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21. März 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  I, Tonya (Craig Gillespie)


I, Tonya
(Craig Gillespie)

USA 2017, Buch: Steven Rogers, Kamera: Nicolas Karakatsanis, Schnitt: Tatiana S. Riegel, Musik: Peter Nashel, Kostüe: Jennifer Johnson, mit Margot Robbie (Tonya Harding), Sebastian Stan (Jeff Gillooly), Allison Janney (LaVona Harding), Paul Walter Hauser (Shawn), Juliane Nicholson (Diane Rawlinson), Bobby Cannavale (Martin Maddox), Bojana Novakovic (Dody Teachman), Caitlin Carver (Nancy Kerrigan), Maizie Smith (Tonya, 3 1 / 2 Yrs), Mckenna Grace (Tonya , 8-12 Yrs), 119 Min., Kinostart: 22. März 2018

Die vielleicht wichtigste Aussage zum Film wird gleich zu Beginn durch eine Schrifttafel unterstrichen: »Based on irony-free, totally contradictory interviews with Tonya Harding and Jeff Gillooly«. Damit weist man einerseits seine Legitimation vor und spricht sich gleichzeitig von jedem Authentizitätsanspruch frei, denn die widersprüchlichen Aussagen verdeutlichen ganz klar, dass mindestens eine der beiden Hauptquellen der Filmhandlung unverlässlich ist. Der Trend geht eher dahin, dass sich beide, um besser dazustehen, bei der Schilderung der Ereignisse gewisse Freiheiten nahmen.

Eine intensive Hassliebe, die durch extrem schlechte Planung (und vielleicht unglückliche Missverständnisse) zu einem Sportattentat mit überdeutlichem Motiv und somit einer naheliegenden Hauptverdächtigen führte. The Playlist liefert die gelungenste tagline zum Film: »The GoodFellas of figure skating«. Mich erinnert der Film weniger an Martin Scorsese als an die Coen-Brüder mit ihren zunehmend aus dem Ruder laufenden Verbrechen, die von unfähigen und oft ruchlosen Verlierertypen ausgeführt werden: Fargo, Burn after Reading, No Country for Old Men, Ladykillers, Crime Wave, Suburbicon und so weiter.

Bei den Coens sind diese mit Verachtung gestraften Figuren natürlich fiktiv und überzeichnet, der größte Unterschied bei I, Tonya ist, hier werden reale Persönlichkeiten verunglimpft. Zum größten Teil haben diese sich zwar den Schaden selbst zugezogen, weil sie halt ungeheuerliche Dinge veranstalteten und dann zum Teil Lügengeschichten darüber erzählten, aber in meinem Fall ist es nicht so, dass ich mir über die realen Personen hinten den Filmfiguren besonders viele Sorgen machte. Entweder wirkten die auf mich zu durchgeknallt wie der Möchtegern-Geheimagent Sean. Oder der Film stellte den »Leidensweg« manchen Figuren (meistens den von Tonya) so überspitzt dar, dass man sich bei einer anderen Interpretation des Gezeigten schon sehr weit von der schwarzen Komödie entfernen müsste und beispielsweise die Ehehölle von Tonya und Jeff als schreckliches Schicksal wahrzunehmen. Wie gesagt, ich war auf dem Coen-Trip, und so funktioniert der Film auch ganz gut. Wer die Figuren persönlich kennt oder damals zu den Fans von Tonya gehörte und alle Illustrierten leerlas, wird es vermutlich als größeres Problem sehen.

I, Tonya (Craig Gillespie)

© DCM

Um einen Einblick zu bekommen, wie es in diesem Film läuft, braucht man nur die Kindheit Tonyas zu betrachten, bevor Hauptdarstellerin Margot Robbie mit den belustigenden Worten »I was 15« auf der Leinwand erscheint. Als Vierjährige nimmt Tonya ihre ersten Eislaufstunden, und schon bald gewinnt sie ihren ersten Wettbewerb. Dazu hört man dann die Erzählerstimme der reminiszierenden älteren Tonya: »Six months later I won my first competition. I was just four and those bitches didn't know what hit them.«

Für den Perspektivenwechsel ist hier noch ihre Mutter LaVona Harding (Golden Globe und Oscar für Allison Janney) zuständig, eine wenig positiv dargestellte Karrieremutter, die eingesteht, ihre Tochter »one fucking time« mit einer Haarbürste geschlagen zu haben, dazu aber gleich ein »Trainingsgeheimnis« liefert: »She skated better when she was enraged!« Entsprechend gibt es dann eine kleine Folgen von Beispielen, wie dieses Training so verlief. Dem Kind wurde nicht gestattet, das Eis zu verlassen, bis sie sich bepinkelte, man sieht, wie die Mutter sich ihren obligatorischen Kaffeebecher aus einem Flachmann »nachfüllt«. Und als Demonstration von Tonyas Alltagsleben, sieht sie, wie sie als »redneck in the making« in jungen Jahren beim Jagen ein Häschen abknallt. Diese Kindheit bereitete einen bereits auf die späteren Probleme vor. Und wenn man schon mit der winzigen Tonya nicht wirklich angemessen mitfühlt (weil der Film einfach nicht darauf aus ist), dann wird man auch beim übertriebenen Auftritt von Frau Robbie, die einem schon vom Filmplakat mit einer ähnlichen Verachtung entgegenblickt wie in ihrer wohl bekanntesten Filmrolle als Harley Quinn in Suicide Squad, kaum darauf reagieren, wenn es bei einem häuslichen Streit mal zu einer kleinen »Messerstecherei« kommt. Der passende Kommentar der Mutter dazu: »Show me a family that hasn't ups and downs...«

