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Die Box




26. Juli 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


Cinemania-Logo 169:
Jugend, Heimat und Beats



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  Dunkirk (Christopher Nolan)

Dunkirk
(Christopher Nolan)

Niederlande / UK / Frankreich / USA 2017, Buch: Christopher Nolan, Kamera: Hoyte Van Hoytema, Schnitt: Lee Smith, Musik: Hans Zimmer, mit Fionn Whitehead (Tommy), Aneurin Barnard (Gibson), Harry Styles (Alex), Barry Keoghan (George), Mark Rylance (Mr. Dawson), Tom Glynn-Carney (Peter Dawson), Cillian Murphy (Shivering Soldier), Tom Hardy (Farrier), Jack Lowden (Collins), Kenneth Branagh (Commander Bolton), James D'Arcy (Colonel Winnant), Tom Nolan (Lieutenant), John Nolan (Blind Man), Miranda Nolan (Nurse), 106 Min., Kinostart: 27. Juli 2017

Ich war auch einst ein Jünger der Church of Nolan, und als ich vor einigen Tagen nach 17 Jahren mal Memento noch mal gesehen habe (glücklicherweise war mir inzwischen der Täter bzw. Verantwortliche der Krimistory nicht mehr präsent), hat der mir mit Einschränkungen immer noch gefallen. Aber Inception fand ich einen Super-Schmarrn, The Dark Knight Rises hat mir im Nachhinein sogar The Dark Knight kaputtgemacht (den ich jetzt nur noch in Passagen gelungen finde, aber als Ganzes eher vermurkst), und Interstellar ist zumindest noch sehr überbewertet. Obwohl ich auf Sci-Fi und Zeitreisen stehe wie kaum etwas anderes.

Den ganzen Hype im Vorfeld von Dunkirk ließ ich einfach an mir vorbeiziehen, und als ich dann vor zehn Tagen oder so im Kino den geschwätzigen zweiten (?) Trailer sah, stand für mich fest, dass ich den Film einfach mal auslasse, weil mich das Thema auch nicht wirklich interessiert. Dann erfuhr ich das mit den drei Zeitebenen, und obwohl mich das stark an Inception erinnerte (und an Nolans übliches Eiergeschaukel), war ich zumindest wieder eine Spur interessiert. Irgendwie sehr ironisch im Zusammenhang mit meinem Inception-Bashing ist dann, dass es eine Eingebung im Traum war, Dunkirk doch eine Chance zu geben. Und wenn es nur sei, um dann mitreden zu können und mir nicht sagen lassen zu müssen, ich wüsste ja gar nicht, wie großartig der Film sei (so ja auch der Twitter-Tenor).

Ein kurzer Inhaltsabriss, den ich mir oft auch gerne spare, aber hier geht er Hand in Hand mit der Sache mit den Zeitebenen und erzählt auch nur etwa die ersten zwanzig Minuten des Films. Der schon anhand seines Namens als Otto Normalverbraucher zu erkennende junge Soldat »Tommy« (Spitzname für Engländer) liest erst auf einem Flugblatt, dass die Deutschen ihn umzingelt haben und kommt dann unter energischen Beschuss von deutschem Kugelhagel aus dem Off. Irgendwie schafft er es an den Strand von Dunkerque (ein französischer Ort sollte auch seinen französischen Namen bekommen) und sieht dort die Schlangen von alliierten Soldaten (auch, wenn im Film fast nur Briten eine Rolle spielen), die auf die Evakuierung warten bzw. eher hoffen. Er schließt schnell Kontakt zum Kollegen Gibson, der sich gerade mithilfe einer Leiche ausstattet, und nach Sondierung der Lage kommen die beiden zum Schluss, dass sie die besten Überlebenschancen haben, wenn sie einen Verletzten auf einer Trage zu einem gerade angekommenen Schiff schleppen. Dieses dramaturgische Drittel des Films nennt sich The Mole (wie die deutsche Mole, ein Hafendamm) und erzählt die Erlebnisse einer Woche (in etwa der historisch verbürgte Zeitraum), nicht nur von Tommy, sondern u.a. auch vom Commander (Kenneth Branagh), der immer bedeutungsschwanger zum Himmel schaut und als einer von wenigen ungefähr weiß, was hier gerade so abgeht.

