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20. Juni 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The Rider (Chloé Zhao)


The Rider
(Chloé Zhao)

USA 2017, Buch: Chloé Zhao, Kamera: Joshua James Richards, Schnitt: Alex O'Flinn, Musik: Nathan Halpern, mit Brady Jandreau (Brady Blackburn), Tim Jandreau (Wayne Blackburn), Lilly Jandreau (Lilly Blackburn), Cat Clifford (Cat Clifford), Terri Dawn Pourier (Terri Dawn Pourier), Lane Scott (Lane Scott), Tanner Langdeau (Tanner Langdeau), James Calhoon (James Calhoon), Derrick Janis (Victor Chasinghawk), 104 Min., Kinostart: 21. Juni 2018

Im April habe ich A Quiet Place (aktuell Platz 18 in meiner Work-in-Progress-Jahresliste) zum »Film des Monats« erklärt, obwohl Transit (Platz 6, schon zur Berlinale in einer Mehr-Film-Rezi verarbeitet) und Lady Bird (Platz 3, aber erst regulär im Kino nachgeholt, weil man der Presse mal wieder nur die Synchro zeigen wollte) mir deutlich besser gefallen hatten. Auch im Juni spielte ich damit, eine ähnlichen Entscheidung durchzudrücken, weil ich The Rider (Platz 8) nicht unbedingt zwei mal besprechen wollte. Doch der Alternativ-Film The Sense of an Ending (Platz 46) war einfach kein FDM-Material, und so werde ich erneut nach meiner Langkritik fürs Münchner Kulturmagazin Applaus eine Lobhudelei zu The Rider formulieren.

Den früheren Film der chinesisch-amerikanischen Regisseurin Chloé Zhao, Songs my Brother taught me (ihr Langfilmdebüt!), hatte ich nicht gesehen, aber vieles spricht dafür, dass Zhao schon früh eine eigene Handschrift entwickelt hat. Ähnliche semidokumentarische Herangehensweise, selbes Umfeld, den Hauptdarsteller (und damit die Initial-Idee für The Rider) hatte sie sogar während der ersten Dreharbeiten kennengelernt.

Laiendarsteller quasi »sich selbst« spielen zu lassen - in Deutschland muss man da fast automatisch an Valeska Grisebach (Mein Stern, Sehnsucht) denken, und deren letzter Film Western ist sogar thematisch mit The Rider verwandt. Auch bei Grisebach zeigt ein sehr maskuliner »Cowboy« viel Einfühlungsvermögen (nicht nur Pferden gegenüber), doch während Western-Darsteller Meinhard Neumann (als »meinhard«) wie ein klassischer Held des nach Osteuropa verlegten Westerngenres wirkte, wie ein über jeden Zweifel erhabener Gary Cooper, ist Brady Jandreau (als »Brady Blackburn«) eher der gebrochene Held eines Spät-Westerns, in seiner Todessehnsucht (Valeska lässt grüßen!) sogar ein »Anti-Held«, wenn auch ein aufrechter, sympathischer.

The Rider (Chloé Zhao)

© Joshua James Richards

Das Rodeo-Business ist eine nostalgische Erinnerung an die oft heroisierte US-Vergangenheit der »Cowboys«, schon durch den Beinahe-Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern ist die Heldenhaftigkeit von politisch suspekten Vertretern wie John Wayne mittlerweile nicht mehr opportun. Die nationale Schuld kann heutzutage (außer vielleicht bei Woody aus Toy Story) nicht mehr ausgeklammert, verschwiegen werden, und so verschwindet die Dichotomie zwischen den »Cowboys und Indianern«.

Das konnte man jüngst in Wind River erleben, der ein Großteil der Kritiker-Kollegen begeisterte, während ich so meine Problem damit hatte. Brady in The Rider ist ein »Rodeo-Cowboy«, aber gleichzeitig ein Nachkomme der Oglala-Lakota. Und somit vollkommen politisch korrekt (und das sage ich ohne ironischen Unterton). Wie die Cowboys in Brokeback Mountain gehört Brady zu den Underdogs und Minderheiten. Und zu allem Übel ist nach einem (tatsächlichen) Rodeo-Unfall auch noch seine Männlichkeit angeschlagen. Er trägt eine Metall-Platte im Schädel, hat nur mit knapper Not den Treffer eines Pferdehufs überlebt - und seine Ärzte legen ihm eindrücklich nahe, sich eine Beschäftigung fernab von Pferderücken zu suchen. Einen ähnlichen Vorfall würde er ziemlich sicher nicht überleben.

