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Die Box




13. Februar 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org
Berlinale 2016



Alle Terminangaben sind sorgfältig abgetippt, aber ohne Gewähr. Die Filme werden immer unter dem Titel aufgeführt, unter dem man sie im offiziellen Berlinale-Katalog findet.


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Berlinale 2016 - Los geht's!


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Jug-yeo-ju-neun yeo-ja
(E J-yong, Panorama)

 
Vorführungen:
  • Samstag, den 13. Februar um 22 Uhr 45 im CineStar 3
  • Sonntag, den 14. Februar um 22 Uhr 30 im Cubix 7 + 8
  • Mittwoch, den 17. Februar um 17 Uhr 45 im CineStar 3
  • Samstag, den 20. Februar um 17 Uhr im International


Republik Korea 2016, Intern. Titel: The Bacchus Lady, Buch: E J-yong, Kamera: Kim Young-ro, Schnitt: Hahm Sung-won, Musik: Jang Young-gyu, mit Youn Yuh-jung (So-young), Chon Moo-song (Jae-woo), Yoon Kye-sang (Do-hoon), An A-zu (Tina), Choi Hyun-jun (Min-ho), 110 Min.

E J-yong ist so ein Regisseur, den ich ohne die Berlinale gar nicht kennen würde. Sein erster Film innerhalb des Panorama-Programms, Untold Scandal (ausnahmsweise bestehe ich mal nicht auf die Originaltitel, meine koreanischen Leser mögen es mir verzeihen), lief bereits 2003 und verzückte mich immens. Allerdings mag ich die Romanvorlage zu Es historischem Kostümfilm, die Gefährlichen Liebschaften von Choderlos de Laclos, so sehr, dass ich mir schon mal eine filmische Adaption davon mit Freunden zu meinem Geburtstag als (natürlich künstlerisch wertvollen und politisch brisanten) Schwulenporno anschauen wollte (aber mein Interesse wurde nicht geteilt und wir haben etwas anderes angeschaut). Sein zweiter Panorama-Film war etwas gänzlich anderes, die aufgedrehte mangamäßige Schulkomödie Dasepo Naughty Girls, die mich schon etwas weniger überzeugte. Und sein dritter Auftritt im Panorama, mit der Doku-Fiction Actresses, hatte den starken Nachteil, dass ich die Protagonistinnen, offenbar allesamt bekannte koreanische Schauspielerinnen, nicht kannte und somit der gesamte Metatext hops ging. Als französischer oder deutscher Film hätte mir der womöglich sogar gefallen.

Trotz meines stetig fallenden Interesses für seine Filme (einen weiteren Panorama-Film namens Behind the Camera habe ich ausgelassen) wollte ich ihm aber mit The Bacchus Lady noch eine Chance geben, obwohl mich die Inhaltsangabe über eine Prostituierte im Greisenalter, die plötzlich auf einen kleinen Jungen aufpassen soll, auf Anhieb auch nicht unbedingt vom Hocker riss. Aber, und hier greife ich etwas vor, The Bacchus Lady ist bisher der beste Film E J-yongs, den ich kenne. Untold Scandal ist aber auch eine Zeitlang her, und ich rechne ihm zum Vorteil an, dass das wirklich überzeugende Drehbuch diesmal ganz aus seiner Feder stammt.

Jug-yeo-ju-neun yeo-ja (E J-yong, Panorama)

Um dem Film gerecht zu werden, müsste man eigentlich eine Menge verwirrende Details aufzählen, die zum allergrößten Teil beim meisterhaften Schluss des Films eine Rolle spielen und einen drehbuchmäßigen Payoff erfahren. Aber ich möchte dieses Erlebnis lieber den Zuschauern überlassen und werde nur einen groben Handlungsrahmen skizzieren.

