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Die Box




15. Oktober 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Das Fremde in mir (R: Emily Atef)
Das Fremde in mir (R: Emily Atef)
Das Fremde in mir (R: Emily Atef)
Bilder © Ventura Film
Das Fremde in mir (R: Emily Atef)
Das Fremde in mir (R: Emily Atef)
Das Fremde in mir (R: Emily Atef)

Das Fremde in mir
(R: Emily Atef)

Deutschland 2008, Buch: Emily Atef, Esther Bernstorff, Kamera: Henner Besuch, Schnitt: Beatrice Babin, Musik: Manfred Eicher, mit Susanne Wolff (Rebecca), Johann von Bülow (Julian), Judith Engel (Elise, Julians Schwester), Maren Kroymann (Lore, Rebeccas Mutter), Hans Diehl (Bernhard, Julians Vater), Dörte Lyssewski (Agnes), Herbert Fritsch (Dr. Börner), Klaus Pohl (Theo), Brigitte Zeh (Katja), Tilla Kratochwill (Polizistin), Martina Troschke (Hebamme), Markus Lerch (Polizist), 99 Min., Kinostart 16. Oktober 2008

Einer Premiere beizuwohnen, bei der schlussendlich 40 Teammitglieder die komplette Bühnenbreite des “Lieblingskinos in der Lieblingsstadt” (das International in Berlin) der Regisseurin ausfüllen, hat sicher seine erhebenden Momente. Andererseits können manche Teammitglieder, die Szenen zum soundsovieltsten Mal sehen, dabei an Hintergrundgeschehnisse erinnert werden und deshalb an unpassenden Stellen lachen bzw. auf bestimmte Schwächen in den Darstellerleistungen explizit hinweisen, einem Film auch schaden. Das will ich der folgenden Kritik einfach mal als Caveat voranstellen.

Das Fremde in mir wird als “schwieriger” Film angepriesen, der sich einem Tabubruch widmet, denn die Hauptfigur Rebecca (Susanne Wolff) fühlt sich nach der Geburt ihres Sohnes Lukas nicht von Glück und Liebe durchdrungen, sondern eher abgenervt. Alle Welt will das Kind mal halten, sie hingegen kann es kaum abwarten, es beiseite zu legen, wenn sie alleine ist und sie dem gesellschaftlichen Erwartungsdruck somit nicht ganz so unterworfen ist. Ihr Mann, der Vater (Johann von Bülow), hat einen besser bezahlten Job angenommen, der seine Zeit beschneidet, und Rebeccas Mutter ist in Kanada, wo jemand namens Matthew (wahrscheinlich eine Art Stiefvater) im Sterben liegt, und so ist Rebecca mit ihrem Problem ganz auf sich gestellt, denn das Kind kann sie vorerst nicht unterstützen, sondern leidet natürlich mit unter dieser psychischen Störung. Das Ganze kulminiert dann in einer Szene, in der Rebecca das Baby badet und sichtlich mit sich ringen muss, es nicht einfach fallen zu lassen.

All das lastet natürlich auch auf der Identifikation des Zuschauers mit der Figur, doch dadurch, dass Rebecca eigentlich in jeder Szene der Dreh- und Angelpunkt des Films ist, leidet man trotz Unverständnis mit ihr, auch wenn einem, wie ihr Gatte es gut zusammenfasst, “ihr vorwurfsvolles Gesicht auch langsam auf den Wecker geht”.

Schließlich flüchtet Rebecca, was filmisch schon sehr früh (eigentlich in der allerersten Szene) zu zwei zunächst parallel verlaufenden Erzählsträngen führt. Doch auch, wenn die Zeit vor der Geburt (Rebecca lächelt noch und freut sich), die “Entfremdung” und die allmähliche “Heilung” mit psychologischer Unterstützung sicher etwa 60% des Films ausmachen, werden durch die missliche Lage, die Rebeccas Heilungsprozess erschwert, nämlich der Entzug des Kindes durch den Gatten, seine schon früh als Konkurrenz eingeführte Schwester und den nicht eben sympathischen Vater, sowohl die Identifikation des Zuschauers unterstützt (man ist ja dabei, als sie nur mal einen Spaziergang unternimmt, der gleich zum Staatsakt hochgebauscht wird), lässt aber gegen Ende auch den “schwierigen” Status des Films vergessen, denn nach der emotionalen Talsohle entwickelt sich alles ganz herkömmlich in Richtung Happy End.

Diese Entwicklung des Films weg von der Erwartung, die geschürt wird, mag viele (natürlich auch die weiblichen Zuschauer) vielleicht sogar positiv überraschen, rein filmisch wirkt sie aber zu konventionell, da waren andere - auch deutsche - Filme mit ähnlichen Storyprämissen wie Milchwald (übrigens mit der “bösen Tante” Judith Engel als Stiefmutter) oder Montag kommen die Fenster konsequenter und somit auch filmisch interessanter.

Auch wenn Das Fremde in mir zu keinem Moment durch irgendwelche Regieentscheidungen verärgert, weiß der Film aber auch nicht durch besonders clevere Einfälle mitzureißen, abgesehen von der großartigen Szene mit den vier Jungen im Wald (die aber für das Filmthema von geringer Bedeutung ist) ist vieles zu vorhersehbar, insbesondere die Entwicklung der Entfremdung, die dennoch die Identifikation des Zuschauers nicht zu sehr erschweren darf. Dramaturgisch alles gut ausgefeilt, aber es haut einen nicht aus dem Sitz, man fühlt sich wie ein Lehrer, der einen Aufsatz korrigiert und die wichtigen Punkte nacheinander abhakt, man vermisst aber die Leidenschaft und den Mut, den manche Filmemacher entwickeln.

Was ich so umständlich formuliere, soll heißen, dass Das Fremde in mir zwar ein gut gemachter, gut durchdachter und in vielerlei Hinsicht vorbildlicher Film ist, aber er rührt mein Herz nicht an, wie es andere Filme zu ähnlichen Tabubrüchen taten (Nobody knows, Lucy). Das darf man als korrigierender Lehrer vielleicht auch nicht erwarten, als Zuschauer tue ich es aber.