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Die Box




16. März 2016
Thomas Vorwerk,
Elisabeth Nagy
& Friederike Kapp

für satt.org
Berlinale 2016




Vorwerks Berlinale Top 25
(40 Lang- und 10 Kurzfilme gesichtet)
  1. Girl Asleep (Rosemary Myers, Generation 14plus)
  2. Solan og Ludvig - Herfra til Flåklypa / Solan und Ludvig - Das große Käserennen (Rasmus A. Sivertsen, Generation Kplus)
  3. Jug-yeo-ju-neun yeo-ja / The Bacchus Lady (E J-yong, Panorama)
  4. Little Men (Ira Sachs, Generation Kplus)
  5. Hedwig and the Angry Inch (John Cameron Mitchell, 2001, Teddy 30)
  6. Jamais contente (Émilie Deleuze, Generation Kplus)
  7. Woorideul / The World of Us (Yoon Ga-eun, Generation Kplus)
  8. Nunca vas a estar solo / You'll never be alone (Alex Anwandter, Panorama)
  9. Indignation / Empörung (James Schamus, Panorama)
  10. And-ek ghes ... / One Fine Day (Colorado Velcu & Philip Scheffner, Forum)
  11. Lotte (Julius Schultheiß, Perspektive Deutsches Kino)
  12. The Road Back (James Whale, 1937, Berlinale Classics)
  13. Hail, Caesar! (Joel & Ethan Coen, Wettbewerb außer Konkurrenz)
  14. Ente gut! Mädchen allein zu Haus (Norbert Lechner, Generation Kplus)
  15. Kollektivet / Die Kommune (Thomas Vinterberg, Wettbewerb)
  16. Yarden / The Yard (Måns Månsson, Forum)
  17. A Quiet Passion (Terence Davies, Berlinale Special)
  18. Rauf (Baris Kaya & Soner Caner, Generation Kplus)
  19. Mãe só há uma / Don't call me son (Anna Muylaert, Panorama)
  20. Short Stay (Ted Fendt, Forum)
  21. Ottaal / The Trap (Jayaraj Rajashekaran Nair, Generation Kplus)
  22. Midnight Special (Jeff Nichols, Wettbewerb)
  23. Siv sover vilse / Mia schläft woanders (Lena Hanno Clyne & Catti Edfeldt, Generation Kplus)
  24. Aloys (Tobias Nölle, Panorama)
  25. Pallasseum - Unsichtbare Stadt (Manuel Inacker, Perspektive Deutsches Kino)



Cinemania-Logo 146:
Berlinale 2016 - Kleine und große Schicksale


Arbeitstitel war: A wounded deer leaps highest

Fünf der neun Kritiken stammen von Thomas Vorwerk, nur bei den zwei mal zwei Ausnahmen wurden die Verfasserinnen extra angegeben.
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Little Men
(Ira Sachs, Generation Kplus)

USA 2016, Buch: Ira Sachs, Muricio Zacharias, Kamera: Oscar Durán, Schnitt: Mollie Goldstein, Affonso Gonçalves, Musik: Dickon Hinchliffe, mit Theo Taplitz (Jacob "Jake" Jardine), Michael Barbieri (Antonio "Tony" Calvelli), Greg Kinnear (Brian Jardine), Paulina Garcia (Leonor Calvelli), Jennifer Ehle (Kathy Jardine), Talia Balsam (Audrey), Mauricio Bustamante (Acting Coach), Alfred Molina (Hernan), 85 Min.

Ira Sachs ist so ein Regisseur, dem man wünscht, dass er mit Little Men mal aus seiner Panorama-Nische ausbrechen kann. Seit einigen Jahren sind die Panorama-Kuratoren geradezu verschossen in Sachs, was nicht zuletzt daran liegt, dass ein Großteil seiner Filme wie geschaffen für den schwulen Kern der Berlinale-Sektion wirkt. (Und man nach der Sundance-Premiere immer noch mit einer »Internationalen Premiere« auftrumpfen.) Man denke nur an Keep the Lights on oder Love is Strange, der in Deutschland immerhin einen DVD-Start hatte. 2008 hatte Sachs mit Married Life auch mal einen Kinostart in Deutschland. Der war dann aber auch der einzige Sachs-Film seit 2005, der nicht im Panorama lief. Und mit Little Men gibt es nun einen Cross-Section-Film, der einerseits in der Generation Kplus ab 12 Jahren empfohlen wird (beste Berlinale-Entscheidung seit Jahren, Filme ab 12 quasi als »Zwischenstadium« zu 14plus mit deutschen Untertiteln statt eingesprochenem Text vorzuführen ... meine Verzückung kann aber auch mit der durchgehend guten Qualität dieser Filme zusammenhängen, die allesamt schon etwas kompliziertere Themen ansprechen ohne gleich dunkle Themen abzuarbeiten oder in die Schublade »mein erstes Mal« zu rutschen). Und andererseits auch abends für die langjährigen Sachs-Fans im International gezeigt wird. Mein Überblick über die Ticketnachfrage ist eher eingeschränkt, aber ich hatte das Gefühl, dass Little Men schon ein kleiner Publikumsfavorit wurde. Nicht nur, was die Resonanz danach angeht, auch, was den Kartenvorverkauf angeht. Ich habe es jedenfalls trotz Presse-Hundemarke erst beim dritten Mal ins Kino geschafft, weil das Pressekontingent immer schnell weg war (und die »normalen« Zuschauer auch nicht ausblieben.