So-young (ja, das ist ein Künstlername und ja, sie spricht ein bisschen Englisch) ist eine in die Jahre gekommene Prostituierte, deren Job inzwischen daraus besteht, dass sie ein Erfrischungsgetränk namens "Bacchus" im Park feilbietet und darüber hinaus weitere Dienste anbietet. Das wirkt irgendwie etwas seltsam und der Hinweis im Katalogtext, dass "Bacchus" "taurinhaltig" ist, ließ mich das tatsächlich mal nachgooglen, weil ich annahm, dass das Zeug vielleicht potenzfördernd sein könnte oder sonstwie was besonderes ist. Aber Taurin, das nicht nur zufällig wie taurus klingt und aus der Ochsengalle gewonnen wird, ist dasselbe Zeug, das man auch in Red Bull findet. Wenn ich mir vorstelle, dass mich im Tiergarten eine ältere Dame ansprechen würde, ob ich nicht so einen Energydrink von ihr kaufen wolle, würde mir das schon reichlich spanisch vorkommen. Muss also was koreamäßiges sein.

Zu Beginn des Films ist So-young ohnehin berufsmäßig etwas eingeschränkt, weil sie beim Arztbesuch erfuhr, dass sie sich (mal wieder) einen Tripper eingefangen hat, und so erzählt sie ihren Freiern etwa, dass sie wegen der Monatsblutung (!) keinen Verkehr haben könne - und in diesem Fall glaubt der Typ das ohne weiteres. Diese Episode erwähne ich nur, um zu demonstrieren, dass der Film mitunter sehr unterhaltsam ist. Und die sexuellen Aspekte werden äußerst stilvoll abgefertigt.

Zurück zu dem Arztbesuch: Hier beobachtet So-young zufällig, wie der junge koreanische Arzt, der sie eben noch behandelt hatte, in einen Streit verwickelt wird, und eine Filipinin sticht ihm eine Schere in den Brustkorb, wofür sie von der Polizei abgeführt wird (der Arzt überlebt, keine Angst!) und ihrem kleinen Sohn, der draußen vor der Praxis gewartet hat, schnell zuruft, er soll weglaufen. Noch bevor So-young die genauen Zusammenhänge aus dem Fernsehen erfährt nimmt sie den Jungen, der nur Filipino spricht, unter die Fittiche - und gemeinsam mit ihm lernen wir das kleine Hinterhof-Ensemble kennen, das nun für einige Wochen quasi zur Patchwork-Familie des zunächst noch verschüchterten Min-ho wird. Wenn So-young nämlich zur Arbeit geht, kann sie den Jungen ja schlecht mitnehmen - und so müssen der einbeinige Slacker Do-hoon und die Vermieterin Tina, die mal ein Mann war, hin und wieder als "Babysitter" einspringen.

Wer jetzt glaubt, das klingt ja wie ein Til-Schweiger-Film, der unterschätzt nicht nur So-youngs Profession und Regisseur Es Kommentar zur in Korea um sich greifenden Altersarmut, das Tollste an dem Film ist, dass er sich sein ganz eigenes Tempo nimmt und mindestens drei Geschichten gleichzeitig erzählt, die aber thematisch irgendwie stark zusammenhängen. Am überraschendsten ist hierbei, dass sich aus der Story etwas krimimäßiges herauskristallisiert (und zwar nicht wegen des Kidnappings) und die Milieuschilderung des Multikulti-Koreas zunächst ganz zur verharmlost optimistischen Ersatzfamilie passt, dieser Lebensentwurf dann aber zu weiteren Geschehnissen in einen starken Kontrast gesetzt wird. Und dabei zerfasert sich die Geschichte über einen Handlungsspielraum, den drei Schweiger-Filme gemeinsam nicht erreichen würden, aber findet dabei auf bittersüße Weise zu einem Abschluss, der nicht zuletzt über die zunächst nur vage angedeuteten Parallelen zwischen einigen Handlungsfäden funktioniert.

Wenn man im Zusammenhang mit einem Film über die »Suche nach dem Glück« spricht, klingt das immer so dermaßen abgedroschen, dass man dafür ein halbes Phrasenschwein füllen müsste. Aber in diesem Fall passt das und bedeutet nicht zwangsläufig, dass am Ende alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Zu Beginn des Films dachte ich, dass er weit - sehr weit - von meinem eigenen Leben entfernt ist. Aber auf seine stille, behutsame Weise hat er mich tief berührt.


