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Die Box




29. Juli 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Toy Story 3 (R: Lee Unkrich)
Toy Story 3 (R: Lee Unkrich)
Toy Story 3 (R: Lee Unkrich)
Bildmaterial © Disney/Pixar
Toy Story 3 (R: Lee Unkrich)
Toy Story 3 (R: Lee Unkrich)
Toy Story 3 (R: Lee Unkrich)


Toy Story 3
(R: Lee Unkrich)

USA 2010, Buch: Michael Arndt, Story: John Lasseter, Andrew Stanton, Lee Unkrich, Schnitt: Ken Schretzmann, Musik: Randy Newman, mit den Original- / deutschen Sprechern Tom Hanks / Michael "Bully" Herbig (Woody), Tim Allen / Walter von Hauff (Buzz Lightyear), Joan Cusack / Carin C. Tietze (Jessie), Don Rickles / Hartmut Neugebauer (Mr. Potato Head / Charlie Naseweis), Wallace Shawn / Rick Kavanian (Rex), Michael Keaton / Christian Tramitz (Ken), Ned Beatty / ? (Lotso), John Ratzenberger / ? (Hamm / Specki), Estelle Harris / ? (Mrs. Potato Head / Charlotte Naseweis), Blake Clark / ? (Slinky Dog), John Morris / ? (Andy), Jodi Benson / ? (Barbie), Emily Hahn / ? (Bonnie), Laurie Metcalf / ? (Andy's Mom), Teddy Newton / ? (Chatter Telephone), Bud Luckey / ? (Chuckles), Javier Fernandez Pena (Spanish Buzz), Timothy Dalton / ? (Mr. Pricklepants), Beatrice Miller / ? (Molly), Lori Alan / ? (Bonnie's Mom), Bonnie Hunt / ? (Dolly), Whoopi Goldberg / ? (Stretch), R. Lee Ermey / ? (Sarge), Richard Kind / ? (Bookworm), Lee Unkrich / ? (Jack in the Box), 103 Min., Kinostart: 29. Juli 2010

Wenn Pixar ein Sequel dreht, ist das keine Masche, um leicht Geld abzusahnen, sondern ein Qualitätsversprechen. Das konnte man bereits bei Toy Story 2 sehen, und für den dritten Film hat man die Latte nochmal ein wenig angehoben. Einerseits lehnt sich bereits der Beginn des Films stark an das Original an (die Wolkentapete, ein gespieltes Abenteuer), andererseits ist alles viel ausgefeilter, nicht nur die Fantasie Andys scheint beflügelt, sondern vor allem die der Filmemacher.

In gewisser Weise befreit man sich aber auch von den Vorbildern. In Toy Story (1995) war der Bösewicht ein Kind, das mit seinem (und anderer Kinder) Spielzeug nicht spielen wollte, ohne es dabei zu misshandeln oder zerstören. In Toy Story 2 (1999) ging man in die entgegengesetzte Richtung: Der Bösewicht war jemand (kein Kind), der Spielzeug als Sammelobjekt versteht und in Museen ausstellen wollte (vorausgesetzt, das Museum zahlt genug). Perfiderweise gab es zusätzlich auch ein Spielzeug als Bösewicht, dem ebenfalls alle Jugendlichkeit abhanden gegangen war, und das ebenfalls kein Interesse mehr am Spielen hatte.

Wer die Idee des Spielens pervertiert, wird zur Gefahr für die Spielzeuge.

In Toy Story 3 hat man sich von derartigen Ansätzen ein wenig entfernt. Das Trauma so mancher Kindheit, die rigorose Mutter, die Comics und Erinnerungen einfach ausmistet, wenn man keine Ordnung im Kinderzimmer hält, wird hier in Gestalt von Andys Mutter nur angedeutet, aber nicht ausformuliert. Und die Kleinkinder einer Kita, die für Woody und seine Freunde zur Bedrohung werden, weil sie alles kaputt hauen, besabbern und beschmieren, sind auch keine Bösewichte, sondern einfach Kinder, die halt noch nicht im richtigen Alter sind (übrigens ein klarer Verweis auf den frühen Pixar-Kurzfilm Tin Toy). Der Bösewicht ist diesmal ein nach Himbeeren duftender Teddybär, der nicht das Spielen an sich zu pervertieren sucht (auch, wenn er sehr seltsame Vorstellungen hat), sondern der den Film (also Toy Story 3) korrumpiert, indem er daraus einen Gefängnisfilm mit Horrorelementen macht.

