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1. August 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Merida - Legende der Highlands (Mark Andrews, Brenda Chapman)


Merida - Legende der Highlands
(Mark Andrews, Brenda Chapman)

Originaltitel: Brave, USA 2012, Co-Regie: Steve Purcell, Buch: Mark Andrews, Steve Purcell, Brenda Chapman, Irene Mecchi, Kamera: Danielle Feinberg (Lighting), Robert Anderson (Camera), Schnitt: Nicholas C. Smith, Musik: Patrick Doyle, mit den Originalstimmen von Kelly McDonald (Merida), Emma Thompson (Queen Elinor), Billy Connolly (King Fergus), Craig Ferguson (Lord Macintosh), Kevin McKidd (Lord MacGuffin, Young MacGuffin), Robbie Coltrane (Lord Dingwall), Steven Cree (Young Macintosh), Callum O'Neill (Wee Dinghall), Julie Walters (Witch), Sally Kinghorn, Eilidh Fraser (Maude), Peigi Barker (Young Merida), Steve Purcell (Crow), Patrick Doyle (Martin), John Ratzenberger (Gordon), 100 Min., Kinostart: 2. August 2012

In dem Vierteljahrhundert, in dem sich Pixar zum erfolgreichsten und qualitativ überzeugendsten Animationsstudio der Welt mauserte (einzig Ghibli kann da noch mitreden), ist es mir persönlich nie aufgefallen, aber starke Frauenfiguren waren vor Brave durchgehend ausgesprochene Mangelware. Drei mal Toy Story, und der Ertrag war Cowgirl Jesse, Bo-Peep, Mrs. Potato Head, Andy's Mom, Andys Schwester (sorry, wenn ich den Namen nicht auf der Zunge habe) und das andere Mädchen, bei dem die Spielzeuge am Schluss landen. Abgesehen davon? Ein weiblicher Fisch mit Gedächtnisstörung in Finding Nemo, ein Roboter namens Eve (!) und größtenteils redundante love interests in Monsters, Inc., Ratatouille, A Bug's Life, Cars und Cars 2. Wirklich im Gehirn festgesetzt haben sich höchstens die Gattin in Up, die aber leider nicht die erste Viertelstunde des Films überlebte, und natürlich Mrs. Incredible nebst unsichtbarer Tochter und kleinwüchsiger Schneiderin. Verglichen damit sind weibliche Hauptfiguren beispielsweise bei Disney seit The Little Mermaid fast der Standard (Prinzessinnen verkaufen sich auch im Merchandise einfach zu gut), und man kann eher die Ausnahmen wie Aladdin (trotz Yasmin im Scheinwerferlicht), Hercules, Hunchback, Lion King oder Lama schnell zusammenfassen. Bei Ghibli sind die Frauen selbst dann im Zentrum, wenn ausnahmsweise die Männer mal wie im Fall von Hauro den Titel zugestanden bekommen. Und selbst Shrek wäre ohne Fiona nur halbsoviel wert (und Ice Age und Madagascar sind für mich eh indiskutabel).

Merida - Legende der Highlands (Mark Andrews, Brenda Chapman)

Bildmaterial © Disney/Pixar. All Rights Reserved.

Doch mit Brave ist es endlich soweit, selbst Alison Bechdel wäre zufrieden, denn hier gibt es mit Merida und ihrer Mutter, Queen Elinor, zwei weibliche Figuren, die sich durchaus auch mal längere Zeit unterhalten, und dabei nicht nur über Männer reden. Und nach einem Dutzend Pixar-Filmen, in dem immer dieselben fünf Männer abwechselnd Regie führten (5x Lasseter, 1x Unkrich, je 2x Docter, Stanton und Bird), gibt es diesmal auch endlich eine weibliche Regisseurin, die laut Presseheft die eigene Beziehung zu ihrer Tochter als wichtige Inspiration in den Film einbrachte. Brenda Chapman hat immerhin schon seit Beauty and the Beast im Animationsbereich gearbeitet. Und ihr Regie-Kollege Mark Andrews (Story Supervisor bei The Incredibles und Ratatouille) ist immerhin schottischer Abstammung (ich vermeide an dieser Stelle den Begriff »Co-Regie«, weil beide einen vollen - geteilten - Credit haben, während Steve Purcell den unliebsamen »Co-Regie«-Titel bekam, der hierbei meist unter den Teppich rutscht - auf imdb sollte man übrigens immer auf »full cast and crew« gehen, wenn man diesen Unterschied interessant findet).

