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Die Box




Februar 2005
 

Cinemania 7
Berlinale Dumplings

In den verschiedenen Sektionen der Berlinale wimmelt es mittlerweile nur so von Filmen aus China, Japan, Korea, Taiwan usw., weshalb es zu diesem Themenbereich gleich zwei Ausgaben von Cinemania geben wird, der zweite Rutsch kommt dann allerdings erst in Cinemania 12, unter anderem mit Rezensionen zu Green Chair, Jiang Hu, Starlit High Noon und World’s End/Girlfriend.



Berlinale-Bär

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Cinemania 7:
Berlinale Dumplings

Bis auf Shin Sung-il is Lost alle
Rezensionen von Thomas Vorwerk.

This Charming Girl (Lee Yoon-ki, Forum)

This Charming GirlOriginaltitel: Yeoja, Jeong-hae, Südkorea 2004, Buch: Lee-Yoon-ki, Kamera: Choi Jin-woong, Schnitt: Ham Seong-weon, Kim Hyeong-ju, Musik: Lee Yeong-ho, Lee So-yun, mit Kim Ji-soo (Jeong-hae), Hwang Jung-min (Schreiberling), Kim Hye-ok (Mutter), Lee Dae-yeon (Onkel), Lee Geum-ju (Tante), Kim Mi-seong (Kollegin 1), Lee Mi-mi (Kollegin 2), Kim Jung-gi (Manager Postbüro), Seo Dong-weon (Trauriger Kerl), Park Seong-ung (Ex-Mann), Jeong Seon-yong (Mr. Lee), Kim Ggot-bi (Junge Jeong-hae), 99 Min., Kinostart: 16. April 2009

