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Die Box




14. März 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


Cinemania-Logo 72:
Perspektive Deutsches Kino
– Klappe, die zehnte –


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Berlinale 2011

Einige meiner Kritiker-Kollegen sprechen mitunter von einer »Perspektivlosigkeit Deutsches Kino«, was nicht nur nicht annähernd so komisch ist, wie mancher glauben mag, sondern schlichtweg nicht stimmt. Zum zehnten Jubiläum wollte ich mir mal einen Überblick verschaffen, und - um es vorwegzunehmen - zehn von elf Filmen fand ich durchaus gelungen.


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Utopia Ltd.
(Sandra Trostel)

Deutschland 2001, Buch: Sandra Trostel, Thies Mynther, Kamera: Lilli Thalgott, Sandra Trostel, Schnitt: Sandra Trostel, Vorschnitt: Nicolai Hartmann, Musik: 1000 RobotA, mit Anton Spielmann, Jonas Hinnerkort, Sebastian Muxfeldt, 90 Min., Kinostart: 12. Mai 2011

Regisseurin Sandra Trostel: »Ich habe damals die Robota zufällig bei einem ihrer ersten Konzerte gesehen. Diese Band hat mich sofort fasziniert. Sie haben einen jugendlichen Leichtsinn und Mut ausgestrahlt, dem man nur noch selten begegnet.«

Utopia Ltd. dokumentiert die prägende Phase der jungen Band 1000 RobotA. Die Regisseurin hat immenses Glück (oder Gespür) gehabt bei der Festlegung der Zeitspanne. Man hat gerade einen Plattenvertrag mit »Tapete Records« und liest die ersten Kritiken über die eigene Band: »Wir klingen wie Fehlfarben, Gang of Four oder die jungen Goldenen Zitronen.« --- »Das schreibt doch jedes Schwein.« --- »Und es stimmt gar nicht! Wir klingen wie Jack Johnson.« Die Debütsingle »Hamburg brennt« ist ein klitzekleiner Hit, doch schon ist die Band des Songs überdrüssig. »Ich verspüre einfach das Gefühl nicht mehr« - Konter des Sprechers der Plattenfirma: »Nach drei Monaten?«

»Den einen Mini-Hit muss man spielen. Vielleicht kennen den ja 3, 4 Leute.« Den Ansprüchen des Sängers und Texters Anton Spielmann kann das Prozedere des Music-Business nicht gerecht werden. Und das, obwohl er es von der Pieke lernen will - mit einem Praktikum bei der Plattenfirma. Interessenskonflikte sind da vorprogrammiert.

Auch die Ansprüche an die Fans sind verhältnismäßig hoch: »Hab bitte deine eigene Idee mit uns gemeinsam - Selbst, was wir sagen, ist nicht richtig - aber es ist eine Idee.«

Der Film macht neugierig, denn er lässt Fragen offen. Bei den Aufnahmen zum ersten Album gibt es eine Grundsatzdiskussion darüber, ob man bei einem Songtext auf Tocotronic referieren sollte oder man sich selbst damit kleiner macht - Wie der Song dann aufgenommen wird, lässt der Film offen.

Insbesondere Anton (seine beiden Mitstreiter Jonas und Sebastian bleiben etwas im Hintergrund und von einem sieht man auch eine richtig schön piefige Geburtstagsfeier mit Familie) ist eine Spur arrogant, aber auch durchaus realistisch. Während die Welt um sie herum aus den Gleisen zu laufen scheint. Das komplette deutsche Feuilleton diskutiert die Band, doch die Verkaufszahlen bleiben aus. Man geht auf Tournee ins Ausland und diskutiert, ob es besser ist, gleich zu tanken oder erst hinter der belgischen Grenze. Dann ein kleiner Ritterschlag: Ein Auftritt in London. Halb Deutschland (pressemäßig gesprochen) reist mit, doch das Publikum hält sich in Grenzen. 50 Euro für den Gig, doch die Übernachtung muss man selbst zahlen. Und das Hostel schließt um 22 Uhr. »Du findest Dich in Situationen, wo du ganz allein bist. Du hast nichts zum Essen. Du hast nichts zum Arsch abwischen.«

Viele interessante Geschichten entwickeln sich. Etwa die Sache mit Stefan Raab und dem Eurovision Song Contest. Was gut ist für die (Vermarktung der) Band, muss nicht gut sein für das Selbstbild. Will man sich verkaufen oder unverkauft bleiben?

»Rock’n’Roll will never dead.«

Ein würdiger Eröffnungsfilm der zehnten Perspektive Deutsches Kino.

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Der Preis
(Elke Hauck)

Deutschland 2011, Buch: Peggy Lehmann, Buchmitarbeit: Elke Hauck, Kamera: Michael Kotschi, Schnitt: Stefan Stabenow, Oliver Weiss, Kostüm: Sonja Hesse, mit Florian Panzner (Alexander Beck), Anne Kanis (Nicole), Vincent Krüger (Michael, jung), Sven Gielnik (Alexander, jung), Vanessa Krüger (Nicole, jung), Guntbert Warns (Lange), Wiebcke Bachmann (Jeanette), Anna Willecke (Jeanette, jung), Christian Näthe (Udo), Marcel Lucht (Udo, jung), Robert Gallinowski (Gerd), Timon Wloka (Wocke, jung), 87 Min.

