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4. Oktober 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Venom (Ruben Fleischer)


Venom
(Ruben Fleischer)

USA 2018, Buch: Scott Rosenberg, Jeff Pinkner, Kelly Marcel, Will Beall, Comic-Vorlage: David Michelinie, Todd McFarlane, Kamera: Matthew Libatique, Schnitt: Alan Baumgarten, Maryann Brandon, Musik: Ludwig Göransson, Kostüme: Kelli Jones, Production Design: Oliver Scholl, Set Decoration: Alice Felton, mit Tom Hardy (Eddie Brock / Venom), Michelle Williams (Anne Weying), Riz Ahmed (Dr. Carlton Drake), Jenny Slate (Doro Skirth), Reid Scott (Dr. Dan Lewis), Scott haze (Roland Treece), Jared Bankens (Isaac), Peggy Lu (Mrs. Chen), Donald K. Overstreet (Operations Specialist), Woody Harrelson (Carnage), Stan Lee, 112 Min., Kinostart: 3. Oktober 2018

Während bei der Zweckehe Disney / MCU alles bestens zu laufen scheint (mal abgesehen vom Rausschmiss von James Gunn und dem Lächeln von Alison Brie), muss man bei den Marvel-Zweigstellen Fox und Sony etwas mehr kämpfen um »in association with Marvel« die Gelddruckmaschine am Laufen zu halten.

Spider-Man-Spin-Off Venom ist ein Neuanfang, der sich zwar am universe-building-Aspekt des hauptstrangs des MCU-Franchise orientiert, aber fast gänzlich ohne Verweis auf Spidey (echte Fans sollten den gefühlt sehr langen Nachspann stoisch durchsitzen) eine neue Geschichte mit einer neuen Hauptfigur erzählt (Topher Grace mag mir verzeihen).

Um das Ganze in Schwung zu bringen, gibt es gleich mal ein abstürzendes (irdisches) Raumschiff mit außerirdischen Symbionten an Bord, von denen einer entkommt und im Körper einer malaysischen Sanitäterin einen Marktplatz aufmischt, ehe der blutrünstige Anführer einer geplanten Invasion (in acht von neun Superhelden-Filmen muss die Welt gerettet werden) im Verlauf des Films seinen Weg in die USA bahnt.

Eddie Brock (Tom Hardy, nach »Shinzon« und »Bane« in seiner dritten Rolle als »Comic-Bösewicht«*) ist hier ein etwas selbstverliebter investigativer Reporter, dessen Fernsehshow »The Brock Report« mit ihrem Split-Screen-Intro an 80er-Jahre-Fernsehshows wie Dallas und das weltweite Ideal der Nachrichtenberichterstattung, Eye on Springfield, erinnert. In seiner glücklichen Beziehung mit Anwältin Anne (Michelle Williams) macht er gleich zu Beginn des Films den Fehler, seine investigativen Bemühungen auf deren PC auszuweiten, wo er vertrauliche Informationen über einen Wissenschaftler findet, den er demnächst interviewen soll.

*Jaja, die Star-Trek-Comics erschienen erst zum Kinostart des Films, aber sie existieren!

Venom (Ruben Fleischer)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Dr. Carlton Drake (Riz Ahmed aus Rogue One) hat so einen Comicnamen, bei dem man von Anfang an weiß »He's a crook!« Wenn Eddie im Interview dessen »Life Foundation« aufgrund des Verscheidens angeblich freiwilliger menschlicher Versuchskaninchen als »Dead Foundation« umtituliert, wird das Gespräch augenblicklich beendet und sowohl Eddie als auch Anne (»I don't work for Drake. I work for my firm and my firm works for Drake.«) verlieren ihren Job, was sich für den Beziehungsstatus mehr als nur kompliziert auswirkt.

In Sam Raimis Spider-Man (immer noch das Ideal innerhalb des mehrfach rebooteten Franchises) gefiel mir ja sehr gut, wie man die »Spinnennetz«-Fähigkeiten des jungen Peter Parker in eine Analogie zu pubertärer Selbstbefriedigung hineingebastelt hat. »Mein Körper verhält sich plötzlich ganz anders, als ich es gewohnt bin ...« Wenn Eddie sich aufgrund unzureichender Beachtung von Warnhinweisen (»Don't touch anything!«) seinen Symbionten / Parasiten einfängt, ist das Resultat etwas »erwachsener«: Er kämpft mit einem ordentlichen Kater und hat offenbar einen Filmriss. Und von da an dauert es nicht mehr lang und er fährt den Porzellanbus (das ist mein liebster Euphemismus fürs Erbrechen, wenn man sich eine Klobrille als Lenkrad vorstellt, ist das Bild sehr eindrücklich).

Venom (Ruben Fleischer)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Doch ich lasse den Eddie mal kurz Eddie sein. Neben der grundsympathischen Jenny Slate (eher bekannt für Comedy und Synchronrollen wie der putzigen Hündin »Gidget« in The Secret Life of Pets) als gewissensbehafteter Untergebener von Drake ist Letztgenannter eine der (für mich) interessantesten Rollen des Films.

