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Die Box




10. Dezember 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


  #Zeitgeist (Jason Reitman)
#Zeitgeist (Jason Reitman)
#Zeitgeist (Jason Reitman)
Bildmaterial © Paramount Pictures International
#Zeitgeist (Jason Reitman)
#Zeitgeist (Jason Reitman)
#Zeitgeist (Jason Reitman)


#ZEITGEIST
(Jason Reitman)

Originaltitel: Men, Women & Children, USA 2014, Buch: Jason Reitman, Erin Cressida Wilson, Lit. Vorlage: Chad Kultgen, Kamera: Eric Steelberg, Schnitt: Dana E. Glauberman, Musik: Bibio, Musikberatung: Randall Poster, mit Ansel Elgort (Tim Mooney), Kaitlyn Dever (Brandy Beltmeyer), Elena Kampouris (Allison Doss), Olivia Crocicchia (Hannah Clint), Adam Sandler (Don Truby), Rosemarie DeWitt (Helen Truby), Judy Greer (Donna Clint), Dean Norris (Kent Mooney), Jennifer Garner (Patricia Beltmeyer), Emma Thompson (Narrator), J.K. Simmonds (Allison's Dad), Travis Tope (Chris Truby), Dennis Haysbert (SecretLuvur), Will Peltz (Brandon Lender), Shane Lynch (Angelique), Tori Black (Herself), Jason Douglas (Ray Beltmeyer), Phil LaMarr (Schulpsychologe), Tina Parker (Allison's Mom), 119 Min., Kinostart: 11. Dezember 2014 (Germany)

Jason Reitman mag (Co-)Autorinnen, diesmal hat er sich Erin Cressida Wilson ausgesucht, die man von der weltbesten SM-RomCom Secretary kennen sollte, die aber auch für Atom Egoyan Chloe auf amerikanische Verhältnisse übertrug. Mit Men, Women & Children schufen Reitman und Wilson einen auf den ersten Blick sehr modernen Ensemble-Film in zwei Generationen, dessen Erfolg aber vermutlich deshalb ausblieb, weil das Resultat erstaunlich konservativ bis hausbacken ausfiel. Vom Regisseur von Juno und Up in the Air hätte man vielleicht etwas anderes erwartet, doch Young Adult und Labor Day verrieten hier schon ein bisschen die Marschrichtung. Mit einem gewissen Alter gehört man halt eher zu den Spießern als zu den Jugendverstehern.

Einerseits geht es in dem mit dem deutschen Titel »#Zeitgeist« etwas bemüht klingenden Film um allerlei Einflüsse des Internets in zwischenmenschliche Gefilde, also Online-Dating, Pornographie-Sucht, Facebook, WhatsAppen und die damit einhergehenden Gefahren (und Gegenmaßnahmen), andererseits nimmt der Film schon größtenteils die Position der Eltern ein und impliziert dabei, dass diese, weil sie noch ohne frühkindliches Smartphone aufwuchsen, im zwischenmenschlichen Bereich einen gewissen Erfahrungsvorsprung haben könnten. Doch - zum einen muss jedeR als HeranwachsendeR seine eigenen Fehler machen, und zum anderen sind die Erwachsenen jetzt auch nicht so viel cleverer in diesem Film. Was aber wirklich ein wenig ärgerlich ist bei Men, Women & Children (der Originaltitel zieht auch so schön eine zu überschreitende Grenze, die den »Kindern« ihre Sexualität komplett entsagt) ist die Unterscheidung zwischen »guten« und »schlechten« Beziehungen.

Don (Adam Sandler) und Helen Truby (Rosemarie DeWitt) stecken in einer festgefahrenen Ehe (schlecht), die beide zu außerehelichen Erfahrungen treibt. Diese parallelisiert der Film, was dann beispielsweise dazu führt, dass Don nach dem Beischlaf sein Callgirl auffordert, ihren Kopf auf seine Brust zu legen (die teuer bezahlte Stunde ist längst noch nicht um), während Helen selbiges bei ihrem Online-Lover (Dennis Haysbert) macht. Naheliegender Trugschluss: die beiden passen eigentlich schon ganz gut zueinander, müssen das aber über ihre Abenteuer erst herausbekommen. Ein nicht eben innovativer Handlungsverlauf.

Die anderen Erwachsenen im Film wirken teilweise noch zielloser, kümmern sich aber im Gegensatz zu Don und Helen stärker um ihre Kinder. Das soll nicht heißen, dass sie bessere Eltern sind, es ist nur so, dass das Drehbuch hier den Fokus anders setzt, es geht nicht vorrangig und die Beziehungen der Eltern oder Kinder, sondern um die unterschiedlichen Probleme.

Analog zum einen potentiell glücklichen Elternpaar gibt es auch ein Teenager-Paar, das einen Beziehungsverlauf hat, den die Moralvorstellungen des Films gutheißen können. Man erkennt das schon von weitem daran, dass Teenie-Star Ansel Elgort (The Fault in Our Stars) als Jim hier analog zu Adam Sandler die männliche Bezugsperson ist. Abgesehen von Brandy (Kaitlyn Dever), dem Mädchen, für das Jim sich interessiert, sind alle anderen Teenies oberflächlich, narzisstisch und oder neurotisch, Jim und Brandy sind die einzigen, die sich lieber mal unterhalten als möglichst schnell ins Bett zu hüpfen, die sich menschlich näher kommen, sich ihre Schwächen und Ängste gegenseitig offenbaren - und dafür fast teurer bezahlen müssen als jene Kids, die Sexpartner und -Zeitpunkt vor allem darüber bestimmen, was ihnen ihre Umwelt (natürlich angeleitet durch die bösen Medien) suggeriert.

