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15. März 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Die Schöne und das Biest (Bill Condon)


Die Schöne
und das Biest
(Bill Condon)

Originaltitel: Beauty and the Beast, USA 2017, Buch: Stephen Chbosky, Evan Spiliotopoulos, Kamera: Tobias Schliessler, Schnitt: Virginia Katz, Musik: Alan Menken, Songs: Alan Menken, Howard Ashman, Tim Rice, Kostüme: Jacqueline Durran, Art Direction: Sarah Greenwood, Set Decoration: Katie Spencer, mit Emma Watson (Belle), Dan Stevens (Beast), Luke Evans (Gaston), Josh Gad (LeFou), Kevin Kline (Maurice), Emma Thompson (Mrs. Potts), Ewan McGregor (Lumière), Ian McKellen (Cogsworth), Gugu Mbatha-Raw (Plumette), Nathan Mack (Chip), Hattie Morahan (Agatha), Stanley Tucci (Maestro Cadenza), Audra McDonald (Wardrobe), 130 Min., Kinostart: 16. März 2017

Die Erfolgsgeschichten geben dem Disney-Konzern wohl leider recht, und so fährt man fort, Zeichentrick-Klassiker in »Real«-Verfilmungen umzusetzen, wo man früher einfach die Filme alle paar Jahre neu ins Kino gebracht hat (was heute aber niemanden mehr vorm Ofen herlockt, weil die Kids die Videokassetten, DVDs oder BluRays längst auswendig mitsprechen können).

Nach Cinderella und The Jungle Book (sowie dem zumindest umfassend veränderten Malificent) trifft es nun also Beauty and the Beast, einen Film, den ich immer zu den drei besten klassischen Disney-Zeichentrickfilmen zähle (zusammen mit Pinocchio und The Jungle Book). Wobei man aber trotz teilweise sklavischer Treue zum Film von 1991 eigentlich wohl die Musicalfassung des Stoffs von 1994 neuverfilmte, inklusive einiger Songs, die mir nicht vertraut sind oder einer Backstory, die sich insbesondere um die früh verstorbenen Mütter von Belle und dem Prinzen drehen - was nicht zuletzt dazu führt, dass aus einem kompakten 83-Minüter ein aufgeblasenes 130-Minuten-Spektakel wurde. Denn heutzutage muss ein Blockbuster in 3D verfügbar sein und über zwei Stunden gehen, um die Gewinnspanne von Verleih und Kino zu maximieren.

Die Schöne und das Biest (Bill Condon)

© 2016 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Das Musical kenne ich wie gesagt nicht, aber ich weiß zumindest, dass die verwunschenen Schlossbewohner wie Lumière und Cogsworth hier allesamt von realen Schauspielern/Sängern/Tänzern in elaborierten Kostümen verkörpert werden. Wenn man diese Figuren nun wieder »realistischer« auf ihre ursprüngliche Größe zusammenschrumpft, ist das zwar teilweise hübsch anzusehen, kann aber mit Ausnahme der wirklich bemerkenswert animierten »Madame Wardrobe« nicht ansatzweise mit dem Zeichentrickvorbild mithalten. Insbesondere Lumière als liebenswerter Filou wirkt hier, von Ewan McGregor gesprochen, trotz viel CGI-Akrobatik einfach seelenlos, wo man sich im Zeichentrickfilm fast nicht an seinen Kerzenarmen sattsehen konnte.

Die Chance, die Zeichentrick-Figuren durch reale Darsteller zu "verbessern", bietet sich vor allem bei den Menschen, die als einzige das Einlösen eines Kinotickets rechtfertigen. Kevin Kline als Maurice verstärkt den emotionalen Input von Belles Vater, Luke Evans als Gaston kann mit der Zeichentrickfigur zumindest mithalten, und Josh Gad als LeFou überflügelt das tölpelhafte Klischee der Vorlage, weil er nun nicht nur eine homosexuelle Backstory bekommt (unerwiderte Liebe zu Gaston, fast so tragisch wie bei Waylon Smithers), sondern auch zum Gewissen des Films wird, wenn er die Vorgehensweise Gastons zunehmend hinterfragt, während aus dem zunächst nur selbstverliebten Gockel immer mehr ein richtiger Filmschurke wird. Auf den Punkt gebracht wird diese gelungene Erweiterung des Stoffs an der Stelle, wo Gaston auch seinem Untergebenen gegenüber die Maske fallen lässt und ihm unmissverständlich klar macht, dass er der nächste sein könnte, der unrechtmäßig im Irrenhaus landen könnte.

