Anzeige:
Marc Degens: ERIWAN




12. September 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Styx (Wolfgang Fischer)


Styx
(Wolfgang Fischer)

Deutschland 2018, Buch: Wolfgang Fischer, Ika Künzel, Kamera: Benedict Neuenfels, Schnitt: Monika Willi, Musik: Dirk von Lowtzow, Szenenbild: Wolfgang Fischer, Ika Künzel, Benedict Neuenfels, Volker Rehm, mit Susanne Wolff (Rike), Gedion Odour Wekesa (Kingsley), 94 Min., Kinostart: 13. September 2018

Rein politisch ist »Styx« ein großartiger Film. Filmemacher versuchen ja gern, auf der Höhe der Zeit zu sein, ihren Film durch ein aktuell wichtiges Thema eine große Relevanz zu bescheren. Wobei man halt durch Buch, Dreharbeiten, Schnitt und Marketing nicht wirklich die Chance hat, unmittelbar auf aktuelle Einflüsse zu reagieren. Zu 9/11 waren etwa Filme wie Paul Greengrass' United 93 und Oliver Stones World Trade Center erst im Juni respektive September 2006 in den deutschen Kinos, also nach fast fünf Jahren.

Auch für »Styx« brauchten die Filmemacher vier Jahre für die Entwicklung (Regisseur Wolfgang Fischers letzter Film »Der Bär« war von 2013), die Flüchtlingsthematik war zu Beginn noch kein Hauptgesprächsthema, aber zur Premiere beim Panorama passte der Film prächtig in die Feuilletons und mittlerweile wurde durch die »Kriminalisierung« aufopferungsvoller Seenotretter noch mehr Öl ins Feuer gegossen - »Styx« passt super in die aktuellen Diskussionen, und wird dadurch sicher etwas kommerziellen Aufwind bekommen.

Mindestens genauso viel Wert legt man bei diesem Film aber auf die authentische Inszenierung. Hauptdarstellerin Susanne Wolff (Das Fremde in mir, Dreileben - Komm mir nicht nach) ist die Figur der Rike fast auf den Leib geschrieben, denn ähnlich wie ihre Filmfigur, eine Notfallärztin, die mit einer elf Meter langen Yacht allein auf eine Abenteuer-Tour nach die durch Charles Darwin bekannte Insel Ascension Island aufmacht, hat auch die Darstellerin einen internationalen Segelschein und schwimmt täglich eine Stunde (so steht es jedenfalls im Presseheft).

Styx (Wolfgang Fischer)

Quelle: Zorro Film

Mit Ausnahme einiger dramatischer Aufnahmen in einem Sturm (die mir nicht so offensichtlich gefaket erschienen wie einem Kollegen, der sich darüber besonders echauffierte) waren die meisten Aufnahmen tatsächlich auf offener See gedreht, was schon einmal einen hohen logistischen Aufwand erfordert (und hier auch prompt durch den »schlimmsten Herbst des Jahrzehnts« problematisiert wurden, als man vor Malta drehte). Auch bei den vergleichsweise wenigen Szenen, die nicht auf der See entstanden, hatte Authentizität Priorität. Und an der Stelle setze ich mal mit meinen Beobachtungen zum Film ein.

Der Film beginnt mit Aufnahmen in Gibraltar, wo Affen, die sich auf ein Leben in der Stadt eingestellt haben, auf Hausdächern gezeigt werden. Im Nachhinein kann man sich daraus eine Parallele zur Situation Flüchtender* zusammenreimen, die auch lieber in ihrer Heimat verblieben wären, als in einem fremden Terrain relativ unerwünscht ihr Dasein fristen zu müssen. Falls sie überhaupt soweit kommen.

*Habe jüngst erfahren, dass diese Bezeichnung politisch korrekter sei, weil man die Menschen so nicht (im Gegensatz zum Begriff »Flüchtling«) auf diesen Aspekt ihres Lebens reduziere - ich muss aber einwenden, dass die nicht ganz unähnliche (wenn auch anders motivierte) Unterscheidung zwischen Studenten und Studierenden meinen Blick auf die entsprechende Menschengruppe (zu der ich auch einst gehörte) nicht wirklich beeinflusst hat.

Styx (Wolfgang Fischer)

Quelle: Zorro Film

Es folgt dann eine Szene, die Rike bei ihrer Arbeit als Notärztin zeigt. Laut Presseheft spielt diese Szene in Köln (vielleicht haben manche Zuschauer die Kreuzung wiedererkannt, ich persönlich musste mir einiges im Nachhinein zusammenreimen), und dramaturgisch kann ich nachvollziehen, warum sie eingebaut wird: Rike hat allein auf ihrem Segeltörn kaum Grund oder Möglichkeit, ihre Lebenssituation zu beschreiben - und so weiß man, warum sie sich mit der Behandlung Schiffsbrüchiger sehr gut auskennt und eine Menge medizinischer Ausrüstung im Boot mitführt.