An den erwachsenen Co-Stars kann das nicht gelegen haben. Greg Kinnear ist trotz etwa zwei Jahrzehnten konsistenter Darstellerleistungen immer noch kein richtiger Star in Deutschland. Im International bekam ich mit, wie zwei Herren drei oder vier Plätze links von mir sich fast den ganzen Film lang das Hirn zermarterten, woher sie den Schauspieler kennen. Vermutlich wegen seiner Oscar-Nominierung für As Good as it gets, wo Jack Nicholson über seine gesammelten Vorurteile klettern musste, um den schwulen Nachbarn als Freund zu akzeptieren. Oder aus Auto Focus, Little Miss Sunshine, Bad News Bears oder meinem persönlichen Favoriten Writers. aka Stuck in Love. - um nur einige zu nennen.

Alfred Molina spielt eine Winzrolle, Jennifer Ehle ist mir selbst erst durch die Doppelbesetzung hier und als Dickinson-Schwester in A Quiet Passion aufgefallen. Und ich bezweifle, dass sich bei Paulina Garcia viele Berlinale-Zuschauer an ihre Titelrolle in Gloria (2013 wurde sie immerhin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet) erinnern.

Little Men (Ira Sachs, Generation Kplus)

Ich glaube, auch der Titel hat hier stark geholfen. Little Men. Das ist für 12jährige (und ihre Begleitpersonen) genau die Art von Titel, auf die man sich ohne Probleme einigen kann (es ist ein mittelschweres Rätsel für mich, warum im Katalog als deutsche Entsprechung »Junge Männer« gewählt wurde - weil bei »Kleine Männer« jemand hätte denken können, es ginge um Kleinwüchsige, Zwerge oder Ähnliches?). 17mal verlockender als »Das blaue Fahrrad«, »Kill your Dinner« oder »The Boyfriend Game«.

Im Film geht es um einen Umzug einer dreiköpfigen Familie von Manhattan nach Brooklyn, in das Haus des verstorbenen Großvaters / Vaters. Fast augenblicklich freundet sich der 13jährige Jake (Theo Taplitz) mit dem gleichaltrigen Tony (Michael Barbieri) an, dessen Mutter, eine alleinstehende Migrantin aus Chile (Paulina Garcia) im Haus des Verstorbenen einen kleinen Shop mit selbstgeschneiderten Kleidern führt - was ihr offensichtlich nur durch den extrem günstigen Pachtvertrag möglich ist, den Jakes Opa schon seit Jahren nicht erhöht hat. Auch, weil Leonor für ihn jene Unterstützung und Ansprechperson war, für die seine Kinder nicht zur Verfügung standen.

Nun erfordert es die nicht gerade rosige finanzielle Situation von Jakes Eltern (verbunden mit der Forderung ihres Erbschaftsteils durch die nicht sehr positiv gezeichnete Tante Audrey), dass die Miete beträchtlich erhöht werden soll, was aber für Leonor komplett unmöglich ist.

Und aus der Sicht der Kinder, die zunächst aus der Affäre herausgehalten werden sollen, zeichnet sich immer stärker ab, dass die Eltern zu Feinden werden. Mindestens so ohnmächtig wie ihre Eltern fällt den beiden Jungs ein, einen gemeinsamen Streik zu führen. Sie sprechen einfach nicht mehr mit ihren Eltern. Ohne Erklärung, denn die wissen schon ganz gut, warum sich die Kindern ihnen verschließen.

Das Thema des »Kinderstreiks« war für Sachs und seinen Co-Autor Mauricio Zacharias eine der Inspirationen des Films (abgeschaut aus zwei Ozu-Filmen), die Charakterzeichnung (nebst Hobbys) der beiden Kinder ist klar von Sachs und seinem Ehemann, dem Künstler Boris Torres nachempfunden, und der Umstand, dass Ira und Boris selbst zwei vierjährige Jungs haben, war wohl auch eine Motivation für den Film, in dem es trotz aller Spannungen und Konflikte auch um die schiere Freude geht, als Kind in New York aufzuwachsen. Dies funktioniert unter anderem durch Musikmontagen, die Jake und Tony auf unterschiedlichen Fahrzeugen durch Stadtzüge bretternd zeigen (erinnerte mich stark an Joe Matts Kindheitserinnerungen in Fair Weather) oder eine »Kinderdisco« besuchen. Selbst nach dem unvermeidbaren Ende der Freundschaft, wenn es ein etwas überhöhtes Wiedersehen der beiden (à la Les parapluies de Cherbourgh) gibt, zeichnet den Film trotz aller Traurigkeit ein ungebrochener Optimismus aus.

Und falls sich jemand fragt, was in der letzten Einstellung wohl für ein Bild gezeichnet wird: Laut Auskunft des Regisseurs (manchmal muss man diese Q & A-Momente einfach nutzen) war das zu jedem Zeitpunkt des Filmemachens absichtlich unspezifisch.


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Jamais contente
(Émilie Deleuze, Generation Kplus)

Frankreich 2016, Intern. Titel: Miss Impossible, Buch: Émilie Deleuze, Marie Desplechin, Laurent Guyot, Lit. Vorlage: Marie Desplechin, Kamera: Jeanne Lapoirie, Schnitt: Frédéric Baillehaiche, Musik: Olivier Mellano, Production Design: Pascal Le Guellec, mit Léna Magnien (Aurore), Patricia Mazuy (Patricia), Philippe Duquesne (Laurent), Catherine Hiegel (Agathe), Alex Lutz (Sébastien Couette), Pauline Acquart, Raphaelle Doyle, Tessa Blandin, 90 Min.