Da ich diesen Film als einzigen aus der Perspektive in einer regulären Vorstellung sah, kam ich auch in den Genuss einer der Grußbotschaften zum zehnten Jahr der Reihe. Das kleine Filmchen von Robert Thalheim (Netto) gab mir allerdings nicht den Eindruck, dass ich jetzt bei den anderen Kurzfilmen viel verpasst hatte. War halt mehr so ein etwas überflüssiger Bonus-Track.

Viel amüsanter hingegen die Durchsage zu Beginn des Films: »Heute nicht auf den Treppen sitzen - aus Feuerschutzgründen.« Da fragt man sich, wie man das am Vortage gehalten hat.

Elke Hauck scheint mit ihrem Spielfilmdebüt Karger (2007) einige einflussreiche junge Regisseure beeindruckt zu haben (in der E-Mail-Diskussion zwischen Graf, Hochhäusler und Petzold wurde sie mal erwähnt, und selbst ohne Angabe ihres Vornamens wurde der Eindruck erweckt, dass jedermann zu wissen habe, um wen es sich da handele). Ich persönlich hatte keine Ahnung, aber - um etwas vorzugreifen - mich interessiert ihr Debüt inzwischen auch. Übrigens war sie zuvor Regieassistentin bei Jessica Hausners Hotel.

Der Preis basiert auf einem Drehbuch der Autorin Peggy Lehmann, das wohl lange herumgereicht wurde ohne realisiert werden zu können, bis Frau Hauck sich des Stoffs annahm (und wohl noch geringfügige Änderungen vornahm). Und es scheint erstaunlich gut zugeschnitten auf die Regisseurin, die sich schon in dem Dokumentarfilm Flügge (2001) mit den Gefühlswelten ostdeutscher Jugendlicher beschäftigte, und die für die Dreharbeiten von Karger auf ähnliche Weise zurück zu ihren Wurzeln reiste wie in Der Preis der gerade ausgezeichnete Architekt Alex (Florian Panzner), der aus Frankfurt am Main in seinen heruntergekommenen Heimatort in der ostdeutschen Provinz zurückkehrt, um dort sein prestigeträchtiges, aber etwas unrealistisches Projekt zur Umstrukturierung von Plattenbauten umzusetzen (Filmzitat: »Warum denn so’n Projekt, wenn die Leute mit weniger zufrieden wären?«)

Hierbei wird er mit seiner Vergangenheit konfrontiert, in Form der alten Schulfreunde (zumindest derer, die im Ort verblieben sind), darunter auch seine große Jugendliebe Nicole (Anne Kanis), die er schon zu Beginn des Films in einer fast traumwandlerischen Szene wiedersieht. Eigentlich stimmt in diesem Film von der ersten bis zur letzten Szene erstaunlich vieles - Die Drehbuchstruktur ist etwa so komplex wie bei Atom Egoyan, aber Hin- und Her-Switschen zwischen den Zeitebenen funktioniert tadellos, trotz verzögerter Informationsvergabe ist die Geschichte routiniert erzählt, und es geht nicht nur um Nostalgie oder das Verdammen der DDR, sondern viele kleine andere Themen, die seltsame Männerfreundschaft zwischen dem aufstrebenden Architekten und dem alkoholkranken Bauleiter, das Wiedersehen mit gleich zwei Frauen aus Alex’ Jugend - und sogar eine Kontaktaufnahme des »innerlich jung gebliebenen« mit der aktuellen Generation von Jugendlichen.

Der Film hat auch visuell viel zu bieten. Unpersönliche Hotelräume werden ebenso erforscht wie das miefige Baustellenhäuschen, zum Wiederauffrischen der alten Liebe wird sogar die früher naive Huldigung von Architektur-Meilensteinen eingebaut, dieser Film könnte einer ganzen Generation junger deutscher Filmemacher viel beibringen. Da sieht man auch darüber hinweg, dass das traumatische Ereignis als Kern der Erzählung etwas lapidar daherkommt, dass man bei Zweifach-Casten von Figuren in zwei gänzlich unterschiedlichen Altersstufen kleine Probleme hatte oder dass Am Fenster von City als musikalische Inkarnation der Jugend vielleicht einmal weniger hätte gespielt werden sollen - allesamt vernachlässigende Kinderkrankheiten. Was hier konstatiert werden muss, ist der schiere Mut, sich an dieses Projekt zu wagen - und die grundsolide bis inspirierte (und inspirierende) Ausführung.

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Weisst du eigentlich dass ganz
viele Blumen blühen im Park
(Lothar Herzog)

Deutschland 2010, Buch: Lothar Herzog, Kamera: Philipp Baben der Erde, Schnitt: Stefanie Kosik, Musik: Kerim König, Fabian Saul, Andreas Fichtner, mit Odine Johne (Lena), Christian Blümel (Mario), Thorsten Merten (Chef), Marianne Sonneck, Elisabeth Leisikow (Verkäuferinnen), Farina Fuchs (Freundin), Christoph Letkowski (Freund), 27 Min.

