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Die Box




5. Februar 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org
Berlinale 2015




Vorwerks Berlinale Top 20
(30 Lang- und 23 Kurzfilme gesichtet)
  1. Snow White and the Seven Dwarfs (Alan Hand, 1937, Retrospektive)
  2. The Forbidden Room (Guy Maddin & Evan Johnson, Forum)
  3. The Diary of a Teenage Girl (Marielle Heller, Generation 14plus)
  4. The Naked Spur / Nackte Gewalt (Anthony Mann, 1953, Retrospektive)
  5. Angelica (Mitchell Lichtenstein, Panorama)
  6. The Face of Ukraine: Casting Oksana Baiul (Kitty Green, Kplus Kurzfilme)
  7. Petting Zoo (Micah Magee, Panorama)
  8. Videojuegos / Videogames (Cecilia Kang, Kplus Kurzfilme)
  9. Giovanni en het Waterballet (Astrid Bussink, Kplus Kurzfilme)
  10. Cobain: Montage of Heck (Brett Morgen, Panorama)
  11. Kacey Mottet Klein: naissance d'un acteur (Ursula Meier, Kplus Kurzfilme)
  12. Love & Mercy (Bill Pohlad, Berlinale Special)
  13. The Three Musketeers (George Sidney, 1948, Retrospektive)
  14. Gukje Shijang / Ode to my Father (JK Youn, Panorama)
  15. 14+ (Andrey Zaitsev, Generation 14plus)
  16. Mot naturen / Out of Nature (Ole Giæver, Panorama)
  17. Antboy: den røde furies hævn (Ask Hasselbalch, Generation Kplus)
  18. Hedi Schneider steckt fest (Sonja Heiss, Forum)
  19. Flocken / Flocking (Beata Gårdeler, Generation 14plus)
  20. Dissonance (Till Novak, Berlinale Shorts)



Cinemania-Logo 125:
Exotisches

Eine Art SciFi-Doku aus Spanien, 14+-Filme aus Japan und Russland, der Eröffnungsfilm des Wettbewerb über die Frau eines Nordpolforschers, ein experimentelles Essay über einen russischen Philosophen und eine Art Agententhriller rund um einen bekannten Kreuzigungsfall.


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  14+ (Andrey Zaitsev)

Foto © Kirill Bobrov




14+
(Andrey Zaitsev,
Generation 14plus)

Russische Föderation 2015, Buch: Andrey Zaitsev, Kamera: Kirill Bobrov, Shandor Berkeshi, Schnitt: Andrey Zeitsev, Yulia Batalova, mit Gleb Kalyuzhny (Alex), Ulyana Vaskovich (Vika), Olga Ozollapinya (Alex' Mutter), Alexey Filimonov (Wolf), Dmitry Barinov (Andy), Daniil Pikula (Vic), Elizaveta Makdonskaya (Kate), 102 Min.

Dieser Film erzählt die Geschichte einer jungen Liebe, mit einer authentisch wirkenden schüchternen Zärtlichkeit. Das Glück der beiden steht hierbei unter ähnlich schlechten Vorzeichen wie in Shakespeares Romeo & Juliet: Sie stammen aus verfeindeten Häusern, in diesem Falle Schulhäusern. Da ich mich noch gut erinnern kann, wie ich in der Shakespeare-Adaption mit Leonardo Di Caprio im Kinosaal eine enttäuschte Mädchenstimme vernahm, die sich beschwerte »Der stirbt??? Warum sagt mir das denn keiner?«, will ich an dieser Stelle eine gewisse Entwarnung geben: der Film ändert anders und sollte selbst 14(plus)jährigen, die die Liebe der zwei 14jährigen am 14ten (also Valentinstag) schauen, eher mit Optimismus als mit Frustration erfüllen.

Im Presseheft wird ausführlich beschrieben, dass die jugendlichen Darsteller allesamt Amateure sind, die über die russische Variante von Facebook gecastet wurden und quasi »sich selbst« spielen. Und auch selbst den Soundtrack zusammengestellt haben sollen (auch, wenn der Einsatz von »Je t'aime« an einer Stelle etwas plakativ wirkt und man nach The Zero Theorem und The Book of Love vielleicht nicht schon wieder einen Einsatz von Radioheads Creep – hier als Cover und im Original – gebraucht hätte).

Ganz anders als bei Shakespeare ist hier das Detail, dass nur die schon ein paar Jahre älteren Jungs aus der Schule der Mädchen Gewaltpotential zeigen. Richtige Schlägertypen sind das, zumindest der Anführer Wolf wirkt nicht so, als ob er noch zur Schule geht (obwohl man ja durch fleißiges Sitzenbleiben schnell ein paar Jahre über dem Durchschnitt landen kann), und die Halbstarken lauern fast durchgehend mit Bierflaschen und aussagekräftigen Glatzen in öffentlichen Parks herum. Und wenn dann jemand wie der schüchterne Alex (Gleb Kalyuzhny) glaubt, in ihrem Revier »wildern« zu können, also er einfach mal all seinen Mut zusammennimmt, sich auf die Schulfete der »#209« reinschmuggelt (obwohl er von der »#357« stammt) und dort Vika, das Mädchen seiner Träume, zum Tanz auffordert, dann setzt es Haue, und zwar deutlich.