Jeong-hae, die Hauptfigur von This Charming Girl, wird während des ganzen Films mit der Handkamera beobachtet. Weder so aufdringlich noch so verwackelt wie in Rosetta von den Brüdern Dardenne, dafür aber mindestens genauso erfolgreich, was das allmähliche Ausloten des Innenlebens dieser jungen Frau angeht. Zunächst erscheint es so, als würden relativ langweilige Alltagsmomente abgebildet, was für einen Berlinale-Film mit größtenteils übernächtigten Zuschauern bei der betont langsamen Erzählweise natürlich riskant ist, doch schon bald verflechten sich Jeong-haes Job in einer Postfiliale, ihre Busfahrten und ihre Dauerbeschäftigung Fernsehen zu einem komplexen Einblick in die Person, die sich hier scheu von der Welt abzukapseln versucht, die höchstens mal mit Arbeitskolleginnen in der Mittagspause essen geht oder am Telefon mit ihrer Tante streitet, sonst aber kaum mit ihrer Umwelt in Kontakt tritt.
Über ein zerfleddertes Kinderbuch, das sie unter einem Blumentopf auf dem Balkon findet, beginnt der Film Jeong-haes Reise in die Vergangenheit, wir erfahren von der verstorbenen Mutter, einer Illustratorin, deren Grabstätte sie besucht, und die sie offensichtlich sehr vermisst. Einmal hört sie auf ihrem Weg zur Arbeit aus einem Gebüsch ein Miauen, und als dieses auch auf der Rückfahrt noch zu vernehmen ist, entscheidet sie sich nach längerem Innehalten beim dritten Mal, diese Katze bei sich aufzunehmen, was ihren Alltag etwas auf den Kopf stellt. Sah man die winzige Baby-Katze vorher mal kurz im Gebüsch, macht sie sich in der Wohnung rar und versteckt sich unter dem Sofa. Da ihr Fressen auch nicht angerührt wird, macht man sich schon Sorgen um das für den Zuschauer unsichtbare Fellknäul, doch eines Tages wird Jeong-hae, die auf dem Sofa eingeschlafen war, davon geweckt, daß die Katze an ihren Fußsohlen leckt. Nun erinnert sich Jeong-hae augenblicklich an eine ähnliche Situation mit ihrer Mutter, die ihr die Fußnägel schneidet, und als Zuschauer ist man ein wenig verwirrt, ob nun die Katze überhaupt auf dem Sofa war (bzw. überhaupt in der Wohnung) oder Jeong-haes Fantasie jetzt ein wenig mit ihr durchgeht.
Laut ihrer Tante ist Jeong-hae geistig zurückgeblieben, doch jegliche Kritik an This Charming Girl weist man als Zuschauer, der in den einsamen Alltag der jungen Frau eingeweiht ist, schroff zurück, man wünscht ihr ein wenig Glück im Leben, sei es über die Katze oder über jenen jungen Mann (eine Art koreanischer Mark Ruffalo), der öfter in der Postfiliale auftaucht und Jeong-hae auch im Supermarkt mal über den Weg läuft. Doch zunächst hat sie ein Date mit einem Mann aus ihrer Vergangenheit, über den wir auch erst langsam mehr erfahren, offenbar handelt es sich dabei um ihren Ex-Mann, den sie während der Flitterwochen plötzlich verlassen hat – ein bißchen seltsam scheint sie schon zu sein …
Das Innehalten, bevor Jeong-hae sich der Katze annimmt, wird später ebenso aufgegriffen wie jener Florence-Nightingale-Effekt, der sie später dazu verleitet, einen volltrunkenen jungen Mann, der in einer Kneipe in eine Schlägerei mit seinen Bekannten geriet, mit zu sich nach Hause zu nehmen. Und plötzlich ist ihr häuslicher Alltag gar nicht mehr so langweilig und routiniert - ganz im Gegenteil, sogar für den Zuschauer wird es zunehmend aufreibender. Und dadurch sind für mich auch die Bezugspunkte zum Schaffen von etwa Tsai Ming Liang, die bedächtige Erzählweise oder der Träneneausbruch gegen Ende, nicht zu hoch zu bewerten, denn This Charming Girl geht weit darüber hinaus, nur einen momentan geläufigen und künstlerisch erfolgreichen Trend des asiatischen Kinos wiederzukäuen. Sonst hätte es dafür wohl auch kaum einen der Hauptpreise beim größten koreanischen Filmfestival in Pusan gegeben.
Dieser Film, der nicht nur als elegantere Version von Rosetta bestehen kann, sondern mich sogar an zwei meiner Lieblingsfilme aus den 1960ern erinnert, die kaum unterschiedlicher sein könnten (Roman Polanskis Repulsion und Blake Edwards Breakfast at Tiffany’s), ist in meinen Augen der beste Langfilm der diesjährigen Berlinale und ein Werk, das weit über den asiatischen Raum hinweg Bedeutung hat. Die Hauptdarstellerin ist zwar eine Spur unscheinbarer als Catherine Deneuve oder gar Audrey Hepburn, aber mitunter genauso abgründig und zugleich verletzlich. I’m thoroughly charmed!

Das wandelnde Schloss
(Hayao Miyazaki, European Film Market)

Originaltitel: Hauru no Ugoku Shiro, Japan 2004, Buch: Hayao Miyazaki, Lit. Vorlage: Diana Wynne Jones, Schnitt: Takeshi Seyama, Musik: JoeHisaishi, Theme Song "Sekai no Yakusoku/The Promise of the World": komponiert von Youmi Kimura, gesungen von Chieko Baisho, mit den Stimmen von Chieko Baisho (Zôfi/Sophie), Takuya Kimura (Hauru/Howl), Akihiro Miwa (Achi no majo/Witch of the Waste), Tatsuya Gashuin (Karushifâ/Calcifer), Ryunosuke Kamiki (Marukuru/Markl), Mitsunori Isaki (Koshô/Servant), Yo Oizumi (Kakashi no Kabu/Prince), Akio tsuka (Kokuô/King of Ingary), Daijiro Harada (Hin/Heen), Haruko Kato (Fujin Sariman/Madam Suliman), 117 Min.