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Hail, Caesar!
(Joel & Ethan Coen, Wettbewerb außer Konkurrenz)

USA 2016, Buch: Joel & Ethan Coen, Kamera: Roger Deakins, Schnitt: Roderick Jaynes (das sind Joel & Ethan Coen), Musik: Carter Burwell, Kostüme: Mary Zophres, Casting: Ellen Chenoweth, mit Josh Brolin (Eddie Mannix), George Clooney (Baird Whitlock), Alden Ehrenreich (Hobart »Hobie« Doyle), Channing Tatum (Burt Gurney), Tilda Swinton (Thora Thacker / Thessaly Thacker), Ralph Fiennes (Laurence Laurentz), Jonah Hill (Joseph »Joe« Silverman), Scarlett Johansson (DeeAnna Moran), Heather Goldenhersh (Natalie, secretary), Ian Blackman (Cuddahy), Veronica Osorio (Carlotta Valdez), Max Baker (Hermann, Head Communist Writer), John Bluthal (Professor Marcuse), Frances McDormand (C.C. Calhoun), Patrick Fischler (Benedict, Communist Writer), David Krumholtz (Herschel, Communist Writer), Robert Picardo (Rabbi), Aramazd Stepanian (Eastern Orthodox Clergyman), Allan Havey (Protestant Clergyman), Robert Pike Daniel (Catholic Clergyman), Christopher Lambert (Arne Seslum), Wayne Knight, Jeff Lewis (Lurking Extras), Natasha Bassett (Gloria DeLamour), Richard Abraham (Falco, Postcard Photograph), Emily Beecham (Deirdre), Alison Pill (Connie Mannix), Michael Gambon (Narrator), 106 Min., Kinostart: 18. Februar 2016

Wenn die Coen-Brüder zusammen mit George Clooney einen Film drehen, wird das immer eine durchgedrehte Komödie. Nach O Brother, Where Art Thou?, Intolerable Cruelty und Burn After Reading zelebrieren die Coens abermals die genüssliche Dekonstruktion des Filmstars, der hier neben einem Alkoholproblem vor allem mit der eigenen Eitelkeit, einer immensen Begriffsstutzigkeit und dem zu seinem Kostüm im titelgebenden Sandalenfilm gehörenden Schwert kämpfen muss.

In der Anfang der 1950er spielenden Parodie auf das im Untergang begriffene Hollywood-Studiosystem kriegen vor allem die Schauspieler ihr Fett weg. Scarlett Johansson spielt etwa eine Esther-Williams-Kopie, die vor der Kamera immer zuckersüß lächelt, aber ansonsten ein loses Drecksmaul kultiviert. Und wegen einer zum falschen Zeitpunkt eingefangenen Schwangerschaft zunehmend Probleme hat, in ihr Meerjungfrauenkostüm (und das entsprechende Star-Image) hineinzupassen.

Am unterhaltsamsten ist aber Alden Ehrenreich (Blue Jasmine), der als Westenstar Hobie Doyle in virtuoser Weise so ziemlich alles aus Pferden, Lassos und Pistolen herausholen kann - aber nun in der Rolle eines Herren der besseren Gesellschaft schon am ersten Satz scheitert, weil er seinen Westerner-Drawl nicht abschalten kann. Köstlich, wie Ralph Fiennes als Regisseur »Laurence Laurentz« ihm erfolglos immer wieder einen Satz von vier Worten vorspricht, den Hobie einfach nur »genau so« wiederholen soll.

Die Hauptrolle hat aber Josh Brolin als Eddie Mannix, jener vom »Capitol Studio« engagierte Produktionsassistent, der dafür sorgt, dass vor der Kamera ebenso wie in den Spalten der Klatschkolumnen alles funktioniert. Er soll den vermutlich wieder auf einer Sauftour verschollenen Clooney zurückbringen, die Schwangerschaft vertuschen oder zumindest für einen akzeptablen Ehemann sorgen, er glättet die Wogen zwischen Regisseur und Star, indem er auf die Cutterin (Frances McDormand in einer der vielen kleinen Gastauftritte des Films) vertraut. Und dann klärt er auch noch die Darstellung einer Kreuzigung in jenem Bibelepos, das wie eine Mischung aus Ben Hur und Spartacus wirkt, mit Vertretern aller seinerzeit für das Massenpublikum stehenden Religionen.

