktische Schnitzer ist es nicht. Als nämlich die in eine Kröte verwandelte Fee Amaryllis Kasper anfleht: "Helfe mir!" Was soll das? Soll das kindgerechtes Sprechen sein? Verstehen Kinder "Hilf mir" nicht? Fühlen sie sich durch starke Verben ausgegrenzt? Unnötige Ranschmeiße auf Kosten des Spracherwerbs.
Das musste gesagt werden. Von dieser Fehlleistung abgesehen ist der Film uneingeschränkt sehens- und empfehlenswert. Wenn es die FSK nicht gäbe: Für Kinder ab 4 Jahren.

Coming soon in Cinemania 28 (Berlinale Prosecco und Orangensaft):
Kathi Hetzingers Überblick über diverse transidentische oder sonstwie queere Filme der Berlinale: 4:30, Au-delà de la Haine, The Celluloid Closet, Dear Pyongyang, Eleven Men Out, Fabulous! The Story of Queer Cinema, In Between Days, Maximo Oliveros blüht auf, Memory for Max, Claire, Ida and Company, A Soap (En Soap), Tintenfischalarm.