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14. September 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Tschick (Fatih Akin)


Tschick
(Fatih Akin)

Deutschland 2016, Buch: Lars Hubrich, Künstlerische Beratung, Co-Autor: Hark Bohm, Lit. Vorlage: Wolfgang Herrndorf, Kamera: Rainer Klausmann, Schnitt: Andrew Bird, Musik: Vince Pope, Casting: Jacqueline Rietz, Ulrike Müller, mit Tristan Göbel (Maik Klingenberg), Anand Batbileg (Andrej "Tschick" Tschichatschow), Mercedes Müller (Isa), Anja Schneider (Mutter Klingenberg), Uwe Bohm (Vater Klingenberg), Udo Samel (Herr Wagenbach), Claudia Geisler-Bading (Mutter Risi-Pisi-Familie), Marc Hosemann (Polizist Normadorf), Alexander Scheer (Jugendrichter), Friederike Kempter (Anwältin), Aniya Wendel (Tatjana), 93 Min., Kinostart: 15. September 2016

Mein natürlicher Instinkt wäre es gewesen, diese Kritik mit einer persönlichen Anbindung zu beginnen. Für den Fall eines Erstkontaktes mit einem neuen Leser / einer neuen Leserin setze ich diesmal jedoch die Anekdote an den Schluss der Kritik und beginne mit der eigentlichen Filmkritik. Ob es einen Unterschied macht, werde ich nie erfahren ...

Der größte Erfolg des 2013 verstorbenen Wolfgang Herrndorf war sein Jugendroman Tschick (2010), der sich 2,2 Millionen mal verkaufte. Anfragen nach den Filmrechten lassen bei so einem Erfolg nicht lange auf sich warten, und der cinephile Herrndorf soll gesagt haben »Ich würde die Filmrechte gern für 1000 Euro verkaufen, wenn ich wüsste, dass ein vernünftiger Regisseur da ist.« Herrndorf erfuhr nie, wer sein Buch schließlich verfilmte, aber er legte fest, dass sein Freund Lars Hubrich das Drehbuch schreiben soll - weil er dem vertraute. Dass letztlich Fatih Akin zum Regisseur erkoren wurde, war mehr eine Notlösung, weil ein vorgesehener Regisseur Zeitprobleme bekam und man ein kleines Zeitfenster (Dreharbeiten im Sommer) ausfüllen musste. Rückblickend betrachtet scheint es aber ein echter Glücksgriff, denn Akin, der sich einst auch erfolglos um die Filmrechte bemüht hatte, als er über beide Ohren in seinem letzten Film The Cut steckte, hat zwar noch nie eine solche »Auftragsarbeit« abgeliefert, sondern seine Projekte zuvor immer selbst entwickelt, aber der besondere Zeitdruck führte womöglich auch zu einer Art Befreiung.

Tschick (Fatih Akin)

Bildmaterial: © 2016 Studiocanal

Ich muss in dem Zusammenhang jedenfalls an Martin Scorsese denken, der nach Taxi Driver mit New York, New York, Raging Bull und The King of Comedy zwar drei tolle Spielfilme drehte, sich aber aufgrund nicht erfüllter Erwartungen an den Zuschauerzuspruch immer mehr in eine Art Sackgasse zu manövrieren drohte - und dann deutlich schneller und deutlich preiswerter die schwarze New-York-Komödie After Hours (dt.: Die zeit nach Mitternacht) drehte, die ihn irgendwie wieder auf die richtige Spur brachte.

