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26. Juni 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ein Becken voller Männer (Gilles Lellouche)


Ein Becken
voller Männer
(Gille Lellouche)

Originaltitel: Le grand bain, Frankreich 2018, Buch: Gilles Lellouche, Ahmed Hamidi, Julien Lambroschini, Kamera: Laurent Tangy, Schnitt: Simon Jacquet, Musik: Jon Brion, Kostüme: Elise Bouquet, Reem Kuzayli, Choreographie: Julie Fabre, mit Mathieu Amalric (Bertrand), Guillaume Canet (Laurent), Benoît Poelvoorde (Marcus), Jean-Hugues Anglade (Simon), Virginie Efira (Delphine), Leïla Bekhti (Amanda), Marina Foïs (Claire), Philippe Katerine (Thierry), Félix Moati (John), Alban Ivanov (Basile), Balasingham Thamilchelvan (Avanish), Jonathan Zaccaï (Thibault), Mélanie Doutey (Clem), Noée Abita (Lola), Claire Nadeau (Laurents Mutter), Erika Sainte (Diane), Pierre Pirol (Benoît Jacquot), 122 Min., Kinostart: 27. Juni 2019

Zwei oder drei thematisch ähnliche Filme soll es in jüngster Zeit gegeben haben, und ich bin sicher, wenn ich davon welche gesehen hätte, hätte es zum Nachteil meines Gesamturteils von Le grand bain geführt. Aber: »hätte, hätte, Fahrradkette«! Wenn mir ein Film gefällt, warum soll ich dann darüber nachdenken, dass es ähnliche Filme gab, wenn ich die eben nicht gesehen habe?

Ein kleines autobiographisches Detail zum Thema des Films: Zeit meines Lebens habe ich immer steif und fest behauptet, dass man bei Sportübertragungen das Synchronschwimmen vernachlässigt. Während ich nicht einmal im Ansatz verstehe, warum Leute sich für Formel Eins begeistern oder mitten in der Nacht aufstehen, um einem Boxkampf beizuwohnen, der womöglich nur zwölf Sekunden geht, war das Synchronschwimmen immer eine Sportart, die mich ganz persönlich angesprochen hat. Ich war mal eine regelrechte Wasserratte, aber nie ein wirklicher Schwimmfan, sondern jemand, der sich gern im Streckentauchen oder im Purzelbäume-unter-Wasser-schlagen maß. Es gab sogar mal ein Jahr, als ich einen jüngeren Schwimmkumpan hatte, mit dem ich immer wieder übte, wei lange man es hinbekommen konnte, dass ich unter Wasser auf dem Beckenboden stand, während er auf meinen Schultern stand, was im günstigsten Fall so laufen sollte, dass er oberhalb der Schienbiene aus dem Wasser ragte (»Bin ich Jesus? Hab' ich Latschen an?«), wodurch er zufällige Betrachter vielleicht für einige Sekunden verwirren würde (leider hat sich diese Kunstfigur nur selten länger als fünf, sechs Sekunden gehalten, wir hatten noch ein gewisses Gleichgewichtsproblem).

Aber zum Film, der am Tag nach der erwarteten Rekordhitze einen womöglich sehr günstigen Starttermin erwischte (so sich das Volk der Kinogänger an jene Lichtspielhäuser, die durch Bauweise oder Klimaanlage eine echte Alternative zu den 38 bis 40 Grad draußen bieten).

Ein Becken voller Männer (Gilles Lellouche)

© Studiocanal GmbH / Mika Cotellon

Die Intro des Films ist schon mal sehr erfrischend, denn mit einem Schnittstakkato cum Erzählerstimme, der mich an die Filme von Jaco van Dormael (Toto le héros, Mr. Nobody) erinnert, berichtet hier Bertrand (Mathieu Amalric) erst einmal über seine psychologischen Probleme, die zu einer Berufspause führten. Ein »geometrischer Widerspruch« soll zu seiner Misere geführt haben, wobei eine schnelle Folge von visuellen Beispielen demonstrieren soll, warum die »eckigen« (hier negativ konnotiert) und »runden« Dinge (positiv) im Leben unvereinbar sein. Das gelingt nur so im Ansatz, u.a. auch, weil mir nicht auf Anhieb klar werden will, warum die Freiheit rund sei und der Krebs von Bertrands Vater »eckig« (die Einfassung um den Schatten auf einem Röntgenbild mag eckig sein, aber schon der Schatten selbst war dann doch eher rundlich).

