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3. Januar 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Greatest Showman (Michael Gracey)


Greatest Showman
(Michael Gracey)

Originaltitel: The Greatest Showman, USA 2017, Buch: Jenny Bicks, Bill Condon, Kamera: Seamus McGarvey, Schnitt: Tom Cross, Robert Duffy, Joe Hutshing, Michael McCusker, Jon Poll, Spencer Susser, Musik: John Debney, Joseph Trapanese, Songs: Benj Pasek, Justin Paul, Kostüme: Ellen Mirojnick, Production Design: Nathan Crowley, Art Direction: Laura Ballinger, Set Decoration: Debra Schutt, mit Hugh Jackman (P.T. Barnum), Michelle Williams (Charity Barnum), Zac Efron (Phillip Carlyle), Zendaya (Anne Wheeler), Rebecca Ferguson (Jenny Lind), Austyn Johnson (Caroline Barnum), Cameron Seely (Helen Barnum), Keala Settle (Lettie Lutz), Sam Humphrey (Tom Thumb), Yahya Abdul-Mateen II (W.D. Wheeler), Eric Anderson (Mr. O'Malley), Ellis Rubin (Young Barnum), Skylar Dunn (Young Charity), Daniel Everidge (Lord of Leeds), Radu Spinghel (O'Clancy), Yusaku Komori (Chang), Danial Son (Eng), Paul Sparks (James Gordon Bennett), Will Swenson (Philo Barnum), Linda Marie Larson (Mrs. Stratton), Byron Jennings (Mr. Carlyle), Betsy Aidem (Mrs. Carlyle), Damian Young (Mr. Winthrop), Tina Benko (Mrs. Winthrop), Fred Lehne (Mr. Hallett), Kathryn Meisle (Mrs. Hallett), Timothy Hughes (Strong Man), Gayle Rankin (Queen Victoria), Shuler Hensley (Lead Protestor), 97 Min., Kinostart: 4. Januar 2018

2009 war Hugh Jackman der Moderator der Oscarverleihung und begeisterte durch sein jedermann bekannten Qualitäten als Entertainer, der singend und tanzend durchs Programm führte. Damals wurde die Saat gelegt für ein Filmprojekt über Phineas Taylor Barnum, das Jackman auf den Leib geschneidert werden sollte.

Nicht weniger als ein Original-Film-Musical wurde daraus, mit aufstrebenden Komponisten (Benj Pasek & Justin Paul wurden im Umfeld angepriesen wie eine Offenbarung, wenn man auch nicht vergessen sollte, dass der Oscar für La La Land in ihrem Fall nicht für Musik, sondern nur für die Lyrics einiger Songs an sie ging), großen Stars und einer dramatischen Story mit dem nötigen Anteil von love stories.

Die Story des Films ist herumdrapiert um neun Songs, von denen der erste (A Million Dreams) sich nicht damit begnügt, den Prolog zu erzählen (der Waisenjunge Barnum verliebt sich und gewinnt das Herz der gleichaltrigen) - Nein, noch bevor der Song verklungen ist, haben die beiden geheiratet, zwischenzeitig ist Charity schwanger und schließlich sieht man zwei Töchter an der Seite des Paares.

Greatest Showman (Michael Gracey)

© 2017 Twentieth Century Fox

Soweit ganz originell, doch was mich nachhaltig verwunderte, war der Umstand, dass die zunächst von jungen Darstellern gespielten Teens natürlich von Charitys Vater auseinandergehalten werden, woraufhin der junge Barnum erstmals beweist, dass er sich als Selfmademan hocharbeiten kann, um schließlich Charity abzuholen. Was aber storymäßig Sinn machen würde, wenn die beiden den ersten Schritt in das unabhängige gemeinsame Leben so mit 17 bis 19 begangen hätten - doch nun übernehmen Hugh Jackman und Michelle Williams die Rollen - und bei aller Liebe gehen die beiden nicht mehr als 17 oder 24 durch. Jackman wird dieses Jahr 50, Michelle Williams ist immerhin noch Mitte / Ende Dreißig. Irgendwie passt das alles nicht so recht.

Und so kantig und dadurch unglaubwürdig ist der ganze Film. Die Story hat mit dem realen Vorbild wenig zu tun, das Drehbuch von Jenny Bicks (Sex and the City) und Bill Condon (als Autor: Chicago, als Regisseur: Beauty and the Beast; als beides: Dreamgirls) arbeitet sich an dramaturgischen Grundstrukturen ab und versucht dabei, aktuelle Konzepte mit einer Traumfabrik-Version des 19. Jahrhunderts zu kombinieren. Da fragt man sich, wozu man jahrelang an dem Skript bastelte, das es dann mit deutlichen Kürzungen nur unter der Ägide von gleich sechs Cuttern auf die Leinwand schaffte.