Hierbei muss man wissen, dass Fatih Akin ein großer Scorsese-Fan ist (sein Spielfilmdebüt Kurz und schmerzlos wurde oft mit Mean Streets verglichen), der bei The Cut das große Vergnügen hatte, mit Scorsese als Produzent zusammenzuarbeiten. Nur leider entsprach dieser Film ähnlich deutlich wie New York, New York einem gestrandeten Ozeanriesen - und das nicht nur kommerziell, sondern auch, was die Kritikerstimmen anging. Nun wäre es vermessen, ein Projekt wie Tschick innerhalb deutscher Verhältnisse als einen »kleinen« Film zu bezeichnen, aber es geht im Grunde nur um eine Freundschaft zwischen zwei pubertierende Jungs, einen geklauten Lada und einen abenteuerlichen Sommer. Der Film aus Akins Karriere, der Tschick am ehesten ähnelt, dürfte das Roadmovie Im Juli sein - und der hatte in den Hauptrollen aufstrebende deutsche Stars wie Moritz Bleibtreu (kurz nach Lola rennt) und Christiane Paul (kurz nach Das Leben ist eine Baustelle), während die Hauptdarsteller bei Tschick während der Dreharbeiten 13 Jahre alt waren. Anand Batbileg in der Titelrolle stand hier erstmals vor einer Filmkamera und Tristan Göbel in der Hauptrolle des Maik Klingenberg (Hauptrolle, weil es vor allem um sein Innenleben, seine Gedankengänge geht) kennt man vielleicht aus Winnetous Sohn oder zweien der Rico, Oskar-Filme (er spielte den tauben Sven). Also nicht so professionelle Hauptdarsteller, aber welche, die keinen Druck aufbauen (auch unbeabsichtigt aufgrund von Erwartungen) und die man formen kann.

Tschick (Fatih Akin)

Bildmaterial: © 2016 Studiocanal

Tschick als Roman wurde schon mit J.D. Salingers Catcher in the Rye verglichen, ich persönlich sehe eher eine Verwandtschaft zu Mark Twains Mississippi-Romanen um Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Maik ist wie Tom der Junge aus gutem Hause, während Tschick Huckleberry Finn entspricht, auch wenn der damals nicht als »Asi« bezeichnet wurde. Und auch der Migrationshintergrund der Figur Tschick, der Fatih Akin vermutlich auch interessierte, findet bei Twain eine leicht versetzte Parallele im flüchtigen Sklaven Jim. Und ob man jetzt auf einem Floß über den Mississippi schippert oder mit einem Lada in die Walachei fahren will, ist ja kein so riesiger Unterschied, wenn man mal das gute Jahrhundert zwischendurch vergangener Zeit außer acht lässt.

Einen irgendwie maritimen Bezug bekommt die Tschick-Verfilmung übrigens auch dadurch, dass eines der (bundesdeutschen!) filmischen Vorbilder des Films Nordsee ist Mordsee (1976) sein dürfte - der hat nicht nur auf Wolfgang Herrndorf einst Eindruck gemacht, auch Fatih Akin holte sich seinen Mentor Hark Bohm, den damaligen Regisseur des Films, als Co-Autor und künstlerischen Berater ins Boot. Und Maiks Vater Josef wird ausgerechnet von Uwe Bohm gespielt, der damals die Jugendrolle spielte - und von Hark Bohm adoptiert wurde. Da wirkt das Ganze gleich wie ein generationsübergreifender Familienbetrieb.

Tschick (Fatih Akin)

Bildmaterial: © 2016 Studiocanal

Besonders filmisch wirken besonders die ersten Einstellungen des Films. Die Kamera von oben, ein spektakulärer Unfall als Einstiegspunkt wie in einem Superheldencomic oder Film noir, von dem aus dann die eigentliche Geschichte erzählt wird. Und dann neben dem ersten von vielen gelungenen Musikeinsätzen (ein Jugendfilm muss auch einen tollen Soundtrack haben) die in einer Kombination von Überblendungen und Zeitlupe reichlich verwirrte Perspektive von Maik, der aber mit dem Satz »Eigentlich wär' ich gar nicht hier, wenn nicht Tatjana wäre« zumindest bei mir direkt an die ein Jahr zurückliegende Romanlektüre anknüpfte. Dort gibt es zwar die selbe Rahmenhandlung als Einstieg, aber erstaunlicherweise weitaus unspektakulärer (weil man den Unfallhintergrund mit ein paar Halbsätzen nebenbei nachliefern kann).