Hail, Caesar! (Joel & Ethan Coen, Wettbewerb außer Konkurrenz)

Bildmaterial: © Universal Pictures   

In den unzähligen kleinen Episoden sieht man nicht nur mal wieder das Talent der Coens für die Kunst des Drehbuchschreibens, für großartig gecastete Darsteller und winzige Nuancen, man merkt auch ihre Liebe zum Filmgeschäft und vor allem der Filmgeschichte, zu jener Handwerkskunst, die sie selbst in ihren frühen Filmen noch nach alter Art praktizierten. Wenn man aber hier und da überdeutlich sieht, dass Josh Brolin für einer Green Screen steht oder das dem in Busby-Berkeley-Manier gedrehten Wasserballett am Rechner nachgeholfen wurde, schmälert das den Gesamteindruck schon mal. Nicht so schlimm wie bei der Schlepperszene in Ladykillers, aber man entfernt sich dadurch schon irgendwie vom Quellenmaterial. Es gibt aber auch Szenen, die beweisen, dass die Coens auch damals hätten bestehen können, wenn etwa Channing Tatum als Musicalstar einen singenden und tanzenden Seemann mimt - und als einziger der Schauspieler-Darsteller sowohl vor als auch fernab der Kamera alles im Griff hat. Außer der einen Requisite, die in gefühlt jedem dritten Coen-Film verloren geht. In den besten Szenen von Hail, Caesar! merkt man, dass die Coens nicht nur die Parodie beherrschen, sondern dass diese Parodie auch dem Anspruch des Publikums seiner Zeit (und das meine ich jetzt nicht abwertend) genügt. Es schwingt ernsthafte Liebe mit, nicht nur Häme.

In Sachen Zitatenschatzkiste wohnt man einem üppigen Büffet bei, das nicht nur etwa vier Jahrzehnte Hollywoodgeschichte plündert, sondern nebenbei auch dem Coen-Standard der misslungenen Entführung ein weiteres Beispiel hinzufügt. Diesmal sind es nicht irgendwelche Nihilisten, sondern natürlich Drehbuchautoren, die allesamt Mitglied der Kommunistischen Partei sind, die für den im Vollrausch abgeschleppten Clooney Lösegeld fordern - und nebenbei wollen sie ihn auch noch politisch indoktrinieren. Außer den Coens gibt es vermutlich nicht viele Filmemacher, die von einem Luxusdesignerhaus, das in nicht geringem Maße an das aus Hitchcocks North by Northwest erinnert, fast direkt zu einer Szene schwenken, die aus Spielbergs 1941 geklaut scheint.

Das ist dann aber auch eine der besten Ideen des Films, der darunter leidet, dass die Figur des Mannix, die alles zusammenhalten sollte, zu langweilig und superkorrekt ausfällt. Fast alle 24 Stunden lässt er sich die Beichte abnehmen, obwohl er zwischendurch nur drei Zigaretten rauchte - und den »religiösen« Höhepunkt des Films nimmt den Coens trotz aller »tongue-in-cheek« und der perfektionierten Praxis, sich immer wieder selbst in Frage zu stellen, nicht wirklich jemand ab. Und der andere Schlussgag, dass das Hollywood-Studio und ein Grundwerk von Karl Marx nur wenige Buchstaben trennen, reicht auch nicht aus, um dem Ulk eine weiterreichende Bedeutung zu verleihen, wie man sie in Barton Fink oder ansatzweise in The Hudsucker Proxy noch fand. Da passt der Film dann doch eher in jene Schublade, die George Clooney angesichts seiner Coen-Rollen erschuf: »Idiotenfilme« - aber dabei immer noch um einiges besser als 1941, der auf ähnliche Art (nicht) funktionierte.

Als Zuschauer kann man sich nur an den Einzelszenen delektieren, an den unzähligen Anspielungen und einigen tollen Kurzauftritten weniger bekannter Darsteller, von denen ich nur Jeff Lewis, Robert Picardo und Patrick Fischler herausstellen will.

Die eine Entscheidung der Coens, die ich am wenigsten verstehe, ist, warum sie ihre Hauptfigur 1:1 Eddie Mannix genannt haben, und auch noch (im Dialog) dessen einstigen Chef (bei MGM) Nick Schenck erwähnt haben. Wenn man sich schon so viele Freiheiten herausnimmt, und statt eines Biopics ja eindeutig eine Fiktion erstellt (vergleiche etwa Trumbo) hätte man ihn ja auch Manny Eddix oder Howard Getfix nennen können. Bei Tilda Swintons unverkennbaren Variation von Hedda Hopper haben sie das ja auch gemacht. Oder wollten sie Mannix vielleicht eine Art Denkmal widmen?


