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Die Box




13. Januar 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


Cinemania-Logo 140:
Taktgefühl


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  Louder than Bombs (Joachim Trier)


Louder than Bombs
(Joachim Trier)

Dänemark / Frankreich / Norwegen / USA 2015, Buch: Joachim Trier, Eskil Vogt, Kamera: Jakob Ihre, Schnitt: Olivier Bogge Coutté, Produktion Design: Molly Hughes, mit Gabriel Byrne (Gene Reed), Jesse Eisenberg (Jonah Reed), Isabelle Huppert (Isabelle Reed), Devin Druid (Conrad Reed), Amy Ryan (Hannah), Rachel Brosnahan (Erin), David Strathairn (Richard), Ruby Jerins (Melanie), Megan Ketch (Amy), 108 Min., Kinostart: 7. Januar 2016

Nach Reprise und Oslo, 31. August zieht es auch den norwegischen Regisseur Joachim Trier bei seinem dritten Film in die USA, wo er zwar nicht – wie viele seiner Kollegen – seine komplette Integrität verliert, aber doch seinen bisher schwächsten Film inszeniert, der irgendwie von dem Starpotential (Gabriel Byrne, Jesse Eisenberg, Isabelle Huppert) erdrückt wird. Der größte Star ist hierbei natürlich Isabelle Huppert, und man merkt auch, dass Trier (der zusammen mit Eskil Vogt wieder Co-Autor ist) sich Mühe gegeben hat, ihre Rolle so auszuschmücken, dass ihre Hauptrollennennung einigermaßen angemessen wirkt – und das, obwohl ihre Figur zum Zeitpunkt, als der Film spielt, bereits seit drei Jahren tot ist – man stelle sich nur ein ähnliches Prozedere mit Alec Guinness in The Empire Strikes Back vor und erkennt, dass dies einige Probleme mit sich bringt. Joachim Trier sieht das etwas und formuliert es so: »Obwohl sie nicht die Figur ist, die am meisten auf der Leinwand zu sehen ist, schwebt ihre Präsenz immer über der Geschichte, während sie voranschreitet.« Zugegeben, für solch eine Rolle bietet sich jemand wie Alec Guinness eben auch an. Oder Isabelle Huppert.

Isabelle Reed (Huppert) war eine gefeierte Kriegsfotografin, zu Beginn einer Ausstellung, die ihr Werk feiert, soll in der New York Times ein längerer Artikel erscheinen, in dem ihr früherer Kollege (und Liebhaber) Richard (David Strathairn) auch einige bisher unterdrückte Fakten ihres Unfalltods ansprechen will, und Isabelles verbliebene Familienmitglieder, der Witwer Gene (Gabriel Byrne) und die beiden Söhne Jonah (Jesse Eisenberg) und Conrad (Devin Druid) müssen zu den Aussprachen finden, die sie bisher erfolgreich vermieden haben.

Eine der schönsten Ideen ist hierbei, dass Gabriel Byrne im Film einen ehemaligen Schauspieler spielt (jetzt ist er Lehrer), und man so einen sehr hübschen Filmausschnitt mit in den Film einflechten kann. Diese kleine Szene gehört zu den besten Beispielen dieser Wiederverwertung einer Schauspielkarriere und ist vielleicht nicht so künstlerisch wie in The Limey oder Sunset Boulevard, aber wirklich unterhaltsam.

»Unterhaltsam« ist indes ein Wort, das man nur selten im Zusammenhang mit den Filmen Triers gebraucht, und noch stärker als seine norwegischen Frühwerke zieht sich Louder than Bombs (der Titel ist eine ganz passende Beschreibung der »repercussions« der früheren Berufswelt Isabelles – und gleichzeitig das erste US-Album der Smiths) gehörig. Sowohl Familienvater Gene als auch der ältere Sohn Jonah (inzwischen auch Vater und Ehemann – der Film beginnt sogar mit einer ersten Begegnung mit der Winzhand der Neugeborenen, die wie die Großmutter, die sie nie kennenlernen wird, Isabelle genannt wurde) sind nebenbei mit einer Affäre beschäftigt, die jeweils nur indirekt zum Film beiträgt, indem sie uns Einblicke in die innere Welt der beiden Figuren gestattet, die (unerfüllte) Suche nach intimer Nähe im Fall von Gene, respektive die nagenden Selbstzweifel Jonahs.

