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Die Box




25. Januar 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


Cinemania-Logo 158:
US-amerikanische Geschichte(n)


Normalerweise hatten wir mal innerbetrieblich ein Mindestmaß an vier Filmen für das Cinemania vereinbart, aber da aktuell drei Filme »abgearbeitet« werden müssen und eine aktuelle Buchrezension auch thematisch irgendwie dazupasst, machen wir mal ein Ausnahme in der anstrengenden Vor-Berlinale-Zeit.


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  Jackie (Pablo Lorraín)



Jackie: Die First Lady
(Pablo Lorraín)

Originaltitel: Jackie, USA 2016, Buch: Noah Oppenheim, Kamera: Stephane Fontaine, Schnitt: Sebastian Sepulveda, Musik: Mika Levi, Kostüme: Madeline Fontaine, Ausstattung: Jean Rabasse, mit Natalie Portman (Jacqueline Kennedy), Peter Sarsgaard (Robert Kennedy), Billy Crudup (Journalist), John Hurt (Priester), Greta Gerwig (Nancy Tuckerman), John Carroll Lynch (Lyndon B. Johnson), Max Casella (Jack Valenti), Richard E. Grant (William Walton), Caspar Phillipson (John F. Kennedy), 100 Min., Kinostart: 26. Januar 2017

Das Großartigste an Jackie ist das Plakat. Natalie Portman in einem ikonischen, sofort die 60er Jahre evozierenden Kostüm, im symbolkräftigen Blutrot, mit darauf abgestimmten Hintergrund, und darüber die kraftvolle aber feminine Signatur des Filmtitels, die die Protagonistin zu umarmen scheint und dadurch die Synthese zwischen Darstellerin und Dargestellter zu zementieren scheint.

Mit dem Eindruck, den dieses Bild auf mich machte, konnte der eigentliche Film leider nicht ganz mithalten.

Ich gehe davon aus, dass der sprachliche Duktus, die akzentuierte Stimmlage von Frau Portman Millionen von US-Bürgern sehr vertraut erscheinen wird, ich persönlich bin dann doch nicht so alt, dass ich mit der von ihr dargestellten historischen Figur ausreichend vertraut bin, um hier einzusteigen (das funktionierte beispielsweise bei Philip Seymour Hoffman als Capote, Cate Blanchett als Katherine Hepburn oder selbst bei Saul Rubinek als Henry Kissinger besser).

Jackie erzählt von den ersten Tagen Jacqueline Kennedys nach dem Attentat an ihrem Gatten, als ihre gesamte Welt aus den Angeln gerissen wird, wobei der baldige Zwangsauszug aus dem Weißen Haus (John Carroll Lynch als Nicht-mehr-Vize Lyndon B. Johnson wird quasi vereidigt, als JFKs Körper noch nicht ganz kalt ist) fast so traumatisch wirkt wie der Moment, als die Kugel Lee Harvey Oswalds einen knappen Meter entfernt von ihr in den Schädel ihres Mannes einschlug (ein Moment, vor dem der Film nicht zurückscheut, obwohl er die Stimmung nachdrücklich prägt).

Über ein Interview mit einem namenlosen Journalisten (Billy Crudup) bringt der Film eine gewisse Flashbackstruktur ins Rennen, für die der Film in Venedig mit dem Drehbuch-Preis ausgezeichnet wurde (Neruda, ein noch politischeres Biopic des chilenischen Regisseurs Pablo Lorraín, lief übrigens in der selben Saison in Cannes und kommt schon vier Wochen später in die deutschen Kinos). Wie unwichtig das eigentliche Interview aber für den Film ist, erkennt man schon daran, wie rigide diese Begegnung fast durchgängig im konventionellen Schuss/Gegenschuss-Muster aufgelöst wird, wo man sich für viele der Flashback-Momente (Die Flucht von der Elm Street, Momente vor dem Kosmetikspiegel, Autofahrten neben Jacks Sarg, ein Tanzabend an der Seite des Gatten oder eine TV-Führung durchs Weiße Haus, die die Nation begeisterte) deutlich mehr Mühe gab, diese in der Erinnerung des Publikums zu verankern. Was ich schade finde, denn das fast intime Gegenüber, das einem auch viel über die charakterlichen Stärken der Titelheldin verrät, hat - ungeachtet einer vermutlich rein fiktiven Basis - durchaus das Zeug, im emotionalen Zentrum des Films zu stehen. Stattdessen ist es die Figur Jackie selbst (und Portmans oscarverdächtige Darstellung), die den Film zusammenhält. Ich bin nur leider jemand, der sich durch eine stimmige Struktur mehr verzaubern lässt als durch akzentuierte, aber irgendwie vignettenhafte Schauspielkunst. Wodurch ich mich aber auch vom Gros der Kinogänger unterscheide.

