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Die Box




29. November 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Coco (Lee Unkrich)


Coco
- Lebendiger als
das Leben
(Lee Unkrich)

USA 2017, Originaltitel: Coco, Co-Director: Adrian Molina, Buch: Adrian Molina, Matthew Aldrich, Schnitt: Steve Bloom, Lee Unkrich, Musik: Michael Giacchino, Songs: Kristen Anderson-Lopez, Robert Lopez, Production Design: Harley Jessup, mit den Originalstimmen von: Anthony Gonzalez (Miguel), Gael García Bernal (Hector), Benjamin Bratt (Ernesto de la Cruz), Alanna Ubach (Mama Imelda), Ana Ofelia Murguía (Mama Coco), Jaime Camil (Papa), Sofía Espinosa (Mama), Selene Luna (Tía Rosita), Renee Victor (Abuelita), Alfonso Arau (Papa Julio), Luis Valdez (Tio Berto), Carla Medina (Tía Victoria), Herbert Siguenza (Tio Oscar / Tio Felipe), Edward James Olmos (Chicharron), Cheech Marin (Corrections Officer), Gabriel Iglesias (Head Clerk), Blanca Araceli (Emcee), Denise Blasor (Ceci), Lombardo Boyar (Mariachi), Octavio Solis (Arrivals Agent), Natalia Cordova-Buckley (Frida Kahlo), John Ratzenberger, Daniella Garcia, 109 Min., Kinostart: 30. November 2017

Die ersten Pixar-Filme drehten sich um Kinderspielzeuge (Tin Toy, Toy Story) und Firlefanz (Knick Knack), ihre (im doppelten Wortsinn) »Figuren« waren oft fabrikneu (Tin Toy, Luxo jr., Buzz Lightyear), winzige Insekten (André and Wally B., A Bug's Life), oder, falls man sich mal mit der noch unausgefeilten Technik an Menschen herantraute, Babys (Tin Toy) oder im Alter variierende Kinder (Toy Story, Monsters, Inc.).

In einer zweiten Phase ging es dann um Elternprobleme (Finding Nemo, The Incredibles), wobei Midlife Crisis und Witwerdasein bereits eine Rolle spielten. Und irgendwann folgten dann, für ein größtenteils aus Kindern bestehendes Zielpublikum schon ungewöhnlich, Figuren, die wortwörtlich zum »alten Eisen« gehören (Wall·E) - oder regelrechte Rentnerfilme (Up, Cars 3).

Da ist es ja nur konsequent, wenn die Titelfigur des neuesten Pixar-Streichs eine demente Ururgroßmutter ist, die, wenn es ihr Gedächtnis noch zulässt, in einer Vergangenheit schwelgt, deren Helden im Film nur in Flashbacks oder als Verstorbene (Skelette!) auftauchen.

Coco (Lee Unkrich)

© 2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Die Pixar-Helden auf der Bettwäsche altern trotz der Sequels eigenartigerweise äußerlich nicht, weder Woody noch Lightning McQueen (siehe auch den Trailer zu The Incredibles 2). Und dass man inmitten einer über Sequels funktionierenden »Merchandise-Verwaltung« einiges an Kreativität eingebüsst hat , lässt auch die Zuschauer nostalgisch werden. Das waren noch Zeiten, als jeder Pixar-Film mindestens eine mittelgroße Revolution war, selbst Cars und A Bug's Life, die am ehesten kritisierten Frühwerke, mag man ja nicht in einem Atemzug mit The Good Dinosaur nennen.

Doch auch, wenn es in Coco um den mexikanischen dia de los muertos geht und der junge, aber schon frustrierte Protagonist eine seltsame Ahnenforschung betreibt: der neue Film von Lee Unkrich (über den undankbaren Status als »Co-Director« hochgearbeitet von Toy Story 2 über Monsters, Inc. und Finding Nemo hin zum ersten echten Regietitel Toy Story 3) ist eine Frischzellenkur und sprüht nur so von Leben.

Coco (Lee Unkrich)

© 2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Zu Beginn des Films wundert man sich darüber, wie offensichtlich zu erwartende »Überraschungen« einem halbwegs aufgeweckten Publikum untergejubelt werden soll, doch selbst das anfänglich klobig wirkende Drehbuch zeigt später, dass man seinem Publikum ein paar Schritte voraus war und es nur in eine falsche Sicherheit wiegen wollte.

Der kleine Miguel hat großes musikalisches Talent, doch nachdem ein Urahn die Familie zurückließ, um in der Branche seine Karriere zu machen, wird jede Spur einer musikalischen Anwandlung in der traditionellen Schuhmacherfamilie rigoros ausgemerzt.

Miguel reist mit einem heruntergekommenen Skelett und dem erstaunlich hässlichen, aber liebenswerten Hund Dante (nicht seinen Solo-Kurzfilm Dante's Lunch: A Short Tail auf youtube verpassen) durch die Welt der Toten, um sich auf die Suche des abspenstigen Musikers zu machen, der die Familie im Stich ließ - und riskiert dabei, sein Leben zu verwirken. Wenn man das jetzt romantisieren wollte, würde man sagen: Aber was ist schon ein Leben ohne Musik?

