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28. September 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Hedis Hochzeit (Mohammed Ben Attia)


Findet Dorie
(Andrew Stanton)

Originaltitel: Finding Dory, USA 2016, Co-Regie: Angus MacLane, Buch: Andrew Stanton, Victoria Strouse, Kamera: Jeremy Lasky, Schnitt: Axel Geddes, Musik: Thomas Newman, Production Design: Steve Pilcher, Art Direction: Don Shank, mit den Originalstimmen von: Ellen DeGeneres (Dory), Albert Brooks (Marlin), Ed O'Neill (Hank), Hayden Rolence (Nemo), Ty Burrell (Bailey), Kaitlin Olson (Destiny), Diane Keaton (Jenny), Eugene Levy (Charlie), Sloane Murray (Young Dory), Lucia Geddes (Tween Dory), Idris Elba (Fluke / Smutje), Dominic West (Rudder / Boje), Bob Peterson (Mr. Ray), Bill Hader (Stan), Kate McKinnon (Stan's Wife), Sigourney Weaver (Sigourney Weaver), Andrew Stanton (Crush), Willem Dafoe (Gill), Alison Janney (Peach), John Ratzenberger (Bill [Crab]), Angus MacLane (Charlie Back and Forth [Sunfish]), Jerome Ranft (Jacques), Alexander Gould u.v.a., 97 Min., Kinostart: 29. September 2016

Weil ich The Good Dinosaur noch immer nicht gesehen habe und A Bug's Life mit der Zeit irgendwie besser wurde, kann ich sagen, dass mich noch kein Pixar-Langfilm so richtig enttäuscht hat. Und das trifft auch ganz sicher auf Finding Dory zu. Allerdings frage ich mich, warum das Animationsstudio, dass uns so tolle, innovative und unerschrockene Meisterwerke wie Wall-E, Ratatouille, Up, The Incredibles, Brave oder Inside Out beschert hat, in zunehmenden Maße an der Sequelitis erkrankt (sogar weitaus deutlicher als Mutterkonzern Disney, was den Animationsbereich anbelangt).

Für 2017 sind beispielsweise Toy Story 4 und Cars 3 geplant. Das müssen ja keine schlechten Filme werden, aber mir geht es als Kinogänger eher darum, etwas Neues zu entdecken (und beim Pixar-Gütesiegel geht man ja kein wirkliches Risiko ein) als vorrangig Zeuge davon zu werden, wie man die etablierten Lizenzen für Plüschtiere, Bettwäsche usw. weiterhin verwaltet. Entsprechend wirken dann nämlich auch die Filme so - "verwaltet". Und selbst gelegentliche Geniestreiche wie die Versetzung von Cars 2 in ein komplett anderes Genre ändern nichts daran. Es kommt zwar alle Jubeljahre mal vor, dass ein Sequel tatsächlich mal besser ausfällt als das Original - aber mir sind neue Ideen eigentlich immer lieber als diese ganzen Remakes, Prequels, Reboots, Spin-offs und auf zwei oder drei Filme ausgewalzten Verfilmungen von Bestseller-Fantasy-Schmökern.

Und gerade, wenn man wie Pixar mehrfach bewiesen hat, dass man einigermaßen regelmäßig neue tolle Ideen umsetzen kann, ist es doch irgendwie schade, wenn der Westflügel des Studiokomplexes sich beispielsweise daran abrackert, wie man aus einem bereits mehrmals gelutschten Drops noch irgendwelche Geschmacksnuancen herauszaubert, wenn man auch irgendwelche ganz neuen Ideen, Figuren und Konzepte entwickeln könnte. Wenn Shakespeare statt Hamlet und Much Ado about Nothing mit dem Prequel zu King Lear und dem umstrittenen, aber außerordentlich erfolgreichen Romeo & Juliet 3 (die waren nämlich gar nicht tot, wie sich herausstellte), zweieinhalb mal so viel Kohle eingespielt hätte, würden wir ja auch gar nicht wissen, was wir dafür alles geopfert haben.