The Rider (Chloé Zhao)

© Weltkino Filmverleih

Während er versucht, durch den Unfall auftretende physische Gebrechen geheimzuhalten, ist er eine tragische Figur wie Mickey Rourke im thematisch sehr ähnlich betitelten The Wrestler. Auch Brady versucht sich als Hilfsarbeiter in einer Supermarkt, doch abgesehen davon, dass dies ganz sicher nicht seine berufliche »Erfüllung« darstellt, kann er nicht so ohne weiteres »aus seiner Haut« (sonst hieße der Film womöglich »The Supermarket Clerk« oder so was). Und bis zu seinen weiteren Problemen bin ich dabei noch gar nicht durchgedrungen.

Brady Jandreau, der im Film zusammen mit seiner geistig behinderten Schwester Lilly und dem Vater Tim eine Familie spielt, kennt wohl die Probleme, mit der seine Filmfigur konfrontiert ist. Wie Brady für seine kleine Schwester einsteht, ist absolut liebenswert, die Spielsucht des Filmvaters nehme ich mal als fiktiv an. Falls ich da falsch liege, wäre der Mut Tim Jandreaus, sich so auch im Film darzustellen schier unglaublich - die Wahl eines anderen Vor- und Nachnamen deutet eher darauf, dass der »Schauspieler« sich von seiner Filmfigur etwas distanziert (man lernt ja auch nach dem Film mal Leute kennen, die womöglich deshalb Vorbehalte Tim gegenüber hätten).

Aber die finanziellen Probleme der Familie und die Selbstzweifel Bradys wirken authentisch (auch, wenn sich das Filmende vermutlich nicht 1:1 mit dem persönlichen Schicksal deckt) - und wenn man den Film ohne dieses Hintergrundwissen sieht, funktioniert die Geschichte unglaublich gut, wirkt extrem clever ausgedacht (ich hatte nur bei einer Szene mit Bradys Kopfverletzung das Gefühl, dass die Spezialeffekte unter dem geringen Budget leiden - inzwischen könnte ich mir sogar vorstellen, dass es gar keine Effekte waren, sondern die Realität, die eben nicht so fotogen ist wie ein auf größtmöglichen Eindruck zugeschnittener Splatter-Effekt).

The Rider (Chloé Zhao)

© Weltkino Filmverleih

Jeder Auftritt von Lilly gewinnt dadurch, dass man weiß, hier »spielt« nicht nur jemand wie Dustin Hoffman seinen »Rain Man«, sondern Persönlichkeit und Schauspiel verschwimmen miteinander. Ähnlich ist es mit Bradys gutem Freund Lane Scott, ebenfalls einem Unfallopfer (im Film beim Rodeo, in der Realität beim Autofahren), der als weitere tragische Figur dennoch seine Würde behält. Und der Einsatz von (echten) Rodeoaufnahmen aus der früheren Karriere von Brady und Lane ist natürlich ein Geschenk für den Film, das man nicht einfach durch Stuntmen oder CGI nachbilden hätte können.

Die bis zum Ende großartig durchgedachte Geschichte (ich hatte so Momente, wo ich mir einbildete, ich wüsste, wie es weitergeht - Freeze Frame zum Schluss und so ... aber der Film war immer noch eine Spur besser als meine eigenen Ideen) geht neben aller tragischen Authentizität dann auch noch Hand in Hand mit atemberaubenden Bildern. Kameramann Joshua James Richards spielt mit dem Golden Twilight und der Landschaft, man fühlt sich (zu Recht) erinnert an die frühen, nicht wieder erreichten Filme von Terrence Malick. Und eine seltsame, alles noch übersteigernde Wahrheit ist, dass die Sonnenuntergangsbilder nicht von langer Hand auf eine gängige Ästhetik hin produziert wurden, sondern der echte Brady während der Dreharbeiten noch einem Job nachging und deshalb erst »nach Feierabend« filmen konnte.

The Rider (Chloé Zhao)

© Weltkino Filmverleih

Bei aller Traurigkeit dieses Films wirken die Drehumstände fast wie ein Lotteriegewinn!

Ich persönlich meide übrigens normalerweise Filme, die sich um Pferde drehen, weil ich Hunde, Katzen, Eichhörnchen und Schafe allesamt spannender finde. Aber wenn Brady Jandreau hier als »Pferdeflüsterer« mit ungezähmten jungen Pferden agiert (auch dies etwas, was man mit Brad Pitt nicht so hätte filmen können), das hatte auch für mich etwas faszinierendes.

Alles in einem: Ein echter »Film des Monats« (at least!), für den man sich trotz WM-Rummel und gelegentlichen Hitzewellen unbedingt mal ins Kino aufmachen sollte.