Vika (Ulyana Vaskovich), laut Presseheft ebenfalls 14, wirkt wie ihre Freundinnen schon weitaus reifer und selbstbewusst. Während die Mädchen sich am Kiosk Gin-Tonic kaufen, ohne sich auf Diskussionen um Ausweise oder Alter einzulassen, werden die Jungs mit alkoholfreiem Bier abgespeist – und selbst dafür sind sie fast über sich selbst hinausgewachsen. Die Figur Vika entspricht lange Zeit im Film der typischen Teenager-Idealisierung. An einem Nachmittag schaut sie sich zwar verdächtig oft um, als Alex und zwei Freunde »ganz unauffällig« drei Mädels von der anderen Schule hinterhertapern, aber sie versteckt sich durchgehend hinter einer Sonnenbrille und sagt in den ersten zwei Dritteln des Film (den Tanz einbegriffen) kein einziges Wort. Und auch ihre Postings im Netz lassen sie wirken wie ein Möchtegern-Supermodel. Der Verrat bei der Schulfete könnte auch die Aktion einer miesen Zicke sein, doch als Alex für seinen Mut ein blaues Auge kassiert, empfindet sie irgendwas, was über Mitleid schnell hinausgeht. Und weil ihr Wohnblock immer noch im »Feindgebiet« liegt, geraten Alex' Annäherungsversuche wie nachgespielte Agententhriller – nur mit möglichen Konsequenzen, die nicht so harmlos sind.

Das Leben in der Grauzone zwischen Kindsein und Erwachsenenwerden ist im Film ein stetiger Humorlieferant. Alex' Mutter (Olga Ozollapinya) ist fast noch schüchterner als ihr Sohn. Sie möchte, dass er umschaltet, wenn im Fernsehen weibliche Brüste zu sehen sind, und steckt ihm pflichtbewusst einen Sexualratgeber zu, der eher für 8jährige konzipiert zu sein scheint. Fast genau so toll ist aber die Familie Vikas, bei der Vater und Bruder wie Mafiosi wirken.

Die zögerliche junge Liebe hat einige Momente, die voller Zärtlichkeit eingefangen sind. Eine Hand auf einem Treppengeländer kann hier genau so viel aussagen wie fünf Sonette. Gerade das nervöse Aufeinanderzugehen, was man selbst schon erlebt hatte (oder noch vor sich hat) wurde zuletzt in Vincent Gallos Buffalo '66 so gut eingefangen. Und der Film hat auch noch Zeit, darüber hinaus etwas zu erzählen. Und ist immens unterhaltsam und clever inszeniert.

Es gibt aber auch ein kleines Ärgernis, das ich nur schwer umschreiben kann. In anderen Filmen (und jeden zweiten Tag in meinem Internet-Café) erlebt man ja oft, wie Beleidigungen schnell ins schwulenfeindliche abdriften, selbst wenn die Sexualität des Beleidigten eigentlich kaum das Thema des Streits ist. In diesem Film mit seinen glatzköpfigen Schlägertypen hört man nie so eine Phrase, stattdessen tituliert man Alex (literaturbeflissen!) sogar als »Romeo«.

Natürlich lege ich keinen Wert darauf, schwulenfeindliche Beleidigungen zu hören, aber in diesem Film ist es schon ein bisschen auffällig, dass ein gewisses Thema komplett aus dem Film ausgespart wird. Hier und da spürt man zwar mal sanfte Kritik am System (wenn nicht nur Schulen, sondern auch Biersorten durchnumeriert werden und die Polizei nur eingreift, wenn es wirklich unumwindbar ist), aber alles in allem ist der staatlich geförderte Streifen eine Spur zu »konform«, zu »angepasst«, zu »harmlos«, und dadurch tief drinnen auch eine Spur verlogen. Mir hat der Film trotzdem viel Spaß gemacht und er ist einfach auch clever inszeniert, aber ein winziger Nachgeschmack bleibt. Das ist vielleicht auch von mir aus ungerecht, nur weil ich um die Gepflogenheiten des Herstellungslandes weiß, aber schlichtweg unerwähnt lassen mag ich es nicht.

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  Wonderful World End (Daigo Matsui)


Wonderful World End
(Daigo Matsui, Generation 14plus)

Japan 2014, Buch, Schnitt: Daigo Matsui, Kamera: Hiroki Shioya, Musik: Seiko Oomori, mit Ai Hashimoto (Shiori Hayano), Jun Aonami (Ayumi Kinoshita), Yû Inaba (Kohei Kawashima), Gô Rijû (Takumi Tsukiyama), Marie Machida (Shoko Kinoshita), Seiko Oomori (Herself), 82 Min.