Ich darf an dieser Stelle einfach nicht verschweigen, dass ich einst ein große Schwäche für Jesse Eisenberg hatte (zu Zeiten von The Squid and the Whale, Zombieland oder The Social Network), mir der Herr in den letzten Jahren aber immer stärker auf den Senkel geht, weil ich in Filmen wie Now you see me, Night Moves oder American Ultra nurmehr seine Manierismen wiedererkenne, während die frühere Sympathie, die ich für ihn empfand, komplett verflogen scheint. Das liegt zum Teil natürlich auch an seiner Rollenauswahl (dass er demnächst einen auf Lex Luthor macht, ist hier ein bezeichnender Fall von selbstzerstörerischem Typecasting), und Louder than Bombs passt hier komplett ins Klischee, denn während ich ihm den etwas asozialen, aber irgendwie bemitleidenswerten Mark Zuckerberg in seiner gefährlich hohen Sparten-Intelligenz noch abnahm, werden in den neueren Filmen von Kelly Reichardt und Trier (zwei RegisseurInnen, die ich vor den Arbeiten mit Eisenberg weitaus stärker verehrte) ähnliche Abgründe der entsprechenden Figuren nur noch behauptet – der »Zauberkünstler« Eisenberg hat keine neuen Tricks mehr auf Lager. Und die alten kennt man mittlerweile zu Genüge.

Aber Louder than Bombs kann mehr bieten als diesen strauchelnden Berufs-Unsympath. Denn der jüngere Bruder Conrad (soll 15 Jahre alt sein) ist hier die eigentlich interessanteste Figur. Auch wenn dessen Versteckspiel hinter Videospielen ein ziemliches Klischee ist und die Szenen mit Gabriel Byrne noch eine Spur spröder wirken, als es für die filmische Situation nötig ist, offenbart diese Figur für mich jene Einblicke in das traumatisierte Innenleben, die bei den beiden älteren Co-Darstellern nicht so richtig funzen. Und das trotz des unübersehbaren Problems, dass man trotz vieler Anstrengungen nur alle Jubeljahre mal einen Schauspieler findet, der eine Figur mit 15 und 12 (als die Mutter noch lebte) darstellen kann. Aber immerhin war sich Trier dieses Problems bewusst und gibt sich redlich Mühe, es durch inszenatorische Raffinesse zu kaschieren – mit sogenannten »Zeit- und Figurenperspektiven«, wobei man diese Begriffe auch mischen kann. Von Conrad Reed (u.a. in Olive Kitteridge) wird man vermutlich noch einiges hören.