Apropos Schauspiel: neben Crudup, einer im Hintergrund agierenden Greta Gerwig und John Hurt als religiösen Beistand stellt man Frau Portman Peter Sarsgaard als ihren Schwager Bobby Kennedy zur Seite. Ohne Frage eine ikonische Figur der US-amerikanischen Geschichte, und Peter Sarsgaard ist eigentlich immer einen Kinobesuch wert (dem Presseheft entnahm ich, dass er einen seiner ersten Kinoauftritte als »Killer« in Boys don't Cry hatte - ein Film, der mich damals buchstäblich vom Hocker riss, aber ich konnte mit dem Namen des Darstellers noch nichts anfangen). Aber meiner bescheidenen Meinung nach stört hier die irgendwie lächerlich wirkende Frisur, die man Sarsgaard zur Anpassung an JFKs kleinen Bruder andrehte, das Filmvergnügen ähnlich stark wie die ganz auf überdeutliche Akzentuierung angelegte Filmmusik.

Man mag es mir verzeihen, aber auf mich wirkte der Film oft wie ein (ambitioniertes) Fernseh-Biopic mit Starbesetzung. Mir fehlte irgendwie der Funken, der das Ganze für mich als »Film« (gerade angesichts des aufgebauschten Themas) qualifiziert hätte. Eine gewisse Geschlossenheit, die über die nachempfundene Momentaufnahme hinausgeht. Ich muss auch zugeben, dass mir die Funktionen von Hurt und Gerwig für die Geschichte nicht wirklich klar wurden. Mit weniger bekannten Darstellern und dafür vielleicht anderthalb bedeutsamen Blickwechseln mehr hätten mir diese Figuren irgendwie mehr gebracht. So wie es jetzt ist wirkte das auf mich wie ein publikumswirksamer Starauftritt (Gerwig) bzw. eine Drehbuchkonzession an ein typisches (also gläubiges) US-Publikum. Aber vielleicht ist das auch ein ganz persönliches Problem: Ich musste bei John Hurt, den ich schon vor Jahrzehnten als Kane (Alien), John Merrick oder Winston Smith kennenlernte, bei den Park-Gesprächen mit der Präsidentenwitwe immer an Hellboy denken.


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  Verborgene Schönheit (David Frankel)



Verborgene Schönheit
(David Frankel)

Originaltitel: Collateral Beauty, USA 2016, Buch: Allan Loeb, Kamera: Maryse Alberti, Schnitt: Andrew Marcus, Musik: Theodore Shapiro, Kostüme: Leah Katznelson, mit Will Smith (Howard), Edward Norton (Whit), Kate Winslet (Claire), Michael Peña (Simon), Helen Mirren (Brigitte / »Death«), Naomie Harris (Madeleine), Keira Knightley (Amy / »Love«), Jacob Latimore (Raffi / »Time«), Ann Dowd (Sally Price), Shirley Rumierk (Simon's Wife), Alyssa Cheatham (Olivia), Mary Beth Peil (Whit's Mother), 97 Min., Kinostart: 19. Januar 2017

Hinweis: Diese Rezension bezieht sich konkret auf einen Aspekt des Films, der als »Überraschung« aufgebaut ist - aber dabei leider IMHO vieles vermurkst. Die andere »Überraschung« des Films (die mich aber auch nicht wirklich überraschte, weil die Hinweise zu deutlich waren) plaudere ich indes nicht heraus. Enter at your own risk!