Neben den regulären Schlachtschiffen, die die Briten retten sollen (ein befehlshabender Soldat erklärt mal seinen vermeintlichen Verbündeten: »It's a British ship, you have your own ships!«) gibt es auch eine »unabhängige« Flotte von Privatschiffen, teilweise von Zivilisten gelenkt, die zumindest einen Teil der 400.000 ihrer boys die 27 Meilen über den Ärmelkanal hinweg abholen wollen. Die Überfahrt dauert etwa einen Tag (Nolan selbst hat das mal probiert, hatte einige Schwierigkeiten - aber keinen Wehrmachts-Beschuss aus dem Himmel - und brauchte 19 Stunden). Hier geht es vor allem um den Kleinyacht-Besitzer Mr. Dawson (Mark Rylance), seinen Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen 17jährigen Freund George (Barry Keoghan), der unbedingt mal ein Abenteuer erleben will. Ein frühes zentrales Abenteuer dieser Schifffahrt ist das Aufgabeln eines Soldaten (Cillian Murphy), der so gar keine Lust hat, zurück nach Dunkerque geschifft zu werden, weil er es gerade erst herausgeschafft hat aus dieser Hölle. Der Zeitrahmen dieses Teils, The Sea, beträgt einen Tag, wobei das eine Schiff, die Moonstone (ich habe den Roman von Wilkie Collins noch nicht gelesen, sonst könnte ich dem Titel vielleicht eine besondere Bedeutung zuschreiben), hier nur exemplarisch für viele Schiffe ist. Der Schnitt suggeriert zwar, dass man zur wie ein Wunder ankommenden rettenden Kleinschiff-Flotte, der »Operation Dynamo« gehört (das ist jetzt kein Spoiler, sondern Geschichte), aber bei genauer Betrachtung ist dieses Schiff eher alleine unterwegs, vermutlich wird es bald irgendwelche armen Schweine von Filmwissenschaftlern geben, die dann anhand der DVD ausknobeln, an welchem Tag dieses Schiff unterwegs war (falls es Hin- und Rückweg schafft, kann es ja vielleicht auch mehrfach lostuckern).

Das dritte Element nach Erde und Wasser ist dann The Air, wo man anfänglich drei britische Spitfire-Flugzeuge sieht, die gegen die zunächst heiter auf die eingekesselten Feinde schießende deutsche Luftwaffe antreten. Hier sind vor allem die Piloten Collins und Harrier (Tom Hardy) die Handlungsträger. Man bekommt auch erklärt, dass so eine Spitfire für ca. eine Stunde (!) Sprit hat und hier sieht man sogar, dass der anfängliche Uhrenvergleich gegen 15 Uhr geschieht. Auch, wenn das nicht ganz mit einem Sonnenuntergang zusammenpasst, den Hardy später erlebt, weil der im Mai / Juni auch in Frankreich etwas später ist als 4 Uhr nachmittags. Aber, wie bereits am Beispiel der Schiffe erklärt, auch die angegebenen Zeiteinheiten sind exemplarisch zu verstehen.

Diese drei Zeitebenen werden jetzt quasi zu einer langen Parallelmontage zusammengesponnen, die eben nur öfters mal so gar nicht parallel verläuft. Es geht ums Überleben, um die patriotischen Anstrengungen, um den Zufall, aber gerade bei Tommy und Gibson auch darum, dass man halt jederzeit die Notausgänge im Auge behalten muss, wenn man sich nicht aufs Glück verlassen will. Als Zuschauer sieht man einige Flugzeuge sich gegenseitig abschießen, mehrere Schiffe untergehen und natürlich Soldaten am Strand oder auf der großen weißen Pier als Schießscheiben für die Deutschen. Es wirkt ein wenig so, als hätte Christopher Nolan versucht, den ganzen Krieg in zwei Stunden Film zu quetschen. Zur Not auch mit Gewalt!

Mit Gewalt? Ja, anders kann man das nicht nennen. Denn während man vom Feind fast nur Kugeleinschläge, Torpedos und an einer Stelle mal unscharfe Schemen sieht, sind die Deutschen auf der Tonspur omnipräsent. In der Person von Hans Zimmer, der auf die bedingt geniale Idee kam, dass eine tickende Uhr sowohl das Thema der Zeitebenen repräsentiert als auch die Sterblichkeit an sich (Symbolismus nennt man das, hier zahlt es sich aus, wenn man in der sechsten Klasse in Deutsch aufgepasst hat). Und dann nahm Zimmer das Tuckern des Schiffsmotors und eine tickende Uhr, und komponierte aus den Samples den Beat des Films, der die ohnehin schwer zu verstehende Tonspur (hatten wir das Problem nicht schon bei Interstellar, Herr Nolan?) nahezu komplett übertüncht, natürlich hier und da lauter werdend und rein gefühlt immer schneller, weil es ja »spannender« wird.

Hmm. Also, wenn man einige der Figuren vielleicht besser kennengelernt hätte (mehrere der Namen musste ich mir anhand der Stabangaben zusammenbasteln) und insbesondere die jungen Soldaten sich nicht so ähnlich gesehen hätten, hätte das vielleicht was werden können, aber ich muss sagen, mir war es einerlei, ob jetzt A B rettet oder C von D aus Versehen ertränkt wird.

