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Die Box




9. Oktober 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The Social Network (R: David Fincher)
The Social Network (R: David Fincher)
The Social Network (R: David Fincher)
Fotos © 2010 Sony Pictures Releasing GmbH
The Social Network (R: David Fincher)
The Social Network (R: David Fincher)
The Social Network (R: David Fincher)


The Social Network
(R: David Fincher)

USA 2010, Buch: Aaron Sorkin, Lit. Vorlage: Ben Mezrich, Kamera: Jeff Cronenweth, Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall, Musik: Trent Reznor, Atticus Ross, mit Jesse Eisenberg (Mark Zuckerberg), Andrew Garfield (Eduardo Saverin), Justin Timberlake (Sean Parker), Armie Hammer (Cameron Winklevoss), Joshua Pence (Tyler Winklevoss), Max Minghella (Divya Narendra), Rooney Mara (Erica Albright), Brenda Song (Christy Lee), Malese Jow (Alice), James Shanklin (Prince Albert), Emma Fitzpatrick (Sharon), Caitlin Gerard (Intern Ashleigh), 120 Min., Kinostart: 7. Oktober 2010

Durch Seven und Fight Club avancierte David Fincher mal zu den großen Regiehoffnungen für das 21. Jahrhundert, mit Zodiac demonstrierte er einen gesunden Größenwahn, nach The Curious Case of Benjamin Button waren die Meinungen eher geteilt (ein Phänomen, das seltsamerweise nicht schon nach Panic Room eintrat), und bei seinem neuesten Film ist das Phänomen Facebook plötzlich für den Erfolg des Films ausschlaggebender als der Regisseur, der im Teaser nicht einmal genannt wird.

Facebook spaltet die Bevölkerung. Es gibt diejenigen, die die Möglichkeiten lobpreisen, diejenigen, die vor den Gefahren warnen - und die nicht eben kleine Schnittmenge dieser zwei Gruppen. The Social Network ist sowohl ein Film, der die Hintergründe der Entstehung vorführt als auch ein Film, der sich der rechtlichen Probleme der Urheberschaft dieses Unternehmens annimmt. Doch Finchers Film ist vor allem auch ein Film, der unabhängig von der Story überzeugt und das Medium Film vorantreibt.

Die Sprache des Mediums Film hat sich mit der Zeit immer mehr verkürzt und konzentriert. Einen durchschnittlichen Stummfilm kann ein moderner Zuschauer mit nahezu doppelter Geschwindigkeit ansehen, ohne dabei viel zu verpassen (ich empfehle das nicht, aber es ist möglich), »Establishing Shots« werden nicht nur in Sitcoms auf eine anderthalbsekündige Einstellung reduziert, die Anzahl an Informationen, die ein Film in beispielsweise einer Minute übermitteln kann, steigt nicht erst seit der MTV-Generation stetig. Das hat durchaus auch viele Nachteile, was die Intelligenz vieler Filme (und ihrer typischen Betrachter) angeht, aber das soll an dieser Stelle mal nicht der Ansatzpunkt sein.

The Social Network beginnt mit einem »Date« zwischen dem späteren Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg, zuletzt in Zombieland) und einer Harvard-Kommilitonin namens Erica Albright (Rooney Mara). In diesem Gespräch werden bereits viele Themen des gerade erst beginnenden Films vorweggenommen, und das Gespräch verdeutlich die Stärken und Schwächen Zuckerbergs, der eine hohe Intelligenz demonstriert, aber in Sachen zwischenmenschlicher Kommunikation (insbesondere zum Aufbau einer Liebesbeziehung) derartige Defizite zeigt, dass man es Erica nicht verdenken kann, dass sie ihm ins Gesicht sagt, dass Frauen zwar kein Problem damit haben, sich mit einem Nerd abzugeben, aber für Arschlöcher keine Zeit haben. Zuckerberg ist zwar in der Lage, sich über Codes zu unterhalten, doch er missversteht sie als Gebrauchsanweisung, ein bißchen wie alte Basic-Computerprogramme.

0010 Mach ihr Komplimente
0020 Versuchs sie ins Bett zu kriegen
IF YES: Beleidige sie, werde sie los
        und such die Nächste, dann GOTO 0010
IF NO: GOTO 0010
(oder so ähnlich, s'ist lange her)

Im Gegensatz zum dargestellten Zuckerberg (es sei dahingestellt, inwiefern dies sich an der realen Person orientiert oder vor allem der Dramatisierung dient) ist der Film ganz auf der Höhe der Zeit, er funktioniert sogar ein wenig wie typisches Herumklicken auf Facebook (wobei der Zuschauer aber nicht selbst klicken kann, sondern sozusagen jemandem über die Schulter schaut). Ohne die geringste Erklärung schaltet der Film zwischen drei Hauptsträngen hin und her, die zum einen die Anfänge des Projektes »The Facebook« schildern (und darüber hinaus die Geschichte zwischen Zuckerberg und Albright), gleichzeitig aber auch zwei separate Gerichtsanhörungen, wobei in beiden Fällen Zuckerberg der Angeklagte ist, sein ehemaliger bester Freund Eduardo Saverin (Andrew Garfield), auf dessen Aussagen sich das Buch The Accidental Billionaires und der Film stützen, ist hier einmal Kläger, einmal Beklagter (und im Gegensatz zu den farbenprächtigen Handlungssträngen eines Steven Soderbergh muss man als Zuschauer vor allem anhand der Personen die beiden Gerichtsverfahren auseinanderhalten).

Innerhalb dieser drei Stränge wird munter hin- und herge»klickt«, als wenn man auf Facebook Freundesfreunde, Veranstaltungen und natürlich die Geschäftsbedingungen und Profileinstellungen abruft. Zwischendurch gibt es dann beispielsweise einen seltsam unscharf gehaltenen Ruderwettbewerb, der wie ein eingebettetes Youtube-Video auf einer »Wall« daherkommt. Und immer wieder dreht man sich über die Klickerei im Kreis, landet wieder bei früheren Themen oder Personen. Die eigentliche Geschichte des Films ist eigentlich nicht besonders spannend, aber die Narration entwickelt eine beachtliche Eigendynamik, die wahrscheinlich nur Zuschauer kalt lässt, die Internet für einen Schweizer Fussballverein halten und sich längst aus der interagierenden Gesellschaft ausgeklinkt haben.

Zudem ist der Film ziemlich witzig (auch aufgrund des reichlich neben der Spur agierenden Jesse Eisenberg, der aber dennoch jederzeit hochintelligent hochschnellen kann, wenn er Sekunden vorher fast vor Desinteresse zu sabbern begann), er öffnet einen die Augen auf Facebook-Ursprünge und andere gesellschaftliche Missstände, und der Soundtrack ist auch ziemlich großartig. Der Erfolg eines solchen Streifens ohne Explosionen, dafür mit innovativer Inszenierung ist heutzutage allemal ein positives Zeichen. Aber jetzt bitte keinen deutschen Studi-VZ-Film von Bernd Eichinger mit Johanna Wokalek oder Nora Tschirner ...