Die Schöne und das Biest (Bill Condon)

© 2017 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Die zusätzliche »Verschurkung« Gastons verwirkt zwar auch die interessantesten Aspekte der Version von 1991, wenn man anstelle der (in engen Grenzen) noch bewundernswerten Fähigkeiten als Jäger nun jemanden erschafft, der feige aus dem Hinterhalt seine Pistole abfeuert, was ihn zwar noch hassenswerter macht, aber dafür fehlen die Momente des Zeichentrickfilms, wo man die Figur zum Gespött macht. Wo Gaston dort beispielsweise durch Belles energische Widerwehr in einem Schlammloch landet und für einen Moment sein wahres Ich offenbart, weil ein Schwein auf seinen Schultern sitzt, tritt er an der selben Stelle des Realfilms nun in eine mittelgroße Pfütze, was nicht ansatzweise so witzig ist.

Emma Thompson ist normalerweise über jede Kritik erhaben, aber die Animation ihrer »Mrs. Potts« (wofür sie nun auch wirklich nichts kann) leidet stark darunter, dass die in eine Teekanne verzauberte Köchin nun vermeintlich »realistisch« wirken soll, und dabei allen an ihre einstige Sprecherin Angela Lansbury gemahnenden Charme der Zeichentrickfigur einbüßt. Mrs. Potts war damals die Seele des gesamten Films - nun ist sie halt eine Teekanne, deren Bemalung sich etwas bewegt, wenn sie spricht. Einzig Chip (aka »Tassilo«) und der verzauberte Hund FrouFrou wirken in der neuen Fassung so liebenswert wie einst, wobei Chip als Identifikationsfigur der Kids auch einige zusätzliche Sätze bekam, was durchaus hilft.

Die Schöne und das Biest (Bill Condon)

© 2016 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Im Zentrum des Films stehen natürlich die Titelfiguren, und ich muss sagen, dass ich vor dem Auftritt von Emma Watson am meisten Angst hatte, weil sie als Hermione Granger zwar noch mit altersgerechten Schauspielfähigkeiten überzeugen konnte, mich seitdem aber immer mehr enttäuschte in ihrer Entwicklung zum Hollywood-Star, weil ihre Auftritte in Filmen wie The Bling Ring oder The Perks of Being a Wallflower sich fast nur auf ihr gutes Aussehen beschränkten. Ich muss zugeben, als Belle ging sie mir nicht so sehr auf die Nerven, wie ich es befürchtet hatte. Ihr Gesang ist für Nur-Schauspieler überdurchschnittlich und bis auf wenige Nuancen meistert sie es, dem Vorbild einer der beliebtesten Disney-Prinzessinnen gerecht zu werden. Dan Stevens (Downton Abbey) als »Biest« hat zwar in Close-Ups eine derart perfekte Animation, dass ich es auch für eine perfekte Make-Up-Leistung hätte halten können, aber abgesehen von seinen Unterschenkeln und Füßen ist er nun leider exakt das, was das Beast damals in der Design-Phase nicht sein sollte: ein Typ in einem Tierkostüm. Diese eigentümliche Mischung aus Wolf, Bär und Büffel mit dem immensen, an einen Buckel erinnernden Oberbau muss hier weichen für ein Design, das den Schauspieler und seine Attraktivität dauerhaft in den Fokus setzt. Das Biest wirkt zwar perfekt, aber es fehlt der Biss, wie ihn die Versionen von Jean Marais, Ron Perlman oder Michael Dorn (der neue Film klaut sogar Dialogsätze von Worf) mit sich brachten. Und auch Stevens' Baritonstimme kann mit der im Zeichentrickfilm nicht mithalten.

