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Die Box




21. Mai 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


  A World Beyond (Brad Bird)


A World Beyond
(Brad Bird)

Originaltitel: Tomorrowland, USA 2015, USA 2015, Buch: Brad Bird, Damon Lindelof, Kamera: Claudio Miranda, Schnitt: Walter Murch, Craig Wood, Musik: Michael Giacchino, mit Britt Robertson (Casey Newton), Raffey Cassidy (Athena), George Clooney (Frank Walker), Hugh Laurie (David Nix), Thomas Robinson (Young Frank Walker), Chris Bauer (Pa), Keegan-Michael Key (Hugo), Kathryn Hahn (Ursula), Pierce Gagnon (Nate Newton), Judy Greer (Jenny Newton), 130 Min., Kinostart: 21. Mai 2015

Nach Pirates of the Caribbean und The Haunted Mansion ist Tomorrowland schon die dritte Attraktion eines Disney-Vergnügungsparks, aus der man einfach mal einen Film bastelt, um die Reklamesynergien auszubauen (in Europe hat man nur dummerweise nicht die Rechte am Markennamen, was den eigentümlichen Titel hierzulande erklärt). Und auch wenn sich Brad Bird (The Incredibles, Ratatouille, aber auch Mission Impossible: Phantom Protocol) und der bei Kinofilmen durchweg nur als Ko-Autor auftretende Damon Lindelof beim Drehbuch reichlich Mühe gegeben haben, um den Film auf nicht allzu aufdringliche Weise direkt in das real existierende Disney-Universum einzubauen, und dabei quasi eine Mixtur aus Terminator und Back to the Future (jeweils vor allem Teil 2) schufen, die aber ein 8-12jähriges Publikum nicht verstört, so dürfte das Spiel mit der extremen Geheimhaltung und dem neugierig machenden Teaser, das J.J. Abrams wie kein zweiter beherrscht, hier trotz Superstar George Clooney gewisse Probleme an der Kinokasse haben, denn das (zumindest anfängliche) high concept storytelling und die extreme Kinderkompatibilität beißen sich irgendwie. Tomorrowland wirkt wie ein Spielberg-Disney-Film, bei dem aber nicht einmal die obligatorische hochemotionale »Abschiedsszene« funktioniert, weil man als Zuschauer keine wirkliche Bindung zu den Figuren aufbauen kann, weil man einerseits darauf hofft, dass die unnötig kompliziert erzählte Geschichte irgendwann einen unerwarteten Twist entwickelt und andererseits (zumindest, wenn man 13 oder älter ist) genervt wird von den allzu kulleräugigen Kinderdarstellern inmitten eines Weltuntergangsszenarios, das man nie ernst nehmen kann. Nicht nur, weil der ganze Film wie ein quasi-religiöser Kampf zwischen Optimismus und Pessimismus aufgebaut ist, sondern vor allem, weil man reichlich schnell das kinderfreundliche Handlungsprinzip erkennt, dass selbst in Disney-Animationsfilmen längst nicht mehr so konsequent durchgespielt wird: Zu Schaden kommen hier ausschließlich Roboter. Und, aus irgendwelchen Gründen, Polizisten!

A World Beyond (Brad Bird)

Bildmaterial © Walt Disney Studios

Ich schaue gerade die gerade abgeschlossene in den 1960ern spielende Fernsehserie Mad Men, in der es nicht nur eine Episode namens Tomorrowland gibt, sondern auch beim Anzeigen-Auftrag für das Erfrischungsgetränk »Sno Ball« erklärt wird, dass Kinder bestimmte Personen nicht mögen (in der vorgeschlagenen Kampagne bekommen sie alle einen Schneeball ins Gesicht), darunter (in no particular order) amerikanische Ureinwohner, Schweine (streng genommen keine Personen) und Polizisten.

A World Beyond (Brad Bird)

Bildmaterial © Walt Disney Studios

Wohlgemerkt, es geht hier (im Film Tomorrowland) nicht um Demonstranten niederprügelnde Brutalos, sondern um brave »Freunde und Helfer«, die beispielsweise auftauchen, wenn ein Retro-Sci-Fi-Shop durch mysteriöse Umstande in einen Kriegsschauplatz verwandelt wird. Da tauchen neben einigen Polizisten auch aus der Zukunft stammende Androiden in perfekt sitzenden Anzügen auf (wie eine Mischung aus den Men in Black und Mr. Smith aus der Matrix-Trilogie). Und weil das eingeschränkte und bis auf George Clooney minderjährige Ensemble von Heldenfiguren in gefährliche Situationen versetzt werden muss, demonstriert man die Gefahr der Roboter bevorzugt durch das rücksichtslose Pulverisieren von Polizisten mit Strahlenpistolen. Im direkten Kontakt mit den Hauptfiguren sind diese Roboter indes immer nur so gefährlich, wie das Drehbuch es zulässt. Und das ist ganz auf Kinderfilm kalibriert, farbenfroh zuckersüß und konsequenzfrei.