Den Filmtitel findet man (fast) genauso zu Beginn des Films wieder. Um mit ihrem Freund Mario zusammen zu sein, ist Lena (Odine Johne) nach Cottbus oder Brandenburg gezogen, wo sie niemanden kennt - und Mario treibt sich auf fernen Baustellen herum. Die Kleinmädchenfantasie von der großen Liebe droht zu platzen.

In weniger als einer halben Stunde zeichnet der Film ein tiefgehendes Portrait einer Figur voller Ecken, Kanten und Abgründen. Dass Lena mit ihrem Chef (Thorsten Merten) fremd geht, ist nur der Anfang. Einige Aspekte ihres Lebens (Vortanzen) werden einfach unverbunden vorgeführt, aber vor allem geht es um die Partnerschaftsdynamik, die gänzlich von Lena ausgeht. Sie scheint manisch-depressiv, klammert, stößt Mario dann wieder fort, verliert zusehends die Relation zur Realität. Ein überraschend heftiger Film, der aber dennoch gut beobachtet ist und auch subtil an sein Thema herangeht. Von der Hauptdarstellerin und dem Regisseur wird man hoffentlich noch etwas hören ...

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Die Ausbildung
(Dirk Lütter)

Deutschland 2001, Buch: Dirk Lütter, Kamera: Henner Besuch, Schnitt: Antonia Fenn, Musik: Falko Broksieper, mit Joseph K. Bundschuh (Jan), Anke Retzlaf (Jenny), Stephan Rudolf (Tobias), Dagmar Sachse (Susanne), Anja Beatrice Kaul (Mutter), Frank Voß (Vater), Chortheater Köln (Chor), 85 Min.

Dass Die Ausbildung mit dem Dialogue en perspective-Award ausgezeichnet wurde, sollte niemanden verwundert haben. In Frankreich verehrt man die »Berliner Schule« noch stärker als hier, und die Art und Weise, wie hier die Oberflächen der modernen Arbeitswelt inszeniert werden, erinnert schon stark an Petzolds Yella oder Hochhäuslers Unter Dir die Stadt. Ähnlich wie Weisst du eigentlich ... (die Kritik direkt hierüber) zeigt auch Dirk Lütter in seinem Film keine Berührungsängste, und auch seine Hauptfigur ist ähnlich vielschichtig. Jan (Joseph K. Bundschuh) befindet sich im letzten Jahr seiner Ausbildung bei der Veblo AG, und wie es das Presseheft so schön zusammenfasst, »er möchte alles richtig machen«. Was leichter gesagt als getan ist, denn er gerät zwischen die Fronten. Einerseits schleimt er sich bei seinem Chef ein, doch er hat auch einen Gerechtigkeitssinn und setzt sich für die Schwachen ein, etwa seine direkte Vorgesetzte (Teamleiterin) Susanne, die offenbar überfordert ist von ihrem Job und der Belastung durch einen behinderten Sohn, oder der gutaussehenden jungen Praktikantin Jenny (Anke Retzlaf), die aber damit rechnen muss, nicht übernommen zu werden. Jans Mutter ist da als Mitglied des Betriebsrats vielleicht Vorbild, doch bei den bevorstehenden Umstrukturierungen muss jeder um seinen Platz kämpfen.

Bei der Schilderung der modernen Arbeitswelt mit Teamorientierung, »clean desk policy« und Drehkreuz mit Kartenscanner erinnert Die Ausbildung an die frühen Filme von Laurent Cantet (Ressources humaines und L’emploi du temps), doch darüber hinaus gibt es auch noch den privaten Bereich. Das Frühstück im Rahmen der Familie gerät durch die Begeisterung des Vaters für Elektro-Gadgets fast in den satirischen Bereich, doch vor allem die Szenen, in denen Jan allein ist, lassen Abgründe vermuten. Er rast mit Musikbegleitung über Landstraßen, rasiert sich seinen Schambereich und schaut Pornos auf youtube. Lange Zeit weiß man nicht, ob Jan wirklich ein Sympathieträger ist, oder ob er sich zum Stasispitzel der Chefetage oder einem Patrick Bateman im Westentaschenformat entwickeln wird. Und diese Ungewissheit peitscht den Film voran (Weisst Du eigentlich... hat im Vergleich nicht die Zeit, dies auszuarbeiten). Bei der Pressevorführung wurde übrigens ein Rohschnitt des Film gezeigt, der interessante Einblicke in die Arbeitsweise erlaubte (Stickwort Nachsynchronisierung), aber mitunter ein wenig die komplette Überwältigung durch den Stoff verhinderte. Ich gehe aber davon aus, dass dies bei der Endfassung geschah. Einziger Kritikpunkt ist die Darstellung des geistig behinderten Marvin, die nicht durchgehend überzeugte. (Und zu diesem Urteil stehe ich auch, falls sich herausstellen sollte, dass die Behinderung nicht gespielt wurde.)

