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Die Box




Juni 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Krieg der Welten
War of the Worlds

USA 2005

Filmplakat

Regie:
Steven Spielberg

Buch:
David Koepp

Lit. Vorlage:
H. G. Wells

Kamera:
Janusz Kaminski

Schnitt:
Michael Kahn

Musik:
John Williams

Darsteller:
Tom Cruise (Ray), Dakota Fanning (Rachel), Justin Chatwin (Robbie), Tim Robbins (Ogilvy), Miranda Otto (Mary Ann), David Alan Basche (Tim), Yul Vazquez (Julio), Ann Robinson

ca. 120 Min.

Kinostart:
9. Juni 2005

Krieg der Welten
War of the Worlds

Von 1979 (1941) bis 2002 (Catch Me if You Can) habe ich mit einer Ausnahme jeden neuen Film des Regisseurs Spielberg bevorzugt in der Woche des Kinostarts gesehen, trotz Fehltritten wie Hook oder Amistad blieb ich Spielberg treu wie keinem anderen Regisseur, und erst seine Kubrick-Verhackstückung und sein Beharren auf Hauptdarsteller mit dem Vornamen Tom führten dazu, daß ich auf The Terminal verzichtete (die DVD lag eine Woche neben meinem Computer und wurde nicht eingeschoben) und ich von War of the Worlds weniger als nichts erwartete.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Dabei bin ich ein großer SF- und Horror-Fan und habe die phantastischen Romane von H. G. Wells im Zusammenhang mit einer Seminararbeit über Alan Moores The League of Extraordinary Gentlemen erst vor kurzem neu gelesen, doch mit dem Roman schien diese "Verfilmung" recht wenig zu tun zu haben. Natürlich spielt der Film nicht im England des fin de siècle, sondern genau wie die Verfilmung von 1953 in den USA der Gegenwart, das könnte ich vielleicht noch ebenso leicht verschmerzen wie die Information, daß die außerirdischen Invasoren diesmal nicht vom Mars stammen, weil, wie Spielberg so scharfsinnig erkannt hat, die Menschheit inzwischen vom mythischen Irrglauben befreit ist, der nach einem Kriegsgott benannte rote Planet von blutrünstigen Eroberern bewohnt sein könnte.

Doch dann kam jener lange Bericht im Spiegel, in dem man von der Zusammenarbeit Spielbergs mit der US-amerikanischen Armee erfuhr, und alles hörte sich danach an, als würde Tom Cruise nach Top Gun erneut in einem Werbefilm zur Rekrutierung von Soldaten mitarbeiten. Und als wäre dies nicht schon verwerflich genug, kam dann als nächstes die Hiobsbotschaft, daß die von Cruise gespielte Hauptfigur ein "schlechter Vater" sei, der durch die Ereignisse der außerirdischen Invasion "zu seiner Familie zurückfinden" würde. Nicht nur ließ einem der Schluß von Spielbergs Saving Private Ryan bereits die Kombination von Patriotismus und Familie sauer aufstoßen, auch bei Tom Cruise ging ich irrigerweise davon aus, daß er über seine Rollen in The Color of Money und Rain Man inzwischen hinausgewachsen sei und uns nicht erneut die Wandlung des oberflächlichen Arschlochs zum verantwortungsbewussten Familienmenschen vorführen wolle.

Und dann kam auch noch die vielleicht unsinnigste PR-Aktion aller Zeiten, mit der mir auch noch den letzten Rest einer Vorfreude auf den Film pulverisiert wurde. Nachdem sich offensichtlich nicht genügend Journalisten für die ca. zwölfte bis siebzehnte Berliner Pressekonferenz mit Tom Cruise akkreditiert hatten, erhielt man dann die Einladung zur Pressevorführung des Films nur unter der Voraussetzung, daß man sich danach auch die halbe Stunde mit Cruise nicht entgehen lasse, zusammen etwa fünf Stunden Aufmerksamkeit und Schlange stehen für einen Film, der nicht einmal zwei Stunden lang ist. Und dann musste man auch noch einen Wisch unterschreiben, daß man bis zum Tag des weltweiten Kinostarts keine Kritik über den Film veröffentlichen würde, sonst würde man auch nicht in die Vorstellung gelassen. Gemeinsam mit der Rekordzahl von Kopien, mit der der Film starten soll, ließ dies für mich nur einen Rückschluß zu: Der Film muß astronomisch schlecht sein, ähnlich wie bei Conan the Barbarian oder The Matrix Revolutions wolle man die Kosten für Produktion und Werbung bereits wieder "reinholen", bevor die schlechte Mundpropaganda den Hype töten könne.