Als Howard (Will Smith), der Chef einer gut laufenden Werbeagentur, mit dem Tod seiner kleinen Tochter konfrontiert wird, kriegt er nicht nur sein Privatleben nicht mehr in den Griff, auch die Agentur leidet unter seiner Apathie, wenn er beispielsweise wochenlang im Büro Gebilde aus Dominosteinen bastelt, die dann wie am Schnürchen so zusammenstürzen wie sein vormals so perfektes Leben.

Seine Freunde und Angestellten (gespielt von Edward Norton, Kate Winslet und Michael Peña, ihre Rollennamen verkomplizieren die Dinge hier nur unnötig) schließen sich zusammen und wollen ihm (und der Agentur) »helfen«, selbst wenn das bedeutet, dass sie ihn für unzurechnungsfähig erklären müssen, damit wichtige Entscheidung auch ohne ihn gefällt werden können. Ich muss sagen, diese als philanthropisch verkaufte Verschwörung war mir beim Betrachten des Films sehr suspekt und gehört zu den kleineren Problemen der Geschichte. Man engagiert eine Privatdetektivin (Ann Dowd), die als erstes Briefe abfängt, die Howard an »Death«, »Love« und »Time« schrieb, also abstrakte Konzepte, die er wie Personen anspricht.

Woraufhin unsere drei »Helfer« ein kleines Theater (das »Hegel Theatre«!) aufsuchen und dort auf drei passenderweise unterbeschäftigte Schauspieler stoßen, die nun diese Rollen spielen sollen, Howard entweder therapieren oder (Plan B) bei Gesprächen mit Howard aufgezeichnet werden soll (einige Passanten werden darauf angesetzt, so zu tun, als existieren Howards Gesprächpartner gar nicht), um dann später die Schauspieler herauszueditieren und den im Straßenalltag mit »Unsichtbaren« diskutierenden Firmenchef abzusetzen (klingt das noch nach einer Freundschaftsgeste???).

Ich will jetzt mal gar nicht detailliert darauf eingehen, dass selbst hochmoderne teure Hollywood-Magier so ihre Probleme damit hätten, Personen aus einer Filmaufnahme verschwinden zu lassen, wen sie aus der Kameraperspektive Howard teilweise sogar verdecken. Wenn man über solche Dinge oder die Rolle der Privatdetektivin nach dem Film zu lange nachdenkt, wird der Film dadurch leider nicht besser.

Wie Drehbuchautor Allan Loeb (21, demnächst geringfügig gelungener The Space between us) sich das so ausgedengelt hat, geht es äußerst deutlich um Schicksalsfragen, Einbahnstraßen (das Achten auf Straßenschilder war für mich der größte Spaß des ganzen Films) und eben personifizierte / anthropomorphisierte Abstrakte, die dann auch hübsch säuberlich jeweils mit einem der drei »Helfer« gepaart werden, dass Kate Winslet mit der »Zeit« (Jacob Latimore) ihren verspäteten Babywunsch diskutieren kann, Edward Norton sich erst in die »Liebe« (Keira Knightley) verschauen kann, dann aber hilfreiche Tips zur Beziehung mit seiner Tochter bekommt. Und Michael Peña braucht der zeitweise im »Grateful Dead«-Tieschört herumlaufenden Helen Mirren nicht über seine schwere Krankheit vormachen.

Während der vermeintliche Hauptdarsteller Will Smith eine schwer in Gang kommende Lovestory mit der Initiatorin einer Selbsthilfegruppe zugeschustert bekommt, zerfasert der Film ein wenig in seiner gutgemeinten Therapietätigkeit an mindestens vier Fronten, der unter anderem beim durchstrukturierten Laboraufbau die notwendige Emotionalität abhanden geht.

Eines der größten Probleme des Films ist es, dass man für den Trailer das Detail, dass Helen Mirren nicht der Tod ist, sondern erst mal eine Schauspielerin, komplett ausgespart hat (die Story war auch so schon kompliziert genug). Dadurch nehmen Zuschauer, die zuerst den Trailer sahen, die ganze Schauspielerkiste vielleicht nicht ganz so ernst. Und wenn dann ausgerechnet dieser Aspekt der Geschichte etwas ambivalent dargestellt wird, achtet man natürlich auf solche Hinweise.