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Midnight Special
(Jeff Nichols, Wettbewerb)

USA 2016, Buch: Jeff Nichols, Kamera: Adam Stone, Schnitt: Julie Monroe, Musik: David Wingo, Production Design: Chad Keith, mit Michael Shannon (Roy), Joel Edgerton (Lucas), Kirsten Dunst (Sarah), Jaeden Lieberher (Alton), Adam Driver (Sevier), Bill Camp (Doak), Scott Haze (Levi), Sam Shepard (Calvin Meyer), Paul Sparks (Agent Miller), 112 Min., Kinostart: 18. Februar 2016

Wenn man mal außer acht lässt, wer bei Midnight Special für Buch und Regie zuständig war, passt eigentlich alles zusammen: Es geht um einen seltsamen Jungen, den manche für den Erlöser, andere für eine Waffe halten, und von dem man eigentlich recht schnell annimmt, dass er sowas ähnliches wie ein Außerirdischer ist. Schon der Name: Alton. Klingt für mich wie L. Ron (Hubbard) oder Kar-El (aka Superman). Der Vater des Achtjährigen wird dann auch von einem Kryptonier gespielt (General Zod alias Michael Shannon), und zum weiteren Ensemble gehören gleich zwei Schauspieler, die schon bei Star Wars mitgespielt haben: Adam Driver und Joel Edgerton, wobei letzterer in The Odd Life of Timothy Green auch schon Erziehungsberechtigter eines seltsamen Jungen war. Einzig bei Kirsten Dunst habe ich das Gefühl, dass Drew Barrimore wohl schon vergeben war oder keine Lust hatte. Einige der Szenen dieser Alton-Mutti wirken schon stark wie die Fortsetzung von E.T.

Jeff Nichols tat sich bisher als kantiger Erzähler teilweise blutiger Familiengeschichten hervor. In Shotgun Stories fühlte man sich wie in einer Shakespeare-Tragödie, bei Take Shelter spielte er schon (erfolgreich) mit teuren Effekten, bebilderte damit aber eher einen Wahn und ein Weltuntergangsgefühl. Und sein hierzulande nur auf DVD gestarteter Mud war auch wieder sehr familienlastig (das muss ja nicht schlecht sein), mit einer etwas aufgesetzt wirkenden Krimi-Geschichte. In Midnight Special geht es abermals um eine kleine Familie (die sich erst wieder zusammenfinden muss, um später getrennt zu werden) und eine etwas actionlastige Geschichte, bei der Teile der US-Regierung den Jungen jagen wie einst E.T. oder ähnliche eigentlich freundlich gesinnte Aliens. Nichols erzählt das mit ein paar neuen Tricks, aber keinen wirklich neuen Ideen.

Midnight Special (Jeff Nichols, Wettbewerb)

Bildmaterial: Ben Rothstein © 2016 Warner Bros. Entertainment Inc. + RatPac-Dune Entertainment LLC   

Das Spannendste (aber auch nicht neue) Element ist die Verbindung der Aliengeschichte mit religiösen Motiven. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, unterscheiden sich die Lichtwesen aus Close Encounters of the Third Kind oder ähnlichem auch nicht sehr von Engeln und dergleichen. Außerirdisch oder überirdisch, vielleicht sind das auch nur semantische Unterscheidungen für die Wesen, die im Himmel leben und über uns wachen.

Ob man für solche profunden Einsichten allerdings eine umständliche Verfolgungsdramaturgie benötigt, deren Spannung und »sense of wonder« sich nicht so recht einstellen wollen? Wie schon der Eröffnungsfilm Hail, Caesar! ist auch dieser eher herkömmliche Film eines Independent-Lieblings zwar gute Handarbeit mit einigen gelungenen Momenten, aber im Grunde auch nur Bubblegum-Kino, das den echten Mainstream nicht einmal erreichen wird. Gegen Ende des Films fragt eine Figur mal »Can we get back to Texas now?« und die Frage möchte man direct weitergeben an den Regisseur, der mich zuvor jedesmal begeisterte. Es muss ja nicht unbedingt Texas sein, aber zumindest zurück auf den Boden der Tatsachen. J.J. Abrams, Chris Carter oder Steven Spielberg sollen ihre Filme drehen, die brauchen wir nicht auch noch von Jeff Nichols, wenn man durchweg denkt, das ist einfach nicht seine »Tasse Kaffee«.