In der eigentlichen Köln-Nachtszene mit einem verhältnismäßig aufwendigen Action-Stunt wird man aber mit der Figur nicht wirklich vertraut und fragt sich etwa, warum der Verletzte auf Deutsch angesprochen wird (Häh, waren wir nicht eben noch in Gibraltar?) oder warum die Position des Unfallautos, das ein parkendes Auto anfuhr, in der Folgeeinstellung deutlich verändert wurde. Mein Fachbegriff dafür ist »sloppy filmmaking«, auch, wenn nur wenigen der Kollegen und Kolleginnen dieses Detail aufgefallen war.

Nach der Erstversorgung sieht man jetzt wieder einen Affen, und ziemlich hübsch eingefangen sieht man dahinter, wie ein Flugzeug landet, das implizit wieder unsere Ärztin im Bauch hat, die nun (nach einem geringfügig erklärenden Blick auf ein Buch über Ascension Island, »The Invention of Paradise«) zu ihrem abenteuerlichen Segeltörn aufbricht.

Styx (Wolfgang Fischer)

Quelle: Zorro Film

Eine Zeitlang läuft der Film dann wie All is lost oder The Mercy, nur mit dem typisch deutschen filmischen Minimalismus. Ist aber dennoch ganz beeindruckend.

Ein Vogel sitzt auf einem Quermast, ist ihr einziger Begleiter, Rike wäscht sich oder geht schwimmen, alles sehr kontemplativ, und gefühlt die erste dreiviertel Stunde des Films gibt es keinerlei Dialog, den man wirklich hätte verstehen müssen. Dann sonnt sie sich und döst dabei, wacht zu (wohl geträumten) Affengeräuschen auf, dazu passt eine weitere Lektüre zum Dschungel. Bei einem Funkgespräch bekommt sie zumindest eine Chance, diesen ihren Wunschtraum, ihr selbstgewähltes Abenteuer, zu beschreiben.

Dann kommt die bereist erwähnte Sturmszene, und danach befindet Rike sich etwa zwischen Mauretanien und Cap Verde. Und sie entdeckt ein stark überladenes, offenbar in Seenot befindliches Schiff, auf dem viele Menschen aufgeregt winken. Hilfeschreie hallen über das Meer. Rike alarmiert die Küstenwache (ihr eigenes Boot würde sie nur in Gefahr bringen, wenn sie sich zu sehr nähert), die dann auch unterstreicht »Do not take any actions yourself!«

Wann die Rettung eintreffen soll, ob überhaupt etwas passiert? Keine konkrete Antwort, nur das Beharren auf »do not intervene«. Dann sieht sie einen Jungen, der offenbar zu ihrem Boot schwamm, nun völlig erschöpft zu ersaufen droht und auch nicht mehr auf sie reagiert. Der hier debütierende Darsteller, dessen Biographie ähnlich verlief wie die seiner Filmfigur, hat vor den Dreharbeiten nicht schwimmen können, und die Rettungsszene überzeugt auch nur sehr eingeschränkt. Wenn ich selbst noch einen gehörigen Respekt vor dem Meer habe, kann ich halt nicht so befreit aufspielen und meinen Überlebenskampf mimen. Inwiefern auch das Zusammenspiel mit der älteren Kollegin komplett befreit war, ist eine zweite Vermutung, wenn man diese Bilder sieht (Regisseure - und auch ein paar Schauspieler - sind ja dafür bekannt, dass sie keinen gesonderten Wert darauf legen, dass Antagonisten während der Dreharbeiten zu besten Freunden werden).

Styx (Wolfgang Fischer)

Quelle: Zorro Film

Wie sich die Geschichte weiterentwickelt, was »Kingsley« so unternimmt, um seine Schwester zu retten, wie bedingt human ausgebildete Retter auf die missliche Situation reagieren, all dies will ich hier nicht ausbreiten. Ich wiederhole nur, dass der Film rein politisch sehr interessant und wichtig ist.

Die Art und Weise, wie diese »messitsch« jedoch mit der Dramaturgie des Films zusammenspielt, hat mich nicht überzeugt. Ich will das jetzt auch nicht auf »Kingsleys« Schauspielleistung festnageln, denn Regisseur, Kameramann und Cutterin hätten die Schwächen ja genau so deutlich wahrnehmen müssen wie ich und dann mit Nachdrehs oder sonst wie irgendwie retten müssen.

Letztlich ist Styx ein symbolüberfrachteter Film über Menschlichkeit und »Rettung«, der indes selbst einer filmischen Rettung bedarf. Immer noch viel besser und interessanter als 80% des Kinoangebots, aber gleichzeitig auch eine Enttäuschung, weil man mit so wenigen Veränderungen alles so viel besser hätte machen können. Aber immerhin hat mich die Story in den letzten paar Minuten sehr positiv überrascht. Da hätte man auch noch einiges in den Sand setzen können.