Der neue Miyazaki lief 2004 im Wettbewerb in Venedig und läuft beispielsweise in Frankreich bereits regulär in den Kinos, doch ungeachtet des Goldenen Bären vor drei Jahren für Sen to Chihiro no kamikakushi fühlte man sich auf der Berlinale wohl nicht gewillt, mal wieder eine "Wiederholung" der zwei großen europäischen Konkurrenzfestivals im Rahmen eines "Berlinale Specials" zu veranstalten, was definitiv ein ausverkauftes Haus gebracht hätte. Stattdessen lief Howl’s Moving Castle nur in einer einzigen Vorführung des schwer zugänglichen European Film Market, und ich muß und will an dieser Stelle ausgiebig Mélanie Chebance danken, die das Unmögliche möglich machte und für mich ein Ticket dieser wohl gemeinsam mit Vinterberg/von Triers Dear Wendy begehrtesten Vorführung der Berlinale organisieren konnte.
Wie zuletzt in Kiki’s Delivery Service (1989) kommt Miyazaki diesmal nicht mit einem Originaldrehbuch, sondern mit einer Adaption eines auch noch aus dem Westen (Großbritannien) stammenden Romans der Autorin Diana Wynne Jones aus dem Jahre 1986. In Unkenntnis dieses Werkes muß man aber sagen, daß die Story und die Themen von Howl’s Moving Castle auch direkt von Miyazaki hätten stammen können.
Sophie, eine Hutmacherin, die in Pressematerialien als 18jährig angegeben wird, im Film aber definitiv jünger wirkt (Verweis auf das Originalmaterial oder Rückgriff auf eine Konvention zum Schutze gegen bestimmte Vorwürfe gegenüber dem Regisseur?), findet sich beim Spaziergang durch die viktorianisch anmutenden Gassen in einer Hauptstadt (?) eines uns unbekannten Landes in einer verhängnisvollen Situation, die zumindest erwachsene Zuschauer als die Vorstufe einer Vergewaltigung durch einige Uniformträger interpretieren könnten. Da kommt ihr der sagenumworbene (und zudem gutaussehende und jugendlich wirkende) Zauberer Howl zur Hilfe, der sich aber in diesem Moment ebenfalls in Gefahr befindet, verfolgt von den Geisterwesen seiner Feindin, der "Witch of the Waste". Gemeinsam entfliehen sie ihren Verfolgern und spätestens als Howl gemeinsam mit Sophie durch die Lüfte fliegt, beginnt diese sich in den unerreichbaren Magier zu verlieben.
Doch die Rückkehr zur Realität könnte kaum desillusionierender sein, denn die Hexe hat von Sophies Durchkreuzung ihrer Pläne erfahren und verflucht das junge Mädchen, das sich nunmehr im Körper einer 90jährigen wiederfindet. Die einzige Möglichkeit, den Fluch zu durchbrechen, liegt darin, Howls "Moving Castle" und damit auch den Zauberer wiederzufinden, auch wenn sie niemandem von ihrem Fluch erzählen darf. Auf dem Weg trifft sie auf die rübengesichtige Vogelscheuche Heen, die Sophie aus der Vogelscheuchen-Variante einer auf dem Rücken befindlichen Schildkröte, wofür sich der wie ein Springstock umherhüpfende Heen bedankt, indem er Sophie den Weg zu Howl’s seltsamen Schloß führt.
Das Schloß, das wie eine per Dampfkraft bewegbare Behausung aussieht, aber im Inneren einige Überraschungen feilhält, wird neben Howl von dessen jugendlichem Vertrauten Markl und dem Feuerdämon Calcifer bewohnt. Die runzlige Sophie ergattert in einem wahren Putzwahn eine Anstellung als Putzhilfe und wohnt fortan im "Moving Castle", auf der Suche danach, ihren Fluch zu brechen, und nebenbei vielleicht auch noch die Liebe des Zauberers zu entfachen, der übrigens auch unter einem Fluch leidet.
Nicht nur finden sich in Howl’s Moving Castle ähnlich viele Anspielungen an den Wizard of Oz wie in Chihiro an Alice in Wonderland, auch ist das Thema der Liebe als Überwindung von Flüchen schon in Mononoke hime sehr ausgeprägt gewesen. Auch wenn Hauro no Ugoko Shiro im Vergleich zu den letzten zwei Filmen etwas abfällt (dafür aber noch kindertauglicher wirkt), übertrifft sich Miyazaki wieder im Kreieren neuer Figuren. Die Figurenkonstellationen sind zwar teilweise ähnlich wie in früheren Filmen, doch wer den kleinen asthmatischen Hund oder den wunderbar animierten Feuerdämon Calcifer nicht ins Herz schließt, ist wahrscheinlich nie ein Kind gewesen.