Es ist schon ziemlich schade, dass die anderen Figuren im Film unterschiedlich stiefmütterlich behandelt werden. Chris, der Sohn von Don und Helen, wird vor allem darüber definiert, dass er bereits als Zwöfjähriger begann, Umgang mit vermeintlich abartigen Internet-Pornoseiten (im Film reichlich harmlos umgesetzt) zu pflegen und nun Probleme hat, von da zu einer »gesunden« Sexualität zu finden. Brandy hat quasi das entgegengesetzte Problem, denn ihre reichlich paranoide Mutter (Jennifer Garner) kontrolliert fast das komplette Internetverhalten ihrer Tochter, weshalb sich diese ein kleines Geheimnis bewahrt, vorführen darf, dass Kids ihren Eltern im Umgang mit moderner Technologie meist einen Schritt voraus sind, und weil Brandy das designierte Traumgirl des Sonnyboys Elgort ist, ist dieses Geheimnis dann auch eher harmlos. Die »Harmlosigkeit« ist eigentlich das Merkmal, dass diesen Film vor allen anderen prägt. Selbst Allison (Elena Kampouris), ein unsicheres Mädchen mit Essstörungen, die sich schnell zu einer ausgewachsenen Magersucht entwickeln könnten, und die aus mangelndem Selbstwertgefühl mit einem selbstverliebten und an ihr nicht wirklich interessierten Jock ins Bett geht, nur um gleich bei ihrer desillusionierenden Entjungferung geschwängert zu werden, selbst dieser vermutlich extremste Fall des Films* führt höchstens mal zu einem »bösen Erwachen«, nachdem alles viel klarer und rosiger wirkt. Von der bereits erwähnten Juno, die ein echtes Coming-of-Age durchlebt, das übrigens auch zu einem besonneneren Umgang mit ihrer Sexualität führt, sind diese beispielhaften Streiflichter weit entfernt. Glimpflicher als Allisons Schwangerschaft kann man dieses Thema vermutlich nicht umsetzen, und der Film winkt alle Nase lang mit dem erhobenen Zeigefinger, verharmlost dabei aber alle seine Probleme. Und man hat dabei das Gefühl, dass Reitman als Regisseur hierbei viel zu sehr auf das mögliche Mainstream-Publikum geschaut hat. Dafür, dass es bei nahezu allen Paaren vor allem um Sex geht, wird hier ausgeblendet wie zu Zeiten von Doris Day. Natürlich muss man bei solch einem Film auch auf die Altersfreigabe schielen, damit man nicht das mögliche Zielpublikum aussperrt, aber dafür, dass man sich entscheidet, am Ende nicht alles in Wohlgefallen auflösen zu müssen, gibt es nicht notwendigerweise ein Jugendverbot - ganz im Gegenteil. Und für jedes der Themen, die der Film behandelt, gibt es längst Filme, die das besser und umfassender machen, beispielsweise Larry Clarks Kids (früher Sex und was man beachten sollte), Joseph Gordon-Levitts Don Jon (Internet-Pornografie vs. RomCom - zwei Medienrepräsentationen kollidieren) oder Gus Van Sants Elephant (Peer Pressure und Kompensationsstrategien). Die sind zwar nicht unbedingt kindertauglich, aber gerade dadurch sprechen sie Teenager natürlich weitaus mehr an als dieses brave Filmchen über Men, Women & Children. Schon der Titel könnte für Teenager vermutlich kaum abschreckender sein (und bei dieser Sichtweise reiht sich der deutsche Titel gleich mit ein) - da kann dann auch Ansel Elgort nicht viel retten.


* sehen wir jetzt mal von Jim ab, der sich mit einer Tabletten-Überdosis umbringen will, wobei er diese Tabletten (zumindest durch die Implikation gefährlich) von seinem Schulpsychologen (!) verschrieben bekam, der gewisse suizidale Tendenzen ohne Probleme erkannt haben dürfte &hellip:

Und ein Carl-Sagan-Gedicht namens »Pale Blue Dot« und ein bisschen Weltraum-Gedöns (Wechsel zwischen Mikro- und Makrokosmos), das den Film wie eine Klammer umschließt, ist dann noch das abschließende Ärgernis. Vielleicht fällt es schwer, dies zwischen meinen erbosten Zeilen zu lesen, dass der Film durchaus interessante Aspekte hat. Aber mit einem weniger zusammenkonstruierten Ensemble und ein bisschen mehr Mut (den Erin Cressida Wilson einst hatte – bei Reitman bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn mir nur eingebildet habe) hätte daraus auch ein wirklich guter Film werden können. Und nicht nur ein harmloses Amüsement mit ein paar eingestreuten Gesellschaftsfragen.