Wie zu erwarten, gibt es einige Berührungspunkte der drei Zeitebenen. Da hat Nolan natürlich versucht, was Besonderes hinzukriegen, aber mit Ausnahme der Figur von Cillian Murphy wirkt das eher wie das übliche Nolan-Programm: Man gibt dem Publikum etwas zum Grübeln, und dann denkt es später, es sei schlau (selbst, wenn man es sich erst nach dem Film hat erklären lassen müssen). Und der unsinnige Umkehrschluss ist dann, dass auch der Film immens schlau war.

Das Ganze kulminiert dann in einer gewissen Verwirrung, die parallelmontierte Flugzeuge und Betrachter am Boden erzeugen. Im Grunde der Schnitt-Trick aus The Silence of the Lambs mit der ertönenden Klingel, der hier zur Schlusspointe aufgebauscht wird (mal abgesehen vom Hurra-Patriotismus danach, wo Churchills Worte von »God's own time« - auf Nolan umgedeutet - ein wenig größenwahnsinnig wirken).

Okay, selbst ein nicht so toller Film von Christopher Nolan ist natürlich immer noch interessanter als 30 Jahre Michael Bay, und die statistenreichen Schlachtengemälde (Imax- und 65mm-Kamera) erinnern hier eher an Lawrence of Arabia als an The Lord of the Rings, aber Dunkirk ist einfach kein Meisterwerk, sondern ein handwerklich gut gemachter (man erkennt etwa keinen einzigen CGI-Trick, obwohl man weiß, dass es welche gegeben haben muss) Angeberfilm, dessen Thema einen schon interessieren sollte, bevor man sich darauf einlässt.

Mein Fazit war jedenfalls: Nächstes Mal pfeife ich auf meine Träume und bleibe lieber zuhause, wenn mein Bauchgefühl mir sagt, dass mich ein Film nicht erreichen wird.

Und auf die idiotische Szene mit dem Enterhaken (warum eine zusätzliche Einstellung drehen, wenn man weiß, dass sie nur Scherereien bereiten wird?) und das absaufende Schiff, wo man wohl nur Geld für ein knappes Dutzend schwimmtaugliche Stuntmen hatte (obwohl kurz zuvor Hunderte an der Reling standen), bin ich ebenso wenig eingegangen wie auf den wirklich schon gefährlichen Nationalismus des Films (Trump und Brexit lassen grüßen). Eingepackt in Situationen, die mich schon vorher bei Nolan störten.

Die deutlichste Veränderung von Dunkirk zu früheren Nolan-Filmen ist das mehrfach eingebrachte (und immer aufgesetzt wirkende und konkret benannte) Thema »home«. Über den Ärmelkanal kann man die Heimat fast sehen usw. - das geht für Nolan glaube ich schon als »hochemotional« durch.


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  Helle Nächte (Thomas Arslan)

Helle Nächte
(Thomas Arslan)

Deutschland / Norwegen 2017, Buch: Thomas Arslan, Kamera: Reinhold Vorschneider, Schnitt: Reinaldo Pinto Almeida, Musik: Ola Fløttum, mit Georg Friedrich (Michael), Tristan Göbel (Luis), Marie Leuenberger (Layla), Hanna Karlberg (Cecilia), Aggie Peterson (Cecilias Mutter), Frank Arne Olson (Cecilias Vater), Helle Goldman (Pfarrerin), 86 Min., Kinostart: 10. August 2017

Ich bin mir nicht mehr sicher, warum ich den neuen Arslan-Film nicht schon auf der Berlinale gesehen hatte, in meinem direkten Umfeld von Kritikerkollegen (erste bis fünfte Reihe) benutzte man den Film aber inzwischen als abschreckendes Beispiel für einen Film, der sich in die Länge zieht. Bei nur 86 Minuten eigentlich kaum vorstellbar, und so wollte ich mein eigenes Urteil fällen (manchmal vertraue ich den Kollegen auch und bleibe zu Hause).

»Er ist gestorben.« Am Telefon erfährt Bauingenieur Michael vom Infarkt-Tod seines nach Norwegen ausgewanderten Vaters. Schwester Kim will nicht mit, Michaels Freundin erklärt einleitend, dass »diese ganzen Kleinigkeiten« (Auflösung des Haushalts, Beerdigung etc.) ihr beim Tod ihres Vaters geholfen hätten, aber Michael weist sie schroff zurück, die Beziehung zum Vater war wohl nicht die beste.

