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Die Box




28. Oktober 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Im Sommer wohnt er unten (Tom Sommerlatte)


Im Sommer wohnt er unten
(Tom Sommerlatte)

Deutschland / Frankreich 2015, Buch: Tom Sommerlatte, Kamera: Willi Böhm, Schnitt: Anna Kappelmann, Kostüme: René Venghaus, mit Sebastian Fräsdorf (Matthias), Godehard Giese (David), Karin Hanczewski (Lena), Alice Pehlivanyan (Camille), William Peiro (Etienne), 100 Min., Kinostart: 29. Oktober 2015

Ich gebe zu, um die Berlinale-Sektion »Perspektive deutsches Kino« habe ich mich schon mal intensiver gekümmert, aber mein subjektiver Eindruck ist eher so, als hätte man da früher bessere Chancen gehabt, bereits komplett ausgereifte Filme (und nicht nur Potentiale) zu entdecken. 2015 war ich während der Berlinale nur in einem Perspektive-Film (der später sogar einen regulären Kinostart bekam) – und nach ca. 22 Minuten verließ ich den Saal wieder.

Umso schöner, dass mir Im Sommer wohnt er unten nach der Berlinale nicht durchs Netz schlüpfte, denn in diesem Fall handelt es sich um einen dieser »Sommer«-Filme, mit denen sich das junge deutsche Independent-Kino etwa seit dem Startschuss der »Perspektive«-Sektion (obwohl da kein direkter Zusammenhang besteht) immer wieder bewährt – nein, ausgezeichnet hat. Ich meine damit Filme wie Robert Thalheims Netto, Stefan Krohmers Sommer '04, Angela Schanelecs Nachmittag, Matthias Luthardts Pingpong, Maren Ades Alle anderen, Sebastian Schippers Mitte Ende August, Santiago Gils Chiralia, Ramon Zürchers Das merkwürdige Kätzchen oder Edward Bergers Jack, allesamt Filme, die einem ein leichtes Urlaubsgefühl einhauchen, dabei aber ein präzise beobachtetes Deutschland zeigen, das ein wenig wirkt wie David Lynchs Lumberton, wo man in einer harmlosen Sommerwiese plötzlich ein abgeschnittenes Ohr finden kann. Stellvertretend für – manchmal nur angedeutete – Traumata, Verstimmungen, Probleme, psychologische Abgründe.

Im Sommer wohnt er unten (Tom Sommerlatte)

Bildmaterial © Osiris

Was einen dann trotz der Beschränkungen, unter denen das deutsche Nachwuchskino oft leidet, in eine Geschichte hineinzieht, die eben jene Authentizität und das nationale Wiedererkennungspotential hat, für das es sich lohnt, dem deutschen Kino eine Chance zu geben. (Obwohl es natürlich auch einige Filme gibt, die von weitem so aussehen, als könnten sie zu dieser seltsamen Gruppe gehören, nur um sich dann als – Rückkehr zur Lynch-Metaphorik – »nur Ohr« oder »nur Sommerwiese« zu erweisen. Denn gerade die Mischung macht's.)

Wobei die Sache mit dem Ohr keine Leiche im Keller sein muss, es reicht oft schon, wenn man das vage Gefühl hat, dass einem jederzeit der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann. Dieses Gefühl repräsentiert Im Sommer wohnt er unten vorzüglich: man ist sich nie sicher, ob nicht das Kind im Swimming Pool ertrinken könnte oder es einen Unfall mit dem Rasenmäher gibt. Und viel ausdrucksstärker als ein tatsächliches Unheil ist hierbei diese schwelende, schwer festzumachende Ungewissheit – und das natürlich mitten in diesem locker-flockigen Urlaubsfeeling. Überall kann eine Qualle, ein rostiger Nagel, eine Affäre oder ein Verbrechen lauern – aber selbst, wenn es nie dazu kommen sollte, reicht es aus, um einen auf der Kante des Kinosessels verharren zu lassen. Man wird zwar glänzend unterhalten, aber man kann sich nie so ganz entspannen. Und so seltsam das klingen mag: ich liebe dieses Gefühl!

