Anzeige:
Marc Degens: ERIWAN




7. Februar 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Wind River (Taylor Sheridan)


Wind River
(Taylor Sheridan)

USA 2017, Buch: Taylor Sheridan, Kamera: Ben Richardson, Schnitt: Gary Roach, Musik: Nick Cave, Warren Ellis, mit Jeremy Renner (Cory Lambert), Elizabeth Olsen (Jane Banner), Graham Greene (Ben), Jon Bernthal (Matt), Kelsey Asbille (Natalie), Julia Jones (Wilma), Gil Birmingham (Martin), Teo Briones (Casey), Apesanahkwat (Dan Crowheart), Martin Sensmeier (Chip), Hugh Dillon (Curtis), James Jordan (Pete Mickens), 107 Min., Kinostart: 8. Februar 2018

Nach Denis Villeneuves Sicario und David Mackenzies Hell of High Water realisierte Drehbuchautor Taylor Sheridan den letzten Teil seiner nur thematisch zusammenhängenden »Frontier«-Trilogie selbst. Wie in Sicario gerät die überforderte junge FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) in eine Situation, deren Gewalttätigkeit ihr über den Kopf wächst: In einem Indianerreservat in Wyoming wurde ein junge, unzureichend gekleidete indigene Frau tot im Schnee gefunden.).

Der Film beginnt mit vielen interessanten Ansätzen, doch die Ermittlungen zum Mordfall werden eher dazu benutzt, klarzumachen, wie sehr Jane hier trotz ihrer mitunter klugen Eingebungen der fish-out-of-water ist (das unpassende Schuhwerk und andere typische Charakteristika eines big city girls aus dem deutlich wärmeren Florida dürfen hier nicht fehlen!), während Action-Star Jeremy »Hawkeye« Renner (The Hurt Locker, The Town, The Bourne Legacy) als Wildhüter und Fährtenleser Cory Lambert von den Ureinwohnern nahezu als einer der ihrigen akzeptiert wird. Immerhin hat er zwei Kinder mit einer Indianerin - doch die Ehe zerbrach daran, dass Tochter Emily vor drei Jahren auf ähnlich brutale Weise verstarb. Was zu einer deutlichen persönlichen Anbindung an den Fall führt.

Wind River (Taylor Sheridan)

© Wild Bunch Germany GmbH / Central Film

Wie nebenbei sind in der eiskalten Wildnis des Reservats mit Namen »Wind River« noch drei Pumas unterwegs, die einen Stier gerissen haben und somit der eigentlichen Jobbeschreibung Corys eher entsprechen (»You got blood on your shirt!« - »I come from work«).

Zu Beginn des Films (Jane Banner ist noch gar nicht aufgetaucht) scheint Corys Sohn Casey eine größere Rolle im Film spielen. Cory holt ihn bei seiner Exfrau ab und bringt ihn zu ihrer Familie, um etwas Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Er versucht dem Jungen seine Bindung zur Natur nahezubringen und wirkt dabei wie ein Bilderbuch-Vater. Eine der schönsten Szenen des Films dreht sich um einen Tip beim Umgang mit Pferden. Casey ist stolz auf seinen Vater und was der ihm beibringen kann und vermeldet euphorisch: »That was pretty cowboy, eh, Dad?«, doch Cory korrigiert ihn: »No, that was all Arapaho!« Soviel common sense und Völkerverständigung bekommen die wenigsten Scheidungskinder geboten.

Wind River (Taylor Sheridan)

© Wild Bunch Germany GmbH / Central Film

Die Leiche erweist sich als die von Natalie Hansen (Kelsey Asbille), die einst eine Freundin von Corys Tochter war, und das Gespräch mit den Eltern unterstreicht die Verbundenheit der in diesem kargen Landstrich lebenden Menschen ebenso wie die Härte des Films. Hier geht keiner zum Therapeuten, man zelebriert die selbstzerstörerische Trauer lieber, wozu Nick Cave und Warren Ellis dann den Soundtrack liefern.

Die Ermittlungen beim Mordfall konzentrieren sich zunächst auf einige drogensüchtige kriminelle junge Indianer, die sich offensichtlich von der Natur und Tradition abgewendet haben, ein Lebenspfad, den der Film auch kurz erkunden will, wenn auch etwas klischeebeladen. Beim gefährlichen Eindringen in eine Art Crack House wird man auch ohne Kenntnis der früheren Arbeiten des Regisseurs sofort an Sicario erinnert. Und an The Silence of the Lambs, der nicht nur ebenfalls eine junge FBI-Agentin im Zentrum hat, sondern von dem Sheridan hier deutlich inspiriert scheint. Wie Clarice Starling blind durch das Haus von Buffalo Bill stolpert, wird hier fast 1:1 übernommen. Und später findet man auch die desorientierende Klingelbenutzung wieder.