Den emotionalen Impact seiner ersten zwei Filme erreicht Louder than Bombs für mich nicht. Ich saß einigermaßen unbeteiligt im Kinosessel und analysierte eher die inszenatorischen Anstrengungen, die mich empfinden lassen sollten, als das diese anschlugen. Aber dennoch war das für mich noch sehr kunstvoll anzuschauen, wo mich die Sperenzchen anderer Regisseure vielleicht gänzlich kalt gelassen hätten. Es gibt auch zwischendurch einige wirklich schöne Szenen, etwa wenn man sich in einer Flughafenwartehalle zum vielbeschrienen »großartigen« Zeitungsartikel über die Mutter gratuliert, nur um nebenan einen Zeitungsleser zu erblicken, der an der selben Stelle uninteressiert weiterblättert (Zeitungen sind übrigens für Trier ein besonderes Interessengebiet – man vergleiche Reprise). Vielleicht ist meine persönliche Ungerührtheit auch ein ganz persönliches Problem (womöglich bin ich selbst inzwischen zu sehr Jesse Eisenberg, um einen zweiten Eisenberg auf der Leinwand goutieren zu können?), aber immerhin ist es so, dass Trier eine interessante Story mit nicht minder interessanten Darstellern umgesetzt hat (an dieser Stelle will ich kurz Amy Ryan erwähnen, eine der am häufigsten übersehenen Vollblutschauspielerinnen der Staaten), und sich dabei selbst treu blieb. Und das sind immerhin gute Voraussetzungen für eine Regiekarriere, die auch international fortgeführt werden kann. Trier muss sich jetzt nur noch die Souveränität nebst Vertrauen der Produzenten erarbeiten, die er in seiner Heimat bereits erlangt hatte. Und dabei zählt jetzt der nächste Film – insbesondere, wenn er wieder international ausfällt – besonders viel.


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  Dirigenten – Jede Bewegung zählt (Götz Schauder)


Dirigenten – Jede Bewegung zählt
(Götz Schauder)

Deutschland 2015, Buch, Schnitt: Götz Schauder, Kamera: Mark Liedtke, Cornelia Schendel, Nina Werth, Bahman Kormi, Rainer Krausz, Anna Berger, Schnitt-Supervisors: Dirk Grau, Andreas Wodraschke, mit Alondra de la Parra, Andreas Hotz, Aziz Shokhakimov, James Lowe, Shizuo Z Kuwahara, 84 Min., Kinostart: 28. Januar 2015

Dirigenten ist ein gutes Beispiel dafür, wie Fernsehformate den Dokumentarfilm als Genre verändern. Sicher gibt es schon lange Dokumentationen, die schildern, wie eine Handvoll vom Kamerateam begleitete Personen bei (oft sportlichen) Wettbewerben teilnehmen, und man fiebert dann mit den einzelnen Teilnehmern mit und erfährt nebenbei einiges über sie und die Natur des Wettbewerbs. Aber seitdem eine inflationäre Schwemme von letztlich unbedeutenden Casting-Shows das Fernsehen heimsucht, sieht man so ein Prozedere mit anderen Augen – und ich glaube auch, dass die RegisseurInnen, Kameraleute und für die Montage zuständigen FilmemacherInnen teilweise anders an solche Stoffe herangehen. Das soll jetzt einfach mal eine vorangestellte Beobachtung und Behauptung sein, inwiefern das Gesagte zum Film in Bezug steht, mag jeder selbst entscheiden.

Man beginnt mit Schwarzbildern und den Geräuschen, die ein Orchester so beim Instrumentenstimmen und Einspielen macht, gibt sich dadurch also einen gewissen künstlerischen Anspruch – der Film beginnt wie ein Abend in der Oper oder Philharmonie. Dann ein gewisser Schock, dann auch beim »wichtigsten Wettbewerb für Nachwuchsdirigenten« (alle zwei Jahre in der Frankfurter Alten Oper) findet die Vorauswahl über eingesandte Videos statt, die teilweise übel pixelig ausschauen. Die Auswahlkriterien wirken etwas arbiträr, aber mit der Vorstellung der Jury – und einigen Charakterzügen einzelner, die einen womöglich im Nachhinein seltsam erscheinen, will man sich natürlich nicht unnötig verzetteln.

Dann werden die einzelnen »Helden« und »Heldinnen« des Films vorgestellt. Alondra de la Parra (die Alibi-Frau) ist ein Shooting Star und gründete in New York schon ein Orchester. Aziz Shokhakimov ist mit 19 der jüngste Teilnehmer und stammt aus Usbekistan. Er gibt sich bescheiden und ist diplomatisch: »Deutschland ist ein wunderbares Land, in dem man klassische Musik achtet«. Der dritte ist der Schotte James Lowe, der schon mit den wichtigsten Orchestern zusammenarbeitete und in Tokyo den letzten vergleichbaren Wettbewerb gewann. Dann folgen noch der obligatorische deutsche Hoffnungsträger, Andreas Hotz aus Darmstadt und der Japaner Shizuo Z Kuwahara, der in Tokyo den zweiten Platz belegte. Die Auswahl der Protagonisten wirkt clever und durchdacht.

