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Dezember 2006
Thomas Vorwerk
für satt.org

Departed - Unter Feinden
USA 2006

Departed - Unter Feinden (R: Martin Scorsese)

Departed - Unter Feinden

Originaltitel: The Departed, USA 2006, Regie: Martin Scorsese, Buch: William Monahan, Buch des Originalfilms Infernal Affairs: Alan Mak, Felix Chong, Kamera: Michael Ballhaus, Schnitt: Thelma Schoonmaker, Musik: Howard Shore, Production Design: Kristi Zea, Kostüme: Sandy Powell, mit Leonardo DiCaprio (William Costigan jr.), Matt Damon (Colin Sullivan), Jack Nicholson (Frank Costello), Vera Farmiga (Madolyn Madden), Mark Wahlberg (Dignam), Martin Sheen (Queenan), Ray Winstone (Mr. French), Alec Baldwin (Ellerby), Anthony Anderson (Brown), Kevin Corrigan (Cousin Sean), Kristen Dalton (Gwen), James Badge Dale (Barrigan), David Patrick O’Hara (Fitzy), Conor Donovan (Young Colin), 146 Min., Kinostart: 7. Dezember 2006

Filmszene
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Bilder © 2006 Warner Bros. Ent.
Filmszene
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1986 war ich noch halb so alt wie jetzt, begann mich ernsthaft mit dem Medium Film zu befassen und hielt Woody Allen (zu Zeiten von Zelig und Hannah and her Sisters) und Martin Scorsese für die wichtigsten zeitgenössischen Filmemacher. Weltweit, denn die USA waren damals für mich noch “die Filmwelt”. In der “Heyne Filmbibliothek” erschien “Das neue Hollywood” über Coppola, Scorsese und Spielberg, und Scorsese war zu dieser Zeit zwar auch schon mit seltsamen Projekten wie der Amazing Stories-Episode Mirror, Mirror (1985), einer Armani-Reklame (1986) oder dem Videoclip zu Michael Jacksons Bad (1987) beschäftigt, er hatte sich aber auch im Vorjahr nahezu “neu erfunden” und mit After Hours einen kleinen, billigen (aber hervorragenden) Streifen gedreht. Dann kam mit The Color of Money nahezu ein Kulturschock, denn auch wenn es damals noch nicht ganz soviele Sequels wie heutzutage gab, hatten diese bereits damals einen schlechten Beigeschmack. Erstaunlicherweise war der Film, bei dem Scorsese zum zweiten Mal mit Michael Ballhaus zusammenarbeitete, aber dann gar nicht mal so schlecht, und auch, wenn er seitdem etwas gealtert ist, sehe ich ihn immer noch gern, schon wegen früher Rollen von Darstellern wie Forest Whitaker oder John Turturro.

Fünf Jahre später wagte sich Scorsese dann an das nächste “No-No” der künstlerisch ernstzunehmenden Filmbranche, ein Remake. Von Cape Fear, mit den Originaldarstellern Martin Balsam, Robert Mitchum und Gregory Peck in kleinen Nebenrollen, einem recycleten Bernard Herrmann-Soundtrack und einem Saul Bass-Vorspann. Trotz einiger Mängel des Films (ich finde das Original nach wie vor besser) gibt es wahrscheinlich nur wenige Filme, die einer Wiedererweckung des Geistes Alfred Hitchcocks in modernem Gewand so nahe kamen. Danach folgten mit Casino und The Age of Innocence noch zwei wirklich “große” Filme Scorseses, ansonsten gab es seitdem fast nur halbgelungene und manchmal sogar ärgerliche Arbeiten von ihm.

Gangs of New York war meines Erachtens ein Supergau, The Aviator hatte immerhin einige hervorragende Sequenzen, und nun kommt bereits der dritte Leonardo DiCaprio-Film in Folge, ein Remake des großartigen ersten Teils der Infernal Affairs-Trilogie. Ich war mir unsicher, ob ich jubeln oder die Hände voller Unverständnis über dem Kopf zusammenschlagen sollte. Infernal Affairs in Boston? Mit Leo statt Tony Leung, Matt Damon statt Andy Lau, und Jack Nicholson, Martin Sheen, Mark Wahlberg, Andy Garcia und Ray Winstone?

Mein Urteil fällt diesmal kurz aus. Wer die Hong Kong-Version nicht kennt, könnte womöglich Spaß an dem Film haben, weil er oder sie dann nicht schon jede Wendung des Plots kennt. Nahezu sklavisch hält sich Scorsese an die Vorlage, variiert nur einige Details (die beste Idee ist vielleicht das Zusammenlegen zweier Frauenfiguren auf eine Person), und pappt dem Film eine dramaturgische Notlösung hintendran, die zwar nicht so vor den Kopf stößt wie Infernal Affairs, aber dadurch auch verwässert und für ein dümmliches amerikanisches Mainstream-Publikum erdacht wirkt.

Leo ist zwar für seine Verhältnisse phänomenal, kann es aber nicht entfernt mit Tony Leung aufnehmen, Matt Damon ist etwa genauso gelackt und langweilig wie Andy Lau. Jack Nicholson hat einige große Momente wie die Stelle, wo er seine Nase in ein Rotweinglas steckt und “I smell a red” beziehungsweise “I smell a rat” sagt, nur um kurz darauf eine oscarverdächtige Darstellung eines solchen Nagers zu geben. Mark Wahlberg scheint auch seinen Spaß gehabt zu haben mit diversen Schimpftiraden, und Martin Sheen und Ray Winstone veredeln jeden Film. Das Resultat ist kein schlechter Film, beileibe nicht. Aber auch kein wirklich guter, denn man konnte alles bereits genauso gut (und manchmal besser) in Infernal Affairs sehen. Immerhin hat Scorsese bewiesen, daß er auch einen massentauglichen Film abliefern kann, der mit einem Mindestmaß an religiösen Schnickschnack auskommt und auch die Scorsese-typischen Gewaltorgien um einige Stufen herunterfährt (obwohl es immer noch ziemlich zur Sache geht). Aber leider kann ich nur jedermann empfehlen, lieber das Original zu sehen, das leider niemals einen richtigen deutschen Kinostart bekam, heutzutage aber auf vielen DVD-Grabbeltischen zum Preis eines Kinoeintritts zu bekommen ist. Wer danach denselben Film nochmal sehen will, der kann sich dann entscheiden, nochmal auf Play zu drücken oder lieber im Kino einen amerikanischen Genrefilm auf hohem Niveau (aber ohne echte Überraschungen) nachzuschieben.