Die eigentliche Geschichte des Films will ich mal wieder gar nicht nacherzählen. Der Film soll die Chance haben, seine Geschichte selbst zu erzählen, denn er macht das gut und mitreißend. Der letzte vergleichbare deutsche Film, der so authentisch und dennoch für ein generationsübergreifendes Publikum eine Jugendgeschichte erzählte, war vielleicht Crazy (ebenfalls nach einer Bestsellervorlage mit einer jugendlichen Erzählerfigur) - aber in beiden Fällen (Buch und Film) gefällt mir Tschick weitaus besser.

Eine der Stellen des Films, die fast noch besser funktioniert als in der Romanvorlage, ist Maiks Beziehung zu seiner Mutter. In beiden Fällen beginnt die Schilderung der Mutter durch einen Schulaufsatz, der Maik den Spitznamen »Psycho« einbringt. Im Roman reflektiert das natürlich stark auf die Erzählerstimme, den »späteren Schriftsteller« Maik, was aber im Film auch nicht ganz untergeht. Aber da man im Film die späteren Szenen zwischen Maik und seiner Mutter nicht immer aus seiner Erzählung, seiner Perspektive erlebt, wird die Figur trotz ihrer Schwächen irgendwie viel liebevoller. Im Gegenzug hat man dann den Vater mit seiner kaum kaschierten Geliebten Mona (im Roman Anlass für eine Fantasie Maiks, die im Film weitaus kleiner ausfällt), der durch den wirklich cleveren Einsatz eines freeze frames eigentlich eindrücklicher charakterisiert wird als durch die gesammelten gut gespielten Szenen, die er sonst so hat. Und wie es sich für eine gute Adaption gehört, erkennt man ihr Gelingen durch medienspezifische (also filmische) Momente, die aber dennoch ganz präzise den Tonfall der Vorlage einfangen.

Tschick (Fatih Akin)

Bildmaterial: © 2016 Studiocanal

So, und nun zu meiner persönlichen Tschick-Geschichte. Vor zirka einem Jahr hörte ich davon, dass Fatih Akin als Regisseur ins Projekt eingestiegen war, und vom Roman kannte ich immerhin den Titel, weil ich einmal im Jahr Lieblingsbücher, -filme etc. der Leser meines kleinen »Rezins« Klirr Di Birr sammle - und dort sowohl Andreas Platthaus (weitaus versierter als ich, was deutsche Gegenwartsliteratur angeht) als auch der leider verstorbene Thomas Backs dieses Buch erwähnten - wenn auch in unterschiedlichen Jahren. Dass ich eigentlich ein »Verlagskollege« von Herrn Herrndorf war und zumindest seine Rosenbaum-Doktrin auch gelesen hatte, war mir damals gar nicht geläufig. Denn zum einen bleibt der Romantitel besser in den Gehirnwindungen hängen als der Name des Autors, und zum anderen nähere ich mich meinen »Kollegen«, ob sie Berger, Dath, Fiebig, Fischer, Kuhligk, Müller oder Wagner heißen, eher mit freundschaftlicher Verbundenheit als mit aufblickender Verehrung. Tschick gehört zu den Büchern, die ich mir nur insofern selbstbestimmt aussuchte, dass ich ein Exemplar des Taschenbuchs im Waschsalon meines Vertrauens fand. Und es ist bisher das einzige gefundene Buch, dass es auf Platz 1 meiner Jahresliste schaffte - 2015 war das. Wem also der Film gefiel, der sollte sich auch das Buch besorgen. Ich persönlich lese immer gerne die Hälfte des Buches, gehe dann in den Film und führe die Lektüre danach weiter.

Und wer besonders die Figur Isa mag, der kann sich auch noch Herrndorfs Romanfragment Bilder deiner großen Liebe besorgen. Kenne ich selbst noch nicht, aber 2016 wird mein Jahr der unvollendeten Romane (bin gerade beim zweiten, The Plant von Stephen King, im Presseheft zu Tschick impliziert Fatih Akin übrigens, dass ihm bei King-Romanen schon mehrfach der Wunsch beschlich, ein Buch zu verfilmen).