Ich komme zu einem kleinen Abschweifer. Den Tod, die Zeit, die Liebe und dergleichen als Person oder sogar Gottheit darzustellen, ist ja jetzt keine neue Idee. Als Comicfan denkt man jetzt sogleich an Neil Gaiman und seinen Sandman, wo eine ganze Familie der »Endless« für Dream, Death, Desire, Destiny usw. steht.

Besonders populär wurde dabei die wie ein 16jähriges (und sehr attraktives) Goth-Girl auftretende Schwester des Sandman »Dream«, »Death«, die nach einer tollen Aids-Broschüre (Death talks about Life) recht schnell eine eigene Comic-Miniserie bekam (Death: The High Cost of Living). Der narrative Clou hierbei war vor allem für die zweieinhalb neuen Leser, die nie einen Sandman-Comic in Händen hielten, dass die lebensmüde männliche Hauptfigur justamente auf ein süßes Goth Girl trifft, das zwar behauptet »Death« zu sein, aber dummerweise gerade an diesem Tag - wie jedes Jahrhundert einmal - wie eine normale Sterbliche auftritt. Selbst, wenn man um diese beiden Umstände weiß, lebt die Handlung von dieser Ambivalenz, weil man eben die Story (auch) aus der Sicht des verwirrten Jungen Herren sieht, der gerade den Freitod suchte und womöglich noch etwas hat, wofür es sich lohnt zu leben.

Es ist denkbar, dass Allan Loeb auf seine Drehbuchidee kam, ohne je etwas von Neil Gaiman gehört zu haben. Aber leider wirkt Collateral Beauty wie die Rosamunde-Pilcher-Version einer Neil-Gaiman-Geschichte. Weil ich Neil Gaiman mag (und Edward Norton, Helen Mirren und so), fand ich durchaus Anknüpfungspunkte an den Film. Man verdrängt das Poesie-Album-Geschwafel und achtet darauf, wann man an welcher Kreuzung wie abbiegen kann (oder eben nicht) - und ich ertrug sogar meinen ersten Keira-Knightley-Kinobesuch seit Pirates of the Caribbean 2.

Dummerweise versteht Allan Loeb aber eher wenig vom Zauber der Ambivalenz und versieht seine Geschichte mit einem deutlichen Hinweis darauf, ob Helen Mirren jetzt nur ein cute chick in dark clothing ist oder die freundliche Sensenmännin aus der Nachbarschaft. Was vermutlich einem Großteil des Publikums trotz des Überraschungseffekts (kaum der Rede wert) den Film eher entfremden wird.

Und selbst jemand wie ich, der sich öfters mal vom geplanten emotional impact eines Films abkehrt, ohne den Streifen deshalb schlecht zu finden, kann hiermit nicht wirklich warm werden, weil die eigentliche Idee nicht wirklich neu ist (und zu Weihnachtsgeschichten von Charles Dickens und Frank Capra habe ich mich noch gar nicht ausgelassen) oder besonders innovativ erzählt wird - und es nebenbei lauter kleine dumme Fehler gibt, die 98% der Zuschauer gar nicht auffallen, mich aber ärgern (z.B. die allzu perfekte Kameraführung bei einem home video von Howards Tochter).

Trotzdem ist der Film immerhin interessant. Als Donaldist wohne ich ja sehr gerne dem Scheitern bei - und in der Hinsicht ist das schon ganz großes Tennis mit einem blinden Linienrichter und einem Balljungen, der sich den Arm bricht.