Etwas später, nach den Anfängen einer Versöhnung, erklärt sie ihm auch noch, dass sie einen lukrativen Zeitungsjob als Korrespondentin in Washington angeboten bekommen hat.

Als Michael dann mit seinem bei der Mutter lebenden Sohn Luis (Tristan Göbel) losfährt nach Norwegen, kommt ohne jegliche Ankündigung, ob er, Luis oder gar dessen Mutter dafür den Anlass gegeben hat, wird nicht sofort geklärt (es sind Ferien), aber man merkt zusehends, dass Michael versucht, die Beziehung zu seinem Sohn zu festigen, wie es bei seinem Vater und ihm versäumt wurde.

»Wir waren uns nie sehr nahe, er war schwierig« Aussagen wie diese lassen sich 1:1 auch auf Michael beziehen, auch wenn dieser das nicht bemerkt. Als er schließlich seinen Sohn (»Ich bin nicht wegen dir mitgekommen, ich wollte das Haus von Opa sehen«) ungefragt in einen Wanderurlaub einbezieht, könnte die Stimmung kaum ungünstiger sein.

»Die Natur genießen!« - »Du vergisst, dass ich schon auf dem Land lebe...«

Ich kann nachvollziehen, dass mancher Zuschauer den Film so langweilig findet, wie Luis von der Wanderung angeödet ist, aber obwohl ich auf diese Familienzusammenführungsfilme nicht so anspringe wie andere (in unserer Familie sind auch viele schwierig...), gefiel mir schon mal das Schauspiel-Team. Georg Friedrich ist eigentlich immer einen Filmbesuch wert, und Tristan Göbel war mir schon vor Tschick positiv aufgefallen.

In minimalistischen Momenten entwickelt sich die Geschichte. Wenn Michael etwa das »Zwiebelprinzip« erklärt, das mit mehreren Lagen gegen alle Wetterunwidrigkeiten rüstet, entgegnet Luis: »Dann sehe ich aus wie ein Rentner!«, woraufhin der Vater halb von sich eingenommen, halb eine Kränkung spielend antwortet »Sehe ich etwa aus wie ein Rentner?« Und weil rhetorische Fragen auch beantwortet werden können, folgt Luis' »Schon. Aber du bist alt, da macht das nichts.« Und erstmals erahnt man den Anflug eines gemeinsamen Lächelns.

Was für mich am Schönsten am Film war, und hier spoile ich leider etwas den weiteren Verlauf, ist das einigermaßen leicht zu deutende Fazit der zu kittenden Vater-Sohn-Beziehung. Erst fährt man mit zu wenig Benzin los (Vernunft oder Risiko? Risiko natürlich!) und es stellt sich die Frage, ob man zu Fuß weiter geht zur nächsten Tankstelle oder lieber zurück, was kürzer wäre. Später stellt sich die selbe Frage erneut, als der Wanderfanatiker Michael Kreislaufbeschwerden hat. Aber »zurück« ist für beide keine Lösung, sie wollen weiter in die risikoreiche Zukunft. Luis hat auch keine Lust, »den alten Scheiß« über die frühe Ehe seine Eltern oder seine Kindheit zu hören.

Erst, als die Rückkehr zur früheren Vater-Sohn-Beziehung sich ungeplant entwickelt (»Fangenspielen ist kein Mannschaftssport«, Versteckspiel, Huckepack), ist die Annäherung möglich, und hiermit ein für Arslan sehr versöhnliches Ende.

Zuvor gibt es aber noch eine gefühlt fünfminütige Autofahrt, bei der die Kamera durch die Windschutzscheibe ein kurvenreiches bergiges Gebiet im zunehmenden Nebel einfängt. Wenn während dieser Einstellung irgendwann die Abspanntitel eingesetzt hätten, wäre ich selbst damit (weil frech und ambitioniert) zufrieden gewesen.


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  Der Wein und der Wind (Cédric Klapisch)

Der Wein und der Wind
(Cédric Klapisch)

Frankreich 2017, Originaltitel: Ce quis nous lie, Buch: Cédric Klapisch, Santiago Amigorena, Mitarbeit: Jean-Marc Roulot, Kamera: Alexis Kavyrchine, Schnitt: Anne-Sophie Bion, Kostüme: Anne Schotte, Production Design: Marie Cheminal, mit Pio Marmaï (Jean), Ana Girardot (Juliette), François Civil (Jérémie), Jean-Marc Roulot (Marcel), María Valverde (Alicia), Yamée Couture (Océane), Jean-Marie Winling (Anselme), Florence Pernel (Chantal), Éric Caravaca (Der Vater), Tewfik Jallab (Marouane), Karidja Touré (Lina), Bruno Raffaelli (Notar), Eric Bougnon (Gérard), Sarah Grappin (Die Mutter), Hugo Soyer (Jean als Kind), Alice de Germay (Juliette als Kind), Alan Morgoev (Jérémie als Kind), Ferdinand Régent (Jean mit 20), Pierre Morey (Die Hand des Vaters), 113 Min., Kinostart: 10. August 2017

»Mit der Liebe ist es wie mit dem Wein. Er braucht Zeit.« In diesem Fall 113 Minuten und 22 Sekunden.

