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17. November 2021
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ghostbusters: Legacy (Jason Reitman)


Ghostbusters: Legacy
(Jason Reitman)

Originaltitel: Ghostbusters: Afterlife, Kanada / USA 2021, Buch: Gil Kenan, Jason Reitman, basierend auf dem Drehbuch zu Ghostbusters (1984) von Dan Aykroyd und Harold Ramis, Kamera: Eric Steelberg, Schnitt: Dana E. Glauberman, Nathan Orloff, Musik: Rob Simonsen, Kostüme: Danny Glick, Production Design: François Audouy, Supervising Set Decorator: Peter Lando, mit Mckenna Grace (Phoebe), Finn Wolfhard (Trevor), Carrie Coon (Callie), Logan Kim (Podcast), Celeste O'Connor (Lucky), Paul Rudd (Mr. Grooberson), Bokeem Woodbine (Sheriff Domingo), Bill Murray (Dr. Peter Venkman), Dan Aykroyd (Dr. Raymond Stantz), Ernie Hudson (Dr. Winston Zeddmore), Annie Potts (Janine Melnitz), Oliver Cooper (Elton), Sydney Mae Diaz (Swayze), Marlon Kazadi (Thickneck), 124 Min., Kinostart: 18. November 2021

In einer Zeit, in der ich noch deutlich naiver war, besaß ich tatsächlich mal den Ghostbusters-Soundtrack auf Vinyl. Mit einer gewissen Affinität zu bestimmten Themen des Films war das damals noch möglich, auch wenn diese Filmreihe nie einen festen Platz an meinem Herzen einnahm. Selbst, wenn die Spezialeffekte beispielsweise des Slimers mich damals faszinierten, gab es einfach viele vergleichbare Filme, bei denen etwa der Mix zwischen Grusel und Humor besser abgestimmt war. Selbst Joe Dantes Gremlins verzückte mich mit weitaus unspektakulärerem Cast mehr. Aber Bill Murray und Dan Aykroyd waren damals für mich noch nicht so große Namen wie sie jetzt mit zeitlichem Abstand erscheinen.

Nach der reichlich misslungenen »Frauenversion« des Franchise folgt die nächste Fortsetzung (die sich nur an den ersten beiden Filmen orientiert) reichlich schnell, und wenn man sich den Trailer anschaut, erkennt man ziemlich schnell, dass die Hauptprotagonisten diesmal Heranwachsende sind und man statt Manhattan ein kleines Kaff in Oklahoma zum Spielort des Films erkoren hat. Dieser Neustart hat den Vorteil, dass man mit drei Handlungssträngen unabhängig voneinander das »Vermächtnis« (mich überzeugt der Originaltitel Ghostbusters: Afterlife deutlich mehr) erkunden kann.

Ghostbusters: Legacy (Jason Reitman)

© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Die alleinerziehende Callie (Carrie Coon, Fernsehserie Fargo) folgt dem Lockruf einer von ihrem Vater ererbten Immobilie (der in einem Prolog auffällig schwer erkennbar zu sehen ist) und landet in Summerville, am sprichwörtlichen »Arsch der Welt«*, wobei ihre Kids wenig begeistert sind. Die etwa zwölfjährige Phoebe (Mckenna Grace), ein Wissenschafts-Nerd, konnte selbst nach unzähligen Jahren am selben Ort keine Freunde um sich scharen, und ihr 14jähriger Bruder Trevor (Finn Wolfhard, Stranger Things, It) ist einem noch schwierigeren Alter.

*Vielsagender Einblick in das lokale Kinoprogramm: »Bingo SUN 3 PM Cannibal Girls 7 PM«

Doch »Pheebs« gerät fast augenblicklich an den gleichaltrigen »Podcast« (Newcomer Logan Kim), der ihre Interessensgebiete teilt und mit ihre zusammen paranormale Phänomene erforscht, während Trevor, schockverliebt in die ein paar Jahre ältere »Lucky« (Celeste O'Connor), augenblicklich im selben Diner arbeiten will (und dort erstmal ein wenig von den ortsansässigen Kids gequält wird), ehe er seinem Schwarm quälend langsam näher kommen darf und als side project ein halbverottetes Gefährt seines Großvaters reaktiviert. Und die Mutter ist zunächst wenig interessiert an dem von Paul Rudd (Ant-Man) gespielten Lehrer an der Summer School, der - als Verweis auf die 1980er - seinen Zöglingen alte VHS-Cassetten von Filmen wie Cujo zeigt.

Hier zwei kurze erzählerische Schwenker, die ich als wichtig erachte: Wenn Trevor, der mich in nicht geringem Maße an Keith Gordon erinnerte, mal mit seinem nicht immer auf Anhieb startenden Opa-Mobil spricht, wirkt das wie eine unübersehbare Hommage an John Carpenters Christine (»You can do this. C'mon, darling...«), aber die Stephen-King-Verbindung wird im Film nicht weiter ausgearbeitet. Und wenn die beiden Erwachsenen es später mal im Gespräch etwas knistern lassen, ist das Unwissen der 12jährigen über gewisse Paarungsrituale zunächst sehr amüsant, aber Podcasts messerscharfe Analyse »I think Grooberson is trying to bone your mom.« ist in ihrer trockenen Darbietung vielleicht das beste Beispiel für den mit Understatement versehenen Dialogwitz des Films.