Dumplings (Fruit Chan, Panorama)

Hong Kong / China 2004, Buch: Lilian Lee, Kamera: Christopher Doyle, Schnitt: Tin Sam Fat, Chan Ki-Hop, Musik: Chan Kwong-Wing, mit Miriam Yeung (Li Qing), Bai Ling (Mei), Tony Leung Ka-Fei (Li Sije), Wu Wai-Man (Meis Kollegin im Hospital), Pauline Lau (Lis Dienstmädchen), Miki Yeung (Kate), Wong So-Fun (Kates Mutter), 91 Min.

Der 120minütige Kompilationsfilm Three … Extremes besteht aus drei Filmen der Regisseure Takashi Miike, Park Chan-Wook und Fruit Chan, Fruit Chans Episode hat den selben Titel, die selben Hauptdarsteller, den selben Kameramann usw. wie der Langfilm Dumplings. Wie diese zwei Versionen desselben Films entstanden sind, ob eine aufgebläht wurde oder die andere zusammengeschnitten, entzieht sich leider meiner Erkenntnis, ein direkter Vergleich wäre sicher interessant.
Der im Panorama gezeigte anderthalbstündige Dumplings macht zumindest einen kohärenten Eindruck, selbst die Nebenhandlung um eine gewisse Kate und ihre Eltern macht nicht den Eindruck, als hätte sie in der Kurzversion fehlen können, ohne ein Loch zu hinterlassen.
Die Geschichte der Dumplings ist relativ schnell erzählt und wird nach zwanzig Minuten von unheilschwangeren Andeutungen auch recht klar ausgesprochen. Das ehemalige Starlet Li Qing (Miriam Yeung) ist unzufrieden mit seinem Leben, dem fortschreitenden Alter und der leidenschaftslosen Ehe mit einem schwerreichen, aber sie am laufenden Band mit jüngeren Dienstmädchen etc. betrügenden Gatten (Tony Ka-Fei Leung). Über Verbindungen erfährt sie von Mei (Bai Ling), einer ehemaligen Engelmacherin, deren nach einem speziellen Rezept hergestellten Klöße (Dumplings) einen verjüngenden Effekt haben sollen, was definitiv mit ihrem Ingredenzien, abgetriebenen Föten, zusammenhängt.
Schon in den ersten Einstellungen, wenn ein Tragegefäß durch den Zoll der Grenze zwischen Hong Kong und China geschleust wird, erklingt eine dräuende Musik, wie man sie aus Horrorfilmen kennt. Diese Musik schwillt immer wieder an, wenn man die Zubereitung der titelgebenden Klöße betrachtet, doch auch wenn Meis Pudel (namens "Baby") mich ein wenig an Silence of the Lambs erinnerte, ist Dumplings wohl kaum als Horrorfilm zu kategorisieren, denn der Schrecken in diesem Film hat meist mehr mit Ekel zu tun (wie das Verspeisen eines fastgeborenen Kükens) und die surreale Allegorie und schwarzhumorige Gesellschaftskritik war dem Regisseur offensichtlich wichtiger als das Auskosten von Schreckmomenten.
Wong Kar-Weis Lieblingskameramann Christopher Doyle beschert auch diesem Film eine wunderbare Ästhetik (die man bei dem von Fruit Chan zumindest produzierten anderen Panorama-Film Colour Blossoms sehr vermisst), die einerseits Vergleichen mit David Lynchs Eraserhead standhält, andererseits aber nicht nur, wenn Jury-Prinzessin Bai Lings Körper mit Mehl bedeckt ist, eine schwüle Erotik assoziiert, die dem Thema des Films natürlich ebenso zuträglich ist.
Der mitunter hinterhältige Humor in Dumplings hätte meines Erachtens noch etwas ausgeprägter sein können und nicht bevorzugt verblutende junge Mädchen zum Opfer erwählen, aber im Gegensatz zu der Vielzahl von Frauen, die die Vorführung frühzeitig verliessen, habe ich bis auf ein, zwei Einstellungen jede Minute dieses Films genossen.