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Kamakia
Die Herren der Insel
(Jasin Challah)

Deutschland 2010, Buch, Musik, Puppenspiel: Jasin Challah, Kamera: Istvan Imreh, Schnitt: Fabian Oberhem, Titelanimation: Manuel Schmitt, mit Kosta Rapadopoulos, 37 Min.

Das Genre Dokumentarfilm überschreitet immer wieder seine Grenzen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer klassischen Reportage eines Dokumentaristen, der eine (oder mehrere) Fragen (auch nach seiner Herkunft und Vergangenheit) zu beantworten sucht, sich dafür auf eine Reise begibt und auf der Suche nach dem Quentchen Wahrheit Interviews mit Beteiligten hält. Hört sich soweit geradezu klassisch dokumentarisch an. Doch wenn wie hier der Protagonist und Interviewpartner eine etwa metergroße Puppe ist, zweifelt man fast automatisch am dokumentarischen Hintergrund, ahnt eine »mockumentary«. Und einer der besonderen Kniffe dieses Films ist es, dass er dieses Problem nicht auflöst, sondern an seinem Dokumentarstatus festhält. Natürlich kann auch eine (offensichtlich fiktive) Puppe ernsthafte Interviews führen, doch wenn das Thema des Films und das Aussehen des Interviewführenden stärker aufeinander abgestimmt sind als im Falle Borat, so entwickeln die Interviews zumindest eine Eigendynamik. Kosta Rapadopoulos hat einen Schnurrbart, buschige Augenbrauen, eine ungezähmte Mähne sowohl als Haupt- als auch als Brusthaar. Seine schiefen Schneidezähne gehören noch zum Klischee, seine Körpergröße ist bereits Parodie.

Die Kamaki sind die legendären griechischen Männer, die sich in den 1970ern um die blonden Touristinnen aus Deutschland und Skandinavien »kümmerten«. Auf ihre Fährte setzt sich Kosta, der wie die hässliche Variante dieser Vorzeigemachos wirkt. Und in Interviews erfährt man so einiges über sie. Die hundert besten Kamaki von Rhodos brauchten nie zu arbeiten, sie erhielten Kleidung und andere Geschenke, wurden zum Essen eingeladen und bekamen im Winter auch mal einen Briefumschlag mit Banknoten. Wo die griechischen Frauen für potente junge Männer ein Problem wegen der unverzichtbaren Jungfräulichkeit darstellten, gab es mit den Touristinnen keine Probleme. Sie wurden für zwei Wochen selbst dann vergöttert, wenn sie nicht wie blonde Fotomodelle aussahen, nach Ende des Urlaubs sogar zum Flughafen gebracht, und von dort aus widmete man sich dann gleich der nächsten Passagiermaschine voller nach Beachtung ausgehungerter Frauen. Ein tiefschürfender Kommentar eines Kamaki: »In drei Monaten habe ich 45 Frauen klargemacht. Ich hätte auch hundert haben können, aber ich bin romantisch eingestellt.« Romantik vom Fließband.

Bei der Vorführung waren keine 24 Stunden seit The Big Eden, den Dokumentarfilm über den Playboy Rolf Eden, vergangen, und selten ist es mir passiert, dass ich auf zwei Filme stieß, die sich so »verdient hatten«, die ein Double Feature einfach unumgänglich erscheinen ließen. Machos mit kleinen Fehlern und einem gehörigen Batzen Selbstverliebtheit und Scheuklappen für die Begleitumstände ihrer Existenz, noch dazu etwa aus der selben zeitlichen Epoche. Eden und die Kamaki muss man in gleichem Maße entweder honorieren und ein bisschen bewundern - oder eben grundheraus ablehnen. Doch beide Filme sind so unterhaltsam und vielsagend, dass man nicht vorschnell urteilen sollte.

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Rotkohl und Blaukraut
(Anna Hepp)

Deutschland 2008-2011, Buch, Kamera: Anna Hepp, Schnitt: Annette zur Mühlen, Musik: Manuel Wagener, mit Hakan Serdar Simsir, Tanja Sengelhoff, Jens Ulrich Möller, Özen Semsir sowie den Kindern Emma, Haluk, Ilham, Leyla und Elim, 60 Min.

»Schwanger von einem arbeitslosen Türken.« Als Tanjas Eltern von den Eheplänen ihrer Tochter hörten, hielt sich die Begeisterung zunächst in Grenzen.

Rotkohl und Blaukraut schildert anhand zweier deutsch-türkischer Familien die Probleme und Chancen der Integration. Sowohl Hakan als auch seine ältere Schwester Özen haben Deutsche geheiratet, und die Filmemacherin Anna Hepp lässt alle Beteiligten zu Wort kommen. Durch die Verbindung der Geschwister haben die zwei Familien eine ganz besondere Dynamik, und mitunter kommt es dadurch dazu, dass hier auch die Deutschen eine Integrationsleistung zu liefern haben (ansonsten ein Thema, auf das kaum jemand kommt). So hat beispielsweise Tanja ein gewisses Problem, bei einer türkischen Hochzeit mitzufeiern, sie fühlt sich »beobachtet«. Jens hingegen hat sich voll in seine neue Familie hineingefunden, er und Hakan treten auf wie Brüder, von kulturellen Unterschieden kann man hier fast nichts bemerken.

