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Die Box




März 2006
Thomas Vorwerk
für satt.org

V wie Vendetta
UK/D 2006

Plakat

Regie:
James McTeigue

Buch:
The Wachowski Brothers

Comic-Vorlage:
[Alan Moore,] David Lloyd

Kamera:
Adrian Biddle

Schnitt:
Martin Walsh

Musik:
Dario Marianelli

Darsteller:
Natalie Portman (Evey), Hugo Weaving (V), Stephen Rea (Finch), Stephen Fry (Gordon Deitrich), John Hurt (Adam Sutler), Roger Allam (Lewis Prothero), Ben Miles (Dascomb), Tim Pigott-Smith (Creedy), Rupert Graves (Dominic), Natasha Wightman (Valerie), Sinead Cusack (Delia Surridge), John Standing (Bishop Lilliman), Billie Cook (Mädchen mit Brille), Clive Ashborn (Guy Fawkes)

Kinostart:
16. März 2006
Berlinale 2006

V wie Vendetta
V for Vendetta
Wettbewerb außer Konkurrenz

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Weder From Hell noch The League of Extraordinary Gentlemen traten auch nur den Versuch an, als Film den weitaus komplexeren Comic-Vorlagen von Alan Moore gerecht zu werden. Der jeweilige Comic wurde jeweils nur als eine Blaupause benutzt, auf den die Hollywood-typische Geschichte aufgebaut wurde. Und auch die Comicverfilmungen, die nur „im weiteren Rahmen“ etwas mit den Comics von Alan Moore zu tun haben, also etwa Swamp Thing und Constantine, dürften den Autoren kaum überzeugt haben. Als dann auch noch Joel Silver, der dummdreiste Produzent von Film-Franchises wie Die Hard, Lethal Weapon oder The Matrix, im ursprünglichen Presseheft zur Verfilmung von V for Vendetta vollmundig beschrieb (und log), wie enthusiastisch Alan Moore angesichts der neuesten Verfilmung eines seiner Werke reagierte, war es für den für seine Integrität bekannten Autor soweit, seinen Namen offiziell von dem Projekt zurückzuziehen. Auf den offenbar schon sehr früh gedruckten Plakaten steht sein Name noch, im Film wird nur der „von David Lloyd illustrierte“ Comic erwähnt, und im aktualisierten Presseheft wird Alan Moores Name mal am Rande erwähnt, den üblichen Karriereüberblick findet man dort aber nicht.


Filmszene

Filmszene

Filmszene

Fotos © Warner Bros. Ent.

Filmszene

Filmszene

Filmszene

Zu Joel Silver (man soll auch bloß nicht vergessen, daß er immerhin auch mal die Finger bei Filmen wie Titanic, Streets of Fire oder The Thin Red Line im Spiel gehabt hat - auch wenn das durch übelste Machwerke wie Swordfish, Commando oder Gothika gleich wieder relativiert wird) wurden im vorliegenden Presseheft mehr als zwei Seiten an Materialien zusammengesucht - mehr als über den Regisseur James McTeigue (Assistent bei Moulin Rouge! und der Matrix-Trilogie), die Drehbuchautoren Andy und Larry Wachowski (hinlänglich bekannt), den kürzlich verstorbenen Kameramann Adrian Biddle (Aliens, The Princess Bride, Thelma and Louise) und den Cutter Martin Walsh (Chicago, Bridget Jones’ Diary) zusammen. Das beweist eigentlich ganz gut, wie groß in Hollywood die Rolle der Kreativität ist - gerade im Verhältnis zum Geld. Wer jetzt übrigens meine „Beweisführung contra Hollywood“ aushebeln will anhand des Details, daß es sich bei V for Vendetta um eine deutsch-britische Co-Produktion handelt, sei herzlich eingeladen - immerhin wurde für V for Vendetta sogar der Schauplatz des Geschehens in London belassen, anders als in Constantine oder War of the Worlds.

Wer nach dieser Einleitung einen bitterbösen Verriß erwartet, wird enttäuscht werden - ungeachtet von Joel Silvers unangebrachtem Verhalten in mancher Situation dürfte es sich hierbei um die mit Abstand werkgetreueste Adaption eines Alan Moore-Comics handeln. Natürlich gibt es für das nicht-britische Publikum einen Prolog, der die historische Bedeutung von Guy Fawkes erklärt (Harry Potter-Fans wissen jetzt auch endlich, warum Dumbledores Phoenix so heißt). Und die Seitenhiebe auf das England unter Margaret Thatcher funktionieren für ein Publikum, das mit (neu hinzugefügten) Verweisen auf Moslems und die Vogelgrippe wahrscheinlich mehr anfangen kann, nur noch eingeschränkt. Daß die „Eiserne Lady“ etwa mit Erscheinen der ersten Kapitel von V for Vendetta im britischen Monatsmagazin Warrior mit dem Anti-Schwulen-Paragraph „Clause 28“ am liebsten eine Art von Homosexuellen-Konzentrationslagern eröffnen wollte, klingt aus heutiger Sicht so unglaubwürdig wie George Orwells Vision von 1984, die hier in einem Casting-Coup der Meisterklasse auf süffisante Art pervertiert wird, denn John Hurt, der 1984 in der Verfilmung von 1984 den gegen das System antretenden Winston Smith spielte, ist in V for Vendetta als Kanzler Adam Sutler mehr oder weniger zum „Big Brother“ (weder verwandt noch verschwägert mit einer RTL 2-Show) aufgestiegen.

Ein weiterer Glücksgriff war die Besetzung von Stephen Fry als Gordon deitrich, dessen wie die Benny Hill Show inszenierte TV-Verarsche des übermächtigen Kanzlers man so nicht im Comic findet - und ide im Film einen wahren Höhepunkt markiert. Natalie Portmans Evey strahlt selbst im Foltercamp noch innerlich, während sich Stephen Rea als Finch angenehm im Hintergrund hält. Und von Hugo Weaving als den immerwährend eine Guy Fawkes-Maske tragenden V sieht man tatsächlich noch weniger als von Edward Norton in Kingdom of Heaven oder Claude Rains in The Invisible Man. Als ich den Film das zweite Mal sah, erahnte ich mal für einen kurzen Moment seine Gesichtszüge - in der deutschen Synchronisation hätte man sich allerdings mehr Mühe mit der Modulation seiner Stimme geben sollen. Laut Drehberichten soll ja unter den diversen Beispielen (laut Kanzler Sutler) „entarteter Kunst“ in Vs „Schattenkabinett“ sogar die Debüt-LP von Franz Ferdinand stehen. Meine Kinobegleitung meinte sogar, die Carl Barks-Library gesehen zu haben. Fast schon Grund genug, sich den Film ein drittes Mal anzusehen.

Doch bei aller Lobhudelei: Wenn V mal wieder eine übergroße Sprechblase voller Alliterationen auf das Publikum loslässt oder in den unvermeidlichen Actionsequenzen Vs Messer an Matrix-Kugeln erinnernde Linien hinter sich ziehen, wird klar, daß auch die werkgetreueste Alan Moore-Verfilmung nur ein schwacher Ersatz für die Lektüre des Comics ist, in dem ich noch beim zehnten Lesen mehr Details entdecken werde, als selbst eine interaktive DVD-Begehung des Schattenkabinetts offenbaren könnte. Wer bei Eveys Folter wirklich mitleiden will und Valeries Martyrium nicht wie eine schnell heruntergekurbelte Soap Opera erleben will, der sollte sich den Comic besorgen, bei dem der faschistoide Mief des Englands unter Thatcher für alle Zeiten eingefangen wurde.