Mongolian Ping Pong (Ning Hao, Forum)

Originaltitel: Lü cao di, Buch: Gan Jianguo, Xing Aina, Ning Hao, Kamera: Du Jie, Schnitt: Ning Hao, Jiang Jong, Musik: Lu Jiajia, mit Hurzbileg, Dawaa, Geliban, 102 Min.

The Gods must be crazy meets Urga. Bilgee, ein mongolischer Junge, sieht in einem Bach eine seltsam blendend weiße Kugel treiben, die er birgt. Seine Großmutter klärt ihn darüber auf, daß es sich um eine Perle handelt, die vom Himmel gefallen ist, und die nachts leuchtet. Gemeinsam mit seinen beiden Freunden Ergotor und Dawaa wartet er auf das nächtliche Wunder, das aber ausbleibt. Das Geheimnis bleibt ungelüftet. Bei einer Filmvorführung sehen die Kinder Tage später Ausschnitte aus einem Golfspiel und wissen nun, daß das seltsame Fundstück zum Blockieren von Rattenlöchern benutzt wird, was Bilgee auch gleich in die Tat umsetzt. Doch der Filmvorführer durchbricht die Illusion, indem er zumindest den Namen des Objekts preisgibt: Ein Pingpongball.
Nach und nach lüftet sich das Geheimnis, ein entscheidender Schritt ist eine Fernsehübertragung, die wegen des schlechten Empfangs in der Einöde allerdings rein akustisch bleibt. Die Kinder vernehmen das charakteristische (und mysteriöse) Geräusch des Pingpongball, den der Fernsehkommentator als Nationalball hinstellt. Also doch ein wertvolles Schmuckstück. Unter Aufwendung aller erreichbaren Hilfsmittel wird der "Nationalball" geborgen, und die Kinder, die wegen ihrer seltsamen Expeditionen schon oft den Hintern versohlt bekommen haben, machen sich ausgerechnet auf, die Wüste zu durchqueren, um den Nationalball in Beijing feierlich dem eigentlichen Besitzer, der diesen sicher bereits vermisst, zu übergeben.
Einzig das etwas betuhliche Thema dürfte Mongolian Ping Pong statt beim Kinderfilmfest im Forum landen lassen. Ein Großteil der dramaturgischen Wendungen des Films wird in dieser Inhaltsangabe leider schon verraten, aber der Charme und Witz des Films erschließt sich auch jenseits des nur für eingeweihte Zuschauer ganz am Schluß offenbarte Geheimnis, das Alltagsobjekte wie Cola-Flaschen oder Kronenkorken für Gemeinschaften jenseits der westlichen Zivilisation innehaben können.

Shin Sung-il is lost (Shin Jane, Forum)

[Rezension von Benjamin Happel]

Originaltitel: Shin Sung-il-eui hangbang-bulmyung, Südkorea 2004, Buch, Schnitt: Shin Jane, Kamera: Yeo Chul-su, Jung Sang-hoon, Musik: Baek Seung-joo, mit Cho Hyun-sik, Ye Soo-Jung, Moon Seul-ye, Woo Joon-young, Jung Young-soo, 103 Min.