I, Tonya (Craig Gillespie)

© DCM

Mit Einsetzen der mit Zahnspangen auftretenden vermeintlich 15jährigen Robbie (obwohl überzeichnet, nimmt man ihr das beinahe ab) geht es dann auch gleich um »die Liebe ihres Lebens« (das war ironisch!), Jeff Gillooly, der hier von Sebastian Stan gespielt wird (bekannt als »Winter Soldier« aus mehreren Marvel-Verfilmungen).

Das Casting gleich zweier ambivalenter bis antisozialer Superegos aus verfeindeten Comicuniversen gelingt bei den beiden sehr gut. Wie nebenbei spricht Tonya mehrfach im Film auch direkt in die Kamera: »He was the only boy I ever loved. The only thing was, he beat the shit out of me.«

Die junge Liebe wird passend musikalisch begleitet mit ZZ Top, »slip inside my sleeping bag«, und dass die altehrwürdigen Eiskunstlauf-Juroren mit Tonya, diesem »white trash auf Kufen«, die ihre Schlittschuhe bevorzugt dazu benutzt, damit Kippen auszutreten oder ein Kaugummi daran zu befestigen, eher weniger anfangen können, ist eigentlich offensichtlich, denn sie versuchen ja mit ihrer Sportart ein gewisses Image zu vermitteln (»We also judge on presentation.« - »Suck my dick! This is fuckin' rigged!«).

I, Tonya (Craig Gillespie)

© DCM

Doch spätestens, als Tonya dann als erste Amerikanerin in einem Wettbewerb einen dreifachen Axel springt, kann man sie nicht mehr ignorieren. Dies könnte der Beginn einer Bilderbuchkarriere sein, doch der Rest des Films verläuft wie bisher. Man sieht, wie Mutter LaVona Zuschauer auf den Rängen dafür bezahlt, ihre Tochter mit Schmährufen wie »you suck« zu Höchstleistungen anzuspornen, die ganze Sache funktioniert wie ein schlechter (aber amüsanter) Witz, der einem aber spätestens ein bisschen im Hals steckenbleibt, wenn das ein Leben lang erfahrene und gelebte Leben vom »Schummeln«, um die Lebensziele zu erreichen, eine Konkurrentin als vermeintlichen innocent bystander erreicht.

Ich habe die damaligen Auftritte damals kaum wahrgenommen, geschweige denn detailliert analysiert, aber man hat sich viel Mühe dabei gegeben, die Kürläufe durch technologische Fertigkeiten nachzuahmen. Und nebenbei sieht man dann das mittlerweile zunehmend verfeindete Paar in Interviews, die passend zum Handlungsverlauf parallel im Splitscreenformat gezeigt werden. »Jeff can talk his way out of everything!«

Und man behält dabei immer den ironisch-satirischen Tonfall bei, wenn Tonya etwa die Trainingsmethoden aus Rocky IV übernimmt, und der Kommentar dazu nicht fehlt: »She actually did this.« »And this.« »And this.«

I, Tonya (Craig Gillespie)

© DCM

Ein Drehbuchkniff, dann man keinem Autoren hätte durchgehen lassen (höchstens vielleicht in einer Komödie wie Blades of Glory), ist hier historisch begründet: Durch die Umstellung des Austragungsrhythmus bei olympischen Spielen (die Winter und Sommerspiele fanden einst im gleichen Jahr statt) bekommt Tonya die seltene bis einmalige Chance, dass Winterspiele mit nur zwei Jahren Abstand voneinander stattfinden, was natürlich für die Filmhandlung eine tolle zweite Chance darstellt.

Über die eigentliche Filmhandlung rund um das Attentat auf Nancy Kerrigan will ich nicht so viel erzählen, womöglich ist das ja für manchen Zuschauer tatsächlich eine Art Spoiler. Meine Meinung zu I, Tonya ist: kann man sich auch ohne das geringste Interesse für Einskunstlauf durchaus anschauen. Auch, wenn sowohl Star Trek als auch die Violent Femmes im Film diffamiert (oder zum Redneck-Soundtrack erklärt) werden. Was ich nur schwer verzeihe.

Can I say something quick about Allison Janney? She won all those trophies for a role she basically played for years in that sitcom Mom. (Man entschuldige den kleinen Sprachenwechsel. Die ersten sechs Worte waren ein direktes Filmzitat.) Mutter Allison beim Job, die Tochter kommt hinzu, winkt freudig, Mutti sagt zu sich selbst »Shit« - allein diese Szene kommt gefühlt sicher in einem halben Dutzend Episoden Mom vor. Aber dafür gab es ja auch schon ein paar Emmys, also warum nicht auch den Oscar und Golden Globe? Vielleicht läuft das ja unter »technical merit«. Oder die Academy-Mitglieder haben sich in der Darstellung wiedererkannt.