Der Film erzählt auf eine leichte, unterhaltsame Weise, und versucht auch nicht, allzu politisch zu werden. Wenn es etwa um die Religionsfreiheit der nächsten Generation geht, so erfahren wir von den Kindern selbst, wie sie dazu stehen. Emma: »Ich will kein Kopftuch tragen, das sieht bei mir doof aus« oder »Ich hab’ immer gedacht, ich will Christ sein. Aber Mama hat gesagt, ich kann das später entscheiden, weil die Deutschen keine Zuckerfest haben.« Der Titel bezieht sich natürlich auf die Definitionsprobleme. Was ist schon Türke oder noch deutsch? Es vermischen sich ja nicht nur die Nationalitäten, sondern auch die Religionen.

Interessant am Film ist auch, dass die Filmemacherin die beiden Paare in ihrem Freundeskreis fand, und somit dauernd mit eingespannt wird (»Anna, film das!«). Häufig gibt es kleine Gespräche darüber, ob denn auch die Realität abgebildet wird, wobei aber gerade die Versuche, den vom zu beeinflussen, durchaus charmant sind. Rotkohl und Blaukraut ist ein bisschen »Doku light«, ist sich dabei aber seines dokumentarischen Ansatzes weitaus bewusster als einige andere Dokumentarfilme, die sich verdammt ernst nehmen, zwischendurch aber immer wieder durchblicken lassen, dass sie dem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Anna Hepp will nicht die Welt verändern, sondern einfach Einblicke in ein ganz normales Familienleben geben. Und gerade ihr gänzlich undidaktischer, fast spielerischer Ansatz, den man fälschlicherweise auch als naiv auslegen könnte, könnte weitaus mehr Zuschauer erreichen, deren vorgefertigte Meinung mal durch den Film ein wenig hinterfragt werden könnte. Denn ganz normale Menschen sind viel sehenswerter als politische Redenschwinger. Unabhängig von Nationalität, Herkunft und Religion.

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Vaterlandsverräter
(Annekatrin Hendel)

Deutschland 2011, Buch: Annekatrin Hendel, Kamera: Johann Feindt, Jule Katinka Cramer, Martin Langner, Can Elbasi, Schitt: Jörg Hauschild, Musik: Louis Rastig, Illustrationen: Leif Heanzo, mit Paul Gratzik, 97 Min.

Ähnlich wie bei Rotkohl und Blaukraut hat auch hier das Verhältnis vor Drehbeginn zwischen der Dokumentarfilmerin und ihrem Protagonisten den Film unterstützt, wenn nicht überhaupt erst möglich gemacht. Denn Paul Gratzik ist ein aufbrausender Mensch, der sich nicht in die Karten schauen lassen will, soviel ist schon mal von Anfang an klar. Interviewerin und Interviewter paddelt in einem kleinen Boot über einen idyllischen See, da will Gratzik das Interview abbrechen. »Ich geh über Bord« droht der Über-Siebzig-Jährige, »Scheiß westdeutsche Fernsehfragen«, die wissen wollen, ob es »an seinem Gewissen genagt« hätte, will er nicht über sich ergehen lassen.

Somit beginnt der Film mit einem Paukenschlag, mit dem Hinweis darauf, dass es schon ein kleines Wunder ist, dass der Film überhaupt zustande kam. Ein großartiger Moment.

Die schlechteste Szene des Films folgt aber kurz darauf.

»So also leben Dichter« sinniert im naiven Achtklässler-Tonfall die Filmemacherin aus dem Off, während man sieht, wie sie sich dem Haus des DDR-Schriftstellers und Stasi-Informanten nähert. Zwar ist es unumgänglich, die Basissituation des Films dem Publikum darzubringen (ihre fragile Freundschaft zu Gratzik), doch warum denn bitte mit einem weiteren Beispiel dafür, warum Voice-Over-Kommentare oft nur die Inszenatorische Hilflosigkeit des Regisseurs (und / oder Cutters) demonstrieren.

