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3. April 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Friedhof der Kuscheltiere (Kevin Kölsch & Dennis Widmyer)


Friedhof
der Kuscheltiere
(Kevin Kölsch &
Dennis Widmyer)

USA 2019, Originaltitel: Pet Sematary, Buch: Jeff Buhler, Lit. Vorlage: Stephen King, Kamera: Laurie Rose, Schnitt: Sarah Broshar, Musik: Christopher Young, Production Design: Todd Cherniawsky, Kostüme: Simonetta Mariano, mit Jason Clarke (Louis Creed), Amy Seimetz (Rachel Creed), John Lithgow (Jud Crandall), Jeté Laurence (Ellie Creed), Obssa Ahmed (Victor Pascow), Alyssa Levine (Zelda), Hugo & Lucas Lavoie (Gage Creed), 100 Min., Kinostart: 4. April 2019

In Hollywood scheint es eine bestimmte Halbwertzeit für Filmstoffe zu geben. Die harten Horrorfilme der 1970er und 80er brauchten oft 25 bis 35 Jahre für ein »modernisiertes« Remake, bei prominenten Superhelden geht es deutlich schneller (bestes Beispiel: Spider-Man). Bei Stephen-King-Verfilmungen ist es inzwischen so, dass der nach wie vor sehr produktive Autor aktuell gefühlt mehr Remakes erfährt als Verfilmungen seiner neuen Stoffe (wenn man Fernsehserien wie Mr. Mercedes, Under the Dome und 11/22/63 mal kurz ausblendet). Nach Carrie, It und den Gerüchten zu den Canine Unit Joint Operations (C.U.J.O.) ist nun Pet Sematary dran, der klassische King zieht alte wie neue Fans - und auch jene, die nie ein Buch gelesen haben.

Pet Sematary erfuhr seine erste Verfilmung 1989 (Regisseurin Mary Lambert haute sogar ein Sequel raus, bei dem ich nach wie vor keinen Grund ausmachen konnte, mich damit zu befassen) und laut Stephen King und seine Filme von Michael R. Collings war es einigermaßl;en erstaunlich, dass King, der seinen Roman aufgrund der autobiographischen Komponente (seine Kinder waren beim Abfassen in einem ähnlichen Alter wie die Romanfiguren) u.a. als »schonungslos düster«, »schmerzhaft«, »hoffnungslos«: und »obszön« bezeichnete, mit ein paar Jahren Abstand selbst das Drehbuch schrieb.

Friedhof der Kuscheltiere (Kevin Kölsch & Dennis Widmyer)

© 2018 Paramount Pictures. All Rights Reserved.

Die Neuverfilmung hält sich zum Teil an die Veränderungen, die King einst selbst anbrachte. So wurde etwa Jud Crandalls Frau Norma, die bei meiner etwas zu spät begonnenen Wiederlektüre des Romans bis Seite 190 noch bester Dinge ist, im Lambert-Film nahezu ersatzlos gestrichen (die Haushaltshilfe Missy Dandridge übernimmt einen Teil der symbolischen Funktionen von Norma, allerdings in einer kräftig überzogenen Art). Im Remake sieht man mal für einen winzigen Moment Normas Gesicht, wobei der Nutzen für die reinen Filmzuschauer eigentlich nichtexistent ist.

1989 vergrößl;erte King vor allem die Rolle von Victor Pascow, der deutlicher als im Buch als ambivalente Komponente die Geschichte vorantreibt (sehr schön, wie er dafür sorgt, dass Rachel den Flug noch bekommt), ansonsten wird nur alles verknappt und das im Roman an W.W. Jacobs (The Monkey's Paw, klassische Kurzgeschichte, die jeder Horror-Fan kennen sollte) erinnernde Ende wird im Film zu einer ziemlich widerlichen Angelegenheit, die fast noch stärker an Jörg Buttgereit erinnert als sein body double Fred Gwynne, den die Älteren unter uns noch aus seiner Zeit als Herman Munster kennen.

Die Neuverfilmung hat folgende Vorteile gegenüber dem alten Film: die Schauspieler sind deutlich besser (selbst Denise Crosby, die ich als Trekkie verehre, agierte hier eher als besserer Kleiderständer) und man hat sich Mühe gegeben, die alte Geschichte etwas anders aufzuzäumen. (Drehbuch: Jeff Buhler von The Prodigy.) Gerade jene Zuschauer, die den alten Film (und meinetwegen auch den Roman) kennen, werden mit ihren Erwartungen hier und da ausgetrickst. Denn man hält sich nicht beflissentlich an die Story, sondern schmückt aus und variiert. Mit unterschiedlich gelungenen Ergebnissen.

Friedhof der Kuscheltiere (Kevin Kölsch & Dennis Widmyer)

© 2018 Paramount Pictures. All Rights Reserved.