Pervers die Idee: Kinder, denen in einem Waisenhaus auf dem Land - abgeschnitten vom Rest der Welt - eine Religion anerzogen wird, die das Essen verpöhnt. Sie werden dazu getrimmt, mit Ekel und Erbrechen zu reagieren, wenn öffentlich gegessen wird und die Leiter des Waisenhauses freuen sich über das an der Nahrung gesparte Geld. Erzählt ist das alles in merkwürdig surrealer Weise, mal von einem Erzähler aus dem Off, mal mittels langer Textblenden zwischen den Sequenzen. Es dauert eine ganze Weile, bis man der Geschichte überhaupt auf die Spur kommt, bis man versteht, was da vor sich geht, wenn im stillen Hinterzimmer der Schule jenen Hungrigen, die es nicht mehr ausgehalten haben und mit schlechtem Gewissen in die 'Cafeteria' kommen, verstohlen eine Milch und der immer gleiche Schokoladenkrapfen überreicht wird. Vor fremden Blicken verborgen, kann dann auf den Toiletten gegessen werden - oder unter dem Bett.
Die Nacherzählung einer Geschichte wird dem nicht gerecht, was Shin Sung-il is lost im Weiteren bietet: Das faschistoide System, die groteske Religion, der sie folgen, verwirrt den Geist der Kinder, und die Verwirrung überträgt sich ins Bild: Da gibt es plötzlich einen Engel, der einem der Jungen erscheint, wenn er ißt, und langsam schleicht sich auch Farbe in den zu Beginn ganz in Schwarzweiß erzählten Film. Eine Bastelarbeit ist Shin Sung-il is lost, man muss sich die Puzzlestücke zusammensuchen, die einem vorgesetzt werden, und selbst am Schluß bleibt das alles höchst symbolisch und vage. Die Vagheit jedoch ist es, die Spaß macht an diesem Film, die Unsicherheit, in der man jeden Augenblick schwebt, darüber, wie der Film sich entwickelt, darüber, ob im nächsten Augenblick nicht doch alles ganz anders ist.
Der Wendepunkt schließlich, der Augenblick, nach dem der Film ganz ins Farbige wechselt, ist die Revolution: Bestraft werden sollen einige Kinder, die es sich angemasst haben, in der Öffentlichkeit zu essen. Sie werden gezwungen, vor den Augen der ganzen Klasse auf dem Pult zu sitzen und eine Schale Reis zu vertilgen. Wer sich nicht bei dem Anblick erbricht, dem droht die gleiche Strafe. Die Bestrafung kippt, und die Machtverhältnisse wechseln binnen weniger Momente - plötzlich ist es die Lehrerin, die auf dem Pult sitzt, plötzlich essen die Kinder voller Genuß so viel bis sie platzen - im wörtlichen Sinne. Freilich ist auch jener Moment nicht linear erzählt, sondern verteilt auf die gesamte zweite Hälfte des Films, Bruchstücke nur dessen, was geschieht, werden durcheinandergewürfelt, Fragmente einer Erzählung. Wenn schließlich die persönlichen Dämonen besiegt sind, wenn der Junge den Engel niedergemetzelt hat, dann steht seinem Mahl im Steakhouse nichts mehr im Wege. Grotesk wirkt die Betonung, die dem Essen in Shin Sung-il is lost gegeben wird, wozu sie führt, ist die Einsicht in die Kraft der Suggestion - in beinahe jeder Religion, in jeder Ideologie sind es die ganz alltäglichen Handlungen, die ritualisiert werden oder dämonisiert.
Eine Fortsetzung verspricht der Film am Ende, und der zweite Teil kommt schneller als erwartet: Kaum ist der Abspann vorbei, beginnt er - ein Lauftext, der minutenlang über die Leinwand läuft und weiter seine mystisch-religiöse Geschichte erzählt. Ein schöner Einfall, und durchaus konsequent - das Konzept der Bricolage, nach dem der ganze Film funktioniert, verlangt geradezu nach dem Fortgang der filmischen Handlung in der Schrift. Und auch, als dieser 'Teil zwei' endet, gibt es das Versprechen auf eine Fortsetzung – bleibt zu hoffen, dass man den – wie die Regisseurin nach dem Film versichert tatsächlich geplanten – dritten Teil ebenfalls auf der Berlinale sehen können wird.