Ein unübersehbarer Trend in der Sektion 14plus ist dieses Jahr die Rolle, die die sozialen Medien in dieser Altersgruppe spielen. Der russische Beitrag 14+ (siehe oben) endet mit einer langen Abfolge von geposteten Bildern, der schwedische Beitrag Flocken (im nächsten Cinemania) überfordert mit seinen Chatroom-Diskussionen die Untertitelung, und Japan, digital oft ein Vorreiter, stützt sich mit besonderer Inbrunst auf diese »wundervolle Welt«.

Die 17jährige Shiori (Ai Hashimoto) agiert als »Gothic Lolita« (der Begriff hat mehr mit Cosplay als mit Nabokov zu tun) innerhalb ihres Blogcasts (wie ein Twitter-Account mit make-Up-Tips) für eine steigende Anzahl von (teilweise zahlenden) Fans, die nicht alle geifernde Lüstlinge sind. Sie hat sogar einen Manager (der allerdings etwa 50 ist und diverse Mädchen betreut). Und einen Freund, was aber die Fans nicht wissen müssen.

Bei einem eher mäßig erfolgreichen Auftritt (Chiori ist sehr optimistisch ausgeprägt und findet für Rückschläge schnell Ausreden, die ihre Umwelt und vielleicht sogar sie selbst überzeugen: »They think I'm too pretty!«) in einem Park trifft sie ein schüchternes jüngeres Mädchen im exakt selben Outfit, das ihr ein Geschenk überreicht. Erst später begreift sie, dass dies Ayumi (Jun Aonami) ist, unter dem Nickname »Ami« ihr vielleicht größter virtueller Fan, mit der sie schon oft gechattet hat. Als ihr Freund Kohei die von Zuhause weggelaufene in der gemeinsamen Wohnung aufnimmt, ist Shiori von der Situation offensichtlich überfordert, aber langsam entspinnt sich aus der Verehrung und Freundschaft der beiden Mädchen eine zärtlich-zögerliche Liebe, während die Beziehung zu Kohei zu zerbrechen droht (dass Kohei mehrere Tage mit dem minderjährigen Mädchen die Wohnung teilt, führt indes zu keinerlei Verwicklungen).

Erst als Ayumis Mutter eingreift, wird Shiori plötzlich damit konfrontiert, dass die von ihr gelebten und fabrizierten Scheinwelten mit der Realität nicht mithalten können, und sie steht vor der Entscheidung, zu einem wirklichen Star zu werden wie die von ihr verehrte (real existierende und den Soundtrack zum Film liefernde) Seiko Oomori oder auch mal ein Leben jenseits des virtuellen Raums auszuprobieren, das vielleicht neue Erfahrungen für sie bereithält.

Auf vielen Ebenen bleibt Wonderful World End eher harmlos. Anfragen, dass Shiori sich vor laufender Kamera ausziehen sollen, kontert sie keck, eine TV-Show in Badeanzügen (nicht in Unterwäsche, die Unterscheidung wird betont) wird nur mal erwähnt, und die Lovestory der beiden Mädel spielt sich eher auf Spielplätzen ab, die die beiden durch eine rosarote Brille zu betrachten scheinen (hat womöglich etwas damit zu tun, welches Zielpublikum man mit welcher Altersfreigabe erreichen kann). Es gibt einmal eine Szene, in der Shiori etwas sauer auf ihren Freund ist und ihn auf dem Balkon aussperren will, was dieser aber nicht möchte. Immer wieder schlägt sie ihm die Schiebetür in die Magengegend und man weiß auch nicht wirklich, wie lang sie ihn draußen ausharren lässt. Zu diesem Zeitpunkt hat der Film aber schon eine ganz eigene Realitätsebene erreicht, und wenn Kohei später als Zombie wieder auftaucht oder die Mädchen gemeinsam über eine Wiese laufen, obwohl sie getrennt wurden, dann hat das eine spielerische traumwandlerische Atmosphäre, die durchaus zu den nachgespielten Fantasiewelten passt, die in Japan eine weitaus größere Bedeutung haben als hierzulande. Im Grunde funktioniert der Film oft wie ein Manga für junge Mädchen: romantische Settings, hübsche Kostüme, Abenteuer und Gefahr, aber fast keine wirklichen Konsequenzen. Und Jungs in Kostümen von Kuschelhasen, die dadurch so »non-threatening« bleiben wie die Mitglieder von Boygroups, für die Lisa Simpson manchmal schwärmt …

Die ganze Blogger-Szene wirkt hier auch manchmal wie eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt: Ayumi ist ein Fan von Shiori ist ein Fan von Seiko. Und Ayumi hat natürlich auch einen kleinen Blog und ein paar Follower.