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  Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen (Theodore Melfi)



Hidden Figures
Unerkannte Heldinnen
(Theodore Melfi)

Originaltitel: Hidden Figures, USA 2016, Buch: Allison Schroeder, Theodore Melfi, Buchvorlage: Margot Lee Shetterly, Kamera: Mandy Walker, Schnitt: Peter Teschner, Musik: Hans Zimmer, Pharrell Williams, Benjamin Wallfisch, mit Taraji P. Henson (Katherine G. Johnson), Octavia Spencer (Dorothy Vaughan), Janelle Monáe (Mary Jackson), Kevin Costner (Al Harrison), Mahershala Ali (Colonel Jim Johnson), Kirsten Dunst (Vivian Mitchell), Jim Parsons (Paul Stafford), Aldis Hodge (Levi Jackson), Glen Powell (John Glenn), Kimberly Quinn (Ruth), Olek Krupa (Karl Zielinski), Kurt Krause (Sam Turner), Lidya Jewett (Young Katherine Coleman), 127 Min., Kinostart: 2. Februar 2017

Dieser gar nicht mal komplett misslungene Film hat den Nachteil, dass der historisch verbürgte Kampf seiner schwarzen Heldinnen um Gleichberechtigung hier ähnlich wie in der Bestseller-Verfilmung The Help so dargestellt wird, als wäre er ohne tatkräftige Unterstützung einiger Weißer gar nicht möglich gewesen, was dem Ganzen gleich einen bitteren Beigeschmack nach Kolonialisierung und Entwicklungshilfe verleiht.

Natürlich dürfen nicht nur die Mitglieder bestimmter Minderheiten den Kampf dieser Gruppen schildern, aber in anderen Fällen schaut man halt eine Spur genauer drauf - und wenn man wie hier vorrangig das Gefühl hat, dass eine irgendwie zu Herzen gehende Geschichte in ein lukratives Filmprojekt umgesetzt wird, klingeln alle Alarmglocken.

Die »unerkannten Heldinnen« (komplett idiotische Eindeutschung, Hidden Figures hat im Gegensatz hierzu tolle Doppelbedeutungen - weibliche Formen, Zahlenkolonnen; Und »unerkannt« hat auch nicht diese Täterdefinition von »hidden«) dieses Films sind begabte weibliche und schwarze Mathematikerinnen, die in einer Phase der NASA deutlich zum Erfolg beitrugen, deren Rolle aber lange Zeit marginalisiert bis totgeschwiegen wurde, weil man sich seinerzeit halt rocket scientists vorgestellt hat wie ihre heldenhaften Astronautenkollegen - vielleicht zehn oder zwanzig Jahre älter und mit einer Hornbrille oder einem Bauchansatz. Aber definitiv weiß und männlich!

Während also das Raumfahrtprogramm noch am boomen war und man kurz davor war, langsam auf IBM-Computer umzusteigen, werden die für die Kalkulationen zuständigen Frauen behandelt wie der letzte Dreck oder zumindest wie Untermenschen, mit denen man nicht nur nicht die Toilettenbrille teilen will, sondern die auch gefälligst aus einer anderen Kaffeemaschine trinken sollen (als hätten alle Schwarzen irgendwelche übertragbare Krankheiten und es gäbe beim Benutzen der selben Kaffeemaschine irgendeine Chance, irgendwelche Keime oder Krankheiterreger zu übertragen.

Ähnlich wie in The Help, wo man aus der Problematik eine Art unanständigen Witz (die Schokoladentorte!) machte, ist es auch hier so, dass man das dargestellte Leiden der unterdrückten Frauen auch zu einer Art seltsamer Belustigung zurechtbiegt. Katherine G. Johnson (Taraji P. Henson), die seit neuestem direkt mit den führenden Wissenschaftlern (darunter der sehr type-gecastete Jim »Sheldon« Parsons) zusammenarbeitet, muss zwischendurch mehrmals am Tag über den gesamten Fundus der Anlage hinweg zu einer für sie »angemessenen« Toilette laufen, wobei sie ihre streng geheimen Papiere offenbar nicht auf dem Schreibtisch liegen lassen darf, sondern sie mitschleppt - wodurch die ganze Angelegenheit wohl noch ein wenig witziger werden soll. Wer je zum Erledigen seiner Notdurft eine längere Strecke hinterlegen musste, dürfte kapieren, dass so eine Situation nicht wirklich witzig ist, aber das Appellieren an niedere Instinkte wie die Schadenfreude (und Pipi-Kaka-Witze generell) scheint den Filmemachern hier wichtiger (oder erfolgsversprechender?) als eine sachliche Herangehensweise. Man beachte auch den (generell fragwürdigen) Musikeinsatz und den Kamerablick unter die Kabinentür. Sowie hier beim Laufen und in einer anderen Szene etwas anders den Einsatz von hochhackigen Schuhen, um Frauen lächerlich darzustellen.