Wind River (Taylor Sheridan)

© Wild Bunch Germany GmbH / Central Film

Als dritter Ermittler gesellt sich noch Graham Greene als örtlicher Sheriff Ben zum Team. Ich muss sagen, ich freue mich immer, wenn Graham Greene (Dances with Wolves) in einem Film auftaucht. Noch besser finde ich es aber, wenn er nicht nach offensichtlichen Aussehenskriterien (wir brauchen noch einen Indianer) gecastet wird, sondern einfach aufgrund seines schauspielerischen Talents wie als Richter in Molly's Game, der exakt einen Monat nach Wind River seinen deutschen Kinostart hat.

Die Härte des Films (oder Taffness, wie man hierzulande sagt) wird immer wieder betont. Natalies festgefrorene Leiche muss etwa mit einer Kettensäge befreit werden, und in einem ausgedehnten Flashback wird später auch exakt beschrieben, was zu ihrem Tod führte. Verglichen damit ist der Prolog des Films, wenn sie schreiend halbnackt durch den Schnee rennt, bis ihr von der kalten Luft wortwörtlich die Lunge platzt, regelrecht harmlos.

Der Film hat zwar eine politische Botschaft (im Nachspann erfährt man, dass über die Vermisstenanzeigen der indigenen US-Bevölkerung keinerlei Statistik geführt wird), doch identifiziert sich vor allem über diese Härte, ähnlich wie auch in Sicario, wo Regisseur Denis Villeneuve, der in dieser Hinsicht auch nicht unfehlbar ist (Prisoners), aber irgendwie noch die Kurve kriegte.

Wind River (Taylor Sheridan)

© Wild Bunch Germany GmbH / Central Film

Hell or High Water habe ich verpasst, aber im Verlauf von Wind River wurde mit Taylor Sheridan zunehmend unsympathisch, eben wegen dieser tarantinoesken Härte, die viele weitaus interessantere Ansätze des Films (vor allem die Beziehungen zwischen den Figuren) deutlich überschattete. So ein Shootout kann ja ganz interessant sein, aber die Szene, die hier offensichtlich den Höhepunkt des Films darstellen soll, konnte mich nicht einmal im Ansatz überzeugen. Weil es einfach beim auf zwei Zeitebenen verteilten Showdown zugeht wie bei einer Demonstration, warum man mit Schusswaffen ausgerüstete Kerle am besten auf zweifache Art kastrieren sollte. Die Erklärung innerhalb des Films, dass man ohne Spaß und ohne Frauen schnell verrohen kann, ist im Kontext der Erzählung schon widerlich genug, aber wenn nach dem ausgedehnten piff-paff-puff die Überlebenden gezählt werden und man - durchaus ähnlich wie in Sicario - einfach die Taffness-Schraube noch mal anzieht, hat mir das den so interessant anfangenden Film gänzlich vergrätzt. Vor allem, weil man sich von der psychologischen Unterfütterung des Films fast gänzlich befreit und auf eine menschenverachtende Art eine Art Schlusspointe bemüht, die leider so gar nicht funktioniert.

Neben der Taffness geht es in Wind River auch um »Schwäche«. Physische wie psychische, warum sie versteckt wird, in welchen Situationen auch mal Schwäche zeigen darf, und was die Konsequenzen sind. Im zentralen Zitat »Wolves don't kill unlucky deer. They kill weak ones!« wird dies besonders betont. Doch je länger man nach dem Film über Schwäche und Härte nachdenkt, umso unschöner werden die Aussagen, die man der Geschichte dazu entnehmen kann. Gerade auch, was weibliche »Schwäche« (der Blick auf Janes String-Tanga) und männliche »Stärke« (Corys Versprechen) angeht.

Wenn sich die Macho-Allüren der negativ konnotierten Figuren von denen des Autors/Regisseurs deutlicher unterschieden hätten, hätte Wind River ein wirklich toller Film werden können. So, wie es ist, habe ich aber nicht mal mehr Lust, den überall abgefeierten Hell or High Water zu sehen - weil ich befürchte, dass ich vor allem jene Ausprägungen Sheridans darin wiederzuerkennen, die mich sehr ärgern.