The Hidden Blade (Yoji Yamada, Wettbewerb)

Japan 2004, Originaltitel: Kakushi Ken - Oni no Tsume, Buch: Yoji Yamada, Yoshitaka Asama, Lit. Vorlage: Shuhei Fujisawa, Kamera: Mutsuo Naganuma, Schnitt: Iwao Ishii, Musik: isao Tomita, mit Masatoshi Nagase (Munezo Katagiri), Takako Matsu (Kie), Hidetaka Yoshioka (Samon Shimada), Yukiyoshi Ozawa (Yaishiro Hazama), Tomoko Tabata (Shino), Reiko Takashima (Yaishiros Frau), Min Tanaka (Kansai Toda), Nenji Kobayashi (Ogata), Ken Ogata (Hori), 132 Min.

Vor zwei Jahren brachte uns Yoji Yamada seinen Twilight Samurai zur Berlinale, diesmal legt er mit The Hidden Blade noch einen drauf. Waren schon die literarischen Vorlagen für The Twilight Samurai drei Kurzgeschichten des 1997 verstorbenen , auf "historical fiction" spezialisierten, japanischen Bestsellerautoren Shuhei Fujisawa, so basiert auch The Hidden Blade wieder auf zwei Werken dieses Autoren. Doch diesmal kann man die zwei Originale weitaus leichter aus der Filmhandlung extrahieren, denn während die bittersüße standesübergreifende Liebesgeschichte aus Yuki Akari (The Gleam of the Snow) den Großteil des Film einnimmt und das Herzstück des Film repräsentiert, erscheint die nur gegen Schluß des Films für zwanzig Minuten durchschimmernde Samurai-Rache-Geschichte, die dem Film den Titel gab, eher eine Konzession an den vorherrschenden Publikumsgeschmack.
Mitte des 19. Jahrhunderts verloren Samurais und Shoguns langsam an Bedeutung, über westliche Feuerwaffen entwickelte sich eine neue Kriegsführung. Munezo Katagiri, ein Samurai, der bescheiden mit seiner Mutter, der jüngeren Schwester und dem Hausmädchen Kie lebt, wird nach und nach von seinen Mitwohnern verlassen. Die Mutter stirbt, die Schwester heiratet seinen "Kollegen" Samon, und auch Kie kann nach Jahren der Dienerschaft einen profitablen Ehepartner finden. Als Munezo jedoch herausfindet, daß Kie keineswegs eine glückliche Ehe führt, sondern von ihrem Gatten und dessen Mutter in unmenschlicher Manier ausgenutzt wird (ihre Jahre als Dienstmagd waren verglichen damit eine Erholung), eilt er ihr zu Hilfe, verlangt vom unehrenhaften Gatten eine Scheidung und sorgt dafür, daß sie sich in seinem Haushalt kuriert, was natürlich zu Gerüchten und Kritik führt. Bevor Munezo Kie über die Standesgrenzen hinweg ehelichen kann, soll er noch einen letzten Job als Samurai ausführen, und den im Prolog des Films kurz erwähnten Yaichiro (der bessere Schüler eines gemeinsamen Lehrers) töten, der es vorzog, sich mit einer Geisel in einer Hütte zurückzuziehen, als einen verordneten Harakiri zu vollziehen.
Doch während dieser Kampf zu Beginn etwas ähnlich verläuft wie der Showdown in The Twilight Samurai, sind es die anderen Handlungselemente am Ende von The Hidden Blade (werden hier nicht verraten), die diesen Film zum klar Besseren machen. Nichtsdestotrotz fragt man sich als westlicher Zuschauer trotz einiger Erfahrung mit Samuraistoffen, warum Yamada seine Geschichte(n) so betont langsam erzählt. Wenn Kie sich beim langerwarteten Heiratsantrag mit den Worten "Das kommt alles so plötzlich" mehr Bedenkzeit ausbittet, so ist dies ein guter Lacher, der vielleicht nur nach über zwei Stunden Lauflänge wirklich funktioniert.

Kekexili: Mountain Police (Lu Chuan, Forum)

Originaltitel: Kekexili, China 2004, Buch: Lu Chuan, Kamera: Cao Yu, Schnitt: Teng Yun, Musik: Lao Zai, mit Duo Bujie (Ri Tai), Zhang Lei (Ga Yu), Qi Liang (Liu Dong), Zhao Xueying (Leng Xue), Ma Zhanlin, 95 Min.