Schon vor den Dreharbeiten zu Casse-tête chinois, dem nicht einmal schlechtestem Film seiner L'auberge-espagnole-Trilogie, spielte Cédric Klapisch mit dem Gedanken, einen Film über Wein und die sich verändernden Jahreszeiten zu drehen. Nach einigen Fotos während einer Weinlese beim schauspielernden Winzer (oder winzernden Schauspieler?) Jean-Marc Roulot suchte er etwa nach dem perfekten Baum, an dem man den Wechsel der Jahreszeiten festmachen kann. Die Aufnahmen der zwei Kirschbäume, für die man sich dann entschied, entstanden bereits 2010 / 2011 minutenlange Filmaufnahmen, die der Fotograf Michel Baudoin zusammen mit Fotos jede Woche von den Bäumen schoss. In den drei Jahren, die Klapisch dann mit dem vorgezogenen Casse-tête chinois (2014) beschäftigt war, soll das Wetter im Burgund sehr schlecht gewesen sein, also Glück im Unglück (oder so was ähnliches).

Mir ging es bei der Einführung mit dem Zeitansatz aber nicht um die Produktionsdauer, sondern darum, wie Klapisch verschwenderisch die Filmhandlung dehnt, um dann nach diversen Monaten, die der nach Australien ausgewanderte Winzersohn Jean (Pio Marmaï aus Le premier jour de reste de ta vie) trotz finanzieller und Beziehungs-Krise in Frankreich verbringt, wo das Weingut des Vaters wegen Erbschulden und unterschiedlicher Ansichten Probleme unter den drei Kindern bereitet ... und inzwischen ist dieser Satz schon so angewachsen wie der Film, ohne das wirklich etwas Prickelndes passiert ist ... jedenfalls: im hinteren Teil des Films kommt man dann zu den zwei, drei unterschiedlich gelungenen Szenen, auf die teilweise schließlich ein ganzes Jahr in Frankreich draufhingearbeitet hat.

In Australien baut Jean nämlich auch Wein an. Seine Freundin Océane und den gemeinsamen Sohn lässt er also in Australien zurück, telefoniert nur immer mal wieder mit ihnen (vor allem mit dem Sohn), und auch, wenn sich später bewahrheitet, dass Oc√©ane eine Auszeit gebraucht hat, wirkt das Jahr allein in Frankreich deutlich stärker wie eine Drehbuchidee als wie eine tatsächliche Beziehung. Nicht zuletzt, weil das Weingut in Australien auch mit Jean nicht so wirklich viel einbrachte und er zwar gegen Ende des Films einen finanziellen Kompromiss mit den Geschwistern ausgedengelt hat, aber während des Jahres nirgends das Gespräch auf Unterstützung der nun alleinerziehenden Mutter zu sprechen kommt.

Wie der Originaltitel Ce quis nous lie (etwa: Was uns verbindet, um Wind geht es meines Erachtens nie im Film) naheliegt, geht es um die Familiengeschichte, die drei Geschwister und den zunächst noch todkranken Vater, der ihnen einst die Geheimnisse des Weinanbaus beibrachte, wie immer wieder durch Flashbacks verdeutlicht wird.

Analog zu Jean haben die Geschwister ähnliche Probleme, die gemeistert werden müssen. Juliette (Ana Girardot) hat zwar nominell die Führung, aber ihr fehlt noch das Selbstbewusstsein, sich gegen die allesamt ebenfalls erfahrenen Männer durchzusetzen. Der Jüngste, Jérémie (François Civil), hat immerhin eine funktionierende Beziehung mit Alicia (Mar√≠a Valverde), einer Gleichaltrigen aus der Gegend, aber deren wohlhabender Vater Anselme hat seine eigenen Pläne für das junge Paar - auch hier fehlt noch das Durchsetzungsvermögen. Noch dazu erinnert die Schwiegermama-in-spe, Chantal, zwar ihren Gatten gern daran, dass Jérémie und Alicia »keine Kinder mehr« sind, aber nach einer genialen Schnittkante schmeißt sie die beiden, die Sonntags gerne ausschlafen würden, mit hallend-quasimelodischen Rufen nach »les enfants« aus dem Bett, weil ja sonst die Frühstücks-crêpes kalt werden ...

