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Die Box




23. Dezember 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org

  Soundtrack: Frozen
Songs von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez, Score von Christophe Beck, bereits erhältlich, auch in Deluxe-Version mit zwei CDs und als deutsche Fassung
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Soundtrack:
FROZEN
Die Eisköngin

Als Texteinstieg eine ausdrückliche Warnung, diesen Text nicht vor Filmgenuss zu lesen. Bei einer eingehenden Interpretation kann man Spoiler nicht immer umgehen (und da ich davon ausgehe, dass jeder Disney-Fan den Film inzwischen gesehen hat, halte ich mich auch nicht mehr zurück).

Das Thema »Türen« ist in Frozen sehr präsent. Auch auf dem Soundtrack. Schon bei Do you want to build a snowman ist das Anklopfen an die Tür, die die beiden Schwestern trennt, jener perkussive Einsatz, mit dem der Song beginnt. Der türentechnisch wichtigste Song ist natürlich Love is an open door. Einerseits entspricht der Song dem Disney-Ideal der Liebes-Duette wie A Whole New World in Aladdin, doch auf ganz perfide Weise ist so eine offene Tür auch ein zweischneidiges Schwert, wie der Duke of Weselton in Monty-Burns-Manier als erster verdeutlicht: »Open your doors, so I can explore your riches – Did I say that out loud?«

Am Beispiel von Duettpartner Hans (Gesang: Santino Fontana) zeigt sich der ganz unterschiedliche Umgang der beiden Schwestern zu Türen (die Broadway-geschulten Schauspielerinnen Kristen Bell und Idina Menzel übernahmen auch die Gesangsparts). Anna hat anderthalb Jahrzehnte darauf gewartet, dass die Tür zu ihrer Schwester und die zur Außenwelt geöffnet werden, Elsa ihrerseits blickte diesem Moment mit Furcht entgegen. Nach dem Liebesduett, das eigentlich wie in Im weißen Rössl bereits einer Liebesnacht oder einer Vermählung entspricht (eine gewisse Heiratswütigkeit durchzieht noch einen anderen Song), reagiert Elsa sehr abweisend, erneut mit Verweis auf Türen: »The party is over, shut the gates!«. Später, in »ihrem« Song Let it go, wird sie ebenfalls die Türen als Bestandteil ihrer persönlichen Identität einbringen: »Turn my back and slam the door«. Wie die Songs Themen und Phrasen hin- und herwerfen, sorgt für eine musical-mäßige Geschlossenheit, so beginnt das Liebesduett auch mit Annas Klage »All my life has been a series of doors in my face«, um dann eine Parallele zu ihrem großen Glücksfall zu ziehen: »and then suddenly I bump into you«. Kein Klischee von »Soulmates«, »gleichen Gedanken« usw. wird hier ausgelassen, und das hinterhältige dabei ist, dass das große Liebesduett im Nachhinein natürlich eine riesige Schummelnummer ist. Die erste Begegnung von Hans und Anna war höchstwahrscheinlich von ihm arrangiert, und für ihn ist Annas Liebe jene offene Tür, die er rücksichtslos nutzt, um trotz unglücklicher Thronfolge sein eigenes Königreich zu erschleichen. Wenn man den Song daraufhin noch mal genau betrachtet, ist natürlich auch das zu einem kurzen Gag verwandelte Klischee »We finish each other's« --- »Sandwiches!« --- »That's what I was gonna say!« nur ein Beweis dafür, wie hier der Song zum Betrug verwendet wird, und wie blauäugig Anna, einen Großteil ihres Lebens weggeschlossen vom menschlichen Kontakt wie Shakespeares Miranda, sich sofort in das erste gutaussehende Gesicht verliebt. Dies thematisiert Anna sogar schon vor dem Treffen mit Hans im Song For the first Time in Forever, bei dem in disneytypischem heterozentrischen Rollenverhalten ähnlich wie in When will my Life begin? (aus Tangled) das Streben zu einer freundschaftlichen, aber tendentiell asexuellen Ehe bereits die Pubertät bestimmt – selbst, wenn zum anderen Geschlecht (wie in diesen beiden Beispielen) noch nie Kontakt aufgenommen wurde. Dies hängt natürlich mit einem pädagogischen wie kommerziellen »Auftrag« des Konzerns zusammen. Man muss davon ausgehen, dass ein Großteil der Eltern es durchaus begrüßen würde, wenn die Töchter sich in den propagierten Prinzessinnen-Fantasien ergeht (während die Jungen sich am Vorbild der Naturburschen orientieren mögen).

Die große Überraschung des Soundtracks besteht aber in der unterschwelligen Abkehr von diesen Prinzipien.