Im Sommer wohnt er unten (Tom Sommerlatte)

Bildmaterial © Osiris

Aber zum Film: Der Slacker Matthias (Sebastian Fräsdorf) lebt mit seiner französischen Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) und deren 6jährigen Sohn Etienne (aus einer früheren Beziehung) im quasi-geerbten frz. Landhaus der Eltern. Zu dieser Gruppe stößt nun Matthias‘ Bruder David (Godehard Giese), ein Karrierist, der bei seinem Urlaub mit seiner Frau Lena (Karin Hanczewski) gleich seine Vorstellungen durchdrückt. Und schon erklärt sich der Filmtitel »Im Sommer wohnt er unten«, denn David schnappt sich das bessere Zimmer, erinnert Matthias daran, dass er den Rasen mähen muss und möchte den kleinen Etienne (und seine Mutter) am liebsten gleich loswerden, weil die nerven – und, wie sich herausstellt, seine Herrschaft im Urlaubsdomizil in Frage stellen könnten.

Schnell stellt sich heraus, dass alle (aus unterschiedlichen Gründen) auf Krawall gebürstet sind. Einzig Matthias mit seinem eher phlegmatischen Gemüt versucht, den Hausfrieden aufrechtzuerhalten – »I want to do it right, but everybody yells at me …«

Im Sommer wohnt er unten (Tom Sommerlatte)

Bildmaterial © Osiris

Trotz der generell eher dramatischen Situation lebt der Film von seinem Humor. Die Dialoge sind knackig (»Kannst Du ihr mal sagen, dass sie die Klappe halten soll? Wir sind hier im Urlaub!«), aber fast noch besser sind die Blicke. Und nebenbei geht es auch um die schwelenden Probleme in den Beziehungen. Lena hört etwa dem (absichtlich lauten) Sex zwischen Camille und Matthias zu und liest ein Buch mit dem Titel »Wir wollen ein Baby«, aber David – der ja so bemüht ist um seinen persönlichen Urlaubsfrieden – versteckt sich zwischendurch im Kinderzimmer, um auf seinem Laptop (verbotenerweise) mit Aktien zu spekulieren. Obwohl ihm dies schon ausgiebig Probleme bereitet hat in der Vergangenheit. Seine entsprechende Fachliteratur versteckt er dabei in einem anderen Schutzumschlag – er ist der Heuchler schlechthin …

Und dann gesellt sich zu den Problemen auch noch eine seltsame Anziehungskraft, die zwischen den Paaren natürlich über Kreuz stattfindet. Die Probleme sind vorprogrammiert, das bietet eine Menge Stoff für Konflikt (und Amüsement des Betrachters), und vor allem ist es clever geschrieben, gespielt und inszeniert. Selbst die Ausstattung und das Szenenbild erfreuen sehr, wenn im ehemaligen Spießerparadies der Eltern immer noch die Packung Caro-Kaffee oder die Dose »Quality Street« auftauchen. Und der Rasenmäher muss natürlich befahrbar und von »John Deere« sein, Ehrensache!

Im Sommer wohnt er unten (Tom Sommerlatte)

Bildmaterial © Osiris

Zwischen den oben erwähnten »Sommer-Filmen« fügt sich Im Sommer wohnt er unten so geschmeidig ein, das man sich sicher ist, von diesem Regisseur noch so manchen Film sehen zu wollen. Und wenn man dabei noch bedenkt, mit welch geringem Budget dieses Kleinod entstanden ist, ist meine persönliche Freude groß, dass ich dieses Paradebeispiel für die oft verschmähte »Perspektive deutsches Kino« doch noch zu Gesicht bekommen habe. Ausgehend von meiner Erfahrung mit der Rubrik ist das Sommerlatte-Debüt qualitativ klar in den besten 5-10% anzusiedeln. Unbedingt empfohlen, auch wenn das Wetter aktuell nicht mehr zum Film passt.