Ein Jurymitglied wird gezeigt, wie es das Orchester instruiert: »Bitte spielen sie wirklich so, wie die dirigieren!« Es folgt allgemeines Gelächter, als wenn niemand diesen Spruch je vernommen habe. Vielleicht sagt das auch etwas über die Wirkung des Kamerateams aus. Oder man muss generell immer etwas kriechen gegenüber den Typen, die letztlich mitentscheiden, ob man seinen Job behält. Jedenfalls hatte dieses allzu laute Lachen auf mich einen irgendwie falschen Eindruck.

Etwas später erklärt ein Juror (vielleicht der gleiche? Meine Notizen versagen hier) einem der Dirigenten »Sie sind der Chef« – zu diesem Zeitpunkt wissen wir aber schon, dass der jeweilig vorstehende Juror auch immer wieder unterbricht. Teilweise, um etwa durch einen Verweis auf die Zeit zu helfen, aber irgendwie hat man als Zuschauer bereits so die Position der Teilnehmer verinnerlicht, dass man auch eine gewisse Abneigung gegen einige der »Entscheider« entwickelt – was dem Film aber eine interessante Dynamik verleiht.

Während des Films gibt es eine Menge interessante Zitate wie »Die meisten Orchester geben dir zwischen 30 Sekunden und eine Minute, um zu entscheiden, ob du dirigieren kannst oder nicht«, nebenbei gibt es eine interessante Freundschaft zwischen zwei der begleiteten Teilnehmer und manchmal ist es auch toll, den Leuten nur beim Dirigieren zuzuschauen (ich wünsche mir mal eine Doku über Maler, bei der man nur sieht, wie sie die Pinsel schwingen, aber nie die eigentlichen Gemälde), aber letztlich geht es viel zu sehr um die Dramaturgie des Wettbewerbs, um die Betonung der emotionalen Momente undsoweiter. Aus 540 werden 24 werden 9 werden 3 – und letztlich kann es nur einen geben, und das bedeutet natürlich auch Tränen oder Frustration.

Was mich persönlich aber am meisten berührte an dem Film war die Hilflosigkeit der Juroren, die in Sätzen wie »Wir versuchen die Zukunft zu erkennen« mitschwingt. Vor allem, wenn man dann noch mitbekommt, dass jedes Jurymitglied eigentlich eine eigene Philosophie und / oder »hidden agenda« vertritt.

Ich bin übrigens kein Klassik-Experte, aber es hat mich hier und da auch ein wenig genervt, wenn die Musik, die ja eigentlich das Wichtigste bei diesem Wettbewerb sein sollte, oft nur für Hintergrundgeplätscher bei Montagestrecken benutzt wurde. Aber das war vermutlich eine Budgetfrage, und eine, die Aufmerksamkeit der durchschnittlichen Zuschauer wachzuhalten. Das ist übrigens die schlimmste Veränderung im Dokumentarfilm: man hat sehr oft das Gefühl, dass die Filme nicht fürs Kino oder für die DVD gedreht werden, sondern dass die Diktatur der Fernbedienung manchmal mehr bestimmt als die Vision der Filmemacher. Nicht, dass Dirigenten hierfür ein Paradebeispiel wäre, aber solche Gedanken kommen einem oft beim Doku-Schauen …

Und wer es nicht gemerkt haben sollte: der Autor ist sich selbst nicht sicher, ob er den Film mochte oder nicht. Was eigentlich fast schon eine Auszeichnung ist.