Ambivalent und eine Spur zu »harmlos« bleibt auch der Manager, der mit Statements wie »Ich will Dich nicht zu etwas drängen, es ist Deine Entscheidung« eine Spur zu nett bleibt, obwohl man vage das Gefühl bekommt, dass er für den »gemeinsamen« Erfolg auch Opfer bringen würde, denn die Mädels scheinen ihm ja die Tür einzurennen.

Der Film verschafft einem Einblicke in Welten, mit denen man sich womöglich noch nicht so dezidiert befasst hat, bleibt aber dabei eine Spur zu bonbonfarben. Man wünscht den Mädchen zwar nur das beste, aber der eine oder andere Schlag ins Kontor hätte vielleicht eine pädagogische Note eingebracht, die sich nicht auf die klare, analytische Interpretation des jungen Publikums verlässt.

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This is Cosmos
(Anton Vidokle, Forum Expanded)

2014, 30 Min.

Der russische Philosoph und »Cosmo-Immortalist« Nikolai Fedorov bestimmt mit seinem metaphysischen Marxismus diesen Film, der mit einer extrem schnellen Abfolge von Bildern beginnt, dann aber das Tempo verringert. Um Tempo oder Frequenz geht es häufig, das betont schon das hallende Klickgeräusch, das anfänglich die Montage unterstützt. Ein Sprecher erklärt »We're here to make a film about visible energies«, ein anderer führt aus »actors will read a script of a film«, wozu es dann aber gar nicht kommt. Immer wieder erlebt man weiße Schrift auf einer knallroten Leinwand, mit kryptischen bis sloganhaften Aussagen: »This video may improve your health« oder »This is not a film«. Ja, was denn nun? Sind wir jetzt schon bei René Magritte oder Public Image Limited angelangt? Ist das alles nur ein fetter Hype? Nein, denn der Film entwickelt nicht nur einen tollen eigenen Drive (wenn man acht bis zehn Sekunden lang auf eine grellrote Leinwand starrt und es dann einen Schnitt zum blauen Himmel gibt, schafft das eine ganz besondere Farbsynergie), sondern hat auch noch etwas über die Bilder von Strommasten mit dem dazu passenden Ton hinaus auszusagen, und insbesondere die beiden Slogans »not a film« und »may improve your health« erweisen sich als ernstgemeinte Aussagen, denn wenn man den Streifen auf einem korrekt kallibrierten LED-Bildschirm sieht, soll er tatsächlich diverse therapeutische Wirkungen entwickeln.

»This is Cosmos« by Thomas Vorwerk

Fest steht: mich hat der Film irgendwie beruhigt, und statt sklavisch mitzuschreiben, habe ich einige Bildinhalte nebenbei skizziert, auch wenn den Wasserläufer nebst Reflektion links neben der Stirn des mehrfach auftauchenden älteren Russen nicht einmal ich selbst im Nachhinein als solchen erkenne. Meine Skizze gibt vielleicht auch was vom Montageprinzip und meinem eigenen (Un-)Verständnis des Films wieder, aber vielleicht hätte ich sie in weiß auf rot verändern sollen …

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  Histoire de Judas (Rabah Ameur-Zaïmeche)

Foto © Sarrazink Productions – Arte France Cinéma




Histoire de Judas
(Rabah Ameur-Zaïmeche, Forum)

Frankreich 2015, Buch: Rabah Ameur-Zaïmeche, Kamera: Irina Lubtschansky, Schnitt: Grégoire Pontecaille, Musik: Rodolphe Burger, mit Nabil Djedouani (Jesus), Mohamed Aroussi (Carabas), Rabah Ameur-Zaïmeche (Judas), Marie Loustalot (Bethsabe), Patricia Malvoisin (Suzanne), Eliott Khayat (Schreiber Qumran), Régis Laroche (Pontius Pilatus), Xavier Mussel (Menenius), Roland Cervet (Centurion), Nouari Nezzar (Caïphe), 99 Min.

Vorweg: ich bin nicht bibelfest. Ich habe mich zwar mal vor ein paar Jahren durch ca. 40% des neuen Testaments gequält, aber Glaubensgedöns gleich welcher Farbschattierung ist mir zutiefst suspekt und oft meide ich entsprechende Filme auch lieber. Aber da ich Rabah Ameur-Zaïmeches Wesh-wesh quest'ce qui se passe? (2001) gut in Erinnerung hatte, wollte ich mal schauen, was der Herr da so auf die Beine stellt, mit sich selbst in der Titelrolle …

Dass man Jesus oft als »Rabbi« bezeichnete, war mir nicht bewusst gewesen, und einige der Weltreligionen sind in diesem Film stärker miteinander verflochten, als es heute den Anschein hat. Die Geschichte scheint ungefähr zu jener Zeit zu spielen, in der man sie historisch einrücken würde, aber man spricht bevorzugt Französisch (nicht, dass ich mich nach dem Mel-Gibson-Wahn in Aramäisch sehnen würde), in der Kleidung sind Muster und Blautöne häufig vertreten und irgendwann sieht man auch mal einen Bauzaun im Hintergrund stehen oder sieht, dass Judas einen beschwerlichen Weg den Berg hinauf wählt, wo man doch ziemlich deutlich eine Trppe vermuten kann, die ihn zum selben Ziel führen würde. Aber wie man an den Nachnamen diverser Kleindarsteller (es gibt ja ein paar Jünger zu besetzen) und »Assistant Directors« erkennen kann (auffallend viele Ameur-Zaïmeches), ist dies halt eine Low-Budget-Produktion und Familienangelegenheit – dem Andenken des Vaters (?) gewidmet.