Gleich zu Beginn werden die anderswo nur erwähnten »anderen« Kinder, die den »Friedhof der Kuscheltiere« pflegen, mal gezeigt, das Motiv schaffte es sogar aufs Filmplakat. Tochter Ellie (im neuen Film feiert sie ihren neunten Geburtstag, wo sie im Roman nur fünf Jahre alt war) erblickt die mit Tiermasken ausstaffierten Kinder, die gerade einen Hund zu Grabe tragen und lässt sich von der Mutter erklären, was eine procession sei: »It's like a parade, but not for fun«.

Den Nutzen der Tiermasken für den Film würde ich eher als gering einschätzen, offensichtlich ist das Regiepaar aber sehr von Stanley Kubricks The Shining beeinflusst, in dem man ja nicht nur solche Tiermasken findet, sondern auch Luftaufnahmen des Familienautos (mit gruseliger Musik) für den Vorspann, einen »blutenden« Fahrstuhl (wenn es hier auch nur ein kleiner Speisenaufzug ist) und eine Szene, die nur in Details von der »Heeeere's Johnny«-Axtnummer abweicht (kein Schnee, keine Axt, es ist nicht der Ehemann, der Einlass begehrt).

Leider habe ich es nicht geschafft, den Roman rechtzeitig noch mal zu lesen, aber ich bin mir schon ziemlich sicher, dass das Trauma Rachels, was ihre Schwester Zelda angeht, für den neuen Film deutlich ausgebaut wurde. Heutzutage funktioniert Hollywood halt anders: Frauenrollen dürfen nicht mehr komplett marginal ausfallen und auch Victor Pascow ist plötzlich ein Schwarzer (auch, wenn ich nicht glaube, dass dies hinzugewonnenen Publikumsgruppen eine Identifikationsfigur bietet).

Friedhof der Kuscheltiere (Kevin Kölsch & Dennis Widmyer)

© 2018 Paramount Pictures. All Rights Reserved.

In dem Moment, wo die Neuverfilmung unübersehbar von der bekannten Geschichte abweicht, wird Pet Sematary am interessantesten. Damals 1989 war das böse Kleinkind, das aus heutiger Sicht bis auf die tolle Tonspur (»uh-oh«, »no fair«) ein wenig »hölzern« wirkt, fast wie die Mörderpuppe Chucky, noch ein echter Bringer, doch diesmal will man dem Publikum mehr bieten. Wie gesagt, die Tiermaske empfinde ich als witzlos, aber die »Zombie-Katze« Church ist hier deutlich eindrucksvoller, und auch die (eher zufälligen) Reminiszenzen an einen recht aktuellen Horrorfilm (wegen Spoilergefahr darf ich den Titel nicht nennen) funktionieren hier ganz gut.

Wobei beide Verfilmungen, ob mit mehr oder weniger Sorgfalt und Ideenreichtum, doch ziemlich schlocky bleiben. Viele der Nachtaufnahmen wirken auch ähnlich schwach / studiomäßl;ig wie im 1989er Film. Den Einfluss von It erkennt man auch im neuen Film, leider aber vor allem bei der manchmal anstrengenden Tonspur, bei der ich zwischenzeitig dachte, die Anlage des Kinos sei kaputt, weil man so ein Störgeräusch vernimmt, das in etwa klingt, als wenn King Kong auf einer Schubkarrenladung Kiesel kaut (passendes Zitat aus dem Roman: »Rachel's voice was grating, full of dirt.«).

Friedhof der Kuscheltiere (Kevin Kölsch & Dennis Widmyer)

© 2018 Paramount Pictures. All Rights Reserved.

Wer einfach nur seine Dosis Stephen King benötigt, wird ein paar nette Überraschungen erfahren, wer höhere Ansprüche und keinen besonderen Bezug zum Autor hat, kann sich den Film eigentlich schenken. Mein liebstes Detail im Film ist die Katzenpuppe (mit Engelsflügeln!) als Trost, die sogar miaut, wenn man sie drückt. Mit ein paar täuschend echten Blutflecken wäre das ein toller Merchandise-Artikel, für den ich sicher 25 Euro hinblättern würde. Und die schönste Darsteller-Leistung ist der »Tanz der Zuckerfee«.

Ach ja, ich bin kein ausgesprochener Fan von Jason Clarke, aber schon die bloßl;e Besetzung mit dem eher aus Schurkenrollen bekannten Darsteller (Lawless, Public Enemies, Death Race, bald in Serenity) passt schon ziemlich gut zur Figur des Louis Creed, wo Dale Midkiff (Time Trax) in der früheren Verfilmung einfach zu hübsch und harmlos wirkte.

Das Ende (und ich vermeide Spoiler) ist im Roman eine grausige Geste, beim 1989er-Film ein schauriger Schrei (am wenigsten effektvoll) - und in der Neuverfilmung ein im Kontext wirklich garstiges Geräusch, das zu den absoluten Höhepunkten des Films gehört.