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Die Box




Dezember 2001
Thomas Vorwerk
für satt.org

Memento
USA 2000

Christopher Nolan: Memento

Buch
und Regie:
Christopher Nolan
nach einer Story von Jonathan Nolan

Kamera:
Wally Pfister

Schnitt:
Dody Dorn

Musik:
David Julyan

Darsteller:
Guy Pearce (Leonard), Carrie-Anne Moss (Natalie), Joe Pantoliano (Teddy), Mark Boone Jr. (Burt), Stephen Tobolowsky (Sammy Jankis), Harriet Sansom Harris (Mrs. Jankis)



Memento



Wenn man als Rezensent seinen Lesern von der Besonderheit dieses Films, seiner "Condition" erzählt, so weiß man nicht, wie oft diese die Geschichte schon gehört haben. Also fasst man sich kurz, denn zum Lesen dieser Rezension sollte man nicht länger als zehn bis fünfzehn Minuten benötigen. Nach dieser Zeitspanne vergißt unser Held, der ehemalige Versicherungsagent Leonard, alles, was nicht vor dem Ereignis geschah, das sein altes Leben vernichtete, die Vergewaltigung und Ermordung seiner Frau. Seitdem sein Kurzzeitgedächtnis derart eingeschränkt ist, muß er sich auf andere Dinge verlassen, auf Notizen, Polaroids und Tätowierungen, um das einzige Ziel seines Lebens trotz der widrigen Umstände noch erreichen zu können: Den Mörder seiner Frau, der auch sein Leben zerstört hat, zu töten.

Dieser Exekution wohnt der Zuschauer schon ganz zu Beginn des Filmes bei, denn (wie zuletzt bei dem ansonsten wenig bemerkenswerten "Pay it Forward") der Film wird teilweise in umgekehrter Reihenfolge erzählt, was den Zuschauer in Leonards Lage versetzt, denn mit jedem "Zurückspulen" offenbaren sich neue Details, immer wieder muß man das Gesehene neu in Kontext zueinanderstellen.

Leonard selbst hätte dazu gar nicht die Zeit, während einer Verfolgungsjagd entfällt ihm manchmal gar, ob er der Verfolger oder Verfolgte ist, er muß also auf seinen Instinkt hören. Ob Teddy, der Mann, den er am Anfang des Films tötet, wirklich für den Tod von Leonards Frau zuständig ist, bezweifelt der Zuschauer sehr schnell, aber da auf dem Polaroid mit Teddys Gesicht hinten "don't believe his lies" draufsteht, darf man ihm nichts glauben. Es stellt sich nur die Frage, wem man glauben darf: Seiner Erinnerung, seinen Augen, seiner eigenen Handschrift?

Der Erzählfaden des Films läßt sich (wie jeder Faden) von beiden Enden auseinanderklamüsern, man stößt dabei immer wieder auf kleine Knoten, doch wenn man im Film auf das Mittelstück stößt, das den Ende des Films ausmacht, folgt natürlich eine Pointe, und man möchte den Film mit dem neuen Vorwissen noch mal schauen, ein Luxus, den sich Leonard nicht leisten kann.

Ein verschachtelter kleiner Neo-Noir-Thriller, der abgesehen vom Schnitt in der Inszenierung wenig außergewöhnliches bietet (ein Erzählstrang ist in schwarz-weiß), das aber auch nicht nötig hat, denn in diesem Fall zeigt sich wieder mal, daß der Schnitt die höchste aller Filmkünste ist.

Nachtrag:

»Memento« war der 201. Film, den ich dieses Jahr sah. Und der 202.!

Die folgenden Überlegungen sind für Leute gedacht, die den Film bereits einmal gesehen haben. Oder, anders gesagt: SPOILER-ALERT!

Wenn man »Memento« zum zweiten Mal sieht, bemerkt man viele Kleinigkeiten, weil man der Erzählung einige Schritte voraus ist. So fiel mir zum Beispiel beim ersten Mal nicht auf, daß es bei der Diskussion zwischen Leonard und der von Dodd übel zugerichteten Natalie einen Zwischenschnitt auf eine Großaufnahme von Leonards Hand gibt, die ihm offenbar schmerzt.