Zwischen den tief verbundenen Judas und Jesus gibt es auch einige Dialoge, die ich so nicht erwartet hätte. Judas kommentiert etwa Jesus' neuen Umhang: »You will be irresistable to every woman in Jerusalem« (UT) und Jesus lacht.

In zwischengeschnittenen Szenen erfährt man, wie der »Prophet von Nazareth« von einigen Gruppierungen erwartet wird, und schnell wirkt der Film wie ein Polit-Thriller oder Agentenfilm. Und ausgerechnet Judas ist der Held, der von Jesus mit einem Auftrag losgeschickt wird, wobei er die Schriften eines Dokumentaristen, der bei öffentlichen Reden und Predigten gern im Hintergrund mitschreibt, vernichten soll (auch hier ist es vermutlich sehr hilfreich, wenn man über die Zusammenhänge informiert ist). Das führt dann dazu, dass die zwei Geschichten eher unabhängig voneinander stattfinden, wo man zu Beginn noch erleben konnte, wie der clevere »Wahlkampf« Jesu mit der Unterstützung des Freundes stattfindet. Wenn man ein Dorf zur Unterstützung bis zur Raserei bewegen will, ist es zum Beispiel sehr dienlich, bei der Ankunft einen niedlichen kleinen Esel zu tragen, ehe man dann dafür appelliert, sämtliche Käfige von eingesperrten Tieren zu zerbrechen und eine marktplatzähnliche Ecke vor einem Tempel vom Volk zerdeppern zu lassen (man sieht weit und breit niemanden, der auch nur ansatzweise protestiert – so überzeugend ist das Wort des Propheten anscheinend).

Es gibt auch eine eher »sinnliche« Ebene des Geschehens, wo Jesus erst die Füße, dann die Gesichter (clever!) seiner Jünger wäscht oder er selbst mit teurem Parfüm gesalbt wird. Oder man stimmt orientalische (aber eher nonverbale) Gesänge an.

Judas indes findet das Versteck mit den Schriften und zerdeppert dort die Krüge und zündet alles an (Zerdeppern war damals voll im Trend). Als der Schreiber das Resultat sieht, ist er zunächst frustriert, aber dann sieht er wohl ein, dass er im Unrecht war und reicht dem eingeholten Judas noch eine Schriftrolle, die der vergessen hatte …

Dann gibt es noch einen schielenden Irren namens Carabas (an den kann ich mich aus meiner Lektüre überhaupt nicht erinnern), der vom Volk fast so verehrt wird wie Jesus. Obwohl er eher schlichte Reden von sich gibt, oder seltsame Slogans wie »Tod den Römern, lang lebe die Palme«.

Abgesehen von der bekannten traurigen Geschichte der Kreuzigung, die aus Budgetgründen Massenszenen lieber als Mauerschau inszeniert, passiert s einiges in diesem Film, aber mein Eindruck war, dass man schon genau wissen sollte, was Pontius Pilatus und ein gewisser Centurion so für Knaben waren, oder inwiefern sich die her überraschende Geschichte von Judas mit der Bibelfassung vereinen lässt, um wirklich etwas aus diesem Film schöpfen zu können.

Meine Lieblingsszene, obwohl ich nicht den geringsten Schimmer habe, was sie aussagen soll, zeigt Pontius Pilatus bei einem Gespräch vor einer Wand mit Mosaikschmuck, wobei direkt über seinem Kopf eine ellipsenförmige Form im Mosaik zu sehen ist, die mich schon stark an einen Heiligenschein erinnerte.

Wer sich mit dem ganzen Jesus-Gedöns gut auskennt, wird mit dem Film vermutlich mehr anfangen können, auch wenn da dann wieder die Gefahr besteht, dass man sich hier oder da über gewisse Freiheiten etwas aufregt, wo es mich auch kalt gelassen hätte, wenn die Kreuzigung sich als cleverer Selbstmordversuch herausgestellt hätte. Im Grunde ist es ähnlich wie bei Androiden träumen (weiter unten): Man braucht einfach zuviel Hintergrundwissen, damit der Film wirklich funktioniert – und wenn man gar nichts weiß, ergibt sich allenfalls eine fragmentarische Geschichte. Aber immerhin war histoire de Judas ansprechend inszeniert, gut gespielt und kreativ umgesetzt. Bei dem Mel-Gibson-Kram habe ich nach ca. zwölf Minuten ausgestellt und die DVD später ungesehen verschenkt. Hier wollte ich wenigstens wissen, wie es ausgeht. Und das ist auch bei wenigem Hintergrundwissen erstaunlich spannend.