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  Mademoiselle Hanna und die Kunst nein zu sagen (Baya Kasmi)


Mademoiselle Hanna und die Kunst nein zu sagen
(Baya Kasmi)

Originaltitel: Je suis à vous tout de suite, Frankreich 2015, Buch: Baya Kasmi, Michel Leclerc, Kamera: Guillaume Deffontaines, Schnitt: Monica Coleman, Musik: Jérôme Bensoussan, mit Vimala Pons (Hanna), Mehdi Djaadi (Hakim), Agnès Jaoui (Mutter), Ramzy Bedia (Vater), Laurent Capelluto (Paul), Claudia Tagbo (Ebène), Carnélia Jordana (Kenza), Anémone (Großmutter), 100 Min., Kinostart: 14. Januar 2016

Bei den französischen Filmen gibt es mittlerweile den selben Trend wie bei den Romantic Comedies: Man soll und muss sie sofort am deutschen Verleihtitel erkennen können. Wie das funktioniert? Nachdem die französischen Phrasen wie »Rien ne va plus«, »C'est la vie« oder »Chanson d'amour« alle gedroschen waren, kam man auf eine weitaus simplere Methode, die das deutsche Publikum auch ganz sicher nicht sprachlich überfordert: man benutzt die Schlüsselbegriffe »Madame«, »Monsieur« oder »Mademoiselle«. Und schon weiß man bei Filmen über Monsieur Claude, Madame Marguerite, Mademoiselle Populaire, Mademoiselle Hanna und (ganz aktuell) Monsieur Chocolat auch als döspaddeligster aller deutschen Kinogänger sofort: aha, was Französisches! Einzig Madame Bovary schießt hier etwas quer, weil der Film auch im Original schon die »Madame« hat – und gar nicht französisch ist, sondern nur da spielt. Aber da übernimmt man halt den Romantitel, der ausnahmsweise deckungsgleich mit dem Original ist.

Regisseurin Baya Kasmi hat ähnlich wie die bekanntere (und hier mitspielende) Agnès Jaoui erst Drehbücher geschrieben und legt hier ihr Regiedebüt vor. Wegen der Jaoui-Verbindung und dem gemeinsam mit Regisseur Michel Leclerc verfassten Drehbuch hatte ich gewisse Erwartungen an den Film, die aber leider nicht ansatzweise erfüllt wurden.

Hauptfigur Hanna (Vimala Pons) erklärt gleich zu Beginn, was der seltsame Titel (im Französischen mit »Je suis à vous tout de suite« fast noch deutlicher) soll: Sie stolpert etwas ungeschickt durchs Leben und stellt sich oft die Frage, wie sie »etwas wieder gut machen kann«. Und im Normalfall führt das dann zum Sex mit positiv überraschten Herren – völlig einerlei, ob diese es gar nicht direkt darauf angelegt hatten oder es nur um eine simple Verwechslung ging. Ach ja, weil Hanna und der Personalabteilung arbeitet und öfters mal jemand entlassen muss, ist der »Abschied« für viele der Angestellten nicht ganz so schmerzhaft …

Ich bin mir nicht ganz sicher warum, aber offensichtlich gibt es (junge?) Leute, die diese Prämisse und die Darstellerin (ein bisschen Typ »Amélie«) ganz bezaubernd finden und sich bei diesem Film, bei dem es nicht zuletzt um Vorurteile, Klischees, Sex und Multikulti geht, ziemlich abfeiern.