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Pallasseum - Unsichtbare Stadt
(Manuel Inacker, Perspektive Deutsches Kino)

Deutschland 2016, Buch: Manuel Inacker, Kamera: Falco Seliger, Schnitt: Maximilian Andereya, 25 Min.

Das »Pallasseum« ist ein als »Sozialpalast« verschriener »zwölfgeschossiger Betonriegel« im Herzen Berlins, in dessem Umfeld schon so mancher Dokumentarfilmer seine Kameras aufstellte. Das ausgerechnet ein Babelsberger Filmstudent, der gerade sein erstes Studienjahr hinter sich hat, aus dieser Location für 25 Minuten neue Bilder herauslocken kann, ist schon eine Überraschung.

Es beginnt wie eine Architekturerkundung des »Berliner Rationalismus« (erbaut 1977), nimmt sich zwischendurch Zeit, einige der aus vielen Kulturen stammenden Nachbarn vorzustellen und lässt oft eine sich langsam drehende Kamera die mehrfach identisch geschnittenen Wohnungen und deren Einwohner erforschen.

Pallasseum - Unsichtbare Stadt (Manuel Inacker, Perspektive Deutsches Kino)

Bildmaterial: © Felix Seliger / Filmuniversität Babelsberg   

Doch die den Film prägende Idee ist das Format. Eine dreigeteilte lange Leinwand zwischen zwei schwarzen Balken oben und unten - ein Tryptychon wie ein bei Abel Gance und seinem Napoleon. Das zwingt den Blick zu schweifen - und dann kommen auch noch Splitscreen-Elemente dazu, und Ton und Bild entfernen sich auch hin und wieder voneinander.

Doch bei aller formalen Spielerei bestimmen dennoch die Menschen die Betonkästen inmitten des filmischen Rasters. Und gerade für 25 Minuten ist das sehr erfrischend und faszinierend. Man könnte jetzt rummeckern, dass der soziale Ausschnitt geschönt wirkt (Akademiker und volle Bücherregale), dass man nicht wirklich viel über die Protagonisten erfährt oder man einen thematischen Tiefgang vermisst - aber dafür macht der Film viel zu viel Spaß. Und welche Doku über Sozialbauten kann das schon von sich behaupten? Ein Studentenfilm, der einen an Stranger than Fiction oder die bewegten Ikea-Katalog-Bilder aus Fight Club erinnert? Gerne mehr davon, Manuel Inacker! (Und Hut ab auch vor Kamera und Schnitt, die keineswegs wie von »Neulingen« wirken.)


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Les premiers, les derniers
(Bouli Lanners, Panorama)

 
Vorführungen:
  • Sonntag, den 14. Februar um 20 Uhr im International
  • Montag, den 15. Februar um 17 Uhr 45 im CineStar 3
  • Dienstag, den 16. Februar um 22 Uhr 45 im Cubix 7 + 8
  • Freitag, den 19. Februar um 17 Uhr im International
  • Samstag, den 20. Februar um 22 Uhr 30 im CinemaxX 7


Frankreich / Belgien 2016, Intern. Titel: The First, the Last, Buch: Bouli Lanners, Kamera: Jean-Paul de Zaeytijd, Schnitt: Ewin Rickaert, Musik: Pascal Humbert, mit Albert Dupontel (Cochise), Bouli Lanners (Gilou), Suzanne Clément (Clara), David Murgia (Willy), Aurore Broutin (Esther), Philippe Rebbot (Jésus), Serge Reaboukine (Jäger), Michael Lonsdale (Jean Berchmans), Salomé Dewaels (Camille), Lionel Abelanski (Lagerhallenarbeiter), Virgile Bramly (Fiesling), Max von Sydow (Priester), 98 Min.

Country-Klänge im Soundtrack, Landschaften und atmosphärische Himmelsbilder, das dieser Film ein Western sein will, ist unübersehbar. Aber ein moderner Western, fast endzeitmäßig, so à la Jim Jarmusch oder Cormac McCarthy. Bloß leider nicht so gut!