Findet Dorie (Andrew Stanton)

Fotocredit: © 2016 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Aber zum Film. Der etwas bemüht wirkende Titel trifft die eigentliche Handlung nur ansatzweise (insbesondere in der deutschen Fassung), denn auch, wenn sich Marlin aufmacht, um die verloren gegangene Dory zu suchen, will diese vor allem ihre Eltern finden, an die sie sich trotz ihres Kurzzeitgedächtnisses diesmal in einigen hellen Momenten zu erinnern glaubt. Dass Dory dabei sich (und ihre Wurzeln) findet, ist noch die passendere Entsprechung des Titels - aber dann eben nur in der Verlaufsform und nicht als Imperativ Plural.

Ziemlich clever ist, dass man Dory zu Beginn des Films (so wie einst Nemo) als Fischkind kennen lernt, dessen Eltern mit ihrer geistigen Behinderung zu kämpfen haben, ihr Kind aber trotz der Vergesslichkeit mit Inbrunst lieben (ganz so wie Papa Marlin seinen Sohn mit der verkrüppelten Flosse). Wie man dann das Kennenlernen von Marlin und Dory mal aus der anderen Perspektive erlebt, ist zwar eine Sequelidee, aber eine durchaus gelungene. Zumindest der Einstieg des neuen Films überzeugt auf ganzer Linie.

Findet Dorie (Andrew Stanton)

Fotocredit: © 2016 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Die Suche nach Dory verläuft dann zwar mit den für Sequels typischen Wiederholungen und Permutationen, aber die eigentliche Dory-Story, die durchaus etwas mit Traumabewältigung oder Christopher Nolans Memento zu tun hat, bricht aus dem vorgegebenen Korsett doch etwas aus (und diese Eigenschaft verbindet die Pixar-Sequels, die trotz all meiner Nörgelei immer noch besser sind als andere handelsübliche Sequels). Man hat nur dabei den Eindruck, dass dies eher mehr so eine Art "Bonusmaterial" für eine kleine Teilgruppe des Publikums ist.

Weitaus deutlicher als Finding Nemo funktioniert Finding Dory über den Humor (wenn man mal den ganzen Trennungsschmerz etwas ausblendet). Maßgeblich Schuld daran ist die neue Figur Hank (gesprochen von Ed "Al Bundy" O'Neill), einem Octopus, der sich wegen eines verlorenen Tentakels (den Stumpf sieht man nicht) lieber "Septopus" nennt und der vermutlich wenig mit natürlichen Vorbildern zu tun hat, denn er hat Saugknöpfe, kann Tinte ausscheidet und passt sich perfekter als jedes Chamäleon seiner natürlichen (und manchmal nicht so natürlichen) Umgebung an. Nicht erst im Abspann, auch schon im Verlauf des Films spielt Hank mit dem Zuschauer eine Art "Where's Waldo?", wo man dann mitraten kann, wo er sich gerade versteckt hat. Immerhin ein wichtiger Grund, warum man den Film im Kino sehen sollte (nach DVD-Erwerb kann man dann später mit der Pausetaste bestimmen, ob man je eine wirkliche Chance hatte, ihn zu finden).

Findet Dorie (Andrew Stanton)