Die Beziehung Hannas zu ihrem Bruder, einem strenggläubigen Muslim, oder zu ihren Eltern (Agnès Jaoui & Ramzy Bedia) würde sicher einen ganz netten Film abgeben, doch vieles läuft hier mehr so an der Peripherie ab, und stattdessen drängt sich eine Liebesgeschichte in den Vordergrund, die ganz auf der sexuellen Freigiebigkeit Hannas und eher etwas platten Verwechslungen aufbaut. Zu großen Teilen wirkt der Film, als hätte man versucht, eine Unzahl ganz netter Ideen in einen Film zu packen, wobei es immer mal wieder um kontroverse Themen geht, der allzeit optimistische Humor aber alle Probleme in den Hintergrund verbannt. Zwischenzeitig fand ich es ja auch ganz amüsant, wenn man sich beispielsweise darüber streitet, ob es »halal« sei, mit der »Marke« halal Geld zu verdienen. Und es gibt eine Menge am Rande zu entdecken, dass der Film nicht zu erzählen habe, kann ihm nun wirklich niemand vorwerfen – nur, dass der rote Faden fehlt, der Zusammenhalt. Ein umständlich erkämpftes Happy-End ist ja noch keine Existenzberechtigung für einen Film.

Ich stieg leider komplett aus dem Film aus, als man nach mehreren Zeitsprüngen, die in Salman-Rushdie- oder Zadie-Smith-Manier gleich eine kleine Familienhistorie liefern sollen, nach und nach mitbekommt, dass der freundliche Dr. Girard, der Hanna in jungen Jahren ohne Bezahlung behandelte, sich offensichtlich an dem Mädchen vergang, was dann auch die sexuelle »Freigiebigkeit« Hannas in ein anderes Licht rückt. Erstaunlicherweise merkt man aber im Film trotz dieses thematischen Paradigmenwechsels keinerlei Veränderung im Tonfall. Man erzählt nebenbei, wer Bruder Hakim in Kindestagen eine Rachetat inszeniert, was immerhin der Geschwisterbeziehung ein wenig »closure« verleiht, aber die große Liebesgeschichte, bei der Hannas große Liebe sie für eine Prostituierte hält, man aber aufgeklärt und frohgemut genug ist, über so manche Probleme hinwegzusehen, wird in der Manier einer Boulevardkomödie zu einem nahezu alle Parteien zufriedenstellenden Happy End zusammengeführt.

Und ganz egal, ob Baya Kasmi eine Frau ist und somit – wie Charlotte Roche oder was weiß ich – bestimmte Dinge in ihrem Film machen darf, für die man einem Kerl übelsten Sexismus vorwerfen würde … dieser Film hinterließ einen ziemlich üblen Nachgeschmack bei mir – gerade weil er so superfröhlich zu einem allumfassenden Glück führte. Ich frage mich dabei, ob die werten KollegInnen, die den Film abfeiern, etwas besser verdrängen können, das Verdrängen an sich heutzutage einfach zum täglichen Frausein dazugehört (wäre irgendwie sehr schlimm), oder ob ich etwas einfach nicht verstanden habe … aber Häh?

WTF.


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  Die 5. Welle (J Blakeson)


Die 5. Welle
(J Blakeson)

USA 2016, Originaltitel: The Fifth Wave, Buch: Susannah Grant, Akiva Goldsman, Jeff Pinkner, Lit. Vorlage: Rick Yancey, Kamera: Enrique Chediak, Schnitt: Paul Rubell, Musik: Henry Jackman, Production Design: Jon Billington, mit Chloë Grace Moretz (Cassie Sullivan), Nick Robinson (Ben Parish), Alex Roe (Evan Walker), Liev Schreiber (Colonel Vosch), Maika Monroe (Ringer), Ron Livingston (Oliver Sullivan), Maggie Siff (Lisa Sullivan), Maria Bello (Sergeant Reznik), Zackary Arthur (Sammy Sullivan), Gabriela Lopez (Lizbeth), Talitha Bateman (Teacup), Tony Revolori (Dumbo), Nadji Jeter (Poundcake), Alex MacNicoll (Flintstone), Cade Canon Ball (Oompa), Matthew Zuk (Crucifix Soldier), 112 Min., Kinostart: 14. Januar 2016