Und wenn die weißen Vorgesetzten mit gefühlt ewiger Verspätung dann mal mitbekommen, dass die menschenverachtende Rassentrennung ganz konkret dem ja vermeintlich fortschrittlichen Unterfangen der NASA im Wege steht, ist es dann natürlich Kevin Costner, der mit Machogehabe und fahlem Hautton dafür sorgen wird, dass symbolkräftig das Schild an einem WC abgeschlagen wird.

Es ist zwar so, dass eine Art Revolution hier nur zur gemeinsamen Entlassung unserer »Heldinnen« geführt hätte, aber bei aller Berufung auf »wahre Geschichten« muss man solche eine Szene einfach anders umsetzen. Wenn ein schwarzer Hausmeister das Schild auf Anordnung abmontiert hätte und man dabei vielleicht durch einen Blickwechsel gesehen hätte, dass sogar dieser a) ein Mensch ist (!) und b) jemand, der sich der misslichen Lage bewusst war, hätte die Anordnung selbst ja ohne weiteres von Costner gekommen sein - aber die Szene wäre nicht so ein völlig überflüssiger Aufreger gewesen, der eigentlich nur verdeutlicht, dass es auch heute noch deutliche Unterschiede gibt, die dieser Film auch noch unterschwellig betont, statt sich um seine vermeintlich zu erzählende Geschichte zu bemühen.

Immerhin hat der Film gleich drei schwarze weibliche Hauptfiguren (Octavia Spencer, Taraji P. Henson & Sängerin Janelle Monáe), deren Kampf unabhängig voneinander erzählt wird. Und die drei bekanntesten weißen Darsteller (Costner, Parsons und Kirsten Dunst) dürfen unterschiedliche Schattierungen von weißer Selbstherrlichkeit repräsentieren und unterschiedliche Bestrebungen, darüber hinauszuwachsen. Aber selbst hier gibt es mit einem der Astronauten (Glen Powell als John Glenn) einen strahlenden weißen Helden, der als einziger das idiotische System zu durchschauen scheint und seinerseits den Kampf für die Schwarzen kämpft - weil der Film eben trotz der vermeintlichen Messitsch suggeriert, dass sie es allein nicht schaffen würden.

An dieser Stelle folgte ein Rant gegen rechtspopulistische Tendenzen (wurde komplett gestrichen, weil ich mich über dieses Thema seiten- oder stundenweise aufregen kann und kein Ende finde), für die dieser Film nichts kann, die ihn aber noch gefährlicher erscheinen lassen. In ein paar Wochen kommt Moonlight, wer seinen Drang, ins Kino zu gehen, noch solange zurückhalten kann, wird dann belohnt werden. Nicht nur politisch, auch cineastisch.


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  AugenBlick 67: 50 Jahre Star Trek (diverse)



AugenBlick 67:
50 Jahre Star Trek
(Beate Ochsner, Bernd Stiegler, Markus Spöhrer & Alexander Zons [Hrsg.])

98 Seiten, Schüren Verlag Marburg, 12,90 Euro, ISBN 978-3894729653, bereits erschienen.
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Die vier Herausgeber haben jeweils auch einen der insgesamt sechs Artikel beigetragen für dieses »Konstanzer Hefts zur Medienwissenschaft«, das aber in meinen Augen trotz nur 98 Seiten durchaus als »Buch« durchgeht - schon aufgrund der Rückenbindung, des kleinen Formats und des sehr geringen Bildmaterials (das aber auch nicht vermisst wird).

Der Unterschied zwischen Buch und Heft zeigt sich eher an einer anderen Stelle. Den Geburtstag sollte man halt schon noch im selben Jahr feiern und je nach Copyright-Seite oder Amazon-Info brauchte man dafür wohl einen der letzten beiden Monate des Jubiläumsjahres. Und man merkt den Texten leider auch an, dass für ein halbwegs überzeugendes Korrekturlesen irgendwie die Zeit fehlte.