Meine Lieblingsszene dieses Films zeigt die 13jährige Aurore (Léna Magnien) beim Schulalltag. Sie sitzt im Klassenzimmer, während ein Lehrkörper durch die Reihen schreitet und eine Art Vorlesung seines Mathestoffs von sich gibt, bei der die Schüler still und artig mitschreiben sollen. So weit, so schlimm. Doch, und das illustriert famos Aurores Probleme mit der gesamten Institution, noch drei weitere Lehrer staksen auf exakt gleiche Weise ebenfalls zwischen den Stuhl- und Tischreihen und geben ihren Sermon zum Thema Latein, Englisch oder Geschichte zum besten. Und Aurore kämpft mit zunehmender Verzweiflung, um mitzukommen (zwei mal hintereinander sitzenbleiben funktioniert auch in Frankreich nicht). Man kann diese Szene als rein zeitliche Konzentration sehen oder auch Parallelen erkennen zu Haifischflossen oder Velociraptoren, die durchs hohe Gras laufen - so oder so ist dies höchste Filmkunst: eine eigentlich fast abstrakte Idee wird durch spezifisch filmische Mittel visuell verdeutlicht. Und auch, wenn man sich dabei ein wenig von der Realität entfernt, könnte es nicht authentischer wirken.

Als mittlere Tochter, die in Sachen Lernbegabung etwas aus der Reihe fällt, fühlt sich Aurore zu Hause missverstanden (es scheint, als bereite die Mutter absichtlich dauernd Aufläufe und Gratins, die Aurore nicht mag), außerdem überfordert sie diese ganze Pubertäts-Kiste. Im Gespräch mit der besten Freundin fragt diese sie auch noch »Wurdest Du als Kind missbraucht?« (»Weiß ich nicht mehr«), was Aurore dann auf die etwas deplazierte Idee bringt, beim Familienessen (die Großmutter und der Freund der älteren Schwester sind mit dabei) nachzuhaken »Weiß hier jemand, ob ich als Kind missbraucht wurde? Und von wem?«.

Das Kunststück ist hierbei, dass der Film es offen lässt, inwiefern Aurore hier provokant rebelliert oder nur naiv und ohne böse Hintergedanken eine Frage stellt, wie man es ja als Kind gelernt hat. Dieses leichte Abdriften ins Fantasiehafte, wie man es auch aus Generation-Filmen wie Youth in Revolt oder Girl Asleep kennt, funktioniert in diesem Alter (oder: für dieses Alter) ganz großartig, denn dieser wabernd vermischte Moment der Erkenntnis lässt den Film (oder die Romanvorlage von Marie Desplechin) für beide Seiten funktionieren. Und insbesondere für diejenigen, die sich gerade im Grenzgebiet befinden und vieles, aber noch nicht alles verstehen.

Jamais contente (Émilie Deleuze, Generation Kplus)

So belauscht Aurore auch ihre Eltern bei Gesprächen, in denen sie planen, sie im Wald auszusetzen. Oder ihr einen Platz im Internat besorgen wollen. Das entscheidende Klick in diesem Film beinhaltet auch die Erkenntnis, dass Aurores Eltern vielleicht keine bösen Märchenfiguren sind, aber auch keine perfekten Menschen die alles richtig machen. Es wird zwar nicht exakt ausbuchstabiert, aber vielleicht ist ein Auflauf auch einfach jene Speise, mit der man ohne Komplikationen und in kurzer Zeit eine größere Meute satt bekommt ...

Der eigentliche Film dreht sich nicht um die Familie, sondern um Aurores restliches Leben. Etwa um einen Ersatzlehrer, bei dem sie das Glück hat, dass er sich nicht schon über die Jahre eine Meinung über die Schulversagerin Aurore bilden konnte. In ihren Gedankengängen klingt dieser Glücksfall einer tabula rasa absurd und witzig, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass so ein Lehrerwechsel wirklich sehr hilfreich sein kann. Ich weiß noch, dass ich einmal einen neuen Geschichtslehrer bekam, aus unerfindlichen Gründen in der ersten Klassenarbeit eine 3 erzielt, dann bei der zweiten des Halbjahrs »krank« war und mich der gute Mann selbst noch bei der nächsten Arbeit, in der ich meine (typische) 5 bekam, beruhigte, dass dies »nur ein Ausrutscher« war. Leider hat er dann doch irgendwann kapiert, dass die 3 der Ausrutscher war ...

In Aurores Fall interpretiert der Lehrer (der übrigens eine interessante Herangehensweise an die Notenvergabe hat) ihr Querschießen, ihr Sich-Sperren gegen bestimmte Normen als besondere Intelligenz und / oder Fantasie und gibt ihr eine Chance. Sie wird zwar nicht vom einen Tag zum anderen zum B¨cherwurm und zur Aufsatz-Königin, aber dieser Handlungsstrang wird noch ganz nett verbunden mit ihrer neuen Rolle als Sängerin einer kleinen Band - mit drei etwas älteren Jungen. Und da muss ich es auch nicht betonen, dass es jetzt nicht nur darum geht, dass die Jungs ihr auch mal eine Chance geben, ihre Texte einzubringen (ohne, dass der Film in Richtung Gedichtinterpretation abdriftet, vermutlich ist das im Roman mehr ausgearbeitet) - vielleicht findet sie in diesem Umfeld auch die Chance, ihrer vermeintlichen »Frigidität« gegenzuwirken (wird in ziemlich jeder Inhaltsangabe des Films hochgespielt, obwohl der Punkt nicht wirklich wichtig ist - aber vielleicht bekommt man so junge Zuschauer ...).

Die Regisseurin Émilie Deleuze hat nicht nur einen berühmten Vater, sondern selbst zwei pubertierende Kinder. Und auch, wenn einige erwachsene Zuschauer dies beim Q&A nach dem Film nicht begriffen, gelingt es ihr vorzüglich, das junge Publikum einzubinden. Das wurde vor allem klar, als zur Filmdiskussion nur die drei männlichen Mitglieder der Band auftauchten und zumindest das junge weibliche Publikum in großem Maße verzückt war, während die Moderatorin befürchtete, ihren Job zu verlieren, als die jungen Knaben (»wir sind alle schon 18 und hetero«) sich bereit erklärten, auch noch außerhalb des Kinos für Fragen zur Verfügung zu stehen.

