Anzeige:
Die Box


 

Februar 2003
Thomas Vorwerk
für satt.org

Chicago
USA 2002

Chicago (Regie: Rob Marshall)

Regie:
Rob Marshall

Buch:
Bill Condon, nach dem Musical von John Kander, Fred Ebb und Bob Fosse

Kamera:
Dion Beebe

Schnitt:
Martin Walsh, Scott Richter

Musik:
John Kander, Danny Elfman

Choreografie:
Rob Marshall

Kostüme:
Colleen Atwood

Darsteller:
Renée Zellweger (Roxie Hart), Catherine Zeta-Jones (Zelma Kelly), Richard Gere (Billy Flynn), Queen Latifah ("Mama" Morton), John C. Reilly (Amos Hart), Taye Diggs (Bandleader), Christine Baranski (Mary Sunshine), Lucy Liu (Kitty), Dominic West (Fred Casely)

Kinostart:
20. Februar 2003

Internationale Filmfestspiele Berlin

Wettbewerb (außer Konkurrenz)

Chicago



Ich mag Musicals als Film. Nicht immer, aber immer öfter. Live-Musicals hingegen tue ich mir nur selten an. Und umso bedeutender ist es da, daß die Aufführung von "Chicago" am Theater des Westens 1999 mich sehr beeindruckt hat. Damals sprach ich in Bezug auf die Beleuchtung von einem "Film Noir"-Feeling und fand es faszinierend, wie sehr Schwarz-Weiß-Kontraste die Bühne beherrschten.

Rob Marshall ist wie Bob Fosse, der legendäre Regisseur von "Cabaret" (und 1975 Miterschaffer von "Chicago") ein Choreograph, der sich nun erstmals im Medium Film versucht. Der Film "Chicago" lebt von einer soliden Story mit jeder Menge Sex & Crime, aber vor allem einer gehörigen Prise satirischem Humor. Außerdem sind die Songs musikalisch einprägsam und textlich interessant (Kander und Ebb waren auch für "New York, New York", "Kiss of the Spider Woman" oder "Cabaret" zuständig").

Und als Choreograph kann Marshall natürlich auf diesem Fundament aufbauen. Der Film hat zwar nichts von dem Flair der amerikanischen Reihe oder den Gangsterfilmen, die meist auch im Chicago der 20er Jahre spielten, aber die farbenprächtige Revue mag weniger filmverrückte Zuschauer vielleicht auch mehr verzücken als Minimalismus oder gar (schudder) Schwarz-Weiß. Vom Anfang bis zum Schluß kann der Film ein atemberaubendes Tempo halten, und man verlässt das Kino zufrieden bis beschwingt. Chicago (Regie: Rob Marshall)

Doch was hat man jetzt eigentlich dadurch gewonnen, daß aus dem erfolgreichen Musical ein Film wurde? Okay, der Eintrittspreis ist gesunken, die Verfügbarkeit rapide gestiegen. Und eine ähnlich prominente Besetzung würde man wahrscheinlich nicht einmal auf den hippen Londoner Bühnen finden. Doch das war es meines Erachtens auch schon. Aus einer Supervorlage wird ein grundsolider Film, doch warum ein Film?

Was ist filmisch an "Chicago"? Der stakkatohafte Schnitt, der natürlich auch die Musik unterstützt. Und dadurch, daß Richard Gere nicht jeden Abend zwei Stunden lang singen und tanzen muß, ist das Resultat der filmischen Konzentration diverser Drehwochen auf die am besten gelungensten Aufnahmen mit perfekter Ausleuchtung etc. natürlich ein visuelles Freudenfest, das der beste Bühnenregisseur nicht so hinbekommen könnte.

Doch dafür geht dann auch viel an Spontanität verloren, so wie auch der Schnitt zwar die Choreographie perfektionieren kann, sie aber vielfach auch kaputtmacht, denn MTV-mäßige Dauerreizüberflutung ist halt nicht dasselbe wie Gene Kelly, der zwei Minuten lang um seine Seele tanzt, bis der nächste versteckte Schnitt folgt.

Und … das muß man mal ganz deutlich sagen: Richard Gere ist nicht Gene Kelly. Er will es wahrscheinlich auch gar nicht sein, aber ich frage mich wirklich, worin der Reiz für einen doch nicht völlig unbegabten Schauspieler liegt, eine stereotype Figur darzustellen, deren einzige Talente (singen und tanzen) Gere halt nicht wirklich teilt … Chicago (Regie: Rob Marshall)

Catherine Zeta-Jones fand ich schon immer langweilig, und Renée Zellweger hat mich schon mehr begeistert. Sie singt und tanzt zwar um Klassen besser als Gere, aber schauspielerisch wird ziemlich wenig von ihr verlangt. Aber ich will versuchen, halbwegs objektiv zu bleiben …

Immerhin spielen in diesem Film diverse gute Schauspieler mit, die sogar auch singen und manchmal sogar tanzen können. Allen voran John C. Reilly (der Polizist aus "Magnolia"), der hier den tragisch-komischen Clown gibt, aber auch die aus Ally McBeal bekannten drei Nebendarsteller machten mir mehr Spaß als die zwar professionellen, aber eben nicht annähernd Golden Globe-würdigen Hauptdarsteller.

Doch genug gejammert, ich hatte mich doch eigentlich super amüsiert, wenn ich nur in der Lage gewesen wäre, zu vergessen, wofür ich das Medium Film liebe und was ich hier vermisste. Doch an manchen Punkten hat Marshall das Medium doch zu nutzen gewußt, und auf diese nicht ganz wenigen Momente will ich abschließend noch lobend hinweisen:

  • Die ersten, noch sehr subtilen Vermischungen von der Musical-Welt und der "Realität":Der Einsatz von plötzlich auftauchenden und wieder verschwindenden Spiegeln bei einer sehr langen Einstellung. Immerhin kennt man Orson Welles!
  • Die Umsetzung des Bauchredners und Marionettenspielers Gere mit der Kamera aus Untersicht.
  • Die schwarz-weiß-roten Soli der sechs Mörderinnen (auch, wenn dies sehr theatralisch war, aber in diesem Fall lobe ich gerade den Mut, am Quell-Medium dranzubleiben).
  • Die Parallelmontage des doppelten Seiltricks der Ungarin.