Letztlich ist das größte Probleme des Films, dass diese Version des Stoffs schlichtweg überflüssig ist. Die französische Realverfilmung liegt nur wenige Jahre zurück, und wer sich nicht über alle Maßen für Kostüme, Ballsäle, das Disney-Musical oder Emma Watson begeistert, findet ausreichend bessere Versionen des Stoffs, nicht zuletzt natürlich Jean Cocteaus La belle et la bête und den Zeichentrickfilm, von dem ich übrigens die Leistungen von Howard Ashman (Songtexte) und Linda Woolverton (Drehbuch) im hier besprochenen Remake unzureichend gewürdigt finde. Denn da, wo man den Film auswendig mitsprechen kann (vor allem beim Einstiegssong), überzeugt er definitiv besser als bei all den Stellen, die verschlimmbessert wurden.

Die Schöne und das Biest (Bill Condon)

© 2016 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Eine seltsame Rückbesinnung auf die Cocteau-Fassung (bzw. deren komplett überflüssiges Remake vor wenigen Jahren) besteht darin, dass Belle auch hier (im Gegensatz zum Zeichentrickfilm) ihrem Vater eine Rose mitbringen will. Nur wird durch zwei Rosen das ganze irgendwie dramaturgisch verwässert. Seltsamerweise ist es mir aber erst jetzt (also mit einigen Jahrzehnten Verspätung) klargeworden, dass die Rose in der Glasglocke (wenn man mal kurz die ganze Zauberkiste aus den Augen verliert) eine überdeutliche Parallele zu Belles Situation ist. Die »Schönheit« muss vergehen, wenn sie »gefangen« ist, erst durch die Freilassung entsteht auch die Liebe, die den Prinzen rettet (ich hoffe doch mal, dass mir jetzt hier keiner was von Spoiler-Alert labert ...). So gesehen erklärt das vielleicht auch, warum dieses »Beziehungs-Märchen« nach wie vor so populär ist, während die Standard-Märchenstoffe, die ja doch stark in Richtung coming-of-age gehen (Hänsel und Gretel, Das tapfere Schneiderlein, Tischlein-deck-dich, Schneewittchen, Aschenputtel, Jack and the Beanstalk, sogar Die kleine Meerjungfrau - alle berichten quasi von Lehr- und Wanderjahren, von Kindern, die mit dem Ernst des Lebens konfrontiert werden), immer mehr an Reiz verlieren. In Belles Fall scheint es indes um eine (stark romantisierte) Zwangsehe zu gehen, mit der sich die Heldin arrangieren muss. Und weil das in Sachen verherrlichtes Patriarchat ("du wirst schon die innere Schönheit deines Gatten irgendwann erkennen") kaum zu toppen ist, hat man wohl auch den kleinen schwulen Subplot dazugebastelt.

Bei aller Diversität, die sich Disney heutzutage auf seine Fahnen schreibt, muss ich aber sagen, dass die (nicht wirklich dreidimensionalen) Alibi-Schwarzen schon ziemlich albern wirkten. Und der nicht wirklich durchgezogene Gag um den Zahnausfall von Stanley Tucci (bzw. des Cembalos, das er in verzaubertem Zustand darstellt) wirkte auf mich wie die uralten Zeichentrick-Klischees um übelriechende ungepflegte Franzosen (siehe Pepe Le Pew). Man tut also ganz politisch korrekt, schiebt den »schwarzen Peter« (pun not intended) einfach einer anderen Gruppe zu.

Aber wie die Rekordaufrufe des Trailers an den ersten 24 Stunden andeuten, wird das ein Riesenhit, wo die Eltern von heute sich mit Familienticket an die eigene Kindheit erinnern.

Das Problem bei Disney ist einfach, dass Erfolg nicht gleichbedeutend ist mit Qualität, aber das heutige Gros des Kinopublikums sich das einbildet. So ein richtiger Flop würde dem Konzern durchaus gut tun - gerade in diesem Sektor mit den vermeintlichen »Realverfilmungen«. Diese Fehlbezeichnung ignoriert ja komplett, dass die Blockbuster heutzutage allesamt animiert sind. Es laufen nur hier und da Menschen durch die Greenscreenkulissen.