Übrigens mussten sie auch irgendwann ihre Musikalität und ihre Deutschkenntnisse demonstrieren und sangen ein Geburtstagsständchen, als dessen Adressat dann spontan ich erkoren wurde (weil ich allein in der ersten Reihe saß). Das veränderte meine Wertschätzung des Films nicht komplett, aber ein paar Pluspunkte gab es für dieses Nach-dem-Film-Erlebnis dann doch.


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Lotte
(Julius Schultheiß, Perspektive Deutsches Kino)

Deutschland 2016, Buch: Julius Schultheiß, Kamera: Martin Neumeyer, mit Karin Hanczewski (Lotte), Zita Aretz (Greta), Paul Matzke (Marcel), Christine Knispel (Sabine), Marc Ben Puch (Wim), Matthias Lamp (Krankenpfleger), 76 Min.

Titelfigur Lotte lernt man bei der Ausführung ihres Jobs als Krankenschwester kennen (wenn auch fernab der üblichen Berufsumstände: »Halt deine Fresse, ich muss mich konzentrieren!«), und das ist wohl nicht nur aufgrund eines Moments des Wiedertreffens mit einem Exfreund mit Bedacht so ins Drehbuch geflossen. Denn durch den Pflegeberuf bekommt man so als Zuschauer trotz ihrer Widerborstigkeit zumindest ansatzweise einen Zugang zur Figur.

Denn Lotte, dargestellt von Karin Hanczewski, die im letztjährigen Gewinnerfilm der Sektion »Perspektive Deutsches Kino«, Im Sommer wohnt er unten, eine gänzlich andere Rolle spielte, ist nicht unbedingt eine Figur, die man sofort ins Herz schließt - auch wenn sich quasi der ganze Film sich um sie dreht.

Eine ihrer ersten Aktionen ist es, eine Beziehung zu beenden (man bekommt schnell den Eindruck, dass dies ein eingefahrenes Muster ist), ohne sich im Geringsten vorher darum gekümmert zu haben, dass sie dann auch eine neue Wohnung benötigt. Der Film offenbart diese Erkenntnisse zwar mit einer gehörigen Portion Humor (»Ich lasse den Griff nicht los, bis meine Couch wieder da steht...«), aber es ist offensichtlich, dass Lotte eine selbstzerstörerische Seite hat, die ihren wenig klar umrissenen Lebensplan noch stärker zum Scheitern verurteilt. Wenn sie auf der Suche nach einer Bleibe zum soundsovielten Mal das Adressbuch ihres Handys abklappert, oder bei ihrem Schwestern-Beruf zu spät kommt, einen Flachmann mitführt und dann auch noch etwas mit ihrem durchaus kritischen Chef laufen hat, ahnt man eigentlich, dass dies nicht ewig gut gehen wird.

Lotte (Julius Schultheiß, Perspektive Deutsches Kino)

Bildmaterial: © Martin Neumeyer   

Durch (unzureichendes) Querlesen der Inhaltsinformationen (ich will gar nicht immer genau wissen, um was es in einem Film geht) dachte ich zu diesem Zeitpunkt des Films übrigens, dass sich der Film darum dreht, dass Lotte zurück zu ihrer Mutter fährt und sich mit dieser arrangieren muss. Eine Zufallsbegegnung im Krankenhaus mit einer rebellischen Teenagerin habe ich deshalb auch mehr nur so am Rande wahrgenommen. Doch Lotte trifft nicht ihre Mutter, sie ist die Mutter von Greta, die sie seinerzeit bei Marcel (dem Exfreund, den sie in einer Kneipe zu Beginn des Films verarztete) zurückgelassen hat. Und weil Greta sich zwar einigermaßen mit ihrem alleinerziehenden Vater abgefunden hat, aber doch sehr neugierig ist, verfolgt sie nun ihre »Mutter«, die kaum weniger auf diesen Titel passen könnte.

Die sich langsam entwickelnde Beziehung zwischen den beiden Frauen ist nichts wirklich neues, die umgedrehten Rollen kennt man auch aus diversen Filmen und Fernsehserien, aber die Art und Weise, wie diese Freundschaft fundamentiert wird, ist schon außergewöhnlich. Wenn Lotte sich nur auf ihre Tochter einlässt, wenn diese sich (gegen besseres Wissen und persönliche Einstellung) dazu entschließt, zu rauchen, dann ist das nur die Vorbereitung auf spätere Schockmomente wie das gemeinsame Komasaufen oder das Quasi-Verschachern der Tochter auf einer Kneipentoilette. Lotte und Greta entsprechen eher unfreiwilligen »Besties« als einer Mutter-Tochter-Konstellation. Und selbst, wenn sie gleichaltrige Freundinnen wären, die gemeinsam spätpubertäre Erfahrungen sammeln, wäre Lottes Verhalten Greta gegenüber schon reichlich »arschig«. Um es mal nett auszudrücken.

Der Film hat einige Schwachpunkte, aber immerhin bleibt Lotte unterhaltsam und abwechslungsreich und die beiden Hauptdarstellerinnen machen ihr Ding schon ziemlich großartig. Und man kann sich dann auch noch über das Verhalten Lottes streiten - oder gemeinsam darüber ablästern. Zumindest während der Berlinale - oder dieser Berlinale war das ein klar positives Erlebnis.

Ich weiß nicht genau warum, aber wenn Lotte mal so richtig den Oberarsch rausgelassen hat und ihrer Tochter etwa dubiose Pillen in die Hand drückt, habe ich mich nicht darüber (oder über die Figur) geärgert, sondern es war wie der vielbeschriebene Verkehrsunfall, bei dem man sich nicht abwenden kann und wissen will, wie es weitergeht. Ob das langfristig wirklich als Qualität des Films durchgehen kann, ist fraglich. Aber lieber etwas durchweg Interessantes mit klar erkennbaren Problemen als irgend einen Langweiler mit Figuren, die einen nicht im Geringsten interessieren. Und davon gab es 2016 leider zu viele auf der Berlinale ...



