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Die Box




8. Februar 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Den Sternen so nah (Peter Chelsom)


Den Sternen so nah
(Peter Chelsom)

Originaltitel: The Space between us, USA 2017, Buch: Allan Loeb, Kamera: Barry Peterson, Schnitt: David Moritz, Musik: Andrew Lockington, Kostüme: Christopher Lawrence, Production Design: Kirk M. Petruccelli, Art Direction: Domenic Silvestri, Set Decoration: Jessica Anderson, mit Asa Butterfield (Gardner Elliot), Britt Robertson (Tulsa), Gary Oldman (Nathaniel Shepherd), Carla Gugino (Kendra Wyndham), BD Wong (Genesis Director Tom Chen), Janet Montgomery (Sarah Elliott), Peter Chelsom (Voice of Centaur), Colin Egglesfield (Man in Beachhouse), Cesar Miramontes, Jody Deats (Themselves), 121 Min., Kinostart: 9. Februar 2017

Ein kleines Detail vorweg: Zur Pressevorführung von Collateral Beauty bin ich trotz Keira-Knightley-Allergie u.a. deshalb gegangen, weil mich das Drehbuch von Allan Loeb zu diesem Film so positiv überraschte. Ich mag an Teenager-Romanzen lieber die sperrigen Indie-Komödien als die Mainstream-Variante, wo es um die große Liebe geht, und gäbe es bei The Space between us (wieder mal ein deutlich schönerer Titel als die deutsche Entsprechung, die mehr auf Romantik abzielt) nicht den SciFi-Aspekt, hätte ich mich darauf vermutlich nicht eingelassen.

Aber hin und wieder lohnt es sich auch mal, etwas zu riskieren.

Das größte Problem des »Prologs« dieses Films ist, dass das Zielpublikum eine LoveStory zwischen einem 16jährigen und einer 17jährigen erwartet - aber zu Beginn des Films weiß die Mutter des später 16jährigen noch nicht einmal, dass sie schwanger ist, als sie sich auf einen Raumflug zum Mars einlässt. Wie hier die außergewöhnliche Situation des Gardner Elliott schnell, prägnant und zielgerichtet vorbereitet wird, ist schon ziemlich gelungen. Seine Mutter Sarah wird die Geburt nicht überleben, was für manchen uneingeweihten Zuschauer ein gewisser Dämpfer sein könnte, und Gary Oldman als Chef und Antrieb des Raumfahrtprogramms ist die einzige Figur, die zu Beginn des Films eine Rolle spielt und später wieder auftauchen wird.

Den Sternen so nah (Peter Chelsom)

© Tobis Film GmbH

Dass anfänglich vor allem diskutiert wird, inwiefern die »Komplikation« an Bord (also die Schwangerschaft und alles, was sie mit sich bringen könnte) die Finanzierung des Raumprogramms torpedieren könnte, wobei man jenen etwas seltsamen Nathaniel Shepherd (Oldman) etwas besser kennenlernt (auch sein sehr persönliches Interesse an der Raumfahrt), verleiht schon diesem Prolog aus der Generation vor unseren Hauptfiguren eine Spannung, auf die man hier geschickt aufbaut.

Bei der eigentlichen Lovestory indes legt man Wert darauf, die beiden Teenager, die sich übers Internet kennenlernen, als ganz normal vorzustellen. Auch und gerade im Kontrast zu Gardners »Alltag« auf dem Mars, mit seiner »Ersatzmutter« (Carla Gugino), der weitaus geringeren Schwerkraft und dem vom Regisseur gesprochenen Roboter »Centaur« (»I'm your best friend!« - »You're a machine with rudimentary intelligance!«). Seiner Chatpartnerin Tulsa erzählt Gardner, dass er in einem Penthouse auf der Park Avenue wohnt, dass er wegen einer Krankheit nicht verlassen darf.

Den Sternen so nah (Peter Chelsom)

© Tobis Film GmbH

Asa Butterfield, der junge Star von Filmen wie The Boy in the Striped Pajamas, Hugo oder Ender's Game, wirkte schon immer etwas eigentümlich, als in alltäglichen Belangen unbeleckter Sonderling mit marsianischem Migrationshintergrund ist er hier perfekt besetzt. Und auch die Chemie mit Britt Robertson (Tomorrowland, Under the Dome), einer Mittzwanzigerin, der man den Teenie aber ohne Probleme abnimmt, funktioniert.