Allein über das mal wieder lauthals »diversity!« proklamierende Casting könnte man zwei Absätze füllen, aber ich habe mich für andere Aspekte entschieden, die ich bemerkenswert fand. bei einem Q&A mit Kindern verwehrt sich Drake gegen den Impuls einiger Kinder, ein Mädchen, das ihm eine Frage stellen will, mundtot zu machen. Er stellt sie durch das Geschenk eines kleinen Ansteckers (für ihren Mut, nachzuhaken) gegenüber ihren gleichgeschalteten Altersgenossen hervor - geht aber im gleichen Atemzug kein Stück auf ihre (noch ungestellte) Frage ein. Als »silencer« ist er somit wirkungsvoller und viel perfider als das Gros der Gesellschaft, wie man im Verlauf des Films noch häufiger feststellen wird (siehe Eddie, Anne usw.).

Etwas später ergeht sich Drake in hochtrabender Rhetorik: »History starts now. This is Day One. This is First Contact.«, bleibt aber durchgehend so leicht schleimig wie sein filmisches Vorbild, der Wissenschaftler aus Camerons Aliens, der auch unbedingt seine außerirdischen specimen retten will und dafür keinerlei Bedenken hat, in viel größerer Anzahl vorhandene Menschenleben zu opfern. Von da aus ist es nur noch ein Katzensprung bis zu Bibelzitaten (Highway '61 revisited), bei denen er sich selbst offenbar in der Rolle Gottes wiedererkennt.

Venom (Ruben Fleischer)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Venom hat vier Drehbuchautoren, die hier und da wirklich hübsche Ideen haben, sich aber auch an die typischen Genrekonventionen halten (flashy Verfolgungsjagden, ein fetter CGI-Showdown zum Schluss) und hier und da ganz stumpf Textbausteine abspulen, die man schon während des Films selbst ergänzen kann (»Aren't you Eddie Brock?« - »I used to be.«).

Ich gebe es unumwunden zu, dass ich bei einer Pressevorführung zwei Tage vor dem Start und einer Sperrfrist bis 4:00 nachts am Starttag Schlimmes vom Film erwartet habe. Regisseur Ruben Fleischer stach ja bisher auch nicht unbedingt positiv hervor. Zombieland war ganz unterhaltsam, Gangster Squad aber ziemlicher Murks.

Venom macht aber erstaunlich viel richtig. Die Entwicklung des Symbionten »Venom« vom rücksichtslosen Massenmörder (paraphrasiert: »Die Köpfe stapeln wir links, die restlichen Körper rechts.«) über gezielte Hinweise Eddies (»You don't eat policemen!« zu einem in Maßen kooperativen und sozialkompatiblen Super(Anti-)helden, der sogar die Bezeichnung »parasite« als »term of endearment« akzeptiert und passable Beziehungs-Ratschläge gibt, ist zwar völlig over the top, aber dennoch einigermaßen nachvollziehbar. Ich kreide es den Filmemachern noch nicht einmal an, dass man sich hier erneut von James Cameron inspirieren ließ. Alles durchaus wie in Terminator 2 - Judgment Day, nur dass hier Arnie und John Connor quasi im selben Körper stecken und sich Tom Hardy mit zwei unterschiedlichen Stimmen mit sich selbst unterhält.

Ähnlich gelungen ist auch die Beziehungs-Synergie zwischen Eddie, Anne und deren neuem Freund Dan (inklusive eines spektakulären Kusses, der mich auch wieder an Sam Raimi erinnerte). Die Vorbereitung von Nachfolgerfilmen hatte hier offenbar eine hohe Priorität, was das Problem von zurückgewonnenen und im neuen Film wieder in Frage gestellten Romanzen wie zu Raimi-Zeiten schon im Vorfeld löst.

Die Filmindustrie hat von den zunehmend perfektionierten und ganz aufeinander abgestimmten Marvel-Filmen viel gelernt (so viel kann man selbst bei den DC-Streifen attestieren - reine Lernleistung bringt nur noch keine Bestnoten). Und auch, wenn die Handlungsgerüste sehr ähnlich verlaufen, gibt es schmucke Dialoge und hier sogar gut aufgegriffene reale Themen (vor allem die Situation von Obdachlosen in San Francisco, die gut in die Geschichte eingebaut wird). Wenn sich auch anderswo Klischees aufeinander häufen wie Venoms Traum des Schädelstapels.

Venom (Ruben Fleischer)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Aber ich warte auch nicht absurderweise auf einen Citizen Kane der Superheldenfilme und bei Venom bleibt man graphisch wie vom Tonfall sehr nah am Comic-Original. Man kann dem Film auch ohne Kenntnis der Heftchen ganz gut folgen. Was innerhalb des Genres (nicht erst post-Infinity-War) schon klar überdurchschnittlich ausfällt.

Einzig der Showdown war nicht nur wie so oft überzogen, sondern teilweise auch derart »rasant« inszeniert, dass man der »Handlung« fast nicht mehr folgen konnte. Ein bisschen wie ein Wrestling-Match in Zeitraffer.