Auch war mir nicht weiter aufgefallen, daß Leonard Natalie erzählte, daß eine der Stellen an seinem Körper, auf der er noch keine Tätowierung hat, sozusagen reserviert für die »Abschluß-Tätowierung« ist, jene Erinnerung daran, daß er sein Lebensziel erreicht hat. Später sehen wir dieses blutverschmierte Polaroid, wo er überglücklich auf eben diese Stelle in Höhe des Herzens zeigt. Die Szene, die bei einer ernsthaften Interpretation des Films der Knackpunkt ist, zeigt eine Erinnerung von Leonard, wie er mit seiner Frau im Bett liegt. Schon beim ersten Betrachten des Films fällt in dieser kurzen Einstellung fast jedem Zuschauer auf, daß Leonard hier bereits jene Tätowierung auf dem Körper trägt, die »John G. raped and murdered my wife« lautet. Man sieht zwar nicht den gesamten Schriftzug, aber bei englischen Satzbau »Subjekt Prädikat Objekt« gibt der Mittelteil alleine eben keinen Sinn. Erst beim zweiten Betrachten des Films fiel mir an dieser Stelle ein wichtiges Detail auf: Leonard hat auf Höhe des Herzens auch eine Tätowierung, von der man aber nur »I’ve« sehen kann. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der ganze Satz »I’ve killed him« oder so ähnlich lautet. Was uns natürlich in unserem Wissensstand nicht wirklich weiterbringt.

Leonard weist uns während des Films öfters darauf hin, daß man sich nur an Fakten halten soll. Gegen Ende des Films erkennen wir, daß selbst Leonards Notizen für sich selbst nicht unbedingt die ultimative Wahrheit darstellen. Was genau sind denn die Fakten?

Teddy behauptet, er sei der Polizist, der auf Leonards Fall angesetzt worden war. Allerdings ist Teddy allenfalls ein sehr korrupter und nicht besonders moralischer Polizist, wenn er überhaupt ein Polizist ist. An einer Stelle zeigt er mal kurz seine Hundemarke, aber die kann jeder fälschen. Auch behauptet Teddy mal, daß Leonard gar keine Frau gehabt hat, was natürlich kaum mit seiner Geschichte, daß er den Mord von Leonards Frau aufklären soll, auf einen Nenner gebracht werden kann.

Hatte Leonard eine Frau? Wir sehen nie ein Bild von ihr, immer nur seine Erinnerungen, wir erfahren nicht einmal ihren Namen. Alles schon mal sehr suspekt. Natürlich lernen wir sie in Leonards Erinnerungen vor dem »Incident« kennen, aber abgesehen von jener Schlüsselszene gibt es da auch noch die zwei Versionen einer Erinnerung, die entweder das Kneifen in ihren Oberschenkel oder eine Insulinspritze als Grund für ihr »Ow!« angeben. Oder war es Sammy Jankis, von dem Teddy behauptete, er hatte keine Frau? Meine Erinnerung versagt bereits wieder ihren Dienst.

Bereits beim ersten Betrachten des Films fragte ich mich, wie Leonard von den Umständen des Todes von Sammy Jankis Frau erfahren haben soll. Sie selbst hat es nicht überlebt, Sammy kann sich nicht daran erinnern. Womöglich ist es möglich, die dreifache Insulindosis nachzuweisen, vielleicht kann man auch anhand der um eine halbe Stunde nachlaufenden Armbanduhr des Geschehen rekonstruieren, aber wir sehen keine schwammige Rekonstruktion des Tathergangs, sondern eine detaillierte Darstellung inklusive Sammys Gesichtsausdruck und dem letzten Satz, den er zu seiner Frau sagt. Selbst, wenn Leonard auf diese Weise Schuld am Tod seiner Frau gehabt hat, würde das nicht klären, woher der Gedächtnis-Behinderte diese Informationen hat.

Erwartet nicht, daß ich hier die Rätsel des Films auflöse. Ganz im Gegenteil. Eine wichtige Szene muß noch erwähnt werden. Als Sammy nach dem Tod seiner Frau in eine Anstalt eingeliefert wird, klärt sich auf, warum Leonard immer den Eindruck gehabt hatte, Sammy erkenne ihn (was ja auch mit dazu führte, daß Leonard so oder so am Insulin-Tod der Frau (wenn es sie gab) mitschuldig war), denn auch hier erbettelt sich Sammy einige Schulterklopfer, indem er den Ärzten vormacht, er erkenne sie wieder. Doch an dieser Stelle gibt es einen »Fight Club«-Moment, der nur dem wirklich aufmerksamen Zuschauer auffällt. Für einen Sekundenbruchteil sitzt nicht Sammy, sondern Leonard auf dem Plastikstuhl, damit ist auch die Wahrhaftigkeit dieser Information sehr fraglich.

Die entscheidende Erfahrung nach zweiter Sichtung des Films ist, daß zwar die kleinen Fragen, die man noch hatte, beantwortet werden, aber gerade die GROSSEN, die sich neu auftun, nicht ohne weiteres eine Antwort finden.