Bei allen positiven Ansätzen des Film kommt noch ein weiterer misslungener dazu. Leider ist es heutzutage wohl den Sehgewohnheiten eines fernsehgesättigten Publikums verschuldet, dass viele Dokumentarfilme nicht mehr die Charakterfestigkeit haben, sich auf das gesprochene Wort oder die vorhandenen Dokumente zu stützen. So kann man etwa in The Big Eden sehen, wie eine Folge von Fotografien durch penible Computerbearbeitung plötzlich in einen räumlichen Zusammenhang gebracht und animiert. Wenn auf dem Hemd einer fotografierten Person der Schatten eines Baumes liegt, wozu müssen sich dann die Schatten der Blätter im Wind bewegen? Schalter der Fernsehzuschauer schon um, wenn für anderthalb Sekunden ein Foto gezeigt wird, dass durch die Animation ja keinerlei zusätzliche Informationen (allerhöchstens noch eine Verfälschung der Dokumente) hinzubekommt? Und so ähnlich läuft es auch in Vaterlandsverräter, wo zwar kein Computerkünstler, sondern ein (immerhin traditioneller) Maler Illustrationen beiträgt, doch auch diese liefern keinerlei Zusatzinfos abgesehen von der interpretatorischen Leistung des Künstlers, die jedoch vom Interviewtext nur ablenkt. So erzählt Gratzik etwa davon, wie er bei einer Premiere seine neugewonnene Berühmtheit erlebte und schildert lebhaft und bildreich, wie die Umstehenden eine Gasse für ihn bildeten. Doch warum muss man dazu eine Abfolge von Gemälden sehen, die illustriert, was man sich selbst vorstellen kann, warum später ein nacktes Paar in einer Badewanne (obwohl die sexuelle Natur der Beziehung ausgiebig beschrieben wurde), warum eine Pistole, die neben einem Kaffeegeschirr drapiert wurde (als hätte der Film solch eine aufgesetzte Spannung wie aus einem Groschenheft nötig), oder eine Badeszene, in der in einem Strandkorb offensichtlich Ulrich Mühe mit Abhörkopfhörern sitzt? Braucht ein Dokumentarfilm heutzutage solche Sparwitze? Ich hoffe nicht.

Besonders ärgerlich werden diese kleinen Details gerade dadurch, dass der Film ansonsten wirklich außergewöhnlich ist. Selbst wenn die Protagonisten ein wenig gegeneinander ausgespielt werden, hat das noch eine gewisse menschliche Wärme, die bei anderen - etwa auf Tränenszenen ausgerichteten - Dokus fehlt. Gratzik schildert quasi sein gesamtes Leben, von der Tischlerlehre über die Jahre, als er als Liebesknabe »finanziell unterstützt« wurde. Wie er in die Literaturszene eingeführt wurde, die Exfreundin von Egon Erwin Kisch kennenlernte oder mit Heiner Müller zusammenarbeitete. Doch auch andere Personen kommen zu Wort, neben Kollege Sascha Anderson oder Verlegerin Gabriele Dietze etwa der Staatssicherheit-Beauftragte (»Führungsoffizier«), der Gratzik betreute oder die Opernsängerin Renate Biskup, die während des Interviews erfährt, von wem die ihr bekannten Stasiakten verfasst wurden. Jede Menge Sprengstoff, eine anrührende Wiederzusammenführung mit einem »verlorenen« Sohn - kurzum: Der Stoff, aus dem ganz große Dokumentarfilme gemacht werden. Wenn nur die Regisseurin den Mut zur Größe gehabt hätte. Oder das Vertrauen in ein Publikum, das noch nicht von dem, was im Privatfernsehen mitunter als dokumentarisch verkauft wird, für alle Zeiten versaut wurde.

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Eisblumen
(Susan Gordanshekan)

Deutschland 2011, Buch: Susan Gordanshekan, Kamera: Christian Schmidt, Schnitt: Susan Gordanshekan, Bernd Hantke, Musik: Sebastian R. Fischer, mit Arnel Taci (Amir), Renate Grosser (Frau Osterloh), Denis Mehicic (Milan), Ulrich Buse (Thomas Butz), Katja Kobolt (Kellnerin), Erkin Akal (Chef), 30 Min.

Der erste Satz des Films: »Du bist entlassen.« Amir (Arnel Taci), ein junger Bosnier, der keinen Wert darauf legt, in eine Ausweiskontrolle zu kommen, braucht einen neuen Job, der schwarz sein sollte. So landet er bei Frau Osterloh (großartig: Renate Grosser), einer demenzkranken alten Frau, deren erstes Vertrauen er mit einer Zigarette erkauft. Eine ungewöhnliche Freundschaft entwickelt sich, die aber immer zerbrechlich bleibt, denn beide sind zu verletzlich. Frau Osterloh, wenn sie entdeckt, dass Amir ein Geldversteck gefunden hat. Und Amir, wenn Frau Osterloh im Supermarkt ohne erkenntlichen Grund Konservendosen wegsteckt. Ein entdeckter Diebstahl wäre das Ende für Amir. Es wird immer deutlicher, wie ähnlich die Situation der beiden ist: sie sind für die Gesellschaft ohne Nutzen, somit unerwünscht und sollen abgeschoben werden, ob nach Bosnien oder ins Altersheim. Und sobald die beiden dies begreifen, finden sie ein wenig Vertrauen zueinander.

Schon allein durch seine Schauspieler funktioniert dieser Film, der keine große Geschichte erzählen will, aber mit seiner Alltagsbetrachtung in einer halben Stunde mehr Eindruck auf den Zuschauer macht als viele abendfüllende Filme (und ich meine hiermit durchaus Filme, die ein ähnliches Anliegen und Niveau haben).