Bei Annas (aus gutem Grunde) kontaktscheuen Schwester Elsa scheint das Interesse am anderen Geschlecht komplett nichtexistent, ihren großen Selbstfindungssong Let it go könnte man größtenteils auch als Coming-Out-Hymne uminterpretieren. Ihre Gabe, Eis zu erzeugen, wird von der Gesellschaft als Monstrosität betrachtet, sie selbst fürchtet sich davor, und erst in dem Augenblick, als sie mit einem entschlossenen Schritt quasi ihre eigene Tanzfläche kreiert (sowohl im übertragenen Sinn als auch durch das Vereisen des Sees oder ihren »Eispalast«), auf alle Konsequenzen pfeift und ihren eigenen Weg wählt, blüht sie auf – wenn auch als Eisblume. »Couldn't keep it in / Heaven knows I tried« [...] »Be the good girl you always have to be / Conceal, don't feel, don't let them know – Well, now they know!«

Statt dem Rollenverhalten des »good girl« zu entsprechen, entwickelt sich Elsa zunächst zum »bad girl«, doch durch die Versöhnung der Schwestern wird Elsas Entwicklung im Nachhinein als positiv und erstrebenswert dargestellt. Das »Vereisen« als wacklige Analogie zum Schwulsein – man vergleiche auch das Verhalten und die Synchronbesetzung des Schneemanns – wird gar zum Bestandteil der Freizeitaktivitäten des ganzen Volkes – ein veritables Happy End. Ohne es sich mit fundamentalen Christen und dem Großteil der Elternschaft zu verscherzen, kann Disney (oder Kristen Anderson-Lopez) vermutlich nicht direkter in der Aussage werden.

Doch bis zur Versöhnung wird der Weltanschauungs-Konflikt der Schwestern geradezu zelebriert, etwa im »Streit-Duett« For the First Time in Forever (vor allem im »Reprise«), bei dem unterschiedliche Melodien, Stimmungen und Temperamente direkt aufeinandertreffen. Im übertragenen (und überspitzten) Sinn könnte man sogar so weit gehen, zu behaupten, dass Anna den Hang ihrer Schwester zum kalten Element zunächst noch »heilen« möchte (»it's okay, you can just unfreeze it«), während diese später (unabsichtlich) die Schwester einfriert und fast tötet, ehe die (gleichgeschlechtliche, aber asexuelle) Liebe der Schwestern den Konflikt auftaut und die beiden Orientierungen parallel und ansatzweise gleichberechtigt ausgelebt werden.

Nochmal kurz zurück zum Schneemann Olav. Wie er von einem tragisch ironischen Dasein In Summer träumt und dieser Wunsch wider alle Logik und Naturgesetze schließlich auch erfüllt wird (natürlich von Elsa), passt ebenfalls in meine queere Interpretation.

Doch womöglich wollen einige Leser auch etwas über die Musik erfahren. Die zehn Songs, die die erste Hälfte des Soundtracks einnehmen (na gut, zwei davon sind sozusagen doppelt vertreten), überzeugen größtenteils. Während ich den »Konflikt« in For the First Time in Forever durchaus als Stärke des Songs auslege, stört es bei Do you want to build a Snowman? ein wenig, dass im Grunde drei »Mini-Songs«, die chronologisch aufeinander aufbauen (und von unterschiedlichen Sängerinnen dargeboten werden, Katie Lopez als kleine Anna ist hier besonders bezaubernd) durch ein wenig »Score« zusammengehalten werden. Hier leidet der Soundtrack darunter, dass im Film die Geschichte vorangetrieben werden muss. Drei über die Jahre (und den Soundtrack) verteilte Songs von jeweils einer Minute Länge wären hier eine bessere Lösung gewesen. Und vielleicht wäre es ja auch irgendwie möglich gewesen, sich bei der reinen Tonversion etwas vom Film zu entfernen. Aber da müssen wir wohl noch auf das mögliche Musical (natürlich auf Schlittschuhen) warten.

Der sehr traditionelle Opener Frozen Heart offenbart seinen Charme erst nach mehrfachem Hören, Reindeer(s) are better than People ist mehr eine humoristische Fingerübung, aber spätestens Let it Go und das witzige Fixer-Upper (in der Synchro aufgrund der Silbenarmut ein Kraftakt) sind echte Klassiker.

Beim reinen Score-Teil von Christophe Beck fällt es mir schwer, »reinzukommen«, was etwa bei den entsprechenden Passagen in Enchanted besser gelang. Dies liegt aber vermutlich ganz simpel daran, dass hier zwei Komponisten unabhängig voneinander ihren Job erledigten, wo seinerzeit Alan Menken Themen und Melodien immer wieder aufgreifen konnte, was ja – wie ich es auf den Songteil bezogen bereits ausführte – eine klare Stärke darstellt.