Bertrands Konsequenz des Problem ging jedenfalls in eine suizidale Richtung und sein morgendliches Frühstücksmahl scheint öfters aus einer Schale Cereal zu bestehen, die durch bunte Pillen angereichert wurde. Bertrands Familienleben scheint zwar angeschlagen, aber Frau und Sohn scheinen trotz der angespannten Lage noch viel Solidarität für das Familienoberhaupt aufzubringen, dass statt der Suche nach einem neuen Job lieber mal wieder auf dem Sofa festhängt und stundenlang Candy Crush spielt.

Der Balanceakt zwischen Unterhaltung und depressiver Grundhaltung gelingt erstaunlich gut, bevor man als Zuschauer auch nur ahnt, worum es eigentlich geht (zugegeben, der Filmtitel ist nicht gerade spoilerfrei).

Ein Becken voller Männer (Gilles Lellouche)

© Studiocanal GmbH / Mika Cotellon

Bertrand interessiert sich für ein Synchronschwimmteam der Herren, das per Aushang neue Teilnehmer sucht. Auch nicht per se die genialste Therapiemethode für einen Wiedereinstieg ins Berufsleben, aber die Männergruppe (nebst nach Alkoholproblem »trockener« Trainerin (Virginie Efira), die gerne vom Beckenrand aus Rilke vorliest) gestaltet sich in ihrer charakterlichen Heterogenität auch ein wenig wie eine Selbsthilfegruppe, ehe mit einiger Verspätung das Sportfilm-Sujet in den Fokus tritt.

Besonders gelungen ist hierbei, wie man sich für ein Großteil der Schwimmer Zeit nimmt, jeweils deren Lebenslage und die damit verbundenen Probleme zu schildern. Wobei die kolossale Besetzung des Films zum Tragen kommt. Mathieu Amalric scheint aktuell seine ganz große Zeit etwas hinter sich gelassen zu haben (oder vielleicht kamen nur nicht ausreichend seiner aktuellen Filme ins deutsche Kino), aber ich verfolge seine Karriere bereits seit etwa zwanzig Jahren, mit seinen Anfängen bei Arnaud Desplechin oder Olivier Assayas (Fin août, debút septembre). Zwischenzeitig brillierte er nicht nur in Julian Schnabels Le scaphandre et le papillon, sondern strebte eine veritable Hollywoodkarriere an (Munich, Marie Antoinette, Bond-Bösewicht in A Quantum of Solace), ehe er sich mal als Regisseur ausprobierte. Das passt auch irgendwie dazu, dass der Regisseur von Le grand bain, Gilles Lellouche, selbst einen Background als Filmdarsteller hat, und Lellouche und Guillaume Canet (Jeux d'enfants, The Program), ein anderer seiner Hauptdarsteller, sich schon gegenseitig als Schauspieler und Regisseur unterstützten. Canet spielt hier den vermeintlichen Erfolgsmenschen Laurent, der aber innerhalb der Schwimmgruppe reichlich untergebuttert wird und auch um seine Ehe kämpft.

Noch dabei ist Benoît Poelvoorde (C'est arrivé prèz de chez vous aka Mann beißt Hund, Le tout nouveau testament) als Marcus, eine andere Variante des Verlierertyps. Und Jean-Hugues Anglade (37¬∞2 le matin aka Betty Blue, Le reine Margot aka Die Bartholomäusnacht und in The Sopranos ebenfalls mit internationalen Erfahrungen) als Simon, das traurige Wrack eines Hobby-Musikers, der um die Anerkennung seiner Tochter kämpft. Und Thierry (Philippe Katerine), der Bademeister, der auch im Team ist, wirkt ein wenig wie eine Variation von Guildo Horn, nur viel schüchterner. Katerine gewann übrigens für seine Nebenrolle in Le grand bain einen César.

