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Die Box




September 2006
Thomas Vorwerk
für satt.org

Sehnsucht
D 2006

Plakat

Buch
und Regie:
Valeska Grisebach

Kamera:
Bernhard Keller

Schnitt:
Bettina Böhler, Valeska Grisebach, Natali Barrey

Musikberatung:
Martin Hossbach

Darsteller:
Andreas Müller (Markus), Ilka Welz (Ella), Anett Dornbusch (Rose), Erika Lemke (Oma), Markus Werner (Nachbarsjunge), Doritha Richter (Mutter), Sarah Schmidt (Mädchen auf dem Klettergerüst)

88 Min.

Kinostart:
7. September 2006

Sehnsucht

Sich bereits mit dem zweiten Langfilm im Wettbewerb eines großen internationalen Filmfestivals wiederzufinden, ist eine große Auszeichnung. Daran ändert es auch nichts, wenn man einen der vier überrepräsentierten deutschen Beiträge zur Berlinale darstellt, oder es sich später herausstellt, daß jeder der drei anderen deutschen Beiträge mit einem silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Ob die Laiendarsteller in Valeska Grisebachs Sehnsucht den direkten Vergleich mit beispielsweise der Leistung von Moritz Bleibtreu in Elementarteilchen zu scheuen brauchen, will ich hier gar nicht diskutieren. Auffallend ist vor allem, daß Sehnsucht eben nicht so plakativ und kontrovers wie die anderen deutschen Wettbewerbsbeiträge ausgefallen ist. Eine zurückhaltende, stille, kleine Geschichte ohne Staraufgebot und großem Budget hat es eben schwer, sich durchzusetzen - selbst dann, wenn sie rein qualitativ der Konkurrenz mindestens ebenbürtig ist.


Filmszene
Filmszene
Bilder © Peter Rommel Filmproduktion
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Markus, ein Mitglied der freiwilligen Feuerwehr von Zühlen, einem kleinen Ort in Ostdeutschland, wird Zeuge eines Autounfalls und kann den Fahrer des Fahrzeugs auch in die „stabile Seitenlage“ bringen. „Wird alles gut …“

Erst später erfährt er, daß der Fahrer offensichtlich Selbstmord begehen wollte, und fragt sich, ob er da überhaupt hätte eingreifen dürfen. „Ich habe seinen Plan durcheinander gebracht.“ Während er wie in einem Caspar David Friedrich-Gemälde so an einem Teich steht und sozusagen „in Gedanken versunken“ ist, kommt seine Frau Ella dazu, wodurch sich dann eher die Parallele zu einer kitschigen Sonnenuntergangs-Fototapete oder einer Kondom-Werbung aufdrängt (und das ist jetzt rein positiv zu werten).

Ella und Markus unterhalten sich über die Liebe, die sie füreinander empfinden, und wenn Sätze fallen wie „Wenn ich Dich so ansehe, dann bleibt mir echt die Luft weg“, dann merkt man schon, daß hier „nur“ Laienschauspieler am Werk sind. Doch so wie Regisseurin Valeska Grisebach in ihrem ersten Film Mein Stern eine sehr junge Liebe schilderte und nun die Protagonisten etwas älter wählte, so wirken sie doch angesichts des übermächtigen Themas Liebe oftmals infantil.

„Ich liebe Dich so sehr“, ähnliche Formulierungen kann man auch in seinen alten Liebesbriefen lesen, und während man damals im Taumel der Gefühle überwältigt ob solcher Aussagen war, denkt man doch spätestens, wenn die „blöde Kuh“ einen „neuen Stecher“ hat, ganz anders darüber. Markus, der in diesem Film ein wenig impulsiv und unüberlegt wirkt wie der junge Mann in L’enfant von den Brüdern Dardenne, steht zwar mit beiden Beinen im Berufsleben und ist auch in der Gemeinschaft der Feuerwehrleute fest integriert, doch wenn er sich schließlich wie einst Hamlet vor einer Entscheidung sieht, die er am liebsten endlos herauszögern würde, ist sein einziger vertrauter ausgerechnet ein namenloser Nachbarsjunge, der von Phänomenen wie Liebe und Tod noch weniger Ahnung hat als Markus.

Es geht immer wieder um das romantische Ideal des Selbstmordes aus Liebe, Ella zieht Parallelen zu Romeo & Julia, Markus kennt sich da nicht so aus, meint aber „ich würde alles für Dich tun“, wobei man dann fast schon wieder an Meat Loaf denken muss.

Musik spielt in diesem Film auch eine große Rolle. Ein nicht geringer Teil des Budgets des Films ging für die Rechte an Robbie Williams’ Song Feel drauf. Darin heißt es unter anderem: „I just wanna feel real love / I’ve got so much life running through my veins / I don’t wanna die, but I’m not keen on living either“. Bei Shakespeare wie bei Robbie Williams wird die Verbindung zwischen Liebe und Tod gezogen, die Sehnsucht des Titels könnte auch eine Todessehnsucht sein, wie der Film unterschwellig immer wieder aufblitzen lässt. Der überspringende Funke der ersten Liebe wird gleich zum Großbrand hochstilisiert, mal gibt es einen harten Schnitt vom sich liebevoll umarmenden Paar zu einer Kreissäge, und eine durch den Robbie Williams-Song eingeleitete Ellipse bringt dann den entscheidenden Konflikt in diese kuschelweiche Welt der Liebe.

Bei einer mehrtägigen Tagung in einer zwei Fahrstunden entfernten Kreisstadt sprechen die jungen Männer dem Alkohol tüchtig zu, und Markus findet sich am Morgen im Bett einer Kellnerin, deren Namen (Rose, auch nicht ohne Shakespeare-Bezug …) er später erst noch erfragen muß. Unvermittelt (und etwas zu esoterisch-melodramatisch) bricht Ella zuhause kurzfristig in Tränen aus, und Markus kommt plötzlich zur in solchen Situationen ganz plausibel erscheinenden Ansicht, daß man auch zwei Frauen lieben kann. Doch jede will ihn für sich, und so endet die Geschichte schließlich mit Krankenhausaufenthalten von mehreren der Beteiligten. So wie das Schicksal des Suizidfahrers zu Beginn des Films für den Zuschauer nie aufgeklärt wird, so bleibt auch das Schicksal dieser unheilbringenden Dreierbeziehung unklar. In der wohl furiosesten Szene des Films unterhalten sich einige Kinder auf einem Klettergerüst über die mittlerweile zu einer Legende angewachsene Geschichte. Details werden falsch wiedergegeben, die jungen Zuhörer geben ihre Meinung ab („Mutig“ - „Romantisch“ - „Ganz dumm“ - „Cool“), und nun ratet mal, mit welcher er jetzt zusammen ist …

Mein Sitznachbar erklärte mir nach dem Film, daß das Ende mitnichten offen ist, weil Ella und Markus im Film mal gemeinsam „Eisbär“ von Grauzone intonieren, was dann auch beim Abspann zu hören ist, und somit der Beweis sei, daß die beiden jetzt wieder zusammen sind und das Stück üben konnten. Doch wie ich bei der zweiten Sichtung des Films aufmerksam registrierte, sagt die schon recht überzeugend Keyboard spielende Ella zum eher kläglich singenden Markus „Das mach ich jetzt solang, bis Du’s kannst“. Nur: beim Abspann singt niemand, wodurch diese nette Theorie auch gleich wieder ausgehebelt wird. Und meines Erachtens funktioniert der Film auch besser mit einem offenen Ende, ansonsten wäre die Szene mit den Kindern ja reichlich überflüssig.