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6. April 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Das brandneue Testament (Jaco Van Dormael)


Das brandneue Testament
(Jaco Van Dormael)

Originaltitel: Le tout nouveau testament, Belgien / Frankreich / Luxemburg 2015, Buch: Jaco Van Dormael, Thomas Gunzig, Kamera: Christophe Beaucarne, Schnitt: Hervé de Luze, Musik: An Pierlé, Production Design: Sylvie Olivé, Set Decoration: Pascalle Willame, mit Pili Groyne (Ea), Benoît Poelvoorde (Dieu), Marco Lorenzini (Victor), Yolande Moreau (La femme de Dieu), Catherine Deneuve (Martine), Laura Verlinden (Aur√©lie), François Damiens (François), Serge Larivière (Marc), Didier de Neck (Jean-Claude), Romain Gelin (Willy), Anna Tenta (Xenia, l'Allemande), Johan Heldenbergh (Le prêtre), David Murgia (JC), Gaspard Pauwels (Kevin), Bilal Aya (Philippe), Dominique Abel (Adam), Lola Pauwels (Eve), Pascal Duquenne (Georges), Thomas Gunzig (Cyclope), Jaco Van Dormael (L'automobiliste qui n'a plus que 0 seconde à vivre), Alice Van Dormael (Journaliste), Armand Van Dormael (Le nonagénaire), Clara Gunzig (La cousine de François), 110 Min., Kinostart: 3. Dezember 2015, DVD-Start (sowie natürlich Blu-Ray & Video on Demand): 7. April 2016, FSK: ab 12 Jahren, Bonus-Material auf der DVD (über 40 Min.): Interviews mit Van Dormael und Poelvoorde, Making-of, Featurette »Special Effects«, Trailer, Teaser

»Gott existiert. Und er lebt in Brüssel.« Das vermarktungstechnisch clevere Einstiegszitat des Films weckt zwar die Neugier und verweist auf das exotische Filmland Belgien, für das Regisseur Jaco Van Dormael (Toto le heros, Mr. Nobody) und sein Hauptdarsteller stehen, ist aber faktisch eher eine Fehlinformation.

Denn Gott (Benoît Poelvoorde) lebt mit seiner Frau (Yolande Moreau) und der rebellischen elfjährigen Tochter Ea (Pili Groyne) zwar in einer Wohnung, wie sie in Brüssel existieren könnte, von wo aus er insbesondere das Schicksal der Stadt für seine kleinen Experimente missbraucht, aber als konkrete Wohnsituation würde man dies kaum definieren. Spätestens seit Eas älterer Bruder JC (David Murgia) in die Welt pilgerte und Jünger um sich scharte, hängt der Haussegen bei den Gottens schief und das Familienoberhaupt greift als griesgrämiger dauerunzufriedener Patriarch auch schon mal zum Gürtel, um die Tochter zu maßregeln, während die Mutter, die irgendwann auch mal eine Göttin gewesen sein soll, sich größtenteils stumm nur noch mit ihrer Kissenstickerei und einer aus 18 Exemplaren (also einer Mannschaft) bestehenden Sammlung von Baseball-Trading-Cards beschäftigt.

Das brandneue Testament (Jaco Van Dormael)

Bildmaterial: NFP marketing and distribution* © Kris DeWitte

Nachdem Ea also jedem Menschen eine SMS mit einem Countdown zum Todesmoment geschickt hat und Papis Computer eingefroren hat, entschwindet sie durch den geheimen Weltenzugang in der Waschmaschine und sucht sich neben einem obdachlosen »Schreiber« namens Victor (für ihr titelgebendes brandneues Testament) einige handverlesene Jünger, um die Zahl des älteren Bruders auf 18 aufzustocken. Darunter etwa die vom Gatten vernachlässigte Martine (Catherine Deneuve), die sich in einen Gorilla verliebt, einen Sexbesessenen, der seine Sandkasten- bzw. Strandliebe aus Deutschland wiederfindet, einen kleinen Jungen, der vor seinem Tod noch mal das Meer sehen will oder einen »Mörder«, der eigentlich auch nur ein wenig Liebe sucht. Eas Gaben sind im Vergleich zum prominenten Bruder zwar eher überschaubar, doch ihre naive romantische Ader entspricht ganz der des Regisseurs, der wieder mit seinem quasi patentierten Inszenierungsstil kleine filmische Wunder kreiert. Während in einer Nebenhandlung der erboste Gottvater die Quittung dafür bekommt, was er der Menschheit voll perfider Bosheit über einen langen Zeitraum angetan hat.

Das brandneue Testament (Jaco Van Dormael)

Bildmaterial: NFP marketing and distribution* © Kris DeWitte

Bis auf den töchterlichen Vorwurf »Jeder kann's besser als Du!« ist Le tout nouveau testament keineswegs gotteslästernd, aber auch nicht immer harmlos. Regisseur Van Dormael erzählt eigentlich mal wieder seine Lieblingsgeschichten: über Schicksal, Kindheit, vertane Zeit und wahre Liebe, mit einer Menge Ironie und (größtenteils klassischer) Musik - und hin und wieder tollen Ideen (visuell wie auch in der Aussage), mit denen Ea als alter ego Jacos ihre Zöglinge verwöhnt.

Das Ende des Films entspricht ganz der Philosophie des Regisseurs, die er im Promointerview offenbart: Er sucht nach Schönheit, und wenn man lang genug beim Drehen herumspielt, die Schauspieler wie auch die Crew ihr Ding machen lässt, dann tritt diese irgendwann zutage. Die Lieblingsanekdote seines Hauptdarstellers Benoît Poelvoorde (Man bites Dog) dreht sich um dessen Entdeckung, dass ja der Teufel im Film gar nicht auftaucht, woraufhin seine KollegInnen ihn aufklärten: »Das bist doch DU!«

Das brandneue Testament (Jaco Van Dormael)

Bildmaterial: NFP marketing and distribution* © Kris DeWitte

Das hübscheste Bonus auf der DVD ist das etwas andere »Making of«, in dem Schauspieler und Filmemacher über die Erwartungen und Enttäuschungen sprechen, wenn man mit Gott dreht, der hinter den Kulissen wohl eine Affinität zu portugiesischem Bier hat. Wer den Film mag, wird sich über diese Dreingabe sicher freuen.