Einzig die Schlusseinstellung hat mir nicht gefallen. Ich bin für ein offenes Ende, das unterschiedliche Weiterschreibungen der Geschichte erlaubt, aber hier wirkt der plötzliche Endpunkt der Geschichte etwas lieblos, man vermisst »closure«.

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Dígame - Sag mir
(Josephine Frydetzki)

Deutschland 2011, Buch: Daniela Baumgärtl, Josephine Frydetzki, Kamera: Johannes M. Louis, Schnitt: David J. Rauschning, Musik: Raphael Schindler, mit Rafael Spregelburd (Esteban), Valeria de Luque (Elisabeth), Veronica Piaggio (Simona), Leandro Emmanuel Juaréz (Jorge), 23 Min.

Der Film beginnt mit winzigen Einstellungen, die u. a. eine Sicht auf den Himmel bieten und (wenn man auf diese Flashforwards zurück kommt) das Gefühl vermitteln, dass hier jemand verletzt auf dem Boden liegt. Während man in Buenos Aires den Jahrestag der Unabhängigkeit feiert, versucht sich der finanziell angeschlagene Esteban (Rafael Spregelburd) von seinem bisherigen Leben zu lösen. Da wären eine Exfrau, ein Sohn, eine Affäre und ein Plattenladen nebst Wohnung, die allesamt neu sortiert und prioritisiert werden wollen. Die eine Frau will ein Kind von ihm, die andere lauert eher auf die Alimente. Und sein Sohn verleugnet ihn auf offener Straße.

Der Hintergrund der Dreharbeiten (die Jahresfeier) ist spektakulär, und auch der Film ist interessant, doch in zu kurzer Zeit werden zu viele hochdramatische Ereignisse angerissen, mit Ausnahme des Verhältnis zum Sohn bleiben sie aber nur Streiflichter, ein Übermaß an inszenatorischen Einfällen steht einem Manko an den Film vertiefender Handlung gegenüber. Als Fingerübung gelungen, aber statt mit sechs Bällen zu jonglieren, von denen dann vier herunterfallen, hätte man sich gleich auf drei Bälle konzentrieren sollen und hier wahre Meisterschaft (die inhärent im Material ist) produzieren.

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Kampf der Königinnen
(Nicolas Steiner)

Deutschland 2011, Buch: Nicolas Steiner, Kamera: Markus Nestroy, Schnitt: Kaya Inan, Sounddesign: Tobias Koch, Musik: John Gürtler, Jan Miserre, mit Andreas Herzog, Beat Brantschen (mit Dominga), Déborah Métreillier (mit Melancholie), Jean-Vincent Lathion (mit Shakira), Mail Zumofen, Mattheo Ruppen, Derny Bregy, Philipp Steiner u. v. a., 70 Min.

Das Schöne am Dokumentarfilm ist manchmal, das jeder etwas anderes sieht. Wenn zu Begin von Kampf der Königinnen ein Journalist in seinem Auto begleitet wird (der Film macht ein kleines Geheimnis darum, was im Titel herausgeschrien wird), dann fiel mir vor allem auf, dass dieser mir unsympathische Herr vor laufender Kamera beim Autofahren sein Mobiltelefon (ohne Freisprechanlage) benutzt und am Straßenrand uriniert. Da fragt man sich, ob die Schweizer Behörden das Beweismaterial im Film nicht nutzen können. Ende der kleinen Exkursion.

Ein Bauer mit seiner Kuh, der erwähnte Journalist und eine kleine Gruppe heranwachsender Mopedfahrer werden in der ersten Hälfte des Films auf ihrem Weg begleitet, in der zweiten Hälfte schildert der Film das skurrile Spektakel eines Kuhkampfs (eingeführt mit einer wunderschönen etwa anderthalbminütigen Einstellung eines Glockenverkäufers, einer Alphorngruppe und eines Hundes). Beziehungsweise eines großen Turniers voller Kuhkämpfe. Im Katalog der Berlinale erfährt man einiges über die Regeln (und den Hintergrund) dieses in der Südschweiz gar nicht mal so ungewöhnlichen Sports (auf youtube gibt es unzählige Clips), der Film selbst konzentriert sich auf die Abbildung und ein paar Interviewsprengsel, ehe dann in den letzten zwanzig Minuten klar wird, warum man sich für Schwarzweiß-Material entschieden hat. Denn nur zeigt die Kamera ganz nah und in Superzeitlupe, wie die mächtigen Körper der Kühe sich bewegen, wie Fliegen sozusagen in der Umlaufbahn dieser Fleischplaneten in der Luft verharren, wie der Sabber fliegt wie im weltgrößten Cumshot. Dazu spielt eine Musik, der ich durch Beschreibung nicht gerecht werden kann, ein peitschende Alpenjazz, der allein schon den Eintritt wert ist.