Im deutlichen Gegensatz zu seiner irdischen Erfahrung ist in der Unterwelt der Schmonzettensänger Ernesto de la Cruz, dessen Songs Miguel immer heimlich nachspielte, ein vielverehrter Megastar, bei dem man fast von einer musikalischen Monarchie reden würde. Ob Miguel jedoch seinen Segen von einem verblichenen Ahn erhalten wird und am liebsten auch noch beim Talentwettbewerb auftreten wird, wird immer unwahrscheinlicher, während er sich langsam in seine Skelett-Version verwandelt.

Coco (Lee Unkrich)

© 2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Wie bei Justice League auf die Eierbecher, legte ich hier mein besonderes Augenmerk auf die Augen der Skelette. Wenn man die an schwarze Pingpongbälle erinnernden, jeden Realismus vermissen lassenden Kugeln betrachtet, wird klar, wie lange man in der preproduction daran gebastelt haben muss, einen akzeptablen Kompromiss zu finden zwischen Ausdrucksstärke, Anatomie und Kindertauglichkeit.

Gleichzeitig fühlte ich mich bei Miguel seltsamerweise an eine einst sehr bekannte US-Zeichentrickfigur erinnert, die heutzutage in Vergangenheit geriet, weil die in seinem Umfeld reichlich strapazierten Mexiko-Klischees heute nicht mehr der polical correctness entsprechen: die spitze Nase, die großen Ohren - Miguel hat schon etwas nagermäßiges. Aber anders als bei Speedy Gonzales werden hier die Angehörigen des Nachbarstaates nicht durch schleichenden Alkoholismus und eine Affinität für ausgiebige Siestas charakterisiert. In Coco geht es um Familienwerte, Traditionen wie harte Arbeit und den wichtigsten mexikanischen Feiertag - man mag fast so weit gehen, trotz einiger prominenter Sprecher mit Migrationshintergrund (Gael García Bernal, Cheech Marin), hier nicht die englische, sondern die spanische Synchronfassung als die schon aufgrund der Authentizität »originale« Fassung einzufordern - was ja dem Disney- (und, in kleinerem Rahmen, Pixar-)Programm der letzten Jahrzehnte entspricht, wo die Diversität der Ethnizitäten immer stärker ausgebaut wird - und das längst nicht mehr nur auf dem Märchen-Level wie in Frozen, sondern in Polynesien, Schottland, New Orleans usw. Wie in Coco aus der mexikanischen Folklore und musikalischen Tradition ein farbenfrohes tönendes Spektakel gemacht wird, ist schon beeindruckend.

Coco (Lee Unkrich)

© 2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Totenkopf aus »Coco«
Totenkopf aus »Coco«
Totenkopf aus »Coco«

Mir persönlich hat hierbei ein gewisses »Suchspiel« gefallen: Wenn man auf Totenköpfe und Gitarren im Design achtet, findet man viele Kombinationen der visuellen Kernreize der Geschichte: Gitarrenhälse, die wie crossbones angeordnet sind, Gitarren, die auf dem Kopf plötzlich die Gestalt von Totenköpfen haben (ein Plakatanschlag) und vieles mehr. Zwar ohne Gitarreneinschlag, aber umso hübscher, sind auch die architektonischen Details in der »Stadt der Toten«, wo erstaunlich viele Häuserfronten wie bunte Schädel wirken. Da lohnen sich Pausentaste und HD-Plasmabildschirm!

Die einzige Pixar-Tradition, die hier leider zu Grabe getragen wird, ist übrigens jene des bisher unumgänglichen Pixar-Kurzfilms, der auch in Form junger Talente, die erstmals eine Idee bis zur Vollendung bringen dürfen, jeweils frisches Blut in die eingespielte und routinierte Pixar-Maschinerie pumpte. Diesmal nutzt Mutterbetrieb Disney Coco, um pünktlich zu Weihnachten das erfolgreichste aller »Pack ein Bild drauf, dann verkauft sich das von alleine«-Produkte, also Frozen, den Traum aller Möchtegern-Prinzessinnen, in Erinnerung zu halten. Ob dieses Weihnachtsspecial, das zusammen mit dem nicht eben kurzen Coco die kleinen Zuschauer an Aufmerksamkeitsspanne fordert wie sonst nur Harry Potter, sich mit der Pixar-Qualität messen kann, kann ich nicht beurteilen (wie schon der erste Frozen-Kurzfilm vor Cinderella wurde das Werk der Presse vorenthalten), aber ich habe mitbekommen, dass die Unterscheidung zwischen Pixar und Disney, die spätestens seit Planes (Pixar-Welt, aber Disney-Film) zunehmend verschwimmt (mag auch damit zusammenhängen, dass der bekannteste Pixar-Kreative, John Lasseter, seit Jahren im Chefsessel bei Disney sitzt) und dieser Regelbruch gar nicht mehr als ein solcher wahrgenommen wird. Wehret den Anfängen! Ich will meinen Pixar-Vorfilm!