Second Opinion

Kurzkritik zu Lotte von Elisabeth Nagy

Nach eigener Aussage gehören zur Zielgruppe diejenigen, die sich noch nicht für einen Lebensweg entschieden haben. Die, die selbst entscheiden, wann sie erwachsen werden wollen. Es geht auch um zweite Chancen. Blauäugig ist der Regisseur nicht. Er zeichnet Lotte nicht als starke Frau, sondern zeigt die Stärke der Tochter, die sie zurückgelassen hat, die der Mutter die Hand reicht. Aus Neugierde und aus Verbundenheit. Dabei treffen die beiden eher zufällig aufeinander und es ist die Tochter, die der Mutter folgt, während die zuerst einmal wie immer die Flucht antritt. Lotte lässt sich auf Greta ein, Greta versucht die Welt der Mutter von innen heraus zu verstehen, auch wenn das Zigaretten- und Bierkonsum einschließt. Julius Schultheiß kommt jetzt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, auch wenn man fast komplett die Sympathien für die widerwillige Mutter verliert. Das Drehbuch hätte gerne noch eine klarere Aussage vertragen. Ein Ende, das den Wunsch des Publikums auf eine Lösung erfüllt, enthält er uns vor, was durchaus frustriert. Eine straffere Schauspielerführung, die einzelne Figureneigenheiten vor der Marotte bewahrt, wäre besser gewesen. Lotte ist frech bis unverschämt. Schultheiß traut sich was, auch wenn man den Figuren so einige Eigenschaften eben doch nicht abnimmt.


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Yarden
(Måns Månsson, Forum)

Intern. Titel: The Yard, Schweden / Deutschland 2016, Buch: Sara Nameth, Lit. Vorlage: Kristian Lundberg, Kamera: Ita Zbroniec-Zajt, Schnitt: George Cragg, mit Anders Mossling (11811 / Anders), Hilal Shoman (19213 / Hilal), Axel Roos (Sohn), 78 Min.

Yarden beginnt wie eine sehr verhaltene Komödie, bei der man nicht genau weiß, ob man jetzt lachen soll oder nicht. In einem fast von epischer Pracht erfüllten Raum, der eine Kirche sein könnte, gibt es eine Gedichtlesung. Danach wird artig geklatscht, aber keiner der acht Personen im Publikum will eine Frage zum soeben Gehörten verlauten lassen. Bei der Filmvorführung sollte übrigens der Regisseur zu einer Q & A kommen (er hatte sich dann irgendwie verlaufen und kam doch nicht), und ich fragte mich bereits an dieser Stelle, ob hier die Möglichkeit eines »life imitates art«-Momentes bestünde ...

Die Hauptfigur des Films, die glaube ich mal irgendwann wie ihr Darsteller »Anders« genannt wird, ist offenbar nicht zufrieden mit der fehlenden Resonanz seines Werkes. Er bringt das zum Ausdruck, indem er bei seinem nebenbei ausgeführten Kritikerjob das eigene Werk in bösartiger Weise verreißt. Wie das durch das Lektorat der Zeitung durchgerutscht sein soll, wird nicht thematisiert, aber sein Boss ist nicht sehr erbaut von dieser in jeder Hinsicht unprofessionellen (aber für Leser vermutlich sogar sehr unterhaltsamen) Arbeit und er verliert den Zeitungsjob.

Yarden (Måns Månsson, Forum)

Bildmaterial: © Ita Zbroniec Zajt   

Da er sich von der Schreiberei jetzt auch eher distanziert (manche Buchhändler wollen seinen Gedichtband nicht einmal geschenkt nehmen), wird ein neue Job gesucht, und die Vermittlung »Dreamjob« besorgt ihm eine Anstellung bei einer Art »Zwischenlager« eines Autoherstellers (aus unerfindlichen Gründen hat Audi wohl sein Okay dafür gegeben ...), wo die auf einen Käufer oder den Transport mit Fähre wartenden Fahrzeuge zwischendurch mal ein paar Meter gefahren werden müssen.

Ein stumpfsinniger Job mit teilweise unmenschlichen Bedingungen, das wird von Anfang an überdeutlich. Während Anders immer mal wieder seinem Hobby, dem nächtlichen Tauchen nachgeht oder es zu Streitereien mit seinem Sohn kommt, weil die finanzielle Situation der beiden sich nicht wirklich verbessert hat, erfährt man so langsam, worum es in dem Film eigentlich geht. Im Berlinale-Katalog heißt es: »Zu einer filmischen Elegie verknappt zeigt Yarden das Abrutschen eines Mannes in die wortkarge, kalte Arbeitswelt des entfesselten Kapitalismus.« Anders lernt, wie die »Zusammenarbeit« funktioniert: Mobbing, Diebstahl, Diskriminierung von Migranten. Zunächst hält Anders an seinen humanitären Überzeugungen fest, doch er kapiert einigermaßen schnell, was man machen muss, um seinen Job zu behalten oder sogar eine Aufstiegschance zu bekommen. Auf den Punkt gebracht, heißt das, dass der neue Fernseher für den Sohn halt manchmal wichtiger ist als auf seine Menschlichkeit zu beharren. In diesem Sinne ist Yarden eine sehr betrübliche und schwarze Komödie - aber mit einer inszenatorischen Kraft, die sich in der betont langsamen Erzählweise immer klarer durchsetzt. Regisseur Måns Månsson wirkt auf mich wie früher Lenny Abrahamson, der aber seinen Humor noch auf ein Bruchteil heruntergefahren hat. Eine der positiven Überraschungen des Festivals, die nur von viel zu wenigen Leuten gesehen wurde. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass der Regisseur bereits 2009 einen Film im Forum hatte (engl. Titel: Mr. Governor) und schon mehrfach für schwedische Filmpreise nominiert wurde. Da gibt es noch etwas zu entdecken ...