Merida - Legende der Highlands (Mark Andrews, Brenda Chapman)

Bildmaterial © Disney/Pixar. All Rights Reserved.

Merida ist also die erste »Pixar-Prinzessin«, auch wenn sie sich nicht immer so verhält, und - ein kleiner Spoiler - Pixar hat immerhin die Eigenständigkeit, dass sich die Figur am Ende des Films nicht einem Prinzen oder sonstigem Gemahl unterordnet, und somit ihre Unabhängigkeit wie die Disney-Prinzessinnen und Heldinnen diverser RomComs für eine Traumhochzeit eintauscht.

Da ich diese Kritik einen Monat vor dem Kinostart schreibe, kann ich nicht genau einschätzen, wie viel von der Geschichte des Film dem potentiellen Publikum frühzeitig dargeboten wird, ich für meinen Fall war jedenfalls positiv überrascht davon, dass ich mir nach ein paar hübschen Trailern eingebildet hatte, ungefähr zu wissen, worum es im Film geht, nur um dann wie bei Up und vor allem Wall•E festzustellen, dass sich die Story in eine gänzlich andere, und sehr interessante Richtung dreht.

Merida - Legende der Highlands (Mark Andrews, Brenda Chapman)

Bildmaterial © Disney/Pixar. All Rights Reserved.

Brave dreht die Geschichte der starken, durchaus feministischen Prinzessin um ein paar Drehungen weiter, spielt zwar mit den typischen Werten und Sujets, bastelt daraus aber eine aufregend neue, sowohl komische wie spannende Abenteuergeschichte, die sich ungefähr auf dem Tempo von The Incredibles bewegt, und nach der Vorführung hatte ich eigentlich nur einen Kritikpunkt: Der Film war zu kurz. Ich hätte gern noch eine halbe Stunde länger im Kino gesessen, und die im Mittelteil sehr komplexe Geschichte wurde dann relativ schnell doch wieder kompakt, und ähnlich wie in North by Northwest (obwohl der Vergleich jetzt eine Spur zu schmeichelhaft ist) war der Film dann recht plötzlich vorbei, und ich bin mir sicher, man hätte den aufreibenden Showdown ohne Verschleiß mindestens noch 10 Minuten länger machen können. Aber streng genommen kann das auch kein Kritikpunkt sein.

Merida - Legende der Highlands (Mark Andrews, Brenda Chapman)

Bildmaterial © Disney/Pixar. All Rights Reserved.

Millionen von der stetigen Pixar-Qualität verwöhnte Zuschauer können sich vertrauensvoll auch in die Obhut dieses Films begeben, für die ganz kleinen gibt es ein paar Momente, wo der Bär, der einst schon König Fergus sein Bein einbüßen ließ, eine Spur zu gruselig ist (zur Einstimmung / Abhärtung Peter Pan schauen?), und wer sich am schönsten schottischen Akzent für ein Mainstream-Publikum seit Trainspotting erfreuen will (Kelly MacDonald ist übrigens als Meridas Stimme wieder dabei), der sollte den Film unbedingt in der Originalfassung schauen, obwohl ich weiß, dass sich das nur schwer mit einem Familien-Kinobesuch koordinieren lässt. Aber den Streifen kann man durchaus auch zweimal schauen, auch wenn der 3D-Zuschlag nicht zwingend notwendig ist (aber im Animationsbereich mittlerweile wohl obligatorisch).