Der neueste Anwärter für das Erbe des Teenie-Hypes nach Young-Adult-Romantrilogie stammt zwar von einem vermeintlich etablierten Bestsellerautoren (zumindest steht das so im Presseheft), wirkt aber wie ein sklavischer Aufguss der Action-Schmonzetten à la Twilight und The Hunger Games: Wieder mal findet sich ein junges Mädchen (Chloë Grace Moretz als die 15jährige Cassie) in einer wilden SciFi/Fantasy-Abenteuergeschichte, bei der Erwachsene auffälligerweise nur als Gegenspieler auftauchen – und zwischen zwei erstaunlich gutaussehenden jungen Männern im passenden Anhimmelalter. Und bis die junge Dame sich entschieden hat und zu mehr als ein wenig Rücksitz-Geknutsche und angekleidetem Löffelchen bereit ist, muss man erst drei bis viermal für ein Kinoticket bezahlen – oder am besten auch noch die Romane, DVDs und/oder BluRays kaufen.

Dabei ist der Anfang des Films (wer den Trailer gesehen hat, ist im Bilde) ziemlich vielversprechend. Ein riesiges UFO vom Schlage Independence Day, War of the Worlds oder District 9 schwebt über der Erde und statt einer Kontaktaufnahme oder eines Luftgefechts bekämpfen »the others« die Menschheit mit einigen Wellen von Katastrophen, die offenbar dafür sorgen sollen, dass die lästige Bevölkerung verschwindet und die Aliens sich an unseren Rohstoffen oder was auch immer erfreuen können. Welle 1 ist ein elektromagnetischer Impuls, der die Elektrizität als solches ausschaltet. Und die Autos gleich mit. Welle 2 bringt Erdbeben und überschwemmungen, dann folgt eine Variation der Vogelgrippe …

Während man gerade über Welle 4 nachdenkt, kommen einige Militärautos als »Rettung«, eröffnen dann aber, dass die Aliens inzwischen die Körper einiger Erdlinge übernehmen. Wie hier die Kinder von den Erwachsenen getrennt werden, ist unabhängig von einigen späteren Erkenntnissen reichlich an den Haaren herbeigezogen, zwingt aber die jungen Protagonisten zum Heldsein, wobei man das Personal für die weiteren Teile zusammenstellt – zahlreiche Identifikationsfiguren unterschiedlichen Temperament und Alters.

Der Film zerbricht hier in zwei Teile: Zum einen wird Cassies Suche nach ihrem kleinen Bruder Sam geschildert, wobei sie auf Schmachtjüngling 2 »Evan Walker« trifft, der, während er sie von einer Schutzverletzung gesundpflegt, nebenbei ihr Tagebuch liest und da einiges über ihren eigentlichen Favoriten, den Footballspieler Ben Parish (Nick Robinson aus Jurassic World) erfährt. Diese Techtelmechtelkiste findet in einem dramaturgischen Abgrund statt, das wie ein schwarzes Loch den gesamten Film zu verschlingen droht. Leider ist der andere Handlungsstrang auch nicht viel interessanter. Hier geht es um einige Kids, die zum Militärdienst gehirngewaschen werden. Wer es nicht spitzkriegt, dass Liev Schreiber und Maria Bello (kaum wiederzuerkennen) als militärische »Helfer« nicht astrein sind, muss vermutlich 14 oder jünger sein und weitaus interessierter an den Hormonkapriolen als an den Logiklöchern in der Story.

Am schlimmsten wird es aber, wenn man diese beiden Handlungsfäden zusammenführt und Cassie von 0 auf 100 zum Superhelden mutiert und man in Nullkommanix alles bereitstellt für den zweiten Teil. Wirklich erschreckend ist an diesem Film, dass man nicht nur von Regisseur J Blakeson (The Disappearance of Alice Creed) mehr erwartet hat, sondern oscarprämierte (oder zumindest -nominierte) Drehbuchstars wie Susannah Grant (Erin Brockovich) und Akiva Goldsman (A Beautiful Mind) offensichtlich für die Aussicht auf dicke Kohle alles vergessen haben, was sie jemals über Drehbücher gewusst hatten.



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