Da der Film deutsche Fördergelder erhielt und Teile in Bremerhaven gedreht wurden, hoffe ich übrigens auf einen deutschen Kinostart.


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A Quiet Passion
(Terence Davies, Berlinale Special)

Großbritannien / Belgien 2015, Buch: Terence Davies, Kamera: Florian Hoffmeister, Schnitt: Pia Di Ciaula, mit Cynthia Nixon (Emily Dickinson), Jennifer Ehle (Lavinia "Vinnie" Dickinson), Keith Carradine (Mr. Dickinson), Catherine Bailey (Ms. Vryling Buffam), Joanna Bacon (Mrs. Dickinson), Emma Bell (Emily, jung), Duncan Duff (Austin Dickinson), Johdi May (Susan Dickinson), Annette Badland (Aunt Elizabeth), Eric Loren (Reverend Wadsworth), 125 Min.

Rein zufällig hatte ich mir in den Monaten vor der Berlinale mal Emily Dickinsons »Complete Poems« einverleibt, und als ich auf ähnlich zufällige Weise vom Inhalt des neuen Films von Terence Davies (Distant Voices, Still Lives) hörte, bot es sich ja an, mal zu schauen, was Davies aus den Gedichten ziehen würde, ob das Ganze in Richtung typisches Biopic tendiert etc.

Ich muss sagen, ich hatte in den ersten drei Fünfteln des Films so manches Problem, weil ich einfach die Herangehensweise nicht wirklich nachvollziehen konnte. Zum einen hatte ich das Gefühl, als ob man sich eher an anderen (und zwar britischen) Schriftstellern orientiert hatte. Ich erkannte die typischen Bonmots eines Charles Dickens (»Vanity is a sad and harmless vice«) oder die leise (hier etwas lautere) Ironie von Jane Austen (»I hope you live a hunred years« - »What a repellant idea!«), auch wiederzufinden in zwei Nebenfiguren, der stark von sich selbst eingenommenen »Aunt Elizabeth«, der man aber dennoch Zuneigung und warme Gefühle angedeihen lässt, als auch einer gewissen Ms. Vryling Buffam (im Film heißt es zu diesem Namen »It sounds like an anagram«, aber ich konnte dieses nicht aufschlüsseln - denn sie kommt tatsächlich in den Briefen von Emilys Bruder Austin vor), die mich schon in starken Maße an Austens Emma erinnerte.

A Quiet Passion (Terence Davies, Berlinale Special)

Bildmaterial: Johan Voets © A Quiet Passion   

Nun ist Terence Davies nicht eben für seinen Humor bekannt, aber das nach Zerstreuung süchtige Pressepublikum delektierte sich scheinbar an diversen kleinen Scherzen, die mich fast allesamt nicht wirklich ansprachen. Symptomatisch erschien mir hier die Erwähnung von George Washington, die Emily im Film mit den Worten »George who?« pariert. Wenn es nach dem restlichen Publikum geht, war das eine super Pointe oder ein Beweis für spitzfindige Spontanität oder ähnliches. Ich indes fand es ähnlich oberflächlich (und irgendwie auch auf einem nicht besonders hohem Niveau) wie die Szene im Wettbewerbsbeitrag L'avenir (nicht zuende geschaut, weil es mich so gar nicht ansprach), wo die betagte Mutter das französische Staatsoberhaupt im Fernsehen nicht erkennt. in beiden Fällen klang das für mich wie »name-dropping« der unteren Kajüte, das aber irgendwie zu funktionieren scheint.

Auf einer ähnlichen Ebene liefen auch einige Streitereien im Film ab, wenn etwa ein nicht perfekt geputzter Teller mokiert wird (»This dish is dirty«), und Emily ihn zu Boden wirft (»It is dirty no more«). Soll dies etwa den Freiheitskampf gegen das Patriarchat in Szene setzen? Denn mehrfach hatte man das Gefühl, das es um wichtige politische Fragen geht (nicht zu letzt den amerikanischen Bürgerkrieg) und Emily wie eine tragische Gallionsfigur jeweils den politisch korrekten Standpunkt demonstriert. Es ist zwar so, dass man auch in ihren Gedichten zu unzähligen Themen Ausführungen und oft provokante Meinungen findet, aber im Film wirkt vieles plakativ - und nicht zuletzt theatralisch.

Gleich zu Beginn des Films gibt es etwa eine Szene, in der vier oder fünf Personen in der Loge eines Theaters sitzen (die Kadrierung wird nicht verändert, man sieht die Figuren wie auf einem Gemälde nebeneinander sitzen), und ohne sich einander zuzuwenden, unterhalten sich hier Personen, die einige Meter entfernt voneinander sitzen. Das erschien mir so unrealistisch und überzogen, dass es mir wirklich schwer fiel, mich auf den Film einzulassen.

Im Schlussteil des Films, der sehr tragisch aufgezogen ist, drückt man stattdessen umso stärker auf die Emotionen, was dann auch größtenteils funktioniert. Ich habe mir das mal im Nachhinein so zurechtgelegt, dass die Beschäftigung mit dem Werk Emily Dickinsons auch so funktionieren kann, dass man zu Beginn keinen Zugang findet, weil sie ihre Aussagen oft eher versteckt - aber wenn man sich eine Zeitlang mit ihren Gedichten (und vielleicht auch ihrer Biografie) befasst, kommt man ihr sozusagen näher und »fühlt mit«.