Der Film wirkt irgendwie sehr unbalanciert in seiner Anhäufung des Zeitlupenmaterials, aber was zählt, ist ja das künstlerische Gesamtkonzept. »Du bist eine gute Kuh. Das hast Du gut gemacht.«

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Lollipop Monster
(Ziska Riemann)

Deutschland 2011, Buch: Ziska Riemann, Luci van Org, Kamera: Hannes Hubach, Schnitt: Dirk Grau, Musik: Ingo Ludwig Frenzel, Songs: Alexander Hacke, The Assassinations, Khan, mit Jella Haase (Ariane, »Ari«), Sarah Horváth (Oona), Nicolette Krebitz (Kristina), Thomas Wodianka (Lukas), Sandra Borgmann (Marie), Rainer Sellien (Volker), Fritz Hammel (Boris), Koffi Kôkô (Baron), Luci van Org (Kunstlehrerin), 96 Min.

Ziska Riemann kennt man aus der Comic-Szene, wo sie zunächst vor allem zusammen mit Gerhard Seyfried auftrat, sich aber inzwischen selbst etablierte. Kleine Animationen machte sie auch verschiedentlich. Nun aber der abendfüllende Spielfilm, der sich zum »Grellen« und zum »Pop« bekennt (ich weigere mich, hier das Wort »comichaft« zu verwenden, weil es ein ganzes Medium auf Eigenschaften seiner penetrantesten Vertreter verkürzt).

Es beginnt noch halbwegs subtil, eine Kunstausstellung mit ersten zaghaften Familienkonflikten, doch dann geht es derb los, die lapidare Bemerkung »Mama fickt mit Lukas im Auto« schaltet die Handlung in den nächsten Gang. Die folgende Figurenvorstellung ist dann bereits völlig überzogen, und alles ist ganz auf zwei unterschiedliche Teenagerinnen zugeschnitten, die zum Rebellentum quasi gezwungen werden. Doch die große Mädchenfreundschaft, bei der man immer an die Regisseurin und ihre Co-Autoren Luci van Org (von Lucilectric) denken muss, beginnt erstmal mit finsteren (bzw. grün oder gelb animierten) Blicken.

Die Mädchen (sowohl vor als auch hinter der Kamera) wollen schocken, der Film gibt ihnen die Fläche dazu. Aris Mutter, eine 50er-Jahre-Parodie, wie sie selbst Ellen Greene nicht frappierender hätte darstellen können, beginnt ein Gespräch am Esstisch.

»Was hast du eigentlich mit dem Freak im Auto gemacht?«
»Wir haben gefickt.«

Die Mutter ergreift die Hände ihrer Kinder, wie bei einem Exorzismus angesichts der Ausdrucksweise Arianes.

»Piep piep piep, wir ham uns alle lieb. Jeder esse, soviel er kann, nur nicht seinen Nebenmann.«

Ein Drehbuch wie ein Song von Guildo Horn, oft peinlich, selten psychologisch fundiert.

Neu entdeckte Sexualität und Todessehnsucht (der Vater erhängt sich wenig überraschend), die alten Kumpel Eros und Thanatos präsentieren sich hier in neuem Gewand, mit Polkadot-Socken und Strumpfhaltern (ja ja ja, ich erkenne den Bezug zu Animes) sowie vermeintlich gewagter Gesichtsbemalung (Tätowierungen wären zu konsequent gewesen), haben aber schlussendlich nichts Neues zu erzählen. Als hätte man die (fiktive) gemeinsame Jugend von Nina Hagen und Sarah Dingens in ein Biopic gequetscht, bei dem man mehr Aufmerksamkeit auf erfundene Markennamen (Bier »Golden Vicious«, Zigarette »Hope Filters«) als auf die Figurenentwicklung oder Dramaturgie gelegt hat. Oliver Stones Natural Born Killers war ja für die ersten zwanzig Minuten auch ganz amüsant, und ähnlich vergeblich müht sich auch dieser Film ab, immer wieder zu «schocken« (höchstens Schocken light) oder zu überraschen, erreicht dabei aber nur, den Betrachter abgesehen von einigen eher unfreuwilligen Dialog-Stilblüten zu langweilen. Wer letztendlich noch zu Schaden oder umkommt, das interessiert den Film fast so wenig wie den Zuschauer, falls er nicht zufällig ein Hardcore-Fan zumindest einer der beiden verantwortlichen Damen ist. Bezeichnend für die Einfallslosigkeit, die der Film durchweg zu kaschieren versucht, ist übrigens eine Passage, die mich stark an das recyclete Konzept des »Weil ich ein Mädchen bin«-Videos erinnerte.

Doch man muss meinen Standpunkt ja nicht teilen, hier ein Ausschnitt aus der Erklärung der Filmbewertungsstelle zum dem Film verliehenen Prädikat »besonders wertvoll«:

»Ziska Riemann führt die beiden hervorragenden Jungdarstellerinnen durch eine popkulturelle Tour de Force. Comicartig wirken die Szenen, knallig bunt die Farben und Kostüme, und dennoch sind Dialoge und Geschichte aus der Feder der Multitalente Riemann und Luci van Org rabenschwarz. Alles ist kräftig überzeichnet und erreicht gerade deswegen eine tragische Dimension. Die Musik ist laut, aggressiv und unterstützt den Zorn der hier porträtierten Jugendlichen. Eine furiose filmische Fahrt!«