Ghostbusters: Legacy (Jason Reitman)

© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Zwischendurch ein kleiner Lobgesang auf Mckenna Grace. Die Begleitung von Kritikerkollege Michel informierte uns zwischendurch, dass die junge Schauspielerin bisher dadurch auffiel, dass sie häufig die jungen Versionen von Hauptfiguren aus Film und Fernsehen spielte. Ich habe das später überprüft, und sie war tatsächlich die junge Tonya Harding in I, Tonya, die jüngere Sabrina in der aktuellen Netflix-Serie, die mir unbekannte »Caroline« in The Vampire Diaries sowie - last, but not least - auch noch eine kindliche Carol Danvers in Captain Marvel. Durch solche Rollen lernt man die Schauspielerei vermutlich etwas intensiver (gemeinsames Einstudieren von kleinen Tics mit den älteren Kolleginnen), und nicht nur lobt ihr Regisseur sie als besonders schlau, zum Showdown des Films gelingt es ihr immerhin, mindestens so grimmig zu schauen wie Ellen Ripley in Aliens.

Regisseur Jason Reitman, der sich mit einigem Recht zum allerersten Ghostbusters-Fan erklärt (sein Vater nahm ihn mal mit zu den Dreharbeiten, als Jason erst sechs Jahre als war, und der explodierende riesige Marshmellow-Man, das Setting vom Gebäude, in dem Dana Barrett wohnte oder auch die Auftritte eines Terror Dogs machten reichlich Eindruck auf den Knaben, auch wenn seine späteren Regiearbeiten schon ziemlich weit weg von der etwas infantilen Mainstream-Comedy seines Vaters situiert waren. Reitman der Ältere drehte unter anderem Meatballs und Stripes (beide mit dem jungen Bill Murray), wobei ich ausnahmsweise auch die vielsagenden deutschen Titel erwähnen möchte: Babyspeck und Fleischklößchen respektive Ich glaub', mich knutscht ein Elch.

Da wirkt das Frühwerk von Reitman dem Jüngeren (inklusive zweier Oscarnominierungen für die beste Regie) ungleich »ernstzunehmender«. Ich beschränke es mal auf die Filme, zu denen ich auch Kritiken geschrieben habe: Juno, Up in the Air, Young Adult, Labor Day oder Men, Women & Children.

Doch irgendwann hat es Jason erwischt, und er ersann eine Geschichte, die er sowohl als Hommage an seinen »Regievater« als auch als Liebeserklärung an seine Tochter verstand. Wenn man diese Prämisse im Hinterkopf behält, wirken Teile der Handlung des Films gleich noch persönlicher.

Ghostbusters: Legacy (Jason Reitman)

© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH.

Vor der Pressevorführung begann der Abend übrigens mit einem Grußwort von Jason Reitman, in dem er vor allem darum bat, Spoiler zu vermeiden. Wenn man auf www.imdb.com geht oder sich meine Stabangaben durchliest, ist schon eine Menge ausgequatscht... wichtig für den Film ist aber, dass er auch ohne gewisse Überraschungen bestehen kann. Reitman und Reitman haben sich eine Art Wunschzettel gebastelt, was sie alles im neuen Film dabei haben möchten (zum Beispiel die hübschen Fachtermini à la Lovecraft wie »Aztec death whistle« oder »sacrificial death pit«), und ich für meinen Fall hätte nicht unbedingt die protzigsten Effekte und bereits bekannten story twists für diese Fanveranstaltung noch mal vorgeholt, die für das Sequel die früher häufig eingeschlagene Richtung »die selbe Geschichte noch mal erzählen, nur irgendwie anders« vorgeben. Aber wenn man statt eines riesigen Marshmellow-Mans diesmal eine kleine Rotte von Gifticks-kleinen süßsauren Digital-Monstren bemüht, dann ist das schon ein Riesenspaß, selbst, wenn sie sich eher gegenseitig massakrieren als Außenstehende in Gefahr zu bringen.

Ghostbusters: Legacy (Jason Reitman)

© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Wenn man immer nur auf die eigene Vorgeschichte rekurriert, begibt man sich natürlich auf ausgetretene und sichere Pfade, aber man vergibt die Chance, für mögliche spätere Filme etwas vorzubereiten. Nun muss ich zugeben, nach dem letzten Ghostbusters-Film konnte man Geldgeber vermutlich nicht mit der Zukunft des Franchise locken, aber beim neuen Film könnte ich mir tatsächlich vorstellen, das er ein junges wie auch altes Publikum verzaubern könnte.