Wirklich überzeugen tut mich das aber auch nicht. Im Verlauf des Films werden diverse Gedichte Dickinsons eingesprochen, aber meistens eher in dekorativer Weise, jeweils passend zu gerade behandelten Themen - und alle Chronologie gänzlich außer acht lassend. Das klingt jetzt irgendwie seltsam, aber für mich war der Film einfach zu leicht zugänglich, zu massentauglich. Denn das sind nun wirklich zwei Adjektive, die auf Emily Dickinson nicht zutreffen. Und auch das beinahe systematische »Abarbeiten« wichtiger politischer Themen hat mich gestört. Der Film gibt sich zu viel Mühe, sich beliebt zu machen, im Nachhinein ist dann doch des erste Drittel des Films mit seiner Theatralik und den forschen gefühlskalten »talking heads« am gelungensten. Obwohl es mir selbst auch den Zugang erschwerte. Es ist, als suche ich nach einer Freundin, die sich mir aber verwehrt. Und irgendwie ist das die Natur Emily Dickinsons. Ich habe leider auch keinen Schimmer, wie man diese Faszination und Anziehungskraft auf die Filmleinwand übertragen kann. Womöglich ist dieses »Zerrissensein«, das der Film bei mir erweckt, doch etwas Positives, was in diese Richtung weist. Und ich bin nur zu kritisch eingestellt.

Ich bin nicht zufrieden. Aber ich könnte es niemals besser machen oder auch nur die ungefähre Richtung angeben, die mich zufrieden stellen würde.


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Valentina
(Maximilian Feldmann, Perspektive Deutsches Kino)

Kritik zu Valentina von Friederike Kapp

Deutschland 2016, Buch: Maximilian Feldmann, Luise Schröder, Kamera: Luise Schröder, Musik: Oliver Ole Fries, Schnitt: Gregor Bartsch, Matthias Scharfi, Ton: Oscar Stiebitz, mit Valentina Demaili, Ferdi Demaili, Asim Demaili, Naile und anderen, 51 Min.

Die ganz in Schwarz-Weiß gehaltene Filmreportage Valentina beschreibt das Leben der gleichnamigen Protagonistin, dem zehnjährigen Roma-Mädchen Valentina, die mit ihrer Familie - Eltern, Geschwister, Großvater - in einfachsten Verhältnissen lebt. Der Film beginnt harmlos, friedlich. Ein kleines Mädchen spielt an einem Fluss, von dessen Ufern die mächtigen Gebäude einer fürstlichen alten Stadt emporwachsen - Skopje in Mazedonien.

Die erste häusliche Episode umreißt die kargen Lebensumstände der Familie. Der Vater schlachtet im Hof zwei Hühner. Wir sehen: unverputzte Wände, einen ungepflasterten, staubigen Hof mit einem Wasserhahn, unter dem das Huhn gewaschen wird. Unbefangen und etwas despektierlich bewerfen sich Valentina und ihr etwa vierzehnjähriger Bruder Ferdi gegenseitig mit den Hühnerköpfen, bis der Vater »Genug!« sagt. Gegessen wird im Haus. Alle setzen sich auf den nackten Fußboden, und man zählt: ..., sieben, acht, neun - neun Personen.

Als Schlafenszeit ist, stellt der Zuschauer fest, dass das Haus offensichtlich nur aus diesem Raum besteht. Es gibt ein Sofa, einen Fernseher. Keine Matratzen, nur ein Deckenlager wird ausgebreitet. Warum nur erzählt Valentina immer von zwölf Personen, wenn es doch nie mehr als neun sind?

Vor der immerselben Mauer aus rohen Lochziegeln stellen sich die einzelnen Familienmitglieder nach und nach vor die Kamera wie zu einer Porträtfotografie. Valentina erläutert: Das ist Ferdi. Das ist mein Vater. Das ist meine Mutter usw.

Valentina (Maximilian Feldmann, Perspektive Deutsches Kino)

Bildmaterial: © Luise Schröder    

Aus prototypischen Situationen entsteht nach und nach der Familienalltag. Valentina und Ferdi mit ihrem Vater Asim beim Brennholzsammeln. Valentina und ihre etwa einjährige jüngste Schwester mit der Mutter Naile in der Stadt beim Betteln. Valentina ärgert ihren Großvater, der sich nur für Zigaretten interessiert und ansonsten seine Ruhe will. Asim beim Sperrmüllsammeln. Die schwangere Naile - pro Jahr ein Kind - bei der Frauenärztin. Asim auf dem Sozialamt.

Materielle Unterstützung bekommt man dort nicht; der mazedonische Sozialstaat vollzieht seine Fürsorgepflicht, indem er mittellosen Leuten, die ihre Familie nicht aus eigener Kraft ernähren können, die Kinder wegnimmt und in ein Heim steckt. Asim möchte seine drei ältesten Töchter zurückholen, deshalb ist er auf dem Amt. - Neun und drei, ach so!

Warum filmt Ihr das?, fragt ein Flaschensammler, der hinzukommt, als Asim im Sperrmüll stochert. Die Deutschen sollen sehen, wie hart wir arbeiten, erwidert dieser.

Die heikle Frage, wie sich die Filmemacher in ihrer Dokumentation selbst präsentieren, wird hier gut gelöst. Valentinas Voice-over setzt die gezeigten Alltagserlebnisse in einen Zusammenhang, gibt Nebeninformationen, wie sie in einem freundschaftlichen Gespräch getauscht würden, erzählt zugewandt und in allen Familiendingen kompetent. Gegen Ende des Films treten die Personen hinter der Kamera ins Bild (»Das sind Luise und Max«), lösen auch die Drehsituation auf - Wo stand in dem Neun-Personen-Schlaf-Ess-Wohnzimmer das Wuschelmikrofon? - und bekräftigen die bereits zuvor unverkennbare Verbundenheit der Filmcrew mit ihren Protagonisten.

Mit Empathie und ohne Pathos veranschaulicht dieses sehenswerte Filmporträt beispielhaft ebenso unaufgeregt wie eindringlich das Leben von Roma-Familien in einem »sicheren Herkunftsland«.