Doch - erstaunlicherweise! - War of the Worlds ist gar nicht so schlecht, wie ich dachte. Der Film hat zwar seine - teilweise Spielberg-typischen - Schwächen, doch ich würde soweit gehen, zu sagen, daß Spielberg in den letzten zwanzig Jahren höchstens drei Filme gedreht hat, die mir besser gefallen haben.

Das liegt vor allem daran, daß der Film doch sehr viel näher am Buch ist, als ich in meinen kühnsten Träumen zu wünschen gewagt hätte. Die Struktur des Buches wurde fast vollständig übernommen, ebenso die Perspektive eines einzelnen Überlebenden, und manche Szenen wie das erste Auftauchen einer der gigantischen Tripods, folgen zwar nicht jeder Zeile der Vorlage, modernisieren aber die technischen Aspekte auf eine angsteinflößende Art. So findet sich etwa jener aus heutiger Sicht etwas lächerlich erscheinende Zylinder als Raumfahrzeug nicht wieder, aber der "Deckel", der sich unheilvoll, aber einem Marmeladenglas nicht unähnlich langsam aufdreht, ist in einer aktualisierten Form auch hier wiederzufinden.

Als visueller Innovator hat Spielberg in seiner Karriere immer wieder besondere Bilder gefunden, um beispielsweise den Schrecken darzustellen. Und auch in War of the Worlds finden sich einige wahrlich greuliche Ideen, die trotz der Konzentration auf Cruise und seine immer kleiner werdende Familie den Ausmaß der außerirdischen Invasion spürbarer machen, als es etwa die Zerstörung bekannter Sehenswürdigkeiten in Filmen wie Mars Attacks! und Independence Day (in einer Welt vor 9/11) vormochten. Eine Fährenszene erscheint einem wie die Kurzversion von Titanic, ein Flugzeugabsturz wird auf interessante Weise mit eingearbeitet, und ein brennender Hochgeschwindigkeitszug wird zu einem der mysteriösesten aber auch nachhaltig verstörendsten Momente des Films. Es gibt auch zwei Variationen der vielleicht schrecklichsten Szene aus Spielbergs Filmen, jenem Haufen von Goldzähnen in Schindler’s List, der viel mehr sagen konnte als ein kunstvoll drapierter Leichenberg, und auch die Horror-Version des überwältigsten Moments aus The Wizard of Oz ist trotz einer ähnlich großen Künstlichkeit ein wahrer Hingucker.

"E. T.’s gone Gangsta", wie Tom Cruise es auf der Pressekonferenz zusammenfasst. Doch der Spielberg nach Duel und Jaws war immer mehr Märchenonkel als Cryptkeeper, und so überrascht es wenig, daß gerade das Ende und ein Erzählrahmen mit Narrator Morgan Freeman am wenigsten überzeugen. Wie die Außerirdischen schließlich besiegt werden, sollte allgemein bekannt sein, da die Drehbuchautoren keine Lust hatten, dies in der Geschichte erklären zu müssen (obwohl sie öfters mehr erklären, als für den Film gut ist), gibt es einen gottähnlichen Morgan Freeman, der uns ins Bild setzt und dabei unfreiwillig an den Erzähler aus Frank Oz’ Little Shop of Horrors erinnert. Und die Familienzusammenführung in Boston ist so überflüssig wie pathetisch, entspricht aber klar dem Naturell von Familienmenschen wie Spielberg und Cruise.

Doch alle Logikstümpereien und Wunderheilungen* verzeiht man, weil Spielberg etwa die Aspekte einer Zivilisation, die in Panik zusammenzubrechen droht, in zwei der kolossalsten Szenen des Films vorführt: Nachdem Cruise auf wundersame Weise das einzig funktionierende Auto auf halbwegs ehrenhafte Art organisiert hat und die Statisten ihm lange Zeit immer ausreichend Platz zum Fahren auf der Straße lassen, folgt eine Szene, die jedem Zombie-Film zu Ehren gereicht hätte. Und nachdem man sich schon nicht mehr darüber wundert, wie Flugzeugabstürze und Tripodangriffe immer wieder Cruise verschonen, folgt mit der Figur des Ogilvy (Tim Robbins) der wahre Beweis, wie weit Familienvater Cruise geht, um seine Tochter zu beschützen. Verglichen mit dieser wohl düstersten Szene des Films sind die späteren Heldentaten (nur gut, daß man in jedem zweiten amerikanischen Handschuhfach* Handgranaten finden kann) nur noch Makulatur und ein Zugeständnis an das Mainstreampublikum.

*im übertragenen Sinn