Ich kann natürlich nicht für jeden Zuschauer sprechen, aber gerade das Australien-Problem und die immer wieder verschobene Rückreise erschwerten es mir sehr, die »Reifezeit« des Films zu genießen. Wenn es dann zu den bereits erwähnten Schlüsselszenen kommt, und Klapisch sich anschließend auch noch Zeit lässt, die Liebe zwischen Océane und Jean wieder zu erneuern.

Im Gegensatz zum lang gereiften Wein, der dann am Schluss hoffentlich gut schmeckt, erlebt man hier als Zuschauer die gesamte »Reifezeit« mit - und weil der Film abgesehen von den ansatzweise ins Spiel gebrachten Jahreszeiten kaum einen dramaturgischen Bogen hat (zumindest keinen, der irgendwie »gespannt« ist), kann die »Belohnung« am Schluss die Ziellosigkeit der früheren Distanz nicht wettmachen.

Hier und da führt man Nebenfiguren ein, die bei der Weinernte helfen und sowohl das Prozedere verdeutlichen als auch als mögliche love interests ins Spiel kommen, aber die Besuche beim Notar, die Familiendiskussionen, das Weinfest oder die Streitereien mit Angestellten und Konkurrenten entwickeln nie eine wirkliche Bedeutung, alles plätschert nur so dahin. Wäre mir das im Vorfeld bewusst gewesen (so wie den geneigten Vor-dem-Film-Lesern), hätte ich mich damit vielleicht auch anfreunden können, aber so, wie ich den Film erlebt habe, wirkte er eher wie ein Kaugummi, das immer mehr den Geschmack verliert, ehe man dann gegen Ende neue Impulse erfährt, aber das Erzähltempo immer noch sehr gedehnt wirkt.

Ich bin halt eher Biertrinker. Ein gutes Gezapftes braucht sieben bis zwölf Minuten, da kann man sich drauf einstellen.


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  Tigermilch (Ute Wieland)

Tigermilch
(Ute Wieland)

Deutschland 2017, Buch: Ute Wieland, Lit. Vorlage: Stefanie de Velasco, Kamera: Felix Cramer, Schnitt: Anna Kappelmann, mit Flora Li Thiemann (Nini Lindemann), Emily Kusche (Jameelah Bashir), David Ali Rashed (Amir Begovich), Narges Rashidi (Noura Bashir), Gisa Flake (Annika Lindemann), Heiko Pinkowski (Rainer Maas), Anna Büttner (Jessi), Luna Zimic Mijovic (Jasna Begovic), Joachim Förster (Dragan Vocovic), Alexandru Cirneala (Tarik Begovic), Eva Löbau (Frau Struck), Emil Belton (Nico), August Carter (Lucas), Romy Paul (Anna Lena), Thorsten Merten (Herr Kopps-Krüger), Stefanie De Velasco (Krankenschwester), Lars Rudolph (Herr Wittner), 106 Min., Kinostart: 17. August 2017

Eine »Coming-of-Age-Geschichte mit Grenzüberschreitungen« - so steht es im Presseheft. Die Romanvorlage wurde mal als »Hanni und Nanni in der Hölle« umschrieben, und bevor ich diese blumigen Taglines kannte, kam ich beim Film auf die Formel Bibi und Tina in der Multi-Kulti-Fassung mit einem Schuss Feuchtgebiete - wobei ich für den letzten Film noch einen treffenderen Ersatz suchte, aber nicht fand...

Im Presseheft steht auch, dass die beiden Mädchen, die sich bevorzugt Schulmilch mit Maracujasaft und Mariacron mischen, 14 sein sollen. Was einem im Film (falls ich nicht mal für einen Augenblick unaufmerksam war) nicht augenblicklich aufs Brot geschmiert wird. Hier umschreibt die Erzählerin Nini (ich dachte den kompletten Film lang, sie heiße Mindy) das Alter wie folgt: »alt genug, dass wir in die Clubs reinkommen und die Typen nicht glauben, sie kommen in den Knast, wenn sie was mit uns anfangen«.

Es gelang mir nicht ansatzweise, in den Film hineinzufinden. Das lag auch mit an der ersten Szene, als Nini von der U-Bahn-Station Wittenbergplatz Richtung Kudamm läuft und Jameelah parallel dazu etwas versetzt gesprintet kommt, und diese Schlüsselszene uns etwas von Freundschaft, Freiheit und Lebensfreude erzählen will, was aber leider so gar nicht funktioniert, weil das ganze Set-Up komplett zusammenfantasiert wirkt, und man diese Szene auch noch mit einem Voice-Over-Kommentar überfrachtet hat, der einen vermutlich in medias res werfen soll, mich aber - wie gesagt - außen vor ließ. Was ja, und hier euphemisiere ich schon, auch gewollt sein könnte, weil ich eben weder Geschlecht noch Alter mit den Protagonistinnen teile.