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  Nadie quiere la noche (Isabel Coixet)

Foto © Leandro Betancor




Nadie quiere la noche
(Isabel Coixet, Wettbewerb)

Spanien / Frankreich / Bulgarien 2014, Intern. Titel: Nobody wants the Night, Buch: Miguel Barros, Kamera: Jean-Claude Larrieu, Schnitt: Elena Ruiz, Musik: Lucas Vidal, mit Juliette Binoche (Josephine Pears), Rinko Kikuchi (Allaka), Gabriel Byrne (Bram), Orto Ignatiussen (Ninq), Clarence Smith (Matthew Hewson), Alberto Jo Lee (Odaq), Ben Temple (Frand), Reed Brody (Lucius), Matthew Salinger (Captain Spalding), Velizar Binev (Fyodor), Ciro Miró, 118 Min.

Auf der Pressekonferenz der Berlinale wies Dieter Kosslick im Zusammenhang mit einer Quotendiskussion darauf hin, dass der neue Film von Isabel Coixet (My Life without Me, The Secret Life of Words, A Map of the Sounds of Tokyo) erst der zweite Film einer Regisseurin sei, dem die (fragwürdige) Ehre zuteil wurde, den Berlinale-Wettbewerb zu eröffnen. Dass der erste solche Film Das Versprechen (1995) von Margarethe von Trotta war, und somit eine ziemliche Gurke, erwähnte Kosslick indes nicht. Noch schlimmer ist aber, dass auch Frau Coixets neuer Film sich ganz am Formtief orientiert, das sie zuletzt mit dem reichlich überflüssigen Teenie-Horrorstreifen Another Me demonstrierte. Wir zeigen, dass wir etwas für die Gleichberechtigung der Frau unternehmen wollen, indem wir schlechte Filme von Frauen zeigen. Es gab zwar auch schon miese Eröffnungsfilme von männlichen Regisseuren, aber in mittlerweile 63 Fällen können die natürlich nur unter höchster Anstrengung mit 100% Murks Schritt halten. Da wäre einer der anderen zwei Filme aus Frauenhand in der diesjährigen Auswahl sicher die bessere Wahl gewesen, aber zur Eröffnung muss man ja mit irgendeinem Star klotzen, und da macht Juliette Binoche natürlich das Rennen.

Nobody wants the Night (so steht es zu Beginn auf der Leinwand und es spricht auch keine einzige Person Spanisch im Film) ist so ein Film, der in der Kurzzusammenfassung vielleicht noch ganz interessant klingen mag: die Geschichte von Josephine Pears (Binoche), die 1908 ihrem Gatten, dem berühmten Nordpolforscher, möglichst nahe sein wollte (übrigens gegen seinen Willen), und selbst bis in den Polarkreis vorstieß. Man benutzt reale Personen, hält sich aber nicht sklavisch an historische Begebenheiten, und schildert so – zumindest hat man zunächst den Eindruck – mal wieder eine Geschichte um eine »starke Frauenfigur«, ein roter Faden, der sich durch diverse Jahrgänge Berlinale-Wettbewerb zieht und dabei eigentlich nur offenbart, dass viel zu viele Wettbewerbsfilme mit Karacho durch den Bechdel-Test fallen würden. Und wenn dann mal wieder in fünf von 20 Filmen »starke Frauen« auftauchen, macht man daraus einen dieser schrecklichen »Berlinale-Trends«, die den Medien schon auf der Pressekonferenz auf dem Tablett serviert werden. Wo ich mir doch mal von Herzen wünschen würde, dass man einen Wettbewerb zusammenstellt, den etwa die Filmkunst verbindet. Das ganze Geschwafel um »starke Frauen« ist nur so ein Mumpitz, der von Missständen ablenken soll.

Zudem ist Josephine Pears (so, wie sie im Film dargestellt wird) auch nicht unbedingt das, was ich als starke Frau beschreiben wird. Als erstes sieht man, wie sie mit Machoallüren einen Eisbären erschießt, was zu jener Zeit wohl nur selten durch Frauen am Abzug geschah, aber sie in meinen Augen eher negativ zeichnet. »The feeling is impossible to describe. Nothing at all like a walrus!« Und dieser Trend hält an, denn Frau Pears ist u.a. herrschsüchtig, von ihrer eigenen Intelligenz überzeugt und lernresistent mit Nachdruck – oder, kurz zusammengefasst: ein echter Herrenmensch in der weiblichen Fassung. Zu ihren großen Errungenschaften zählt sie es beispielsweise, dass sie nördlich eines gewissen Breitengrades die einzige »zivilisierte« Frau sei, die ein Kind gebar. Die indigenen Inuit, die man damals noch Eskimos nannte, gelten in ihren Augen einfach nicht, ganz so, wie ein Unterstützer der Nordpolexpeditionen auch die verstorbenen Schlittenführer und Träger einfach in seiner Statistik unterschlägt, bis der aus heutiger Sicht weitaus fortschrittlichere Bram (Gabriel Byrne) darauf hinweist und eine erhitzte Diskussion anreißt. Übrigens behandelt der Film Eskimos oder Hunde sehr ähnlich wie seine Protagonisten: Man beachtet sie nur, wenn es gerade ins Konzept oder zur Geschichte passt.