Das Ganze spielt zwar in Belgien, aber man fährt bevorzugt Pickup-Truck (statt Pferd), trägt Schusswaffen mit sich und es geht sogar um Kopfgeldjäger. Schnell ist man als Zuschauer so sehr im Western-Modus, dass man sich über Rollennamen wie Cochise nicht mehr wundert und jede Raststätte zum Saloon wird. Ich fand sogar, dass es vom blauweißen VW zum Schecken kein großer Sprung ist.

Es wird auch eine Geschichte erzählt, aber in einem sehr zähen Tempo, es geht mehr um die Atmosphäre statt die Handlung, nebenbei gibt es eine Menge Symbolisches wie einen Cinderella-Schuh oder (noch platter) einen herumirrenden Typen namens Jésus, der einen Schuss durch die Handfläche abbekommt und nachher immerhin einen der besten Dialoge des Films abbekommt: »Do you sell duct tape and cable-ties?« - »Only wholesale.« (Das sind natürlich die Untertitel, mein Französisch reicht für solche Spezialvokabeln nicht).

Les premiers, les derniers (Bouli Lanners, Panorama)

Bildmaterial: © Kris Dewitte   

Der kirchliche Kram war für mich am Anstrengenden, weil ich irgendwie den Eindruck bekam, das soll besonders witzig sein, nur: es zündete nicht mal im Ansatz. Wenn etwa Jésus in einer Kirche zu seinem hölzernen Namensvetter sagt »I'm doing what I can.«

Während zu Beginn des Films die Geduld des Zuschauers schon reichlich geprüft wird, gibt es dann zum Schluss einen echten Showdown - nur leider konnte man zu den seltsamen Figuren nicht ansatzweise eine Bindung aufbauen. Ob sich jetzt das mental etwas zurückgebliebene Pärchen wiederfindet, die beiden Kopfgeldjäger sich zur Ruhe setzen oder die »ganz bösen« ihr verdientes Schicksal erleiden. So richtiges Interesse kommt nicht wirklich auf.

Das Spannendste am Film waren für mich die kleinen Details am Rande, etwa eine Jackenaufschrift »My middle finger gets a boner when I think of you«, eine Spiegelreklame mit »Dortmunder Union-Bier« (da sieht man mal, wie weit vom Schuss das Ganze spielt), ein »COD« bzw. »QT« (Initialen eines bekannten Filmregisseurs) im Nummernschild oder das Abbleiben des zweiten Hundes in der Raststättenszene (da war ich wohl mal unaufmerksam).

Irgendwie finde ich es auch ausdruckskräftig, dass die Inspiration des Films eine ungenutzte Schwebebahnstrecke war, die dem Regisseur mal bei einer Bahnfahrt aufgefallen war. Und weil er wissen wollte, was das ist, schrieb er sich die beiden Stationen vor und nach der Entdeckung auf und suchte dann danach. Eine ganz nette Anekdote, wobei das Bauwerk dann die Einstiegsszene des Films bestimmt. Aber das dieser Zug (wie der Film) wortwörtlich ins Nirgendwo führt, ist schon bezeichnend. »Straight on and don't turn back!« - da fällt einem dann gleich wieder die nächste Bibelstelle zu ein ...

Selbst die einigermaßen prominente Besetzung (immerhin Michael Lonsdale und Max von Sydow in kleinen Rollen) kann einen hier nur schwer bei Laune oder wach halten. Aber es muss ja auch weniger gelungene Filme geben, damit die anderen sich davon absetzen können.



Demnächst in Cinemania 143:
Life on the Border (Hazem Khodeideh, Basmeh Soleiman, Sami Hossein, Ronahi Ezaddin, Diar Omar, Delovan Kekha, Mahmod Ahmad & Zohour Saeid, Generation Sondervorführung), Mãe só há uma / Don't call me Son (Anna Muylaert, Panorama), Nunca vas a estar solo / You'll never be alone (Alex Anwandter, Panorama), Ottaal / The Trap (Jayaraj Rajasekharan Nair, Generation Kplus) und Rauf (Baris Kaya & Soner Caner, Generation Kplus).