Der titelgebende Drink und vieles mehr wird erklärt, dass die Mädchenfreundschaft irgendwann einen Knacks bekommen wird, wird auch schon eingestreut, das Anfangstempo des Films ist so überdreht, als ginge es darum, unglaublich viel in die erste Viertelstunde zu quetschen, die ja erst bei der Fernsehausstrahlung eine wirkliche Bedeutung erfährt.

Durch die Erzählerstimme bekommt man zumindest mit, dass Nini eher diejenige ist, die zur Freundin aufblickt (»Jameelah sagt, wir müssen wissen, wie alles geht«) und ehe man sich versieht, tricksen die beiden schon am Straßenstrich Nähe Kurfürstenstraße die Freier ab, die sich erstaunlich tumb durchs Beifahrerfenster die Scheine klauen lassen.

Ein paar nette Sprüche lernt man während des Films (»8. / 9. Stunde Ethik ist ausgefallen«), aber das Tempo-Problem bleibt die ganze Zeit. Erst huscht man durch unzählige Bekannte, deren Namen und Zusammenhänge man erst bei zweiten Mal behält, die (nicht so wichtige) Elternsituation wird abgehakt, und dann geht es um den Plan für die Sommerferien, die »Operation Defloration«, wobei Nini schon das Wort überfordert und man sich in weitaus gedehnterem Tempo in Schwärmereien im Freibad verliert, ehe dann der eigentliche Vorgang doch mit einem etwas mulmigen Gefühl mit (immerhin sympathisch und non-threatening wirkenden) zahlenden Kunden durchgezogen wird. Und nebenbei wird von langer Hand der dramatischste Moment des Films vorbereitet, der ausgerechnet mit einer Kleinmädchenfantasie von einem Liebestanz (nackt unterm Vollmond, nothing less!) kombiniert wird.

Die Filme der Regisseurin und Drehbuchautorin Ute Wieland über Freche Mädchen habe ich wohl verpasst, ich kenne von ihr nur FC Venus, der mich jetzt auch nicht vom Hocker riss. Das Wichtigste an Tigermilch ist, dass hier völlig unterschiedliche Erlebnisse und Einstellungen gleichberechtigt nebeneinander das Alter 14 repräsentieren, was für Erwachsene durchaus befremdend und unglaubwürdig wirken könnte. Ich glaube es sofort, dass es solche 14jährigen gibt, nur glaube ich dem Film nicht, der in seinem Nebeneinander die Glaubwürdigkeit nur strapaziert, aber mich spätestens bei seiner Dramaturgie verloren hat.

Wenn es im letzten Drittel des Films so richtig »ernst« wird, aber die dargestellte Welt immer unglaubwürdiger erscheint (Polizisten, die sich jederzeit den Gesetzen des Drehbuchs unterwerfen, eine dem Dramaturgiebogen entsprechende Entfremdung der Mädchen, die reichlich überstrapaziert ist - und dann noch das Design-Beharren auf den scheinbar überall auftauchenden Pinkie-Schwur), dann kann man das Ganze auch immer weniger ernst nehmen.

Zugegeben, ich hatte auch schon ein handfestes Problem mit dem Look von Nini, die mir einfach viel zu sehr mit einem Emma-Schweiger-Schmollmund in die Kamera blickte (in Nellys Abenteuer war mir das bei der selben Darstellerin nicht aufgefallen), aber wenn man mir vielleicht nur zwei Drittel der abstrusen Storyideen untergejubelt hätte, wäre ich damit womöglich noch warmgeworden. Aber bei allem Beharren auf Authentizität (Jugendsprache, gemischte Kulturen im Wohnblock, Stadtaufnahmen) war das Ganze für mich exakt das, was die Macher vermeiden wollten: Nur so eine Filmgeschichte. Angefangen mit dem Einstiegslauf, der das Tempo und die Kraft dieser Generation einfangen soll, und abschließend mit dem Pinkieschwur am Flughafenzaun.

We'll always have Wilmersdorf ... meine Fresse!