Anfänglich sieht es so aus, als könne zwischen dem Naturmenschen Bram und der etwas verhätschelten, aber zielstrebigen Josephine eine Leidenschaft entbrennen, wie sie in ähnlicher Konstellation zwischen Harvey Keitel und Holly Hunter in Jane Campions The Piano entstand (Byrne hat sogar ansatzweise ähnliche Tätowierungen wie Keitel damals), aber es wäre zutiefst vermessen, diese beiden Filme zu vergleichen.

Das Schlimmste an Nobody wants the Night ist die fehlende Authentizität. Isabel Coixet begann ihre Regiekarriere mit kleinen Independentfilmen, wie sie heute fast nicht mehr gedreht werden – und das machte sie sehr gut. Mit dem modernen Kino nach der digitalen Revolution kann sie sich hingegen nicht so recht arrangieren. Man hat das Gefühl, dass große (sehr große!) Teile des Films in Studios gedreht wurden. Man nimmt ein paar Windmaschinen und Styropor, brezelt die Unwetter am Computer reichlich auf und schneidet ab und zu Archivaufnahmen oder ein paar Hundeschlitten, die sich in der Ferne durch den Schnee kämpfen, dazwischen … und wenn die Zuschauer den Film nur auf ihrem Smartphone sehen, werden sie auch nie herausbekommen, dass die Auflösung der verschieden entstandenen Szenen nicht annähernd zusammenpasst. In diesem Film gibt es einige Effekte, die so jämmerlich sind, dass sie einem regelrecht körperliche Pein verursachen.

Dazu kommt, dass Juliette Binoche, eine Darstellerin, die zu großen Leistungen imstande ist, hier keine Person darstellt, sondern eher ein klischiertes Abziehbildchen mit einem von weitem zu erkennenden vorprogrammierten Sinneswandel. Erst denkt sie, dass alles nach ihrer Nase laufen muss, dann begreift sie ansatzweise, dass sie auch nur ein kleines Licht ist und dass durch ihren Sturkopf weitaus wertvollere Menschen (auch, wenn sie das längst noch nicht zugeben würde) abtreten müssen.

Besser wird das erst im zentralen Schlussteil des Films, in dem sie die Polarnacht allein mit der Eskimofrau Allaka (Rinko Kikuchi) verbringen muss, über deren »mangelndes Verständnis« sie sich zunächst noch echauffiert, ehe sie dann langsam herausbekommt, dass sie selbst es ist, die vieles nicht versteht oder übersieht. Rinko Kikuchi (Kumiko, the Treasure Hunter) ist noch das einzige Erträgliche in diesem Film, insbesondere, weil ihre radebrechenden Dialoge sich positiv absetzen von dem redseligen Geschwätz der ach so zivilisierten »Talking Heads« zu Beginn des Films. Einen Satz wie »Dog good friend for long time« könnte man in güldenen Lettern auf eine Speisekarte prägen, aber stattdessen gibt es zwischendurch mal wieder die weltschlechtesten Effekte wie eine zusammenbrechende Hütte oder die Flucht aus einem Iglu. Man kann ja nicht damit rechnen, dass einer der Zuschauer weiß, dass Eis mehr wiegt als Styropor.

Die finale Frechheit des Films ist das Ende. Das tritt nicht nur das Konzept der »starken Frauenfigur« mit Füßen (die dummen Frauen müssen von einem Mann gerettet werden), sondern schafft es auch noch wie nebenbei, den zu späten Ehren gekommenen Matthew Henson (Hauptfigur des preisgekrönten Comics Packeis von Simon Schwartz) als Rassisten aus Pragmatismus darzustellen. Das Fazit zum Film benötigt nur einen Buchstaben mehr als der Titel: Nobody wants this movie!

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  Sueñan los androides (Ion de Sosa)


Sueñan los androides
(Ion de Sosa, Forum)

Dt. Titel: Androiden träumen, Spanien / Deutschland 2014, mit Manuel Marin, Moisés Richard, Marta Bassois, Coque Sánchez, Margot Sánchez, 61 Min.

Es gibt Filme, bei denen hat man das Gefühl, sie werden ganz speziell für die Berlinale gedreht. Und nie hatte ich stärker dieses Gefühl als bei dieser Mogelpackung, die mal gerade so die Lauflänge von einer Stunde überschreitet, für die man dann als Zuschauer teuer bezahlen soll. Die größte Frechheit ist es, sich als »freie Adaption von Philip K. Dick« zu bezeichnen, wenn die minimalistische Handlung des Films überhaupt nur dann beginnt, schemenhafte Konturen zu gewinnen, wenn man ungefähr weiß, worum es in Do Androids Dream of Electric Sheep? geht oder mal Ridley Scotts Blade Runner gesehen hat.