Greatest Showman (Michael Gracey)

© 2017 Twentieth Century Fox

Warum man beispielsweise den Regiedebütanten Michael Gracey verpflichtet, der - wenn man sich auf imdb stützt - zuvor vor allem mit Spezialeffekten der digitalen Art auffiel, war ein großes Rätsel. Nur, weil er wie Jackman aus Australien stammt...? Im Presseheft stand dann aber etwas davon, dass er Werbefilme und Musikclips inszeniert habe, und als ich dann auf Gut Glück mal youtube nach ihm durchforstete, wurde einiges klar. Seine Werbefilme The Mechanic (für Cillit Bang) und Tokyo Hotel (für Lipton Ice Tea, mit Hugh Jackman) zeigen zwar sein Talent für Choreographie, aber offenbaren auch ziemlich deutlich, worin der Unterschied zwischen einem anderthalbminütigen Reklamefilm und einem abendfüllenden Spielfilm besteht: die Figuren in The Greatest Showman wirken nur geringfügig detaillierter ausgearbeitet, und die Story entwickelt sich im Film quasi auch von Clip zu Clip. Hauptsache Schauwerte.

Wenn in The Greatest Showman vollanimierte Löwen und Elefanten pittoresk direkt vor einem Großbrand herumstolzieren (gerne auch symmetrisch), dann wirkt das ähnlich bescheuert wie der Super-Putzmann im Cillit-Bang-Clip. Zwischen zwei Filmen in der Glotze lässt man sich das auch gefallen, aber langfristig über einen Kinoabend verteilt: eher abtörnend.

Greatest Showman (Michael Gracey)

© 2017 Twentieth Century Fox

Man merkt, dass man sich viele Gedanken über die Hauptdarsteller gemacht hat. Klassische Kinostars wie Jackman und Williams, aber auch up-and-coming Stars wie Rebecca Ferguson (sie spielt eine Sängerin, die mit ihrer Darbietung ähnlich wenig überzeugt wie die rein dramaturgische Funktion der Figur - die zwar eine reale Vorlage hat, aber von der weicht die Filmhandlung derart weit ab, dass man diesen Umstand getrost gleich wieder vergessen kann) und Zendaya, die Kinogänger allenfalls aus Spider-Man: Homecoming kennen, die aber nach zwei Serien im Disney-Channel eine ähnliche junge Fanbase mitbringt wie Miley Cyrus, Selena Gomez, Emily Osment oder Ashley Tisdale.

Ihre Filmromanze mit dem ehemaligen Disney-Kollegen (High School Musical) Zac Afron (der den Karriereschritt ins Kino längst vollbrachte) steht für das Zentralthema der Toleranz. Ihre Hautfarbe ist für das moderne Publikum natürlich der erkennbare Indikator, aber im Film wird dies gar nicht so direkt angesprochen (auch, weil die historische Einordnung zusätzliche Probleme mit sich bringt). Und so mokieren sich die unwirschen Afron-Filmeltern eher über ihren Beruf als Trapezkünstlerin (zumindest gefühlt) oder umschreiben die Situation seltsam euphemisiert: »But she's a help!« (da denkt man an den Roman The Help von Kathryn Stockett oder die Verfilmung von Tate Taylor.)

Greatest Showman (Michael Gracey)

© 2017 Twentieth Century Fox

Ähnlich vermurkst ist auch das Abfeiern der "Andersartigkeit". Wie in Todd Brownings Klassiker Freaks geht es auch hier um klassische Zirkusperformer wie die bärtige Lady oder den Strong Man, doch bis auf ein oder zwei Ausnahmen scheinen die allesamt gefaket (besonders schlimm: die siamesischen Zwillinge - aber die sollen glaube ich auch in der Filmhandlung nicht echt sein) oder modernen Trends angepasst. Da Personen mit Tattoos, Branding, seltsamfarbigen Pupillen usw. inzwischen längst zum Alltagsbild gehören (zumindest, wenn man zu viel Pro Sieben schaut), verpufft der dazugehörige Emanzipationssong This is Me so ziemlich. Mal ganz abgesehen davon, dass die Botschaft nach Wowereits »Ich bin schwul, und das ist auch gut so!«, den X-Men-Filmen und Disneys Frozen eigentlich keine Wiederholung benötigt (oder sie zumindest nicht mehr so weltbewegend wirkt, wie sie in der Promotion zu The Greatest Showman tut) - Demi Lovato, die ja auch die »Club-Version« von Let it go sang, veröffentlichte übrigens schon 2008 einen Song mit dem selben Titel (also This is Me), in dem man auch die typischen Schlüsselbegriffe (Dunkelheit, verstecken) in den Lyrics findet.

Nichtsdestotrotz hat der Film einige hübsche Szenen (was meine Clip-These ja nur unterstreicht). Den schon beschriebenen ersten Song finde ich gerade durch das erzählerische Vorspulen ganz interessant, die Trapez-Liebesszene zwischen Afron und Zendaya ist auch sehenswert (auch, wenn hier, wie oft im Film, alles auf eine penetrante Art überinszeniert wirkt).

Ich mag Film-Musicals. Aber den Streifen kann man sich getrost sparen. Hübsch anzusehen, aber wenn man sich etwa bei Finding Nemo die gelungene Handlung und die zur Identifikation einladenden Figuren wegdenkt, bleibt ja auch nur was für Aquarienfreunde über...