Ich habe beim Lesen keine Fehler notiert, aber einige konnte man sich auch so gut merken und teilweise wiederfinden. So gibt es im Star-Trek-Universum weder eine »Uhuara« noch einen »Lt. Reginalt Barclay« (S. 43) und es will mir nicht mal ansatzweise einleuchten, warum man im selben Satz von den »bajorans« und den »Kardassianern« (schreibt man das in Deutschland so?) spricht. »Jeffrey Jakob Abrams« (S. 85) schreibt seinen Mittelnamen natürlich mit c, und wenn man die Originaltitel von Episoden benutzt, gibt es normalerweise kein (Vorsicht! Meine Anführungszeichen sind die selben, die man im besprochenen Band verwendet, um Episodentitel anzuzeigen - deshalb habe ich hier ein Paar weggelassen!) »Equinox. Teil I und II« (S. 46). Außerdem sollte man sich bei sechs Autoren nicht nur halbwegs, sondern stringent auf eine Zitierweise einigen können, und wenn Endgame (2) »S7/E26« ist, warum wird Plato's Stepchildren dann als »SIII/E67« (S. 17/18) bezeichnet? Entweder arabisch oder römisch, entweder einzelne Staffeln durchzählen oder die gesamte Serie (einer der Autoren hat ferner noch auf eine führende Null bestanden, also bspw. »S04/E01«, aber als Schalke-Fan lasse ich das durchgehen).

Mein Lieblingsfehler ist aber der »Dialog [...] zwischen Fry, Leela und Leela« (S. 64), wobei man eine der Leelas mit Bender hätte ersetzen sollen.

Natürlich ist das alles Korinthenkackerei, aber in akademischen Kreisen muss man sich auch akademische Kritik anhören. Und selbst wenn die Angabe der Jahreszahl 1979 für den Film Event Horizon nur ein kleiner Zahlendreher ist, ist es mir ein Rätsel, wie man das beim Überlesen ignorieren kann.

Viel fataler ist leider, dass mich die sechs Artikel auch allesamt nicht wirklich angesprochen haben. Auf so eine Offenbarung wie Arend Wellmanns Ausführungen zur Federation-Außenpolitik im Dominion War in Faszinierend! STAR TREK und die Wissenschaften (2003, Verlag Ludwig, Kiel) habe ich hier vergeblich gewartet.

Im Editorial heißt es »Wir hoffen, dass dieser bunte Strauß an Texten bei den Lesern ähnliche Reaktionen auslöst wie bei uns«. Leider wird nicht aufgelöst, worin die Reaktionen der Herausgeber bestanden. Stolz oder Erleichterung wären naheliegend, die man aber als Leser kaum wiederholt. Dass die Autoren hin und weg von den doch sehr unterschiedlichen Artikeln ihrer Kollegen waren, kann ich mir nur schwer vorstellen. Dann hätte man ja auch gegenseitig auf die Fehler hingewiesen.

Es beginnt mit einem Beitrag von Bernd Stiegler über die »interstellare Hermeneutik«, wo es vor allem um den (unterschiedlich ausgelegten) frontier-Begriff in TOS (The Original Series) geht. Wenn man es aber noch 2016 wie eine Neuigkeit darlegt, dass die Genres SciFi und Western bestimmte Ähnlichkeiten haben, fällt es mir schwer, den Text ernstzunehmen, der aber immerhin als Einführung ganz gut funktioniert (und nebenbei eine der Star-Trek-Serien »abarbeitet«).