A World Beyond (Brad Bird)

Bildmaterial © Walt Disney Studios

Gleich zu Beginn sieht man ein vermeintlich technisches Wunderkind bei der New York World's Fair 1964 (bei der der Disneykonzern sich nicht nur in diesem Film sondern auch damals tatsächlich reichlich ins Scheinwerferlicht drängte), der dort in der »Hall of Inventions« seinen selbstgebastelten »Jet-Pack« vorführen möchte. Das heißt, auf die Frage hin, ob man damit fliegen könne, erzählt er (mit Rückblende visualisiert), wie die bisherigen Startversuche nur dazu führten, dass er auf innovative Weise beinahe einen Acker durchpflügt. Zugegeben, diese Szene mit den Startschwierigkeiten gibt es auch in The Rocketeer (Comic wie Film), aber in Tomorrowland sieht man diese Szene in Variationen immer wieder – und es fiel mir irgendwie schwer, das beim dritten oder vierten Mal noch amüsant zu finden. Insbesondere, weil rasante Flugpassagen und Stürze, genau wie der Kampf mit Robotern und Strahlenpistolen nie eine wirkliche Gefahr darstellen. Das geht sogar so weit, dass eine der Filmfiguren willentlich herbeiführt, dass zwei der Protagonisten von einer Schar schießwütiger Androiden angegriffen werden. Weil das zur »Motivation« der Figuren notwendig war! (nicht die Ausrede der Drehbuchautoren, sondern tatsächlich eine Dialogzeile).

A World Beyond (Brad Bird)

Bildmaterial © Walt Disney Studios

Für jede großartige Drehbuchidee (das Abenteuer beginnt an einer Stelle tatsächlich in einem Disney-Fahrgeschäft) gibt es hier idiotische logikresistente Passagen, vieles wird vorsichtshalber lieber nicht genau erklärt (liegt das »Tomorrowland« jetzt eigentlich in der Zukunft oder wie hängt das vermeintliche Paralleluniversum mit der restlichen Welt zusammen? Und warum ist Hugh Laurie kaum gealtert? Stellt sich dann in einem möglichen Sequel heraus, dass er auch ein Androide ist?

Für Kids ist der Film sicher toll (wenn auch einige Passagen sehr aufregend sind), aber ich habe irgendwie Zweifel daran, dass Kinder (oder Familien) konkret von der Existenz des Films erfahren (oder hofft man etwa auf die Mundpropaganda?). Und wenn man schon etwas reifer ist, sich über Rülps-Witze nicht mehr totlacht und auch nicht in der Retro-Zukunftsdesign-Nostalgie stecken bleibt oder sich darüber freut, mal wieder zwei Songklassiker der Sherman-Brothers zu vernehmen, dann ist Tomorrowland irgendwie eine arge Enttäuschung. Denn ich habe bis zuletzt gehofft, dass am Schluss noch ein Twist folgt, der dem ganzen Vehikel irgendwie eine Existenzberechtigung verschafft. Das Beste am Film ist irgendwie auch das Schlechteste, die Schlusssequenz. Denn nach dem ewigen Endkampf zwischen Optimismus und Pessimismus gewinnt – wer hätte es gedacht? – natürlich der naive Zukunftsglaube, und das wird einerseits unglaublich platt und einfallslos visualisiert durch unser aller Zukunftshoffnung, die Kinder (also eine Jubel-Trubel-Disney-Botschaft, die einem wie ein Neunzoll-Nagel ins Fleisch getrieben wird). Aber wenn man den Film sieht und immun ist gegen die bonbonfarbene Botschaft, dann wirken die Kids am Schluss irgendwie wie gehirngewaschene Disney-Konsumentenzombies und irgendwie hat der Pessimismus dann doch (mit einigem Recht) gewonnen.

A World Beyond (Brad Bird)

Bildmaterial © Walt Disney Studios

Als vorletzten Gedanken möchte ich an dieser Stelle noch mal ins Gedächtnis rufen, dass jener Konzern, der uns hier mit seiner lebensbejahenden Botschaft indoktriniert, derselbe ist, der seit der Age of Ultron Kinobesitzer mit Knebelverträgen schröpft, die dann doch eher an jene bösen Mächte erinnern, die man aus dystopischen Sci-Fi-Filmen kennt (Terminator und Matrix wurden ja schon erwähnt).

Für mich bedeutet Optimismus, dass dieser Film übelst abschmiert an der Kinokasse. Weil er als Film nicht besonders gut funktioniert, das Marketing nur innerhalb des Films clever durchdacht scheint und die sich nach und nach alles (Pixar, Muppets, Marvel, Star Wars) einverleibende Marke Disney längst nicht mehr soviel Jubelstimmung verbreitet wie vor einem halben Jahrhundert.