Fotocredit: © 2016 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Ich muss sagen, dass ich Finding Nemo immer zu den etwas überschätzteren Pixarfilmen gezählt habe, weil die reine "Schönheit" des Spielorts mich in Kinofilmen nicht so umreißt wie andere Zuschauer. Ganz im Gegenteil, dieser Postkartenismus, wo in wunderhübschen klaren Farbe die Tiefsee gezeigt wird, hat mich eher genervt. In Finding Dory geht es ja außerdem um so ein (fiktives) marine life institute mit seinen ebenso hehren wie alliterativen Zielen rescue, rehabilitation und release - und obwohl die Figuren im Film größtenteils damit beschäftigt sind, Aquarien und Mauern zu entfliehen ("There are no walls in the ocean"), wird das durchweg wie ein supertoller happy place dargestellt und ich hatte das Gefühl, dass Kritik hier fast komplett ausgespart wurde. Hier leben implizit nur Meereswesen wie Dory und Nemo, die irgendwelche Behinderungen haben: der kurzsichtige Walhai Destiny oder der Beluga Bailey, dessen Echolot-Fähigkeiten offenbar nicht mehr funktionieren. Und diesen Tieren soll angeblich geholfen werden, während die zahlenden Besucher des Instituts nur so nebenbei Nutznießer zu sein scheinen. Doch dann gibt es beispielsweise die Szene in einem "Touch pool", bei der die Fische in gleichem Maße traumatisiert werden (die Szene ist witzig inszeniert, also verdrängen das die meisten Zuschauer) wie die Spielzeuge in der Horrorwerkstatt von Sid (Toy Story) oder die in Plastiktüten durchgeschüttelten Fische in der Gewalt der achtjährigen Zahnarztnichte Darla in Finding Nemo. Vieles einfach auf eine unangemessene und seltsame Weise verharmlost. Beim aktionsmäßigen Höhepunkt des Films (Spoiler-Alarm!) geht es darum, jemanden aus einem Aquarium zu befreien, wobei das Aquarium (mit vielen anderen Aquarien) in einem Kleinlaster transportiert wird. In Toy Story gab es ja auch schon diese Rettung aus dem Umzugs-LKW, aber diesmal ging man einige Stufen zu weit. So wird das Fahrzeug schließlich von Octopus Hank gesteuert, wobei dieser keine direkte Sicht auf die Fahrbahn hat und sich akustisch den Weg ansagen lässt. Irgendwann geht es dann in hohem Bogen in Richtung der nassen Heimat und man will uns weismachen, dass sie im Zeitlupenflug die Ladetür des Lasters öffnet, die Aquarien sich herauslösen und die Fische quasi direkt in die Freiheit springen. Ich habe schon eine Menge idiotische Action-Spektakel-Momente in Animationsfilmen gesehen (vor allem Bolt und Frozen drängen sich in die Erinnerung), aber diese Szene ist fast noch ärgerlicher als die typischen Marvel-Materialschlachten mit halbvernichteten Metropolen, in denen alle innocent bystanders und Kollateralschäden ausgeblendet werden. Das Motto "You can do whatever you put your mind to, Dory!" ist in diesem Umfeld betrachtet schon eine Spur unangebrachter als nur "pädagogisch grenzwertig".

Findet Dorie (Andrew Stanton)

Fotocredit: © 2016 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Ich will dem Disney-Konzern ja nichts Böses, aber vielleicht sollten jetzt mal mehr Vierjährige in Autos steigen oder spontane Rettungsaktionen mit Aquarien ausprobieren - und es wird eine Menge Schnittverletzungen und Tote geben! Für die Thematik "liebende Eltern und behinderte Kinder" ist Finding Dory einfach zu realitätsfremd. Leicht behämmerte Seelöwen sind vorrangig witzig, Otter, die rudelweise eine Schnellstraße blockieren, sind so "süß", dass es eben nur fast zur Massenkarambolage kommt - und diese ganze Harmlosigkeit ist dann (gerade in der geballten Form beim Showdown) irgendwie eher ärgerlich. In Wall-E hat Regisseur Stanton ja auch schon mit solchen großangelegten Actionsequenzen gespielt, die einfach nur unterhaltsam sein sollen, aber aus irgendwelchen Gründen (vermutlich, weil ich schon oft genug gesehen habe, wie man Fische filettiert) hat diese Passage des Films den Gesamteindruck reichlich nach unten gezogen.