Second Opinion

Kurzkritik zu Valentina von Elisabeth Nagy

Valentina ist eine Geschichtenerzählerin und das Herzstück von Maximilian Feldmanns Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg im Studienfach Dokumentarfilmregie. Feldmann, der bereits in seinem Sozialen Jahr in Ecuador dokumentarisch arbeitete, war auf der Suche nach Armut, wollte dem Zustand ein Bild geben. Dafür suchte er sich ausgerechnet eine Roma-Siedlung in Skopje, Mazedonien aus. Ihn trieb ein Zitat von Rilke, »Armut ist ein großer Glanz aus Innen«, womit er seinen Film nicht eröffnet. Der Zuschauer soll sich sein eigenes Bild machen. Feldmann und sein Team suchten über Wochen nach einer Geschichte, die sie nach Deutschland bringen sollten. Die Bewohner wollten zuviel Aufwandsentschädigung haben, mehr als sich die Studenten leisten konnten. Dass ein Honorar im Budget eingerechnet werden muss, blendet der Film nicht aus, auch wenn er sich aus der Geschichte der Familie Demaili heraushält. Erfahrung hat der Vater bereits, war er doch Statist für Emir Kusturicas «Schwarze Katze, weiße Katze«. Valentina zieht das Team hinter sich her, lacht und kichert und erzählt und erzählt. Anekdotisch, voller Kniffe, in ihr stecken viele Filme. Dabei ist sie vielleicht 10 Jahre alt. Das Team findet für ihre Geschichten eine Entsprechung, vielleicht nicht immer geglückt. Man entscheidet sich für das künstlerische Schwarzweiß, dabei wäre bei der Lebensfreude und dem Schalk, das aus diesem Kind strömt, Farbe angemessen gewesen. Der Film taktet das Dokumentarische mit Zwischenstücken mit je einem Porträt, das sich ganz auf eines der Familienmitglieder konzentriert, auf Augenhöhe mit dem Zuschauer schauen sie uns an. Es gibt einen Konflikt, nicht alle Geschwister leben bei der Familie und Valentina will sie zurück haben. Das Filmteam wertet nicht, lässt sich vielleicht auch zu sehr verzaubern. Doch Feldmann weiß noch ein Zitat, Tucholsky wusste es besser als Rilke. »Armut ist eine einzige Sauerei«.


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Born to Dance / We love to Dance
(Tammy Davis, Generation 14plus)

Kritik zu Born to Dance von Friederike Kapp

Dt. Verleihtitel: We love to dance, Neuseeland 2015, Buch: Steve Barr, Casey Whelan, Hone Kouka, Kamera: Duncan Cole, Schnitt: Jeff Hurell, Musik: Peter »P-Money« Wadams, Choreografie: Parris Goebel, Kostüme: Kylie Cooke, Maske: Deb Watson, mit Tia-Taharoa Maipi (Tu), Stan Walker (Benjy), Kherington Payne (Sasha), Jordan Vaha'akolo (Kane), Parris Goebel (Tünzerin), 96¬†Min., Kinostart: 24. März 2016

Der Junge soll einen vernünftigen Beruf ergreifen. Das ist die Meinung seines Vaters. Der junge Maori Tu (Tia-Taharoa Maipi) hat gerade die Schule abgeschlossen. Für den - nicht ganz unwahrscheinlichen - Fall, dass er in den nächsten Wochen keinen vernünftigen Beruf findet, hat sein alleinerziehender Vater, selbst Armeeoffizier, ihn für die Militärlaufbahn vorgesehen.

Wünsche hat Tu schon, aber wie realistisch sind die? Er träumt von einer Karriere als Hiphopper. Während des Sommers hat er einen Job in einer Lagerhalle. Seine gesamte Freizeit verbringt er mit seiner gemischtmigrationshintergründigen Gang, ebenfalls Schulabgänger vor beruflichen Entscheidungen. Sie üben und üben, und sie sind gut. Aber sind sie gut genug für »Neuseeland sucht die next Hiphoppers«, den Mitmachwettbewerb der berühmten »K-Crew«?

Born to Dance (Tammy Davis, Generation 14plus)

Tu hat so seine Zweifel, und als die K-Crew-Leute ihn ansprechen und ihm raten, die Gruppe Gruppe sein zu lassen und das Casting-Camp alleine zu besuchen, tut er das.

Es folgen verschiedene Geschichten um Freundschaft und Verrat, Vertrauen und Versöhnung, Enttäuschung und wie man damit zurechtkommt. Das ist alles sehr realistisch, geradlinig und glaubhaft erzählt.

Was den Film über andere Tanzfilme heraushebt, sind neben dem erfrischend kitschfreien Grundton die hochwertigen Tanzszenen. Da wird gezeigt, was Sache ist. Keine Schnitte, die zwei, drei Bewegungen in Können umdichten. Keine Füße, die schnell umherhopsen und am Knie aufhören. Die Choreografien sind so gut, dass man sie sehen und verstehen kann. Und die Tänzer müssen nichts emulieren, sie zeigen ihr Können.

Tatsächlich sind die Darsteller Hiphop-Profis. Die Choreografin Parris Goebel hat bereits acht Hiphop-Weltmeistertitel errungen. Doch hieraus einen derart dynamischen, rasanten Filmgenuss zu gestalten, ist immer noch eine Aufgabe. Kaum zu glauben, dass der Regisseur Tammy Davis mit Born to dance sein Langspielfilmdebüt gibt.

Dass der Originaltitel Born to dance in Deutschland aus urheberrechtlichen Gründen dem ungleich plakativeren We love to dance weichen musste, ist ein bisschen schade. Trotz drögem neuen Titel: ein aufregender Film!



Mitte März in Cinemania 147:
Eddie the Eagle - Alles ist möglich (Dexter Fletcher), Im Himmel trägt man hohe Schuhe (Catherine Hardwicke), Rock the Kasbah (Barry Levinson), Silent Heart - Mein Leben gehört mir (Bille August) und ein bis zwei weitere.