Zunächst hakt es ein wenig beim ersten Kennenlernen, denn durch den Flug zur Erde hatte sich der Online-Schwarm mehrere Monate lang nicht gemeldet, aber dann verquickt der Film hübsch seine beiden Handlungsstränge: die junge Liebe und Gardners Suche nach seinem Vater, den er nur von einem Bild aus dem Nachlass seiner Mutter kennt.

Dadurch fällt auch nicht so stark auf, wie dick aufgetragen hier manches wirkt, beispielsweise die Analogie zu Der Himmel über Berlin, den sich jetzt vielleicht einige Teens anschauen werden, weil er ja ebenfalls die Geschichte eines »auf die Erde gefallenen« (Bruno Ganz als Engel) erzählt, der sich in eine Erdenbewohnerin verliebt. Durch die gemeinsame Suche, den Road-Movie-Teil mit Verfolgung durch Gardners Aufpasser, die dann auch noch erfahren, dass sein Körper mit den Erdbedingungen nicht fertig werden wird, wirkt der Film wie eine Mischung aus E.T. - The Extraterrestrial (man beachte auch den Nachnamen Elliott) und Romeo & Juliet. Possibly with a happy ending ...

Den Sternen so nah (Peter Chelsom)

© Tobis Film GmbH

Der publikumswirksame Twist des Film besteht ja darin, dass er sowohl SciFi-interessierte Jungs anspricht (hat ja selbst bei mir funktioniert) als auch die eher auf die romantischen Aspekte ansprechenden Mädchen. Und wie er die beiden Zuschauergruppen so zusammenbringt wie das Pärchen im Film, das funktioniert vorzüglich. Seit The Big Bang Theory (Gardner erinnert manchmal durchaus an Sheldon Cooper) entwickelt sich dieses einst abwegige Mash-up immer mehr zu einem Selbstgänger im Mainstream-Kino. Man denke nur an die Lovestorys mit jungen Protagonisten, die in letzter Zeit so das Kassenhäuschen zum Klingen brachten. Es ist sicher kein Zufall, dass Fantasy (Paradebeispiel Twilight) und Science Fiction (Paradebeispiel The Hunger Games) dort so eine große Rolle spielten.

Der sense of wonder, den Gardner verspürt, wenn er die Erde kennenlernt, geht auf den Zuschauer über, vor allem vermengt man auch hier »romantisches« mit alltäglichem. Für Gardner ist alles superspannend, und als Zuschauer merkt man gar nicht, dass zwischen einem Hamburger, einem Naturphänomen und einer Actionsequenz durchaus Unterschiede bestehen. Der Film ist mitreißend, anders kann man es nicht sagen. Auch wenn die Balance zwischen den Gardner-Szenen und den Shepherd-Szenen eine Unwucht hat, weil man sich für den Verfolger eigentlich nicht mehr so recht interessiert.

Den Sternen so nah (Peter Chelsom)

© Tobis Film GmbH

Nur so im letzten Viertel des Films zerfranst es das Drehbuch. Immer mehr wirkt an den Haaren herbeigezogen, wie in Collateral Beauty hat Loeb hier noch eine Überraschung in der Tasche, auf die er aber erneut zu sehr vorbereitet hat. Und dann wird auch der romantische Aspekt immer mehr ausgewalzt. Auf Sprüche wie »Do you know why you're sick? Your heart is too big!« hätte man ohne weiteres verzichten können. Immerhin funktioniert dann das Ende ganz gut und auch die ultimative Referenz an Der Himmel über Berlin entschuldigt für einiges zuvor.

In Konkurrenz mit anderen Teenie-Romanzen gehört The Space between us durchaus zu den besseren Versuchen, und Regisseur Peter Chelsom, dessen Funny Bones ich liebte, während sein Hannah Montana - The Movie mir unerträglich erschien, hat jetzt wieder Kredit bei mir (klingt seltsam, aber man versteht, was ich meine).