Ein Becken voller Männer (Gilles Lellouche)

© Studiocanal GmbH / Mika Cotellon

Den Spruch mit dem Gleichgewicht habe ich schon mehrfach bemüht, aber wie man hier mehrfach zu den Einzelschicksalen der Männer zurückkommt, während man gleichzeitig davon erzählt, wie die Gruppe langsam zueinander findet, das wird schon echt gut hinbekommen, wobei gerade die Probleme weder zu Sparwitzen mutieren noch mit ihrer anrührenden leichten Tragik alles andere überschatten, wie ich es schon oft erlebt habe.

Ein kleiner Geniestreich ist auch die im Rollstuhl sitzende Ersatztrainerin Amanda (Leïla Bekhti), die mit militärischem Drill u.a. immer wieder einen Schlagstock gegen die Metalltreppe am Beckenrand drischt und dem ungeordneten Haufen einiges abverlangt.

Ich habe jetzt absichtlich nicht jedes »Einzelschicksal« im Detail beschrieben, weil es viel zu viel Spaß macht, diese im Film einzeln zu erleben.

Quasi ein »Geheimheld« des Films ist für mich übrigens auch noch Jon Brion, der für die Musik (und Musikauswahl) zuständig war, und der mich seit Paul Thomas Andersons Punch-Drunk Love immer wieder im Kino musikalisch verzückte (okay, er arbeitete auch schon bei Magnolia mit Anderson zusammen, aber da war er mir noch kein Begriff). Wenn in Le grand bain Everybody wants to rule the world von Tears for Fears einsetzt und man ein zentrales Zitat des Songtextes an prominenter Stelle im Film wiederentdeckt, weiß man bereits, dass man sich für diesen Aspekt des Film viel Mühe gegeben hat, mir persönlich hat es auch viel Spaß gemacht, den passend zum Alter der Protagonisten 80er-lastigen Soundtrack manchmal etwas früher einordnen zu können als das Gros des Publikums und beispielsweise bei einer Montage-Sequenz Olivia Newton-Johns Physical bereits erkannt zu haben, bevor der Refrain einsetzte und dadurch der Bezug zu den Bildern unübersehbar wurde.

Ein Becken voller Männer (Gilles Lellouche)

© Studiocanal GmbH / Mika Cotellon

Jetzt habe ich schon einiges an Lobhudeleien aufgehäuft, aber Le grand bain hat noch andere tolle Aspekte. Zwischendurch ändert man etwa für eine Viertelstunde komplett das Genre des Films und baut ein kleines »Mini-Drama« ein, das auf großartige Weise beendet wird (sorry, das kann ich einfach nicht ausplaudern, die Leichtfüßigkeit im Tempowechsel ist ganz großes Tennis!). Und man merkt auch, dass hier wirklich das Medium Film ausgereizt wird, mit Ellipsen-Einsatz oder einer winzigen kleinen Blende, die allein den erzählerischen Fokus für einige Sekundenbruchteile setzt.

Hier und da ist auch mal etwas ein wenig fett aufgesetzt (Musikeinsatz aus Chariots of Fire, anderthalb etwas zu emotionale Momente, der running gag mit dem einen Team-Mitglied, das ausschließlich in einer anderen Sprache spricht), aber der Film versprüht eine so solide Grundsympathie, dass man ihm nie wirklich böse sein kann. Eine erfrischende Alternative zu den eher stumpfen anderen französischen »Komödienhits«, die mit enervierender Regelmäßigkeit in die deutschen Kinos gekarrt werden, mich aber alles vergessen lassen, was ich jahrzehntelang am französischen Kino so geliebt habe.

Und selbst, wenn man schon zwei andere Filme über Synchronschimmer in den letzten Jahren gesehen hat - und einige Einfälle sich womöglich wiederholen - ich kann mir einfach nicht vorstellen, durch welche Umstände es sich nicht lohnen könnte, Le grand bain anzuschauen.

Wer meine Texte öfter liest und meine mürrische Erbsenzählerei, mein Potential als Spielverderber kennt, wird durch meinen fast grenzenlosen Enthusiasmus vielleicht etwas verwirrt sein, aber ich stehe dazu. In meiner Work-in-Progress-Jahresliste steht Le grand bain aktuell übrigens auf Platz 5, hinter If Beale Street could talk, Green Book, The Old Man & the Gun und einem Film von 2016, den ich erst auf DVD nachgeholt habe. Nur mal so zur generellen Einordnung.