Die Neuzugänge in der Kita haben laut "Lots-o' Huggin' Bear" im Schmetterlingsraum nichts zu suchen, sondern werden im Raupenraum (bereits ein Horroransatz im Kindergarten-Kleid) als Kanonenfutter verheizt, wobei die Rebellion gegen das Terror-Regime im Keim erstickt wird. Wer nicht spurt, kommt in Einzelhaft (über Nacht in der Sandkiste, Guantanamo für ein Vorschulpublikum), alle anderen landen in einem Zellenblock aus Plastik-Stapelboxen, mit Wächtern (der gehirngewaschene Buzz) und audiovisueller Überwachung. Und der Kletterturm auf dem Spielplatz wirkt plötzlich wie ein Stasi-Beobachtungsposten.

Die Kindertagesstätte Sunnyside entwickeln sich ziemlich schnell zur Stätte des Grauens (inklusive spukschlossartigem Blitzschlag), und die Spielzeuge wirken auch bedrohlich und aus Horrorfilmen bekannt. Sei es ein Clown, der nicht lacht, ein Schellenschimpanse, der von Wes Craven stammen könnte oder auch eine Baby-Puppe mit leichten Schäden, die wie in The Exorcist gruselig den Hals um 180 Grad drehen kann - und direkt auf eine ähnliche Figur (mit Spinnenbeinen) in Toy Story verweist.

Doch keine Angst, der Film ist natürlich kindertauglich und hält durch viel Humor die Balance. Dadurch, dass Toy Story 3 sogar Untertitel verwendet (!!!), wirkt es sogar so, als wolle man (ungeachtet der großen produktionszeitlichen Lücke zwischen Film 2 und 3) das Publikum "mitwachsen" lassen (auch an solchen begrüßenswerten Herausforderungen), wie man es aus den Harry-Potter-Filmen (und -Büchern) kennt.

Zum Start des Films (wie schon Up in 3D) hat man auch die alten Filme noch mal dreidimensional aufpoliert, vor allem für den DVD- und Bluray-Markt. Doch bei aller Lobhudelei muss ich auch etwas kritisieren (allerdings nur, weil ich von Pixar Perfektion gewohnt bin). Im Verlauf des Films hat Mrs. Potato-Head eines ihrer Augen verlegt, und irgendwann wird ihr dieses zum Vorteil gereichen. Kurzfristig sieht sie zwei überlappende Bilder, bis sie begreift, dass ihr zweites Auge Spionagedienste leisten kann. Hier wäre die Chance gewesen, die 3D-Technologie, die ja darauf basiert, das die Augen des Zuschauers aufgrund der Brille unterschiedliche Bilder sehen, für eine "Potato-Vision" auch narrativ - mit Verzicht auf die Dreidimensionalität - zu verwenden. Ich habe mir den Film sogar ein zweites Mal angeschaut, weil ich einfach davon ausgegangen bin, dass Pixar clever und innovativ genug ist, um für einen winzigen Moment, den vielleicht 0,05% der Zuschauer von sich aus erkennen, mithilfe einer 3D-Brille sozusagen zwei voneinander fast unabhängige Filmschnipsel zu zeigen, die für die anderthalb Sekunden dieser Einstellung den Zuschauer (wie zuvor Mrs. Potato Head) zu verwirren. Doch entweder kam keiner auf die Idee oder sie wurde als zu abgedreht verworfen. Dieses winzige Versagen ist vielleicht noch die eheste Entsprechung einer Stagnation im Hause Pixar, von der ansonsten weit und breit (siehe auch den Vorfilm Day & Night) nicht die Rede sein kann.

Der großartigste und witzigste Moment des Films hat übrigens auch etwas mit dem Horror-Genre zu tun. Irgendwo zwischen Golem und Zombie wankt eine Figur, die man nur Mr. Tortilla Head nennen kann, durch den Film ...