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  Heartbeats (Duane Adler)

Heartbeats
(Duane Adler)

USA 2017, Buch: Duane Adler, Kamera: S. Ravi Varman, Schnitt: Tamara Meem, Music: Gingger Shankar, Kostüme: Dipika Lal, Anirudh Singh, Production Design: Aparna Sud, Choreographie: Tessandra Chavez, mit Krystal Ellsworth (Kelli Andrews), Amitash Pradhan (Aseem Kapoor), Daphne Zuniga (Michelle Andrews), Paul McGillion (Richard Andrews), Aneesha Joshi (Deepika Zinta), Justin Chon (Jae Juarez), Maeve O'Brien (Morgen Andrews), Prabal Panjabi (Basu), Kishori Shahane (Sharada Zinta), Mohan Kapoor (Harindar Zinta), Salman Yusuff Khan (Pallav), Nayan Bhatt (Aseem's Grandmother), Pramatesh Mehta (Aseem's Grandfather), Errol Peter Marks (Bouncer Big E), Megan Alexander (Celebrity Judge), 107 Min., Kinostart: 10. August 2017

Wenn man seine Kritiken nicht immer gleich nach der Sichtung schreibt, kann es passieren, dass viele idiotische Details bereits wieder aus der Erinnerung verbannt wurden. Das ist einfach eine gesunde Reaktion des menschlichen Gehirns, wie sie auch in Traumasituationen angewendet wird.

Heartbeats ist das zweite Regiewerk des Drehbuchautors von Save the Last Dance und Step up, die ich beide nicht gesehen habe, weshalb ich mir kein Urteil darüber erlauben kann, ob oder wie formelhaft diese Drehbücher verliefen. Das Drehbuch zu Heartbeats jedoch verbindet die Prämisse »Streetdance meets Bollywood« mit einem Familiendrama um den fünf Jahre vor der Filmhandlung verstorbenen Bruder der weiblichen Hauptfigur. Um die »Familie zusammenzuhalten«, hat Kelli (Krystal Ellsworth) ein Jura-Studium begonnen, statt ihrer Leidenschaft für den Tanz zu folgen. Und ihr Vater nutzt immer wieder teure Reisen, um die Familie angesichts der Urlaubsfreuden das große schwarze Loch in ihrer Mitte vergessen zu lassen. Klingt ambitioniert, funktioniert aber leider im Film so überhaupt nicht, wodurch das Ganze wie ein halbgarer, dünner Aufguss aus Dirty Dancing wirkt. Nur, dass hier keiner schwanger ist, das 50er-Feeling fehlt und es den beiden Hauptdarstellern gegenüber gemein wäre, sie mit Jennifer Grey und Patrick Swayze zu vergleichen (immerhin können sie tanzen).

Ich bin beileibe kein Tanzexperte, aber in diesem Film geht es immer wieder darum, dass die »Crews« sich abmühen, irgendwelche Choreographien einzuüben (gerne in den konventionellen Montagesequenzen, die man hier aber parallel setzt mit dem »sich näherkommen« des obligatorischen Liebespaars). Und dann läuft es gefühlt jedes mal so, dass sie unter Zeitdruck im Club, bei der Hochzeit oder der Casting-Show ankommen und dann von jetzt auf sofort einfach spontan eine neue Choreographie erfinden, die ihnen sozusagen »instinktiv« zufliegt. Wodurch das ganze Gelaber über Talent und Professionalität einfach lachhaft wirkt.

In diesem Film ist es außerdem so, dass es mir nicht ansatzweise gelang, hier zwischen zwei Choreographien zu entscheiden, welche die bessere gewesen sein soll. Da musste man sich dann immer an Expertenurteile, Zuschauerreaktionen oder letztlich das Drehbuch halten. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich die Choreographien hier übermäßig gelungen oder als irgendwie spektakulär oder innovativ empfand.

Die darstellerischen Leistungen sind eher so gehobenes Mittelmaß, eine frühe in den Staaten gedrehte Sequenz hat vermutlich ein anderes Team gedreht (wirkt komplett anders) und gerade der Spannungsaufbau um einen bösen Widersacher (mit lächerlich aufgespraytem Sixpack) und einer Kriminalgeschichte demonstriert mal wieder, warum ungebremste auteurs besonders hart auf die Nase fallen können.

In meiner Work-in-Progress-Jahres-Shitlist schaffte es Heartbeats in die Flop 3, aber es fehlen ja noch ein paar Monate, es ist zu befürchten, dass da noch schlimmeres kommt.

Dennoch - wenn man im Leben erst vier Tanzfilme gesehen hat (womöglich alle aus dem laufenden Jahrtausend) und im richtigen Alter ist, mag der Streifen vielleicht sogar funktionieren...



Demnächst in Cinemania 170 (Männernamen):
Rezensionen zu Als Paul über das Meer kam (Jakob Preuss), David Lynch - The Art Life (Jon Nguyen, Rick Barnes, Olivia Neergaard-Holm), Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt (Arne Feldhusen) und Träum was Schönes - Fai bei sogni (Marco Bellocchio).