Als Zukunftsvision (2052) müssen einige immerhin gut gewählte frühmorgendliche Luftaufnahmen herhalten, die wie ein Großteil des Films dadurch auffallen, dass die linke Bildhälfte leicht unscharf ist. Künstlerischer Stilwillen, ein etwas misslungener Tilt Shift oder einfach cinematographischer Dilletantismus?

Nach gefühlt vier bis fünf Minuten Außenaufnahmen gibt es dann Innenaufnahmen von Plattenbauruinen oder Baustellen, wie sie oben ganz treffend beschrieben werden. Als »dokumentarisches Essay« funktioniert der Film noch am ehesten. Dann rennt durch eine der leerstehenden Hochhausetagen mal ein dicklicher Mann, ein anderer im Anzug verfolgt und erschießt ihn. Mit Vorwissen nimmt man jetzt an, dass der Anzugträger wohl Rick Deckard (bei Scott von Harrison Ford gespielt) sein könnte, aber zu keinem Zeitpunkt wird im Film auch nur andeutungsweise mal erklärt, dass seine Opfer Androiden sein könnten, und so wie der namenlose Killer zielgerichtet Leute über den Haufen schießt und sich höchstens mal zur Erholung in eine Disco begibt (um dort in der Herrentoilette wieder zum Killer zu werden, wobei man dem Film noch ein wenig Panorama-Tatsch verleiht), das erinnert höchstens an Alan Clarkes durch Gus van Sants Titelübernahme bekannt gewordenen Killer-Kurzfilm Elephant, der aber einen spartanischen Drive entwickelt, wo man sich hier immer wieder in Hausbesichtigungen ergeht, von denen jeder Makler Alpträume bekäme.

Neben zwei hübschen Tieraufnahmen ist es nur eine Schnittkante, die dem Film wenigstens eine ansatzweise Existenzberechtigung verleiht: Bei einer Szene in einer Schnellküche wird mal wieder jemand erschossen, dann schneidet man quasi direkt in den Schuss hinein zu einer zweiten Schuss-Szenen (Pengpeng!), bei der jemand in einem Supermarkt dran glauben muss. Hätte man dieses Tempo beibehalten, wäre vielleicht noch ein annehmbarer Kurzfilm daraus geworden.

Um die Begeisterung der Forums-Beauftragten (Christoph Terhechte bei der Berlinale-Pressekonferenz: »Film- und Kunstgeschichte werden sehr radikal reinterpretiert«; Bei James Lattimers Katalogtext schlackere ich nur mit den Ohren) ansatzweise nachvollziehen zu können, muss man zwangsweise das Presseheft studiert haben. Die Gegend, in der der Film spielt, ist eine (ehemaliges?) Rentnerparadies, wo man in Strandnähe Hochhäuser aus dem Boden gestampft hat, der Film aber den Strand nie zeigt (perfide, aber für den normalen Betrachter nicht nachvollziehbar). Noch abgedrehter sind aber die Super-8-Aufnahmen, die der Regisseur offenbar getätigt hat, als seine Eltern mal einen Rundflug in einem kleinen Flugzeug machen durften. Diese und andere Filmschnipsel repräsentieren, so verrät einem das Presseheft, die gefälschten Erinnerungen soeben erschossener Androiden …

Doch selbst mit Bedienungsanleitung wird hieraus kein guter Film, dazu ist er auch einfach zu schludrig inszeniert. Die nervige Unschärfe mag man ja noch ignorieren und am nächsten Tag zum Augenarzt gehen, aber weder das »elektrische Schaf«, das vermutlich nicht fehlen darf und ungefähr so lebensecht ist, als wenn es im Werkunterricht einer achten Klasse entstanden wäre, noch eine ewig hingezogene Verfolgungsjagd, die so überhaupt kein Gespür für Timing offenbart, zeugen davon, dass der Regisseur hier nur missverstanden wird.

Den besten Nutzen, den ich mir für diesen gründlich vermurksten Streifen ausdenken mag: Wenn Ridley Scott mal wieder einen misslungenen Film abliefert (ein Sequel zu Blade Runner soll ja im Gespräch sein), muss er zur Strafe viermal hintereinander diesen Schmarrn schauen, auch wenn er nichts dafür kann, wer sich alles von ihm inspirieren ließ.

Berlinale zum Abgewöhnen.

Demnächst in Cinemania 126:
Mehr Berlinale, vermutlich mit Angelica (Mitchell Lichtenstein, Panorama), Cobain: Montage of Heck (Brett Morgen, Panorama), Flocken / Flocking (Beata Gårdeler, Generation 14plus), Hedi Schneider steckt fest (Sonja Heiss, Forum) und Superwelt (Karl Markovicz).