Viktor Konitzers Beitrag über Nostalgie und Heimkehr gipfelt in einer Graphik, die aufzeigt, wie die »Richtungen« der einzelnen Serien spätestens seit DS9 jene gen vorwärts vermissen lassen, wobei er diese These mit dem veränderten Design von Raumschiffen und der Station Deep Space Nine zu untermauern versucht, was für mich so gar nicht funktioniert und nur wie ein Seitenschinder wirkt, der den im Buchladen blätternden Leser ködern soll. In meinem einzigen persönlichen akademischen Beitrag zu Star Trek (auch kein Ruhmesblatt, aber den Anglistik-Schein hat es mir gebracht) hatte ich übrigens die (schwer zu übersehende) Nostalgie-Richtung der Voyager anhand der dort bevorzugten Holoprogramme (insbesondere Captain Proton in Schwarzweiß, der zeigte, wie man sich selbst innerhalb des eigenen Genres zu den Anfängen sehnt).

Beate Ochsner bietet mit ihrem Artikel zum »Holo-Doc« ein Beispiel dafür, wie man eine rudimentär beachtete Folie über ein Expertenwissen breitet, das man jahrelang ausgeweitet hat. Da ich den französischen Technikphilosophen Gilbert Simondon aber zuvor nicht kannte, brachte mir dieser Text am wenigsten von allen Beiträgen - und das, obwohl ich mich in meiner Abhandlung über das Holodeck selbst eingehend mit dem EMH befasst habe.

Markus Spöhrers Artikel über die Star-Trek-Anspielungen in der Futurama-Folge Where no fan has gone before verdeutlicht leider besonders gut einen Trend, den ich mehrfach im Buch erkannte: Hier werden Anspielungen und Witze quasi »erklärt«, was selbst in Audiokommentaren meist zu Langeweile führt, wenn man nicht zufällig irgendwelche Details jahrelang übersehen hat und den jeweiligen Fingerzeig dann zu schätzen weiß. Spöhrers Ausführungen über unterschiedliche Fantypen waren aber hübsch aus dem Ursprungsmaterial herausgearbeitet.

Christoph Büttners Text über soziopolitische Fiktion in DS9 gelingt am besten als Zusammenführung bestimmter Muster (hier viel Marx) mit der Schablone Star Trek, während Alexander Zons Artikel auf der Habenseite verbuchen kann, dass sein Autor sich wohl am eindringlichsten mit der Recherche zu seinem Thema (J.J. Abrams' Star Trek) befasst hat. Es ist allerdings auch das jüngste Thema und abgesehen von einer teilweise interessanten Materialübersicht liefert er nur wenige eigene Einsichten.

Ich befasse mich in den letzten Jahren nur selten mit Rezensionsbänden und tue mir sicher keinen Gefallen damit, mich hier so umfassend negativ zu äußern, aber ich hatte mich nur deshalb zu dieser nur durch das Rezensionsexemplar »belohnte« Arbeit entschlossen, weil ich mir eine erhellende und unterhaltsame Lektüre erhoffte. Und die blieb leider aus. Ich erkannte, wie man versuchte, uns Trekkies gewisse Appetithäppchen zuzuwerfen, während man sich eine akademische Ernsthaftigkeit bewahrte, aber letztlich befürchte ich, dass diese Textsammlung nur jenen Lesern etwas bringen wird, bei denen sich sowohl das Trek-Interesse als auch das für die Einzeldisziplinen und zugrunde liegenden Theoretikern zufällig überlagert. Und die dürften vielleicht durch meinen Text darauf aufmerksam geworden sein.

In meinem seit Jahren geplanten (aber noch nicht begonnenen) Buchprojekt mit Trek-Relevanz werde ich tunlichst versuchen, gerade die an Thema 1 oder Thema 2 (streng geheim!) interessierten Leser mit Infos und Einblicken zu versorgen, die entweder das Interesse am jeweils anderen Thema hervorrufen oder intensivieren oder allein durch das Zusatzwissen ihre Freude an »ihrem« Thema verstärken. Muss mal langsam damit anfangen und bin schon gespannt auf meine Verrisse ...


Anfang Februar in Cinemania 159 (Wölfe gegen Bären):
Die ersten Berlinale-Kritiken, vermutlich zu On the Road (Michael Winterbottom, Generation 14plus), Ropáci / Die Öfresser (Jan Sverák, Retrospektive), Red Dog: True Blue (Kriv Stenders, Generation Kplus), Werewolf (Ashley McKenzie, Forum) und anderen.