Kekexili ist das größte Naturschutzgebiet Chinas, u. a. Heimat der tibetanischen Antilope, die für ihre feinen Pelz, das Material für teure Schals, von Wilderern in den letzten zwanzig Jahren fast ausgerottet wurden. Kekexili erzählt die wahre Geschichte einer freiwilligen tibetanischen Bürgermiliz, die in 1990ern den Kampf gegen die gut organisierten Wilderer aufnahm.
Der Film beginnt mit einem Prolog, bei dem ein Mitglied dieser Mountain Police, das den Wilderern in die Hände geriet, regelrecht hingerichtet wird. Kurz darauf schließt sich ein Journalist aus Beijing, Ga Yu, der wilden Gruppe an, unter anderem auch, um zu erfahren, was an den Gerüchten sei, daß die legendäre Mountain Police hin und wieder gemeinsame Sache mit den Wilderern macht und beispielsweise selbst Antilopenfelle, die zuvor konfisziert wurden, verkauft.
Nachdem Ga Yu im Lager die Gastfreundschaft der Tibetaner kennengelernt hat - und Leng Xue, die anmutige Tochter des Anführers Ri Tai - bricht er zusammen mit einer kleinen Gruppe in die unwirtliche Wildnis des 5000 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Plateaus auf. Die zahlenmäßig unterlegenen und aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung inzwischen selbst zu bevorzugten Zielen der Wilderer gewordenen Mitglieder der Mountain Police haben nicht einmal die gesetzliche Grundlage, die Wilderer zu verhaften, doch im erbitterten Kampf der zwei Gruppen hält sich, wie Ga Yu schnell erkennt, kaum jemand an das Gesetz. In der Nähe eines Sees finden die Männer die Überreste eines Massakers an den Antilopen, mit mehreren hundert Kadavern, die sie, unterstützt von zwei Verdächtigen, begraben.
Etwas später wird einer der Fahrer der Patrouille von einem Scharfschützen erschossen, Ri Tai schwört Rache und entwickelt sich schnell zu einem modernen Ahab. Bei einer Verfolgung wird unabsichtlich ein Wilderer getötet, die übrigen Gestellten wirken harmlos, eine Mixtur aus sehr alten und sehr jungen Männern. Über ein Verhör findet man ein Lager mit über 500 Fellen, doch die Opfer der "Bergpolizisten" drängen sich immer mehr in den Vordergrund, durch Sandstürme verliert man Geländewagen und muß Männer zurücklassen, nach und nach wird die Mountain Police entweder Opfer der ungastlichen Gegend oder der Wilderer …
Der in sehr dokumentarischem Stil gehaltene Film schildert die Recherchen jenes Journalisten, dessen Bericht die Nation schließlich aufrüttelte und die gesetzliche Situation für die Antilopen verbesserte. Doch ungeachtet der authentischen Grundlage des Films verlangt es dem Zuschauer einiges ab, mitanzusehen, wie die halblegale Polizeistaffel es immer wieder schafft, irgendwo in der Wüste mit Autos ohne genügend Benzin zu stranden. Für filmgeschulte Augen ist es ferner ein seltsames Erlebnis, den semidokumentarischen Stil mit recht offensichtlichen CGI-Effekten und der nachvollziehbaren Unmöglichkeit, das Treiben der Wilderer auf Zelluloid zu bannen, in Einklang zu bringen. Von diesen Details abgesehen, ist Kekexili aber ein kraftvolles filmisches Plädoyer gegen eines jener menschlichen Verbrechen, von denen hier auf der anderen Seite der Welt kaum jemand weiß.


Coming soon in Cinemania 8 (Sexy Berlinale):
Rezensionen zu Berlinale-Filmen zum Thema Nr. 1: Fucking Different, Gender X, Inside Deep Throat, Kinsey, Männer, Helden und schwule Nazis, That Man: Peter Berlin, The Wayward Cloud